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[49] Am Tage, wo die Unterredung mit Wally stattfand, hätte man bei Cäsar nicht ahnen können, mit welcher Katastrophe er schließen würde. Cäsar schien die ganze Beruhigung zu besitzen, welche man von seinem Charakter erwarten durfte. Höchstens ließen sich jene forcierten Scherze, mit welchen er um sich warf, vermuten, daß irgendein Gefühl wie ein Ereignis bei ihm im Anzuge war, dem er zu entgehen wünschte. Diese Scherze sind immer die überm Meere kreisenden Möwen, welche den Sturm ankündigen.

Wenn er einem Freunde begegnete, der auf dem Stadtgericht arbeitete, so frug ihn Cäsar: »Was hast du jetzt unter Händen?«

»Ehescheidungen« – hieß es.

»Also noch immer schlechte Ehen?«[49]

»Schlechte Wahlen vor der Hochzeit, Leichtsinn –«

»Ganz richtig«; erklärte dann Cäsar. »Es ist ein Unglück, wenn man sieht, mit welchem Leichtsinn die Ehen geschlossen werden. Der Besitz einer kleinen Aussteuer lockt den Handwerker, ein Frauenzimmer zu heiraten, welches er gar nicht liebt. Der Staat sollte niemals die Ehe bürgerlich vollziehen lassen, bis nicht ein Kind vorhanden ist, welches das Dasein der Liebe vorher ausweisen muß.«

Der junge Mann vom Stadtgerichte lächelte zu diesem Vorschlage. Cäsar ging und begegnete einem andern Freunde.

»Du bist verliebt«, sagte er ihm; »aber Antonie ist arm.«

Es war dieselbe Antonie, an welche Wally einst schreiben wollte.

»Antonie ist arm!« hieß die weinerliche Bestätigung. »Siehe, was zu tun wäre!« schlug Cäsar vor. »Das Heiraten durch die Zeitungen greift um sich. Aber man ist erst einen Schritt weit gekommen, wenn die Frauen durch Zeitungen nur Männer bekommen. Der zweite Schritt wäre, daß sie durch die Zeitungen auch zu Vermögen kämen. Die Mädchen sollten sich durch ein Lotto ausspielen. Sie sollten die Männer auffordern, Aktien auf ihren Besitz zu nehmen, Aktien, meinetwegen eine jede zu fünfhundert Talern. Hundert Lose dieser Art geben eine Summe von 50000 Talern. Die Wahrscheinlichkeit, daß unter hundert ich – du – er gewinnen, ist sehr groß: man gewinnt ein Weib, ein reiches Weib, ein schönes Weib. Denn um eine Schöne muß es sich handeln, der Nebengewinne wegen, welche in Zugeständnissen mancher Art an diejenigen bestehen müssen, welche sich mit Aufopferung von fünfhundert Talern der seligen Chance aussetzten, Mann einer schönen Frau und Besitzer zufälliger 50000 Taler zu werden. Mein Lieber, das heißt die Gesellschaft revolutionieren.«

Jener hatte nur an Antonie gedacht; Cäsar an nichts, als sie scheiden.

Der Abend kam heran. Die Tür zu Wallys Gemächern[50] öffnete sich. Beide saßen sich stumm gegenüber. Cäsar, der von Wally nicht erwartet hatte, daß sie sich in ein schwärmerisches schwarzes Kleid werfen würde: Wally, welche nach einem Blicke in Cäsars Mienen geizte, der verzeihend, warm und siegend auf sie wirkte.

Liebenswürdig war es von diesem grenzenlosen Leichtsinn, daß er Tränen am Auge hängen hatte. Cäsar schwamm in Entzücken. Er war auf eine Komödie gefaßt und fand eine tragische Szene, die ihn erschütterte. Alles, was sie sprachen, war nur, um den Erklärungen, die sie sich machen wollten, zu entgehen. Cäsar mochte in seiner Eitelkeit übertreiben; Wallys Bescheidenheit lag wohl nur darin, daß sie glaubte, Cäsar um Verzeihung bitten zu müssen. Alles übrige aber dichtete seine Phantasie hinzu.

Sie hielten ihre Hände ineinander und sprachen recht eifrig über Dinge, auf welche gar nichts ankam in ihrer Lage. Sie sprachen von der Erfindung des Schießpulvers, vom Gesetz der Schwere, vom Kompaß und der Magnetnadel, worüber sie schnell abbrachen, um nur immer wieder auf Neues zu kommen. So verrann die Zeit, aber das Entzücken Cäsars stieg. Wallys Hand nahm er und legte sie sanft auf die Lehne des Sofas, um sie als Kopfkissen zu brauchen. Sie lächelte dazu und warf ihm das ganze Polster ihres elastischen Körpers, sich selbst in aller ihrer Anmut nach. Sie hielt ihn umschlungen, während sie unwillig glaubte, daß er es täte. Ihre nur leis' aufgesteckten Locken nestelten sich los und küßten Cäsars brennende Wangen. Die langen Augenwimpern senkten sich majestätisch sanft auf die bläulichen Ultramarinringel, welche unter dem Auge so viel Leidenschaft verraten. Dieses Herablassen des Vorhangs, dieser Fensterladenschluß der Weiblichkeit, diese Verhüllung ist das reizende Gegenteil dessen, was sie scheint, weil sie nur allmähliche Entwaffnung ist. Es ist das Sinken des Tages, der aufsteigende Stern, dessen feuchte Strahlen die Kronen der Blumen auflockern und die Kelche erschließen,[51] während die Kelche zu schlafen scheinen. Cäsar umarmte Wally mit glühendem Entzücken und rief aus: »O Wally, ich will nicht grausam sein! Ich eile allem zuvorzukommen, was sich auf deiner Lippe zu Tode ängstigt und gern sprechen möchte. Ich dringe nicht auf den Besitz dieses göttlichen Leibes, dessen Seele mich stets umhauchen wird. Aber – o Gott!« –

»Was ist? Cäsar! Sprich! Fordre! Alles, alles!«

Cäsar sann und war wie von einem unbekannten Gefühle ergriffen. Er strich mit der Hand über seine Stirne und sagte dann leise mit sanften und zärtlichen Worten zu Wally: »Sie werden reisen: ich auch. Wir werden uns in vielen Jahren nicht wiedersehen. Da gibt es ein reizendes Gedicht des deutschen Mittelalters, der ›Titurel‹, in welchem eine bezaubernde Sage erzählt wird. Tschionatulander und Sigune beten sich an. Sie sind fast noch Kinder: ihre Liebe besitzt die ganze Naivetät ihrer jugendlichen Torheit. Ich spreche nicht von Tschionatulanders Tod, weder vom treuen Hunde, der aus der Schlacht die tragische Botschaft bringt, nicht von Sigunens Klage, wie sie den Leichnam des Geliebten im Arme haltend unterm Baume sitzt, wo Parzifal an ihr vorüberkömmt im Walde, nicht von dem Edelstein unserer deutschen mittelalterlichen Dichtkunst. Nur jener Zug ist so meisterhaft schön, wo Tschionatulander, als er in die Welt hinausmuß und sein treues Windspiel klug zu den beiden Liebenden hinaufsieht, Sigunen anfleht um eine Gunst–«

Cäsar stockte und sprach dann leise, mit fast verhaltenem Atem: »daß Sigune, um durch ihre Schönheit ihn gleichsam fest zu machen, wie der magische Ausdruck der alten Zeit ist, um ihm einen Anblick zu hinterlassen, der Wunder wirkte in seiner Tapferkeit und Ausdauer – daß Sigune – in vollkommener Nacktheit zum vielleicht – ewigen Abschiede sich ihm zeigen möge.«

Wally betrachtete Cäsar einen Augenblick. Dann erhob sie sich stolz und verließ, ohne ein Wort zu sprechen, das Zimmer. An ihre Rückkehr war nicht zu denken.[52]

Cäsars Antlitz zeigte einen schmerzhaften Ausdruck. Er hatte das Höchste bewiesen, dessen seine Seele fähig war, die kindlichste Naivetät, eine rührende Unschuld in einer Forderung, die empörend war; aber die Scham, die erst in ihm aufglühte, verschwand vor seinem Stolze, so edel und rein erschien er sich.

»Sie ist ohne Poesie, sie ist albern, ich hasse sie!« stieß er heftig heraus, trat zornig mit dem Fuße auf, lauschte und verließ, da er nichts als den Schlag der Pendeluhr im Nebensaale vernahm, mit unwillkürlichem Geräusch das Zimmer und das Hotel. Er schwur, es niemals wieder zu betreten.

»Sie hat nicht mich, sie hat die Poesie beleidigt. Sie ekelt mich an!« rief er und malte sich Wally mit den gräßlichsten Farben, daß es ihm keine Freude machen mußte, noch an sie zu denken. Wenn sie ihm noch einfiel, so geschah es nicht, ohne daß er mit dem Fuße etwas von sich stieß.

Quelle:
Karl Gutzkow: Wally, die Zweiflerin. Stuttgart 1979, S. 49-53.
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