Siebentes Capitel
Der Doppelgänger

[517] Als Dankmar wieder auf seinem kleinen Zimmer in der Krone war und ihm der Wirth gesagt hatte, es gäbe täglich Gelegenheit, Briefe zu befördern, schrieb er aus Rücksicht auf einen nun wahrscheinlich sich etwas verlängernden Aufenthalt an seinen Bruder Siegbert Wildungen:

»Lies den Ariost, theuerster Bruder, und du wirst eine Vorstellung von meinen gegenwärtigen Schicksalen haben! Hätte jener fabelnde Sänger den Zug der Argonauten geschildert, die auszogen gen Kolchis, um das goldene Vließ zu holen, ich wette, seine Erfindungen würden den Abenteuern gleichen, die ich wirklich, ich sage wirklich erlebe. Über mein goldenes Vließ sei vorläufig beruhigt! Ich glaube, daß es in sicherer Hand ist. Willst du ein Übriges thun, so besuche den Justizrath Schlurck und zeig' ihm an, daß er keine Schritte thun möchte, den Eigenthümer des mit einem Kreuz bezeichneten von ihm gefundenen Schreins zu entdecken. Er würde in der Person deines liebenswürdigen ihm schon bekannten Bruders Dankmar sich ihm bald selbst vorstellen. Auch Peters[517] beruhige und erfreu' ihn mit der Nachricht, daß ich Bello mitbringe, leider nur mit einem solchen Bein, das sich wird heilen lassen, wenn man es noch einmal zerschlägt. Dies Hundeleid, lieber Bruder, ist das einzige Herzeleid dieser Hohenberg'schen Reise! Sonst rüste dich zu einer traulichen Winterabendstimmung, wenn ich anfange dir zu erzählen, was hier schon Alles hinter mir liegt, noch mehr, was bevorsteht. Am Webstuhl der Zeit sitzen doch immer noch recht alte verschlafene Heidenhexen und spinnen auch noch jetzt unsern überhellen Tagen träumerische Märchen und unglaubliche Fabeln. Ich sage dir, Horatio, es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als wovon die Zeitungen und die Staatsanwalte sich träumen lassen. Wenn es reif sein und ans Tageslicht kommen wird, dann sagt man vielleicht: es war gewöhnlich! Aber im Werden erlebt und mit allen ungewissen, fragwürdigen Umständen der Schicksalszubereitung aus dem Kessel genossen, hat es etwas von Prospero's Insel. Ich wünschte, du sähest, wie ich in meinem Elemente plätschre! Ich werfe mich jetzt eben auf diesen Brief an meinen sanften und vernünftigen Bruder nur, um mich nach allen Regeln des Anstandes zu sammeln vor Beginn eines der lustigsten Tage meines Lebens. Füge nur getrost hinzu: Er wird das Traurige haben, daß ich nach der ewigen Ordnung aller Dinge ihn dereinst mit vielen trüben Stunden werde bezahlen müssen. Aber Das ist hoffentlich das einzige »Aber« an meinem heutigen frohen Glauben. Zähme deine Neugier und erwarte nichts Gewöhnliches![518]

Die Welt war uns wirklich ein zu ernstes Drama geworden, Bruder, höchstens manchmal künstlich, ach gar, gar zu künstlich eine derbe Posse, wie sie Policinell mit der Pritsche und mit Prügeln im Kirchweih-Kasten spielt. Heute, lieber Junge, erlebt' ich Dinge, die, wenn du willst, dem Sommernachtstraum angehören, den du so sehr liebst mit seiner Waldeslust, seinen verzauberten Eselsköpfen, seinen herablassenden kritischen Königswitzen und besonders dem Elfenspuke und ihrem die schmachtende Sehnsucht erweckenden Augenbalsam – auch wir verwandeln uns und werden verwandelt, Bruder, und wir wissen wol, Prinz, was wir sind, aber nicht, was wir sein werden ... Hamlet-Ophelia. Meine Gleichnisse erschöpfen sich. Du siehst, mein Junge, ich wollte gern in Deiner Sprache reden. Ich wollte gern deinen Düsseldorfer Senf mit seinen Bildern und Gleichnissen treffen. Was würdest du für gebeizte Augen machen, wenn dich Das träfe, was ich schon Alles hier sah und sehen werde, und wie würdest du dir vorkommen? Ich sähe dich, Siegbert, umwunden von Blumen, mit einer Krone auf dem Haupte ... Elfen umtanzen dich und du guter frommer Sterblicher, der so etwas nur gemalt und gedichtet sich denken kann, sträubst dich vielleicht gar und sagst zu den necken den Baumnymphen: Meine Damen! Ich bitte, bitte Sie inständigst, inkommodiren Sie sich nicht! Ich bin der Maler Siegbert Wildungen aus Angerode, der sich jetzt aufs Historienfach geworfen hat und von einem hochlöblichen Kunstverein den Ankauf[519] eines Tendenzbildes vielleicht vergebens erwartet; ich bin ein realistisches Wesen geworden; laßt mich, ihr schönen Fräulein mit blauen Kränzen in dem Haar und dem Maaßliebchen auf der Brust, laßt mich in Ruhe; unsere Schule träumt dergleichen nur und malt es in die Albums kunstliebender Salondamen, edler Diakonissen und Schwanenjungfrauen. So hör' ich dich, du blöder, schnöder Vernünftling! Aber es würde dir gar nichts helfen. Die Fräulein von der Wiese im Mondschein würden dich auslachen, dich kichernd verfolgen: Schaut! Schaut! Der sträubt sich und will nicht der Sohn des Königs Phantasus sein! Der kennt uns nur aus Büchern und Bildern und weiß nicht, daß wir seine Schwestern sind! Ach, ich wette, du schämst dich dann doch, Bruder, in der Kunst immer kühn und im Leben so bedächtig zu erscheinen, du fängst doch mit den kleinen Creatürchen zu tanzen an im Mondenschein unter den Sternen, die – siehst du denn Das auch jetzt des Nachts? – so schwer und voll wie Traubengehänge auf dich niederlangen, und du nimmst auch das funkelnde Krönlein, das dir in grünen Livreen die Kammerherren der Mondfräulein, die Eidechsen, mit schwänzelnder Höflichkeit präsentiren! Leider bist du nun aber nicht hier und deine Sommernachtstraum-Rolle muß ich spielen, so gut ich kann, wenn auch nimmer so würdig, wie du! Und noch Eins: Erzähl' ich dir einst meine Hohenberger Erlebnisse – ein Einst, das sich in drei Tagen höchstens erfüllen wird –, so setz' dich nicht etwa wie ein Criminalrichter hin und ziehe zu Allem die Stirn, wie du sie gerunzelt hast[520] im Pelikan unter dem Apfelbaum, als ich in feierlicher Stunde bei Froschgequak, Johanniswurmleuchten und beim Duft eines erinnerungsreichen Schnittlaucheierkuchens dir meine freie Maurerei im Tempelhause zu Angerode und den Fund der alten Wildungen'schen Recesse und Cessionen erzählte; jammre mir etwa nicht und lamentire über gewagte, unglaubliche, ungesetzliche Dinge und stell' dich nicht wieder, als wolltest du eine Anstellung haben als officieller Pinsel, Constablerhutlackirer oder Criminalmaler, der die Verbrecher malt, die man in effigie verbrennt! Ich sehe nicht ein, warum die Komödie der Irrungen nur auf der Bühne gespielt werden soll. Ist der Wald denn nicht wirklicher als eine Tapete? Die Sonne nicht berechtigter als eine Öllampe? Kann ... ich sage kann ... hörst du? Kann der Acteur jemals stocken, der seine Rolle frei von der eigenen Leber erfindet und sich dabei, wenn nicht an die Regeln des Aristoteles, doch an sämmtliche Regeln des Anstandes und sogar die drei Einheiten des guten Tons hält (Harmonie der Handschuhe, der Cravatte und der Weste), und sich nur Eines als freie Muse ausbedingt, die himmlische, märchengeborene, traumbeglückende, süße Unwahrscheinlichkeit! Siegbert! Siegbert! Ich bestreite es dir mit dem übereinstimmenden Zeugniß aller Elemente, aller Jahreszeiten, aller Krebs- und Nicht-Krebs-Fischerei-Monate und aller himmlischen Zeichen des Thierkreises ... ich bestreite es mit dem Verdict deiner eigenen fünf Sinne, die doch die gewissenhaftesten Geschworenen unsers Urtheils sind ...[521]

Die Welt sieht nicht so aus, wie das hintere Zimmer eines Kaffeehauses, wo es nur Zeitungen, Kellner, Fidibus, Cigarren und klappernde Dominosteine gibt! Ich bestreite dir, daß Coak-Gas das Hellste auf Erden ist und ein Tunnel das Finsterste. Wie ... o wie wünscht' ich, daß ich – manchmal du wärest ... Wie wünscht' ich, daß du zuweilen spazieren gingest aus deiner künstlichen, gemachten Phantasterei heraus und vor den Thoren die Romantik erlebtest, die du nur zu malen verstehst! Reiße dich los, Bruder, von der classischen Walpurgisnacht deiner Anschauungen, wo nur theoretische Schemen und Larven dich umtanzen, nur alte Weiber, aufgeputzt mit Phrasen, beim Klitschklatsch der Theelöffel-Imagination, die Zaubereien bewundern, die du mit Hülfe der Bücher-Nekro mantik, mit Hülfe der grauen Theorie und des ästhetischen Höllenzwanges aus dem Boden der Trompetta'schen, Mäuseburg'schen, Harder'schen Salons steigen lässest ... wirf die Fesseln ab, die dich an diese tapezirte Welt des Scheines bindet, stürze dich ins Rauschen der Begebenheit, in die immer offenen Arme der Natur und Geschichte, wo du allein erwarmen und nur etwas Dauerndes wie deinen Molay schaffen kannst, auch wenn ihn der flammende Ketzerrichter des Geschmacks und rothe Kunstvereins-Cardinal Propst Gelbsattel verwirft. Dies schreibt dir dein aufrichtiger Bruder, sonst ein passives Meisterstück der Schöpfung, heut' aber ein activer Stümper im Wettkampf mit dem großen Michel Angelo des Lebens, genannt: die Gottheit.«[522]

Wie Dankmar diesen tollen Brief überlas, that es ihm doch fast leid, daß eine so scherzhafte Absicht, die ihn anfangs im Schreiben allein geleitet hatte, zuletzt in eine ernste Wendung übersprang, die seinen Bruder vielleicht verwunden konnte. Er überlas ihn daher nochmals und voll Besorgniß. Doch ließ er ihn, wie er war, schloß ihn, siegelte mit einer Krone, dem Wappen des Kronenwirthes, und legte ihn getrost zum Absenden zurecht. Er hätte ja nur, sagte er sich entschuldigend, auf sein altes Thema spielend angestreift, das ihn im Gespräch mit dem Bruder schon so oft ergriff. Er hätte ihn ja nur wieder aufgefordert, sich freizumachen von einer gewissen mehr gelehrten als natürlichen Begeisterung für seine Kunst. Siegbert's Geschmack schien ihm zuweilen mehr der Geschmack der Schule als des eignen Bedürfnisses zu sein. Alle Anspielungen Dankmar's auf Meister William und die Elfen, auf Ariost und die Abenteuer, auf Goethe und die Gespenster waren kleine Spöttereien auf Siegbert, der sich zur Zeit in dieser vorgezeichneten Richtung des Schaffens noch sehr gefiel. Salonromantiker nannte ihn Dankmar oft, wenn Siegbert in vornehme Gesellschaften geladen wurde und mit Andacht zuhörte den Vorlesungen über Kunst und Poesie, die in gewissen Kreisen der Gesellschaft Mode waren, besonders als noch die jetzt politisch gestimmte Pauline von Harder in dieser Richtung den Ton angab und Alles um sich versammelte, was in Wissenschaft und Kunst glänzend hervortrat ... Mag er's nehmen, sagte sich Dankmar, wie er's immer genommen[523] hat! Als Anregung zur Selbstprüfung oder Gelegenheit, mich eines Bessern zu belehren und ihn um Verzeihung zu bitten.

Mit diesem Briefe, mit den Erzählungen des Wirths über Hackert's ängstliches Forschen, mit der Nachfrage nach dem Befinden seines Gauls und einem Besuch im Stall, endlich mit der nicht leichten Aufgabe, aus seiner beschränkten Reisetoilette eine Art nonchalanten Reisenegligées herzustellen, verging die Zeit bis zur sechsten Stunde. Endlich setzte er den wohlausgebürsteten, von Staub gereinigten weißen Castor auf und musterte sich in dem kleinen Spiegel seines Zimmers, dem hier und da die hintere Metallbekleidung fehlte und der eigentlich nur Fragmente von Dem wiedergab, der sich in ihm erkennen wollte. Diese Fragmente sagten Dankmarn, daß er wirklich an Wuchs fast dem Prinzen gleich war. Er hatte sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm, nur daß sein bräunliches Haar heller, gelockter, das schlichtere kurzgeschnittene Egon's dunkler war. Sein kleines Stutzbärtchen kleidete ihn zierlichst und die klugen Augen funkelten so unternehmend, daß sie wol dem Zuge von Ironie und Schalkheit an den Mundwinkeln entsprachen, der Hackerten bestimmen konnte, mit soviel Respect von dem Manne zu reden, der ihn, ehe er ihn nachtwandelnd im Heidekrug gesehen, so kräftig im Zaume hielt. Gewöhnt, sich immer gut zu halten, konnte Dankmar keinen Anstoß nehmen, sich so wie er war auf dem Schlosse zu zeigen. Hatte er doch die Gesellschaft oben nicht selbst[524] gesucht, ihre Einladung nicht erwartet. Sein zerknittertes Halstuch bügelte ihm die Magd frisch auf. Leicht schlang er es um den Hemdkragen, der ihn am meisten beunruhigte, wenn man nicht die Blicke, die er auf seine Handschuhe warf, noch besorgter nennen will. Indessen sagte er sich:

Bin ich oben Dankmar Wildungen, so bin ich auf dem Impromptu einer Reise begriffen. Bin ich Prinz Egon, so hab' ich noch den Vortheil voraus, als Tischlergesell direct aus Lyon oder Paris zu kommen und eine Art von Communisten zu spielen, das heißt, mit einer großartigen Verachtung des äußern Luxus meine geheimen Pläne unterstützen zu können.

Als Dankmar zum Schlosse gegen Abend hinaufstieg, war es ihm unangenehm, daß er merken konnte, er vertriebe für heute die gewohnten Gäste. Einige Damen schritten an ihm vorüber und betrachteten ihn zwar höchst neugierig, aber misgünstig. Dankmar kannte nur zwei, die Eine, die ihm noch die freundlichste war, die Pfarrerin, die duldend und nachgiebig schien, und die Andere, die im vollen Staate befindliche aber zornglühende Frau Justizdirektorin von Zeisel, die Dankmar's Gruß höchst spöttisch erwiderte.

Himmel, dachte Dankmar, du erregst schon Misgunst, statt Theilnahme. Das ist kein guter Anfang! Und noch schlimmer, daß Niemand an mein Incognito glaubt. Hackert hat gelogen. Keiner denkt daran, mich als etwas Geheimnißvolles zu bewundern.[525]

Weiterhin rollte ein Wägelchen von einem knarrenden Hemmschuh gehalten an ihm vorüber und gleichfalls den steilen Berg hinunter. Eine Dame mit zwei Herren saßen darin. Alle Drei lorgnettirten ihn. In dem jüngern erkannte er den Stallmeister Lasally, von dem er oft einen Gaul gemiethet hatte, ohne indessen mit dem schroffen und etwas unzugänglichen Herrn selbst in Berührung zu kommen. Er warf Dankmarn einen entschieden verächtlichen Blick zu und musterte ihn von unten bis oben, sodaß sich Dankmar fast beleidigt fühlte.

Unentschlossen, ob er dem Wagen irgend ein Wort nachrufen sollte, hörte er sich von einem andern ausfliegenden Gaste angeredet, von einem Manne, in dem er den Pfarrer erkennen mußte. Diesem schien die Abweisung am allerverdrießlichsten zu kommen. Das unheimliche Feuer des Neides glimmte aus seinen Augen, als er dem Günstling des Abends begegnete ...

Sie sind erwartet, mein Herr, sagte Stromer. Man muß Sie glücklich preisen, mit Fräulein Melanie den Thee trinken zu dürfen ...

Und ohne eine Antwort abzuwarten, ging der erzürnte, fast verwirrte Mann vorüber.

Dankmar wußte nicht, wie ihm geschah. Er kannte alle diese Menschen nicht, in die er so plötzlich wie ein brennender Schwärmer hineinfuhr und die er zu ihrem Ärger auseinandersprengte! Der Geistliche schien ihm vollends die Besinnung verloren zu haben. In seinem Auge lag etwas Irres. Er übersah sehr rasch, daß diese Gäste heute[526] sich wie täglich von selbst eingefunden hatten und mit der Bitte begrüßt worden waren, sie möchten entschuldigen, daß sie diesmal nicht gebeten würden, den Abend über dazubleiben, da ein der Familie Schlurck sehr werther Fremder sie aus mancherlei Rücksichten allein in Anspruch nähme ... Wenn Dem so war, so durfte er darin eine höchst feierliche Vorbereitung erkennen und einen noch nicht sehr weit umgegriffenen Verdacht über seine Person oder eine Hackert'sche Flunkerei. Als ihm aber dann doch der alte Herr, der ihn eingeladen hatte, auf halbem Wege entgegenkam und ihn versicherte, die Herrschaft wisse ihm für die Annahme seiner Einladung den größten Dank, als Dankmar sah, daß man ihn wirklich wie eine Standesperson einholte, konnte er nicht umhin, ganz aufrichtig zu sagen:

Ich bin überrascht, mein Herr, wie die Reise, die ich zur Wiederauffindung eines mir sehr werthvollen Eigenthums machen mußte, mich in eine so freundliche Berührung mit der Familie des Mannes führt, dem ich ohnehin schon, wie ich zufällig unterwegs im Heidekrug erfuhr, die Rettung meines Verlustes verdanke.

Bartusch fixirte Dankmarn mit halbzugekniffenem Auge, räusperte sich und bat den Gast, er möchte, er bäte sehr darum, des Schreins, von dem auch er schon gehört hätte, keine Erwähnung thun. Die Wiederauffindung desselben wäre zufällig mit Umständen verknüpft, die in Madame Schlurck gewisse unangenehme Empfindungen hervorriefen ... Gedanken, die sie doch lieber nicht[527] wecken wollten. Es thäte ihm leid, darüber dunkel bleiben zu müssen.

Eine so geheimnißvolle Äußerung mußte Dankmar's Neugier eher steigern; doch fügte er sich gern der sonderbaren Bitte, die einen Gegenstand betraf, über welchen er sich jetzt vollkommen beruhigen zu dürfen glaubte.

Auf dem Schloßhofe trafen sie dann den großen Transportwagen des Intendanten.

Welch ein Ungethüm! rief Dankmar. Das ist ja kein Wagen! Das ist ein wandelnder Salon, in dem man tanzen könnte ....

Bartusch erklärte ihm mit lauerndem Blicke die Bestimmung dieses großen Behälters.

Doch nicht Alles schon gepackt? fragte Dankmar dringend.

Zum größten Theil, antwortete Bartusch, überrascht von dieser Frage. Noch heute Abend wird Herr von Harder abreisen. Zwei Gendarmen sind ihm vom Landrath als Begleitung zur Verfügung gestellt ...

Dankmar schüttelte ärgerlich den Kopf, blieb stehen und öffnete die Hinterthür des Wagens.

Derselbe Bediente, den er im Thurm gesehen hatte, saß völlig aufrecht wie ein Wächter auf den sehr geordnet zusammengestellten Möbeln und grinzte ihn boshaft an ...

Lieber Himmel! äußerte sich Dankmar lachend zu Bartusch, zwei Gendarmen? Wie streng wird Das hier genommen! Es scheint, als wenn in Plessen die Justiz viel zu thun hat. Die arme Blouse im Thurm leidet darunter.[528]

Ihr hat, wie mir der arme Mensch erzählte, ein Bild gefallen, weil es nicht wie die Andern glänzend, sondern nur wie mit buntem Staub gemalt ist. Er wollte sich diese Art zu malen genauer betrachten und – Gehen denn die Familienbilder auch schon in die Residenz?

Die letzte Äußerung Dankmar's wurde von ihm so hingeworfen, um ihre Wirkung zu beobachten.

In der That war aber diese Wirkung nicht gering. Bartusch riß die Augen auf, richtete sich in die Höhe und zweifelte keinen Augenblick, daß eine solche Äußerung nur von dem Prinzen selbst oder dem intimsten Vertrauten desselben kommen konnte.

Die Vermuthung, daß der im Thurm Sitzende ein Jäger oder Kammerdiener des Prinzen Egon war, stand längst bei ihm fest.

Leider, sagte Bartusch, hat der Vorfall von heute früh den Geheimrath so alterirt, daß er nun auch sämmtliche Bilder sogleich in den Wagen tragen ließ!

Sämmtliche Bilder? sagte Dankmar, unangenehm betroffen.

Allerding's! fuhr Bartusch lächelnd und fein fort. Ich zweifle indessen nicht, daß sich der Monarch ein Vergnügen daraus machen wird, nicht nur, wie ausdrücklich bedungen ist, alle Familienbilder zurückzustellen, sondern auch den jungen Prinzen durch manches andere werthvolle Andenken an seine Mutter zu erfreuen. Was die Administration der Masse thun kann, um alle diese Verwickelungen angenehm zu lösen, alle diese herrlichen[529] Besitzungen beisammen zu lassen und dem jungen Fürsten an ihnen Freude und Gewinn zu sichern, wird gewiß geschehen. Es ist viel von der Vergangenheit gut zu machen, aber bei einigem guten Willen von Seiten Derer, die hier zu fodern haben, und bei Kraft und Ausdauer von Seiten Derer, die wol für den Augenblick verlieren müssen, läßt sich für die Zukunft mancherlei wiederherstellen.

Dankmar nickte beifällig. Die wohlgesetzten Worte gefielen ihm an und für sich schon. Dann aber an die Bilder sich erinnernd, warf er einen schmerzlichen Blick auf den großen bewachten Wagen, von dem sie sich nun entfernten und unterdrückte den Seufzer nicht, der Bartuschen auszudrücken schien, als wollte er sagen: Sie sprechen gut, aber Ihre Wünsche sind vergebens!

Mag er ihn in diesem Sinne nehmen, sagte sich Dankmar, der trotz der Gendarmen vor der wirklichen Abfahrt des Wagens den Muth nicht verlieren wollte; mag er denken, ich bin der Prinz! Ob ich Dankmar Wildungen oder Egon bin, was thut Das hier!

Still jetzt bei sich überlegend, was sich nun wol noch wagen und unternehmen ließe, folgte er dem Führer über die große steinerne Treppe, die in den ersten Stock ging. Einige hübsche Mädchen betrachteten ihn neugierig und sehr pressirt, einige leichtfertige Bediente mistrauisch. Vom Intendanten entdeckte er nichts, obgleich sein Blick in die Reihe der Zimmer fiel, die Se. Excellenz mit so strenger Consequenz ausgeleert hatten. Er hoffte nicht,[530] daß auch der Geheimrath zu den abgewiesenen gehörte. Diesem noch begegnen zu können, schien ihm unerläßlich. Bartusch öffnete eine hohe Saalthür. Dankmar durchschritt einige Gemächer, bis er endlich in dem von Melanie eigens zu seinem Empfang vorbereiteten Flügel- und Eckzimmer eintrat.

Die beiden Damen, die sich ihm heute ganz allein widmen wollten, waren schon zugegen ....

Melanie's seit dem Morgen von Stunde zu Stunde gewachsene, durch die abschlägige Mittagsantwort nur gesteigerte Spannung war denn nun endlich gelöst. Die Erfüllung ihrer Sehnsucht stand vor ihr. Sogleich erkannte sie die in der That treffende Ähnlichkeit dieses Besuchers mit jenem Siegbert Wildungen, der ihr soviel Aufmerksamkeit, Verehrung und Liebe zollte, und sogleich begann sie von diesem Siegbert und brachte Dankmarn durch ihre Schönheit, ihre reizende Toilette und die in ihm geweckte Voraussetzung, der Bruder hätte ihm doch längst von ihr erzählen sollen, was nicht geschehen war, in eine Verlegenheit, bei der er sich verwickelte und sich nicht sogleich fassen und sammeln konnte. Das traf denn allerdings rasch mit einem schlauen blitzschnell zugespielten Winke Bartusch's zusammen und in glücklichster Überraschung wisperte Melanie bei einer leichten Wendung des Kopfes der Mutter zu:

Es ist der Prinz!

Dankmar gehörte zu denjenigen jungen Männern, die früh unter Frauen und Mädchen sich tummelnd dem Reiz[531] des andern Geschlechts, den es so überwältigend auf unreife Neulinge ausübt, schon abgestumpft haben. Siegbert floh in seiner ersten Jugend aus Schüchternheit die Frauen und erlag deshalb später um so mehr ihrem Reiz und fast jeder vertrautern Annäherung. Dankmar dagegen hatte schon als reifender Knabe gebildeten Frauen im Gespräche sozusagen standgehalten, kleine Liebschaften mit jüngern gepflegt und erschrak nun nicht mehr zu heftig vor der zauberischen Gewalt des Weibes. Aber diese Melanie blendete ihn doch. Und wie sollte sie's nicht in dem weißen, sich aufbauschenden Kleide, das sie umflutete wie eine leichte Wolke? Zeigte diese ungesuchte und einfache Tracht doch fast nichts als sie selbst! Sie selbst in der plastischen Schönheit ihrer Formen, im Ebenmaß ihrer leicht behenden Glieder, im frischen Ton des Incarnats, dem man von Dem, was unverhüllt sich zeigte, ahnend ins Verborgene folgte. Melanie besaß heute noch mehr Anziehung als je; denn sie hatte warten, sich sehnen, sich vor sich selbst demüthigen müssen. Diese Sehnsucht malte sich in ihren Augen, die feuchter als sonst strahlten. Auf der kleinen, edlen Stirn und an den hohen, frei leuchtenden Schläfen lag ein Ernst, der ihr sonst fremd war. Sie hatte das freie Spiel ihrer Coquetterie schon dadurch verloren, daß sie heute mehr des Gastes als ihrer selbst eingedenk sein mußte. Wie malte sie sich nicht den Tag über aus, was sie Alles vom Prinzen schon wußte und noch im Laufe des Tages erfuhr! Wie verlor sie sich in Möglichkeiten der Zukunft! Wie überdachte sie[532] die Abenteuer, die schon von dem Prinzen alle erzählt wurden! Wie natürlich fand sie diesen geheimnißvollen Besuch auf einem Schlosse, das er mit seinem wahren Namen nicht sehen mochte, um nicht vor Denen gedemüthigt zu werden, die hier das elende Geld zu Herren gemacht hatte! Wie hatte sie diese Gläubiger im Laufe des Tages verspottet, wenn sie rechneten und maßen, ob sie wol vorziehen sollten, selbst diese Herrschaft anzukaufen oder sich in ihr Deficit ruhig zu ergeben! Wie entschieden hatte sie jeden Besuch für heute zurückgewiesen, um dem unglücklichen jungen Fürsten die Demüthigung zu ersparen, Menschen zu sehen, zu deren Untergebenen ihn der Leichtsinn seines Vaters gemacht hatte! Bartusch hatte die größte Mühe gehabt, diese Ablehnungen so höflich wie möglich einzukleiden ...

Dankmar, seine bedenklichen Handschuhe allmälig ganz unbelauscht ausziehend, begann mit Entschuldigungen über seine Garderobe, die nur für eine plötzliche Geschäftsreise eingerichtet wäre ...

Als er dafür von den Damen die holdseligste Absolution in Empfang genommen hatte, sagte er:

Meinem Bruder muß ich die bittersten Vorwürfe machen, daß er mich von dem Glück einer Bekanntschaft niemals unterhalten hat, die er mir vielleicht nicht gönnte. Seit wann kennen Sie ihn?

Seit einigen Wochen, erwiderte Melanie ... ungläubig lächelnd und mit den Augen blinzelnd, als müßte sie sich beherrschen, nicht laut in Lachen auszubrechen.[533]

Dann entschuldigt ihn, sagte Dankmar, meine längere Abwesenheit. Finden Sie, daß wir uns ähnlich sehen?

Erstaunlich, sagte die Mutter. Zwar ist mir Herr Wildungen nur aus größern Gesellschaften, die wir gaben, erinnerlich, allein meinst du nicht, Melanie – die Augen – ich meine die Augen –

Warum nicht gar! sagte Melanie. Es ist eine große Ähnlichkeit da, aber der Ausdruck und die Art ist eine völlig andere. Von den Augen zumal, Mutter, darfst du nicht reden. Siegbert's Augen haben einen schönen frommen, leuchtenden Glanz; entsinnst du dich des Bildes von Leidenfrost, auf dem ich und Herr Siegbert verspottet sein sollen? Man erkennt die verklärte Stimmung einer nur zu regen Begeisterung bei ihm, aber die Ihrigen, mein Herr, sind etwas unheimlich, etwas bös; man möchte ihnen kein Vertrauen schenken ....

Dankmar bedankte sich für eine Rüge, die doch nichts als eine coquette Schmeichelei war. Das Gemälde von Leidenfrost war ihm aber unbekannt. Ein Gemälde, auf dem Melanie und sein Bruder verspottet wären? Sein Bruder verspottet? Verspottet von dem ihm wohlbekannten, Siegbert befreundeten Leidenfrost? Darüber verfiel er in eine wahre, gar nicht erkünstelte Verlegenheit und wußte nicht, was er dazu sagen sollte.

Die Justizräthin, diese Verlegenheit vollkommen durchschauend, nahm das Wort und entschuldigte den so kleinen Cirkel, mit dem man ihn begrüße. Sie hätte ihn anfangs für menschenscheu gehalten. Man hätte ihn hier und[534] dort allein lustwandeln sehen; zum Schlosse empor hätte er nie blicken mögen ... so wäre es gekommen ... daß ...

Sie lieben die Einsamkeit, unterbrach Melanie die ehrliche Mutter, die nicht gut Komödie spielen konnte. Es ist bekannt, Mutter! Herr ... Herr ... Herr Wildungen sind ein Einsiedler.

Dankmar mußte sich im Stillen sagen, daß bei ihm gerade das Gegentheil stattfand; doch gelang es seiner Situation mehr als ihm selbst, sich die schwermüthige Miene zu geben, die Melanie's Ausspruch voraussetzte ...

Als er lächelnd verlegen niederblickte, sagte Melanie rasch:

Kennen Sie den Prinzen Egon?

Den Prinzen? – Ich kenne ihn ... sagte Dankmar nach einem Moment fast ohne Überlegung.

Wie, fuhr Melanie elektrisirt auf, Sie kennen Jemanden, den Niemand kennt? Wo ich gefragt habe: Wer ist Prinz Egon? Wie ist er? Wo ist er? Nirgend hab' ich eine klare und deutliche Antwort bekommen. Es ist der Mann der Sage, der Anekdote, der Fiction. Und Sie wollen ihn kennen?

Dankmar fühlte wol, daß er sich hatte fangen lassen. Aber einmal im Netze, beschloß er, das Netz auch nicht mehr zu zerreißen und lieber von der Möglichkeit, ihn selbst für Egon zu halten, die Vortheile zu ziehen, die sich ihm vielleicht noch im Laufe des Abends darbieten würden.

Es ist zu weitläufig, sagte er, Ihnen zu erzählen, wo ich[535] den jungen unglücklichen Erben dieses Fürstenthums kennen lernte, aber ich kenne ihn.

Melanie biß sich, um nicht zu lachen, auf die Lippen. Sie erröthete und stützte sinnend das Kinn auf ihre Arme, die sie im Schooß zusammenlegte. Von unten herauf blitzte aus ihren Augen ein Feuer, das gleichsam zu sagen schien: Ich bin viel auf den Fluren umhergeflattert, ich froher Schmetterling, aber von allen Huldigungen, die ich empfing und als Siegerin zurückwies, könnte mich keine mehr zur Sklavin machen, als die deinige, du schöner, männlicher, liebenswürdiger Schalk ....

Wird der Fürst in der Residenz wohnen? fragte sie dann, sich allmälig sammelnd.

Er wird in der Residenz wohnen, sagte Dankmar bestimmt.

Also behält er das herrliche Palais seines Vaters? fuhr die Mutter neugierig und schon ermuthigter fort.

Das Testament bestimmt es so. Er wird sich dem Willen seines Vaters nicht entziehen, sagte Dankmar.

Das Palais soll wunderschön eingerichtet sein, forschte Melanie.

Unter den brennenden Kronenleuchtern, erwiderte der kecke, übermüthige Dankmar, unter den Blumen und Lichtern, deren Widerschein sich in den Spiegeln des Pavillons bricht, wird er der Vergangenheit gedenken.

Diese Antwort ward von Dankmarn mit absichtlicher Zweideutigkeit gegeben. Das Quiproquo fing an, ihm Vergnügen zu gewähren. Er dachte sogar: Wartet nur, ich[536] will Euch für Eure Eitelkeit, Eure Genußsucht, Euer irdisches Behagen strafen ....

Melanie sprang auf. Sie konnte kaum zweifeln, den jungen Fürsten vor sich zu haben. Rasch, aber ihrer Empfindungen völlig Herr und jetzt sich wol hütend, die stürmische Bewegung ihres Herzens frei zu zeigen, sagte sie mit spottendem Humor:

O liebe Mutter, sieh, hier geht der Tisch auseinander! Man wird eine Einlage machen müssen! Prinz Egon fehlt mit seinem Hobel! Der gute Prinz soll ein Tischler sein ... hoffentlich hat er es so weit gebracht, einen solchen Schaden zu heilen. Er wird hier viel zu thun bekommen. Ich möchte nur wissen, ob er sich bei uns einen Gewerbeschein lösen wird ....

Hannchen Schlurck, die Mutter, sah bald zu Melanie strafend, bald zu Dankmarn bittend und höchst verlegen hinüber ....

Dankmar aber faßte sich sehr rasch und bemerkte in völliger Ruhe:

Mein Fräulein, diese Reparatur macht sich besser durch einen Schlosser. Er nimmt zwei eiserne Krammen, macht sie glühend und schlägt sie, gerade während sie glühen, hier an den Ecken – der Tisch erlaubt es, da er ja nicht immer bedeckt ist – so ein, daß sie im Holze selbst abkühlen. Verstehen Sie? Die Abkühlung zieht dann die beiden Tischblätter allmälig zusammen. Erkaltend werden die Eisen kleiner.

Melanie lachte laut auf und klatschte in die Hände.[537]

Das ist symbolisch zu verstehen! rief sie. Das ist das Bild einer guten vernünftigen Ehe, liebe Mutter. Die Abkühlung durch die Vernunft, sagtest du ja immer, ziehe nur um so enger zusammen. Übrigens, Herr von Wildungen, Das werd' ich dem Maler, meinem Freunde Siegbert Wildungen, erzählen. Er wird erstaunen, einen Schlosser zum Bruder zu haben. Ha! ha! ha! Ihr klugen Männer!

In dieser Art tändelte sie fort. Ihre Neckereien galten Allem, was man vom Prinzen Egon wußte, und Dankmar erwiderte ruhig aus Absicht und par dépit in demselben Doppelsinne. Was er im Thurm erfahren hatte, kam ihm dabei zustatten. Er gab über Egon's Plane so gründliche Auskunft, wies so entschieden jede Aufklärung über die Art, wie er dessen Bekanntschaft gemacht hätte, zurück, daß Melanie allmälig wirklich vorsichtiger wurde. Die Vorstellung, für diesen bei allem Unglücke doch in der Gesellschaft so hochgestellten jungen Mann von einer Leidenschaft ergriffen zu werden, machte ihr bald das Herz beklommen. Die Folgen waren so unabsehbar, die möglichen Verwickelungen viel ernsterer Natur, als sie den kleinen Tumulten ihrer Gefühle bisher gestattet hatte.

Sie lud Dankmarn zu einem Spaziergange im Garten ein.

Dies war ein Zeichen für die Mutter, sie allein zu lassen. Die ängstliche Frau, die von Bartusch's Andeutungen über Schlurck's nächtliche Wanderungen noch nicht ganz die Verstimmung des Morgens verloren hatte, auch in dem Erscheinen des Prinzen auf Hohenberg kein für[538] die Angelegenheiten ihres jetzt von der Politik zerstreuten Mannes gutes Zeichen erblickte, ließ das jugendlich schöne, leichtsinnige Paar allein. Bediente brachten auf den Zug einer Schelle für Melanie einen leichten Überwurf von blaßrother Seide, rings am Rande mit den feinsten schwarzen Spitzen besetzt. Bei der Art, wie sie im Garten diese Mantille trug, hätte man glauben sollen, sie wäre mehr bestimmt gewesen, von der Schulter herabzufallen, als sie zu bedecken. Denn Dankmar konnte sie nicht oft genug über den schönen Bug des Rückens weiterhinaufziehen helfen und nicht oft genug konnte sie Melanie wieder entgleiten lassen, bis sie sie zuletzt gewaltsam griff und wie einen altdeutschen Radmantel über die eine Schulter warf und unter der andern sie mit beiden Armen ohne Rücksicht auf die Falten zusammenpreßte.

Beim Hinuntersteigen zeigte sie Dankmarn die Zimmer der Fürstin, die nun ganz leer waren, wie Dankmar zu seiner großen Betrübniß bemerkte. Unten spottete er mit wirklichem Zorn über das Ungethüm des Wagens und ereiferte sich gegen den Geheimrath, der aus einem Fenster etwas steif grüßte.

Ich halt' ihn jetzt für meinen Feind! sagte er zu Melanie, die ihm mit neckischer Laune und wunderbar rasch sich entwickelnder Vertraulichkeit den kleinen Roman erzählte, den sie mit diesem gewissenhaften Manne aus Langerweile angesponnen hätte ...

Denken Sie sich, sagte sie, als sie in den Garten traten und sie beim Hinabsteigen von den kleinen Stufen und[539] hügelartigen Abdachungen sich zuweilen auf Dankmar's Arm stützte und ihn die Glut ihrer Adern durch die feinen über die Arme gehenden langen Spitzenhandschuhe unwillkürlich fühlen ließ; denken Sie sich, daß ich entdeckt habe, wie man dieser hölzernen Exeellenz beikommen kann, um sie lächeln zu machen! Ich versuchte es mit vielen Huldigungen, aber er blieb ungerührt. Endlich bemerkte ich, daß es die gütige Natur freundlicher mit ihm gemeint hatte, als er es verdiente! Trotzdem, daß er Alles in Allem genommen ein Esel ist, hat sie ihm doch nur ganz kleine Ohren an seinen eingebildeten Kopf gesetzt. Auf diese Bemerkung hin ist dieser wichtige Mann im Staate vor mir so klein geworden, daß er jetzt, weil ich ihn nicht erhörend aufhob und in seine natürliche Höhe richtete, mit mir boudirt. Er bildet sich ein, ich wäre Mitglied einer Verschwörung gegen seine Würde und Amtsehre, die ihm deshalb sehr schwer zu behaupten wird, weil die Natur nicht gewollt zu haben scheint, daß er etwas Anderes wird als der dumme Sohn eines sehr achtbaren und allgefeierten Vaters. Denken Sie sich, dieser Mensch spricht bei jedem dritten Satz von seinem Papa! Nicht weil er den General en Chef unserer Justiz, der in der That, wie Themis es ganz sein soll, halb blind ist und nur noch Hunde, Katzen, Affen, Raben und ein herrliches Geschöpf liebt, das sich Anna, nicht Pauline von Harder nennt, seiner gutmüthigen Eigenschaften wegen kindlich verehrt, sondern weil es ihm selbst, dem Sechziger, ein gar kindlich rührendes Aussehen gibt, noch in seinen Jahren von[540] einem Papa zu reden. Wissen Sie denn, bester Wildungen, daß Der, der schön sein will, immer eine häßliche Folie neben sich haben muß und daß die alten Coquetten gar zu gern von ihren Müttern sprechen?

Ich lerne Weltkenntniß von Ihnen, Fräulein Melanie, sagte Dankmar zu dem ihn plaudernd unterhaltenden Mädchen. Aber welche Verschwörung erwähnten Sie da? Erzählen Sie doch! Jener Auftrag, den der Geheimrath hier mit brutaler Strenge vollzieht, interessirt mich ....

Melanie, die im Stillen dachte: Das wollt' ich meinen! fuhr fort:

Ich hatte bereits die schönste Toilette zu unserm durch sie verunglückten Diner gemacht und dem Geheimenrath zwei mal seine Morgenvisite abgeschlagen, als ich ihm selbst eine in den Zimmern der Fürstin machte. Ich wollte jenes Portrait sehen, von dem es hieß, daß es einem bettelnden Vagabonden bis zum Mitnehmen gefallen hätte ....

Wohnten Sie der Scene bei? fragte Dankmar gespannt.

Nein, antwortete Melanie. Vor rohem Lärm flieht eine Furchtsame wie ich bin, und doch bedaur' ich, daß ich nicht in den Hof hinunter sah, als man einen Mann fortschleppte, der doch sehr leicht, wie Bartusch vermuthet, ein verkleideter Kammerdiener des Prinzen Egon sein konnte. Sie werden Das besser wissen, wie ich, denn Sie haben ja mit dem Gefangenen im Thurme ein Tête à Tête gehabt?

Es brannte Dankmarn auf der Zunge, mit seinem[541] Anliegen offen hervorzutreten, sich entweder diesem klugen Mädchen ganz zu entdecken oder auf der gewagten Bahn des Misverständnisses weiter zu gehen. Melanie durfte eine Antwort, eine Aufklärung über den Gefangenen erwarten. Sie sah ihn forschend an. Dankmar schlug in ganz natürlicher Verwirrung die Augen nieder und sagte nach einer Pause:

Der Gefangene steht allerdings dem Besitzer von Hohenberg sehr nahe ... der Prinz kann wol Ursache haben, jenes Bild vor den Trödlern zu retten. Es ist mindestens das Bild seiner Mutter!

O welche lieblichen Züge! sagte Melanie mit Innigkeit. Wie hätt' ich das Bild mit Küssen bedecken mögen! Die herrlichen braunen Augen! Die edle Stirn! Der holdselige Mund mit einem Ausdruck stillduldenden Schmerzes. Wissen Sie, wen ich mir so denke, Prinz?

Nun? sagte Dankmar gespannt und die Anrede: Prinz! vor Erwartung ganz überhörend.

Prinz? ... wiederholte sich Melanie fast erschreckend im Stillen. Sie staunte, daß er diese Anrede so ruhig geschehen ließ und nichts erwiderte, als drängend noch einmal: Nun? Nun? Wem sieht das Bild ähnlich?

Ich denke: der Gräfin d'Azimont! sagte Melanie mit gezogenem Tone und wandte sich rasch, als wollte sie in ihm den Eindruck beobachten, den dieser Name auf ihn hervorbringen würde.

Dankmar kam aber in der That in Verlegenheit. Er hatte den Namen der Gräfin d'Azimont im Thurm nennen[542] hören, wußte auch, daß ein französischer Attaché einst in der Residenz so hieß und die Gräfin jedenfalls eine Schönheit war, weil sie sonst Egon's sonderbare Laufbahn in Frankreich nicht, wie es schien, würde unterbrochen haben; aber es blieb doch die reinste Natürlichkeit, als er ganz unbefangen fragte:

Was wollen Sie mit der Gräfin d'Azimont?

O Sie Schelm! sagte Melanie, den Finger aufhebend. Sie wollen den Prinzen Egon kennen und wissen nicht, was mir die Excellenz erzählte, als sie mit dem größten Zorn das Bild mir aus der Hand nahmen und es den Dienern gaben, um es in den Wagen zu tragen? Die Excellenz war erschrocken sogar über ihre eigene Unfreundlichkeit. Excellenz, sagt' ich, ich wäre im Stande, Sie an einem Ihrer kleinen Ohrzipfel empfindlich zu kneipen. Wie können Sie mich so abscheulich anfahren? Er sprach ein Kauderwälsch durcheinander von gefährlichen Intriguen und höhern Befehlen und endete dann, um mich auf andere Gedanken zu bringen, damit, daß er sagte, dies Bild der jungen Fürstin Amanda erinnere ihn sehr an die Geliebte des Fürsten Egon, die Gräfin d'Azimont?

Dankmar lächelte, aber bedeutsam ....

Zum Glück, fuhr Melanie wie eifersüchtig fort, zum Glück ist diese schöne Dame verheirathet. Ich bemerkte Das schon Herrn von Harder. Sie lebt in Paris, setzte er plaudernd hinzu, um mich zu zerstreuen und das alte Vertrauen wieder zu gewinnen. Lebe sie wo sie wolle! Sie verderben mir die Freude an diesem Bilde, sagte ich.[543]

Er misverstand meinen Unmuth, glaubte, ich neckte ihn und ließ mich die Folter ausstehen, daß er mir nach Tisch, er nahm Ihre Stelle ein, in einer Fensternische Dinge sagte, wie sie Prinz Egon der Gräfin d'Azimont nicht feuriger vortragen kann. Alles Das kommt von Ihrer Gräfin, die in Paris vergessen hat, daß sie verheirathet ist! O gehen Sie, Wildungen, mit Ihrer leichtsinnigen Gräfin d'Azimont!

Fräulein ...

Ja, ja, Sie .... Schämen Sie sich solcher Verhältnisse ....

Welcher?

Eine verheirathete Diplomatin! Gewiß ist sie sehr schön, aber auch gewiß sehr intriguant! Gewiß sehr coquett! Ich habe das Schlimmste von der Gräfin d'Azimont erfahren .... Und wenn sie nun gar der Fürstin Amanda gleicht, kann ich nur noch viel Schlimmeres von ihr denken.

Ich muß gestehen: Sie haben die Phantasie dafür! sagte Dankmar.

Gleichviel! Sie mögen mich nun tadeln oder den Maler des Bildes oder den gütigen Schöpfer .... Wenn die Gräfin d'Azimont dem Bilde gleicht ... ich tadle sie doch .... Die Nase auf dem Pastellgemälde war nicht schön.

Dankmar mußte über diese Wendung lachen. Melanie boudirte künstlich .... Er war entzückt von der Coquette-rie des eifersüchtigen Mädchens.

Mit halb künstlichem, halb natürlichem Ärger und von einer Eifersucht gefoltert, als wenn sie alle die Menschen,[544] die sie doch nur dem Namen nach kannte, leibhaftig schon vor sich sähe, hüpfte Melanie fort.

Dankmar ihr nach ....

Melanie sprang Stufe von Stufe die Terrassen herab bis zu jenem griechischen Tempel hinunter, der einen so stillen Fernblick in das waldige Gebirge und die unterhaltende Nähe der sich hier kreuzenden Wege erlaubte. Melanie war so geeilt, so hastig an der alten, eben von dem kranken Gärtner kommenden und kopfschüttelnd stehenbleibenden Brigitte vorübergeschritten, daß sie auf eine Bank des Pavillons niedersank und Dankmarn das schöne Schauspiel ihrer mächtigsten Erregung bot. Den Überwurf hatte sie im raschen Gehen und dem Herabspringen von den Stufen, eine zweite Atalante, um ihn aufzuhalten, unterwegs fallen lassen. Er mußte auch, während sie lachte, innehalten und ihn aufheben; jetzt schlug er den Überwurf über den Nacken und die wogend sich hebende Brust. Auf der Erde suchte er eine große goldene Nadel, die gleichfalls ihrem Haar entfallen war und die zurückgesteckten Locken gehalten hatte ...

Lassen Sie nur, sagte sie und strich sich die Haare hinters Ohr, wo sie nicht halten wollten, und von der einen Seite nach vorn fallend, ihr einen schwärmerischen Ausdruck gaben ...

Lassen Sie nur! ... Sie müssen mir jetzt sagen, fuhr sie nach einer Weile, während sie Dankmar glückselig betrachtete, gesammelt fort; Sie müssen mir jetzt sagen, wie die Gräfin d'Azimont das Haar trägt. Ich will gar keine[545] künstliche Frisur mehr tragen, bis ich nicht weiß, wie diese abscheuliche Coquette sie trägt ....

Dankmar war in der That von der Liebenswürdigkeit des Mädchens, das sich in den gewagtesten Capricen gefiel, bezaubert ....

Gehen Sie doch, theure Melanie, sagte er unternehmend und sich ihr zur Seite niederlassend; gehen Sie doch mit diesen Erinnerungen. Diese Zeiten sind vorüber. Egon hat sich dem Vaterland zurückgegeben. Er wird es lieben, trotzdem daß es ihn so unfreundlich begrüßt. Sie haben Recht, auch der Intendant gehört zu seinen Feinden und wenn Sie versprechen könnten ....

Ich verspreche nichts, sagte Melanie und meinte doch das Gegentheil.

Eben wollte Dankmar sich zu einer Erklärung zusammennehmen, als er aufhorchen mußte. Getrappel von Pferden und noch mehr ein Geklirr von Waffen schien an sein Ohr zu dringen. Er stand auf und beugte sich über die Balustrade des Pavillons. Von Randhartingen her sah er die zwei Gendarmen reiten, die wahrscheinlich den Transport des Mobiliars schützend begleiten sollten. Die beiden Schnurrbärte grüßten militairisch und wandten sich dem großen Aufgang zum Schlosse zu.

Die gewaltigste Unruhe folterte Dankmarn. Schon sah er alle seine Hoffnungen vernichtet, schon den Preis der Rolle, die er hier, wenn auch ohne Mühe, doch zur Qual seines Wahrheittriebes durchführte, seiner Hand entwunden. Unwillkürlich stand er da wie Jemand, den ein[546] Geheimniß preßt, zu dessen Entdeckung er gern von einem prüfenden Blick in das Auge Dessen, dem er sich zu vertrauen im Begriffe steht, ermuthigt werden mochte ....

Was haben Sie? fragte Melanie, diesen Zustand nachfühlend.

Wann reist der Intendant ab? fragte Dankmar entschlossen.

Noch heute Abend!

Er, der Sie liebt, bewundert, ... trennt sich sobald?

Da ich ihn über Das, was er heute in der Nische zu mir sprach, ausgelacht habe, noch heute Abend ....

Er kann sich trennen? Von Ihnen, Melanie? Von Ihnen, die Sie Alle zu fesseln, Alle zu bezaubern verstehen ....

Er kann's und hofft morgen Abend in der Residenz zu sein ....

Nein, nein, er bleibt! Er bleibt, weil er die Schönheit bewundert, er bleibt, weil er nichts fürchtet, als ...

Er fürchtet Alles. Wie Sie sehen, diese Gendarmen hat er sich vom nächsten Landrath erbeten, weil er fürchtet!

Sie sehen daraus, rief Dankmar, daß die Entführung dieser Angedenken an eine unglückliche Frau, die man noch im Tode verfolgt, ein Act der Gewaltthat ist! Jenes Bild, das Sie in Händen hatten, das der Gefangene im Thurme sich aneignen wollte, ist mir über Alles, über Alles werth und theuer. Es enthält das wichtigste Geheimniß einer edeln Familie! Wir müssen es besitzen. Sagen Sie ein Mittel, es zurückzuerhalten![547]

Ich erstaune! erhob sich Melanie mit verklärtem Blick, unendlich erfreut und tiefgefesselt. Sie sind also nicht durch Zufall hier? Sie hatten eine Absicht, verlangen Vertrauen zu Ihnen und erwidern es nicht einmal Denen, die nicht zu Ihren Feinden gehören, mag auch die Stellung des Fürsten Waldemar zu meinem Vater noch so schwierig gewesen sein! Warum sagten Sie nicht sogleich offen –

Ich gestehe Ihnen Alles, unterbrach sie Dankmar! Himmlisches, liebenswürdiges Mädchen! Melanie, einer Göttin gleich! Wenn ich Ihnen sagen wollte ...

Schweigen Sie jetzt! rief das hocherglühte Mädchen rasch und zeigte verstohlen nach dem Eingang des Pavillons hinter sich. Ich will Ihr Vertrauen erwidern; flüsterte sie. Nur jetzt nicht, jetzt nicht, Durchlaucht ...! Wir sind nicht allein.[548]

Quelle:
Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste. [Band 1–3], Frankfurt a.M. 1998, S. 517-549.
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