An Hiller

[177] Du lebtest, Freund! – Wer nicht die köstliche

Reliquie des Paradieses, nicht

Der Liebe goldne königliche Frucht,

Wie du, auf seinem Lebenswege brach,

Wem nie im Kreise freier Jünglinge

In süßem Ernst der Freundschaft trunkne Zähre

Hinab ins Blut der heilgen Rebe rann,

Wer nicht, wie du, aus dem begeisternden,

Dem ewigvollen Becher der Natur

Sich Mut und Kraft, und Lieb und Freude trank,

Der lebte nie, und wenn sich ein Jahrhundert,

Wie eine Last, auf seiner Schulter häuft. –

Du lebtest, Freund! es blüht nur wenigen

Des Lebens Morgen, wie er dir geblüht;

Du fandest Herzen, dir an Einfalt, dir

An edlem Stolze gleich; es sproßten dir

Viel schöne Blüten der Geselligkeit;

Auch adelte die innigere Lust,

Die Tochter weiser Einsamkeit, dein Herz;

Für jeden Reiz der Hügel und der Tale,

Für jede Grazien des Frühlings ward

Ein offnes unumwölktes Auge dir.


Dich, Glücklicher, umfing die Riesentochter


Der schaffenden Natur, Helvetia;

Wo frei und stark der alte, stolze Rhein

Vom Fels hinunter donnert, standest du[178]

Und jubeltest ins herrliche Getümmel.

Wo Fels und Wald ein holdes zauberisches

Arkadien umschließt, wo himmelhoch Gebirg,

Des tausendjährgen Scheitel ewger Schnee,

Wie Silberhaar des Greisen Stirne, kränzt,

Umschwebt von Wetterwolken und von Adlern,

Sich unabsehbar in die Ferne dehnt,

Wo Tells und Walthers heiliges Gebein

Der unentweihten freundlichen Natur

Im Schoße schläft, und manches Helden Staub,

Vom leisen Abendwind emporgeweht,

Des Sennen sorgenfreies Dach umwallt,

Dort fühltest du, was groß und göttlich ist,

Von seligen Entwürfen glühte dir,

Von tausend goldnen Träumen deine Brust;

Und als du nun vom lieben heilgen Lande

Der Einfalt und der freien Künste schiedst,

Da wölkte freilich sich die Stirne dir,

Doch schuf dir bald mit ihrem Zauberstabe

Manch selig Stündchen die Erinnerung.


Wohl ernster schlägt sie nun, die Scheidestunde;


Denn ach! sie mahnt, die unerbittliche,

Daß unser Liebstes welkt, daß ewge Jugend

Nur drüben im Elysium gedeiht;

Sie wirft uns auseinander, Herzensfreund!

Wie Mast und Segel vom zerrißnen Schiffe

Im wilden Ozean der Sturm zerstreut.

Vielleicht indes uns andre nah und ferne

Der unerforschten Pepromene Wink

Durch Steppen oder Paradiese führt,

Fliegst du der jungen seligeren Welt[179]

Auf deiner Philadelphier Gestaden

Voll frohen Muts im fernen Meere zu;

Vielleicht, daß auch ein süßes Zauberband

Ans abgelebte feste Land dich fesselt!

Denn traun! ein Rätsel ist des Menschen Herz!

Oft flammt der Wunsch, unendlich fortzuwandern,

Unwiderstehlich herrlich in uns auf;

Oft deucht uns auch im engbeschränkten Kreise

Ein Freund, ein Hüttchen, und ein liebes Weib

Zu aller Wünsche Sättigung genug. –

Doch werfe, wie sie will, die Scheidestunde

Die Herzen, die sich lieben, auseinander!

Es scheuet ja der Freundschaft heilger Fels

Die träge Zeit, und auch die Ferne nicht.

Wir kennen uns, du Teurer! – Lebe wohl!

Quelle:
Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Stuttgart 1946, S. 177-180.
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