9

[31] Diese Szene war bald vergessen. Auf die regnerischen Tage folgten mit dem Sonnenscheine tausend Aufforderungen der Natur, ihre Reize zu genießen. Bis in die entfernteste Umgegend trugen Esel und kleine Gefährte den weiblichen Teil der Gesellschaft, welche als die Crème der Saison sich zusammengefunden hatten. Wally war eine sprühende Girandole von Freude und Ausgelassenheit. Sie bildete den wahren Mittelpunkt der Gesellschaft, so aber, wie es Wasserkünste gibt, wo man nur hier zu drücken braucht, um auf der entgegengesetzten Seite überall lustige Fontänen springen zu lassen. Cäsar war verschlossen und reflektierte viel. Dem Beobachter konnte es nicht entgehen, wie tief sich Wally in seine Neigungen eindrückte. Wenn es nicht Liebe war, die ihn trieb, so war es die Aufgabe, die sich seine Eitelkeit gestellt hatte, Wally, diese Ungezähmte und Unbändige, überwunden zu haben. Hütet euch, ihr Frauen! Die Liebe der meisten Männer ist nichts als eine Huldigung, welche sie sich selbst bringen.

Der Rhein sollte das Ziel einer Spazierfahrt sein, der sich[31] eine große Anzahl von Badgästen angeschlossen hatte. Wally war noch vor diesem Ziele zu sehr ermüdet, als daß sie weiterkonnte. Sie blieb bei einem der Bedienten zurück, um die nachkommenden Wagen abzuwarten. So trennte sie sich unbemerkt von der Gesellschaft, so daß Cäsar, der auf Abwegen dem Zuge nachgeritten war, erstaunte, sie allein zu finden. Er sprang vom Pferde und gab es dem Bedienten. Wally und Cäsar gingen voran.

Der Verführung eines grünen Rasenplatzes mitten im Walde widerstanden sie nicht. Während der Wagen und Cäsars Pferd auf der Straße hielten, gingen sie dem einladenden Ruheorte entgegen und setzten sich auf abgesägte Baumrümpfe nieder. Es lag etwas Mechanisches in diesen Bewegungen, als wenn eine Verabredung stattgefunden hätte, und doch schwiegen beide. Sie sprachen noch immer nichts, auch als sie beide mit gestütztem Haupte sich gegenübersaßen.

»Seit einiger Zeit sind Sie auf mich erzürnt, Cäsar!« sagte dann Wally.

Ein Lächeln, das man kennen muß, um zu wissen, daß es nur die Maske eines tieferen Schmerzes ist, flog über ihre Mienen. Das Lächeln Cäsars konnte Beistimmung oder Verwunderung sein. Er war klug genug, sie darüber im unklaren zu lassen.

»Ihre Geschichten haben mich kaltgelassen«, fuhr sie fort.

Daran dachte Cäsar nicht mehr; aber er sagte: »Hab' ich sie denn verfaßt?«

Nach einer Pause seufzte Wally tief auf, schlug ihren Blick zu Boden und begann eine Perspektive in ihr Inneres zu geben, die Cäsar neu war, an ihr zumal, und die ihn entzückte. »Ich muß mich, ich muß die Frauen hassen«, sagte sie still; »von Natur sind wir grausam, und zu den Gefühlen, welche wir zu äußern wohl unter Umständen fähig wären, haben wir ursprünglich nur die bloßen Anlagen. Glauben Sie es, Cäsar, die Frauen gedeihen nur durch die Männer. Sie selber wären imstande, sich[32] untereinander zu zerfleischen. Niemand kann bei dem Elende der Menschen, bei Krieg, Erdbeben, öffentlichem und Privatunglück empfindungsloser sein als die Frauen. Verstehen Sie mich recht, solange wir alleinstehen. Was wir von Gefühl ursprünglich haben, das ist mehr Schauer als Bewußtsein, mehr tierische Furcht als Reflexion einer edlen Seele. Ach, ich zittre oft vor einer Empfindungslosigkeit, die ich nicht zu heilen weiß!«

»Aber woher die spätere Metamorphose der Frauen?« fragte Cäsar, erstaunt über die Wahrheit, welche sich in Wallys Antlitze ausdrückte.

Sie stockte: sie blickte ihn an. Er erriet und sank zu ihren Füßen.

Solange diese Situation stumm war, konnte sie zwischen beiden wohl empfunden sein; als aber Wally nach einem Worte suchte, wies sie ihn zurück.

Ihm war es recht; denn die Reflexion schlug ihn in den Nacken und hatte ihn unwillkürlich aufgerissen, da er auf nichts in seinem Herzen Vorbereitetes stieß und ihm jede Situation fatal war, in der er sich selbst nicht hätte beobachten können.

Sie saßen beide wieder auf ihren Baumstämmen. Doch war es eine warme Stimmung, die sich ihrer bemächtigt hatte, in der sie wenn auch über nichts entscheiden, dennoch über alles unterhandeln konnten.

Wally verhehlte nicht, daß die Zauberrute, welche die im Herzen des Weibes schlummernden Gefühle erst wecke, die Liebe sei. Cäsar ergriff ihre Hand und sagte: »Wir sind für die Illusion beide nicht gemacht. Eine Mücke würde uns stören, wollten wir zu den Sternen beten. Jede Aufwallung, bei der wir nur einen Augenblick unsre Manieren nicht in der Hand hätten, würde uns lächerlich scheinen. Helfen wir uns beide! Eine kurze Übereinkunft kann uns auf die Stufe versetzen, welche uns alle jene Glückseligkeit gewährt, die wir durch Zurückhaltung, Scham, natürliches oder kokettes Wesen niemals erreichen. Wally! Wally!«[33]

Jetzt lag Cäsar zu Wallys Füßen, wahrhaftig, ohne Bewußtsein, von einem ungeheuchelten Gefühle übermannt. Aber was warf ihn nieder? Nicht die Liebe, sondern der Gedanke an eine Humanitätsfrage, die niemanden von euch fremd ist: der Gedanke an jene Augenblicke, wo wir, überdrüssig der konventionellen Formen des Lebens, zu aller Welt herantreten möchten und ihr zurufen: »O warum dies Gehäuse von Manieren, in welches du Spröde dich zurückziehst? Warum diese Verhüllung des Menschen in und an dir? Warum Zurückhaltung, du, mein Bruder, du, meine Schwester, da du doch gleichen Wesens mit mir bist, eine Hand wie ich zum Drucke, einen Mund wie ich zum Kusse hast? Ach, wie seh' ich rings um mich her eine so reife Ernte von Liebe und Schönheit! Warum zögern bis auf Jahre, daß ich sie breche? Warum nicht das Entzücken, daß wir alle Menschen sind, schwach und stark, sterblich und unsterblich! Diese unsichtbaren Barrieren, welche die Menschen trennen, welche auch den Jüngling vom Mädchen trennen, müssen fallen; denn ich kenne dich, dein alles, dein Gehen und Stehen, deine Schwächen und Tugenden: siehe! hier ist meine offne Brust, hier schlägt mein Herz, ich bin nichts, was noch etwas anderes wäre, als es ist, nichts, was du für etwas anderes halten dürftest. Weib, in deinen Augen, in den Formen deines Körpers bist du überreif zur Liebe; und wenn ich dich heut zum ersten Male sahe, so pflückt' ich dich, denn wir sind die Kinder eines und desselben Planeten, ich Mensch wie du, beide alternd, beide den Tod fürchtend, beide elend. Was weichst du mir aus?«

Wally zerfloß in Tränen. So fast hatte Cäsar zu ihr gesprochen, und sie fühlte das Entzücken, statt eines Weibes Mensch zu sein. Sie zitterte bei dieser echt philanthropischen Vorstellung, welche, wenn sie allgemein würde, die Welt durchaus umgestalten und ihre schwierigen Fragen im Nu lösen müßte. Sie ließ die Umarmung Cäsars zu: nicht, weil sie ihn liebte, oder aus Egoismus, aus Stolz,[34] einen Mann überwunden zu haben, sondern weil sie sich als das schwache Glied der großen Wesenkette fühlte, die Gott erschaffen hat, weil sie wußte, daß sie ja vor der Wahrheit und Natur ganz nackt und bloß und mitleidswürdig war, weil sie zuletzt glaubte, daß diese heißen Küsse, welche Cäsar auf ihre Lippen drückte, allen Millionen gälten unterm Sternenzelt.

Sehet da eine Szene, wie sie in alten Zeiten nicht vorkam! Hier ist Raffiniertes, Gemachtes, aus der Zerrissenheit unsrer Zeit Gebornes: und was ist die Wahrheit Romeos und Juliettens gegen diese Lüge! Was ist die egoistische Geschlechtsliebe gegen diesen Enthusiasmus der Ideen, der zwei Seelen in die unglücklichsten Verwechselungen werfen kann! Ich zittre vor einem Jahrhundert, das in seinen Irrtümern so tragisch, in seinem Fluche so anbetungswürdig ist.

Quelle:
Karl Gutzkow: Wally, die Zweiflerin. Stuttgart 1979, S. 31-35.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Wally, die Zweiflerin
Wally, die Zweiflerin

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Therese. Chronik eines Frauenlebens

Therese. Chronik eines Frauenlebens

Therese gibt sich nach dem frühen Verfall ihrer Familie beliebigen Liebschaften hin, bekommt ungewollt einen Sohn, den sie in Pflege gibt. Als der später als junger Mann Geld von ihr fordert, kommt es zur Trgödie in diesem Beziehungsroman aus der versunkenen Welt des Fin de siècle.

226 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon