Hymne an die Muse

[136] Schwach zu königlichem Feierliede,

Schloß ich lang genug geheim und stumm

Deine Freuden, hohe Pieride!

In des Herzens stilles Heiligtum;

Endlich, endlich soll die Saite künden,

Wie von Liebe mir die Seele glüht,

Unzertrennbarer den Bund zu binden,

Soll dir huldigen dies Feierlied.


Auf den Höhn, am ernsten Felsenhange,

Wo so gerne mir die Träne rann,

Säuselte die frühe Knabenwange

Schon dein zauberischer Othem an; –

Bin ich, Himmlische, der Göttergnaden,

Königin der Geister, bin ich wert,

Daß mich oft, des Erdetands entladen,

Dein allmächtiges Umarmen ehrt? –


Ha! vermöcht ich nun, dir nachzuringen,

Königin! in deiner Götterkraft

Deines Reiches Grenze zu erschwingen,

Auszusprechen, was dein Zauber schafft! –

Siehe! die geflügelten Aeonen

Hält gebieterisch dein Othem an,

Deinem Zauber huldigen Dämonen,

Staub und Aether ist dir untertan.
[137]

Wo der Forscher Adlersblicke beben,

Wo der Hoffnung kühner Flügel sinkt,

Keimet aus der Tiefe Lust und Leben,

Wenn die Schöpferin vom Throne winkt;

Seiner Früchte Süßestes bereitet

Ihr der Wahrheit grenzenloses Land;

Und der Liebe schöne Quelle leitet

In der Weisheit Hain der Göttin Hand.


Was vergessen wallt an Lethes Strande,

Was der Enkel eitle Ware deckt,

Strahlt heran im blendenden Gewande,

Freundlich von der Göttin auferweckt;

Was in Hütten und in Heldenstaaten

In der göttergleichen Väter Zeit

Große Seelen duldeten und taten,

Lohnt die Muse mit Unsterblichkeit.


Sieh! am Dornenstrauche keimt die Rose,

So des Lenzes holder Strahl erglüht; –

In der Pieride Mutterschoße

Ist der Menschheit Adel aufgeblüht;

Auf des Wilden krausgelockte Wange

Drückt sie zauberisch den Götterkuß,

Und im ersten glühenden Gesange

Fühlt er staunend geistigen Genuß.


Liebend lächelt nun der Himmel nieder,

Leben atmen alle Schöpfungen,

Und im morgenrötlichen Gefieder

Nahen freundlich die Unsterblichen.[138]

Heilige Begeisterung erbauet

In dem Haine nun ein Heiligtum,

Und im todesvollen Kampfe schauet

Der Heroë nach Elysium.


Öde stehn und dürre die Gefilde,

Wo die Blüten das Gesetz erzwingt;

Aber wo in königlicher Milde

Ihren Zauberstab die Muse schwingt,

Blühen schwelgerisch und kühn die Saaten,

Reifen, wie der Wandelsterne Lauf,

Schnell und herrlich Hoffnungen und Taten

Der Geschlechter zur Vollendung auf.


Laß der Wonne Zähre dir gefallen!

Laß die Seele des Begeisterten

In der Liebe Taumel überwallen!

Laß, o Göttin! laß mich huldigen! –

Siehe! die geflügelten Aeonen

Hält gebieterisch dein Othem an.

Deinem Zauber huldigen Dämonen –

Ewig bin auch ich dir untertan.


Mag der Pöbel seinen Götzen zollen,

Mag, aus deinem Heiligtum verbannt,

Deinen Lieblingen das Laster grollen,

Mag, in ihrer Schwäche Schmerz entbrannt,

Stolze Lüge deine Würde schänden,

Und dein Edelstes dem Staube weihn,

Mag sie Blüte mir und Kraft verschwenden,

Meine Liebe! – dieses Herz ist dein!
[139]

In der Liebe volle Lust zerflossen,

Höhnt das Herz der Zeiten trägen Lauf,

Stark und rein im Innersten genossen,

Wiegt der Augenblick Aeonen auf; –

Wehe! wem des Lebens schöner Morgen

Freude nicht und trunkne Liebe schafft,

Wem am Sklavenbande bleicher Sorgen

Zum Genusse Kraft und Mut erschlafft.


Deine Priester, hohe Pieride!

Schwingen frei und froh den Pilgerstab,

Mit der allgewaltigen Aegide

Lenkst du mütterlich die Sorgen ab;

Schäumend beut die zauberische Schale

Die Natur den Auserkornen dar,

Trunken von der Schönheit Göttermahle

Höhnet Glück und Zeit die frohe Schar.


Frei und mutig, wie im Siegesliede,

Wallen sie der edeln Geister Bahn,

Dein Umarmen, hohe Pieride!

Flammt zu königlichen Taten an; –

Laßt die Mietlinge den Preis erspähen!

Laßt sie seufzend für die Tugenden,

Für den Schweiß am Joche Lohn erflehen!

Mut und Tat ist Lohn den Edleren!


Ha! von ihr, von ihr emporgehoben

Blickt dem Ziele zu der trunkne Sinn –

Hör es, Erd und Himmel! wir geloben,

Ewig Priestertum der Königin![140]

Kommt zu süßem brüderlichem Bunde,

Denen sie den Adel anerschuf,

Millionen auf dem Erdenrunde!

Kommt zu neuem seligem Beruf!


Ewig sei ergrauter Wahn vergessen!

Was der reinen Geister Aug ermißt,

Hoffe nie die Spanne zu ermessen! –

Betet an, was schön und herrlich ist!

Kostet frei, was die Natur bereitet,

Folgt der Pieride treuen Hand,

Geht, wohin die reine Liebe leitet,

Liebt und sterbt für Freund und Vaterland!

Quelle:
Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Stuttgart 1946, S. 136-141.
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