Die Demut

[39] Hört, größre, edlere der Schwabensöhne!

Die ihr vor keinem Dominiksgesicht

Euch krümmet, welchen keine Dirnenträne

Das winzige, geschwächte Herzchen bricht.


Hört, größre, edlere der Schwabensöhne!

In welchen noch das Kleinod Freiheit pocht,

Die ihr euch keines reichen Ahnherrn Miene,

Und keiner Fürstenlaune unterjocht.


Geschlecht von oben! Vaterlandeskronen!

Nur euch bewahre Gott vor Übermut!

O! Brüder! der Gedanke soll uns lohnen,

In Hermann brauste kein Despotenblut.


Beweinenswürdig ist des Stolzen Ende,

Wann er die Grube seiner Größe gräbt,

Doch fürchterlich sind seine Henkershände,

Wann er sich glücklich über andre hebt.


Viel sind und schön des stillen Mannes Freuden,

Und stürmten auch auf ihn der Leiden viel,

Er blickt gen Himmel unter seinen Leiden,

Beneidet nie des Lachers Possenspiel.


Sein feurigster, sein erster Wunsch auf Erden

Ist, allen, allen Menschen nützlich sein,[40]

Und wann sie froh durch seine Taten werden,

Dann will der edle ihres Danks sich freun.


O! Demut, Demut! laß uns all dich lieben,

Du bists, die uns zu einem Bund vereint,

In welchem gute Herzen nie sich trüben,

In welchem nie bedrängte Unschuld weint.


Drum größre, edlere der Schwabensöhne!

Laßt Demut, Demut euer erstes sein,

Wie sehr das Herz nach Außenglanz sich sehne,

Laßt Demut, Demut euer erstes sein.


Vor allen, welchen Gott ein Herz gegeben,

Das groß und königlich, und feurig ist,

Die in Gefahren nur vor Freude beben,

Für Tugend selbst auf einem Blutgerüst,


Vor allen, allen, solche Schwabensöhne,

O solche, Demut, solche führe du

Aus jeder bäurischstolzen Narrenbühne

Den stillen Reihen jenes Bundes zu.

Quelle:
Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Stuttgart 1946, S. 39-41.
Lizenz:
Kategorien: