Diotima

[217] (Bruchstücke einer älteren Fassung)


Lange tot und tiefverschlossen,

Grüßt mein Herz die schöne Welt,

Seine Zweige blühn und sprossen,

Neu von Lebenskraft geschwellt;

O! ich kehre noch ins Leben,

Wie heraus in Luft und Licht

Meiner Blumen selig Streben

Aus der dürren Hülse bricht.


Die ihr meine Klage kanntet,

Die ihr liebezürnend oft

Meines Sinnes Fehle nanntet

Und geduldet und gehofft,

Eure Not ist aus, ihr Lieben!

Und das Dornenbett ist leer,

Und ihr kennt den immertrüben

Kranken Weinenden nicht mehr.


Wie so anders ists geworden!

Alles was ich haßt und mied,

Stimmt in freundlichen Akkorden

Nun in meines Lebens Lied,

Und mit jedem Stundenschlage

Werd ich wunderbar gemahnt

An der Kindheit goldne Tage,

Seit ich dieses Eine fand.
[218]

Diotima! selig Wesen!

Herrliche, durch die mein Geist,

Von des Lebens Angst genesen,

Götterjugend sich verheißt!

Unser Himmel wird bestehen,

Unergründlich sich verwandt

Hat, noch eh wir uns gesehen,

Unser Wesen sich gekannt.


Da ich noch in Kinderträumen,

Friedlich wie der blaue Tag,

Unter meines Gartens Bäumen

Auf der warmen Erde lag,

Da mein erst Gefühl sich regte,

Da zum erstenmale sich

Göttliches in mir bewegte,

Säuselte dein Geist um mich.


Ach und da mein schöner Friede,

Wie ein Saitenspiel, zerriß,

Da von Haß und Liebe müde

Mich mein guter Geist verließ,

Kamst du, wie vom Himmel nieder

Und es gab mein einzig Glück,

Meines Sinnes Wohllaut wieder

Mir ein Traum von dir zurück.


Da ich flehend mich vergebens

An der Wesen kleinstes hing,

Durch den Sonnenschein des Lebens

Einsam, wie ein Blinder, ging,[219]

Oft vor treuem Angesichte

Stand und keine Deutung fand,

Darbend vor des Himmels Lichte,

Vor der Mutter Erde stand,


Lieblich Bild, mit deinem Strahle

Drangst du da in meine Nacht!

Neu an meinem Ideale,

Neu und stark war ich erwacht;

Dich zu finden, warf ich wieder,

Warf ich meinen trägen Kahn

Von dem toten Porte nieder

In den blauen Ozean. –


Nun, ich habe dich gefunden!

Schöner, als ich ahndend sah

In der Liebe Feierstunden,

Hohe Gute! bist du da;

O der armen Phantasien!

Dieses Eine bildest nur

Du, in deinen Harmonien

Frohvollendete Natur!


Wie auf schwanker Halme Bogen

Sich die trunkne Biene wiegt,

Hin und wieder angezogen,

Taumelnd hin und wieder fliegt,

Wankt und weilt vor diesem Bilde

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
[220]

Hab, ins tiefste Herz getroffen,

Oft um Schonung sie gefleht,


Wenn so klar und heilig offen

Mir ihr eigner Himmel steht,

Wenn die Schlacken, die mich kümmern,

Dieses Engelsauge sieht,

Wenn vor meines Friedens Trümmern

Dieser Unschuld Blume blüht;


Habe, wenn in reicher Stille,

Wenn in einem Blick und Laut

Seine Ruhe, seine Fülle

Mir ihr Genius vertraut,

Wenn ihr Geist, der mich begeistert,

An der hohen Stirne tagt,

Von Bewundrung übermeistert,

Zürnend ihr mein Nichts geklagt.


Aber, wie, in zarten Zweigen,

Liebend oft von mir belauscht,

Traulich durch der Haine Schweigen

Mir ein Gott vorüberrauscht,

So umfängt ihr himmlisch Wesen

Auch im Kinderspiele mich,

Und in süßem Zauber lösen

Freudig meine Bande sich.

Quelle:
Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Stuttgart 1946, S. 217-221.
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