Schwärmerei

[45] Freunde! Freunde! wenn er heute käme,

Heute mich aus unserm Bunde nähme,

Jener letzte große Augenblick –

Wann der frohe Puls so plötzlich stünde

Und verworren Freundesstimme tönte

Und, ein Nebel, mich umschwebte Erdenglück.


Ha! so plötzlich Lebewohl zu sagen

All den lieben schöndurchlebten Tagen –

Doch – ich glaube – nein! ich bebte nicht!

»Freunde! spräch ich, dort auf jenen Höhen

Werden wir uns alle wiedersehen,

Freunde! wo ein schönrer Tag die Wolken bricht.


Aber Stella! fern ist deine Hütte,

Nahe rauschen schon des Würgers Tritte –

Stella! meine Stella! weine nicht!

Nur noch einmal möcht ich sie umarmen,

Sterben dann in meiner Stella Armen,

Eile, Stella! eile, eh das Auge bricht.


Aber ferne, ferne deine Hütte,

Nahe rauschen schon des Würgers Tritte –

Freunde! bringet meine Lieder ihr.

Lieber Gott! ein großer Mann zu werden,

War so oft mein Wunsch, mein Traum auf Erden,

Aber – Brüder – größre Rollen winken mir.
[46]

Traurt ihr, Brüder! daß so weggeschwunden

All der Zukunft schöngeträumte Stunden,

Alle, alle meine Hoffnungen!

Daß die Erde meinen Leichnam decket,

Eh ich mir ein Denkmal aufgestecket,

Und der Enkel nimmer denkt des Schlummernden.


Daß er kalt an meinem Leichensteine

Stehet, und des Modernden Gebeine

Keines Jünglings stiller Segen grüßt,

Daß auf meines Grabes Rosenhecken

Auf den Lilien, die den Moder decken,

Keines Mädchens herzergoßne Träne fließt.


Daß von Männern, die vorüberwallen,

Nicht die Worte in die Gruft erschallen:

Jüngling! du entschlummertest zu früh!

Daß den Kleinen keine Silbergreise

Sagen an dem Ziel der Lebensreise:

Kinder! mein und jenes Grab vergesset nie!


Daß sie mir so grausam weggeschwunden,

All der Zukunft langersehnte Stunden,

All der frohen Hoffnung Seligkeit,

Daß die schönste Träume dieser Erden

Hin sind, ewig niemals wahr zu werden,

Hin die Träume von Unsterblichkeit.


Aber weg! in diesem toten Herzen

Bluten meiner armen Stella Schmerzen,

Folge! folge mir, Verlassene!

Wie du starr an meinem Grabe stehest[47]

Und um Tod, um Tod zum Himmel flehest!

Stella! komm! es harret dein der Schlummernde.


O an deiner Seite! o so ende,

Jammerstand! vielleicht, daß unsre Hände

Die Verwesung ineinander legt!

Da wo keine schwarze Neider spähen,

Da wo keine Splitterrichter schmähen,

Träumen wir vielleicht, bis die Posaun uns weckt.


Sprechen wird an unserm Leichensteine

Dann der Jüngling: Schlummernde Gebeine!

Liebe Tote! schön war euer Los!

Hand in Hand entfloht ihr eurem Kummer,

Heilig ist der Langverfolgten Schlummer

In der kühlen Erde mütterlichem Schoß.


Und mit Lilien und mit Rosenhecken

Wird das Mädchen unsern Hügel decken,

Ahndungsvoll an unsern Gräbern stehn,

Zu den Schlummernden hinab sich denken,

Mit gefaltnen Händen niedersinken,

Und um dieser Toten Los zum Himmel flehn.


Und von Vätern, die vorüberwallen,

Wird der Segen über uns erschallen:

Ruhet wohl! ihr seid der Ruhe wert!

Gott! wie mags im Tod den Vätern bangen,

Die ein Kind in Quälerhände zwangen,

Ruhet wohl! ihr habt uns Zärtlichkeit gelehrt.«

Quelle:
Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Stuttgart 1946, S. 45-48.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Flucht in die Finsternis

Flucht in die Finsternis

Robert ist krank und hält seinen gesunden Bruder für wahnsinnig. Die tragische Geschichte um Geisteskrankheit und Tod entstand 1917 unter dem Titel »Wahn« und trägt autobiografische Züge, die das schwierige Verhältnis Schnitzlers zu seinem Bruder Julius reflektieren. »Einer von uns beiden mußte ins Dunkel.«

74 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon