An die Natur

[197] Da ich noch um deinen Schleier spielte,

Noch an dir, wie eine Blüte, hing,

Noch dein Herz in jedem Laute fühlte,

Der mein zärtlichbebend Herz umfing,

Da ich noch mit Glauben und mit Sehnen

Reich, wie du, vor deinem Bilde stand,

Eine Stelle noch für meine Tränen,

Eine Welt für meine Liebe fand,


Da zur Sonne noch mein Herz sich wandte,

Als vernähme seine Töne sie,

Und die Sterne seine Brüder nannte

Und den Frühling Gottes Melodie,

Da im Hauche, der den Hain bewegte,

Noch dein Geist, dein Geist der Freude sich

In des Herzens stiller Welle regte,

Da umfingen goldne Tage mich.


Wenn im Tale, wo der Quell mich kühlte,

Wo der jugendlichen Sträuche Grün

Um die stillen Felsenwände spielte

Und der Aether durch die Zweige schien,

Wenn ich da, von Blüten übergossen,

Still und trunken ihren Othem trank

Und zu mir, von Licht und Glanz umflossen,

Aus den Höhn die goldne Wolke sank –
[198]

Wenn ich fern auf nackter Heide wallte,

Wo aus dämmernder Geklüfte Schoß

Der Titanensang der Ströme schallte

Und die Nacht der Wolken mich umschloß,

Wenn der Sturm mit seinen Wetterwogen

Mir vorüber durch die Berge fuhr

Und des Himmels Flammen mich umflogen,

Da erschienst du, Seele der Natur!


Oft verlor ich da mit trunknen Tränen

Liebend, wie nach langer Irre sich

In den Ozean die Ströme sehnen,

Schöne Welt! in deiner Fülle mich;

Ach! da stürzt ich mit den Wesen allen

Freudig aus der Einsamkeit der Zeit,

Wie ein Pilger in des Vaters Hallen,

In die Arme der Unendlichkeit. –


Seid gesegnet, goldne Kinderträume,

Ihr verbargt des Lebens Armut mir,

Ihr erzogt des Herzens gute Keime,

Was ich nie erringe, schenktet ihr!

O Natur! an deiner Schönheit Lichte,

Ohne Müh und Zwang entfalteten

Sich der Liebe königliche Früchte,

Wie die Ernten in Arkadien.


Tot ist nun, die mich erzog und stillte,

Tot ist nun die jugendliche Welt,

Diese Brust, die einst ein Himmel füllte,

Tot und dürftig, wie ein Stoppelfeld;[199]

Ach! es singt der Frühling meinen Sorgen

Noch, wie einst, ein freundlich tröstend Lied,

Aber hin ist meines Lebens Morgen,

Meines Herzens Frühling ist verblüht.


Ewig muß die liebste Liebe darben,

Was wir lieben, ist ein Schatten nur,

Da der Jugend goldne Träume starben,

Starb für mich die freundliche Natur;

Das erfuhrst du nicht in frohen Tagen,

Daß so ferne dir die Heimat liegt,

Armes Herz, du wirst sie nie erfragen,

Wenn dir nicht ein Traum von ihr genügt.

Quelle:
Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Stuttgart 1946, S. 197-200.
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