Dichterberuf

[46] Des Ganges Ufer hörten des Freudengotts

Triumph, als allerobernd vom Indus her

Der junge Bacchus kam, mit heilgem

Weine vom Schlafe die Völker weckend.


Und du, des Tages Engel! erweckst sie nicht,

Die jetzt noch schlafen? gib die Gesetze, gib

Uns Leben, siege, Meister, du nur

Hast der Eroberung Recht, wie Bacchus.


Nicht, was wohl sonst des Menschen Geschick und Sorg

Im Haus und unter offenem Himmel ist,

Wenn edler, denn das Wild, der Mann sich

Wehret und nährt! denn es gilt ein anders,


Zu Sorg und Dienst den Dichtenden anvertraut!

Der Höchste, der ists, dem wir geeignet sind,

Daß näher, immerneu besungen

Ihn die befreundete Brust vernehme.


Und dennoch, o ihr Himmlischen all, und all

Ihr Quellen und ihr Ufer und Hain' und Höhn,

Wo wunderbar zuerst, als du die

Locken ergriffen, und unvergeßlich


Der unverhoffte Genius über uns

Der schöpferische, göttliche kam, daß stumm[47]

Der Sinn uns ward und, wie vom

Strahle gerührt, das Gebein erbebte,


Ihr ruhelosen Taten in weiter Welt!

Ihr Schicksalstag', ihr reißenden, wenn der Gott

Stillsinnend lenkt, wohin zorntrunken

Ihn die gigantischen Rosse bringen,


Euch sollten wir verschweigen, und wenn in uns

Vom stetigstillen Jahre der Wohllaut tönt,

So sollt es klingen, gleich als hätte

Mutig und müßig ein Kind des Meisters


Geweihte, reine Saiten im Scherz gerührt?

Und darum hast du, Dichter! des Orients

Propheten und den Griechensang und

Neulich die Donner gehört, damit du


Den Geist zu Diensten brauchst und die Gegenwart

Des Guten übereilest, in Spott, und den Albernen

Verleugnest, herzlos, und zum Spiele

Feil, wie gefangenes Wild, ihn treibest?


Bis aufgereizt vom Stachel im Grimme der

Des Ursprungs sich erinnert und ruft, daß selbst

Der Meister kommt, dann unter heißen

Todesgeschossen entseelt dich lässet.


Zu lang ist alles Göttliche dienstbar schon

Und alle Himmelskräfte verscherzt, verbraucht

Die Gütigen, zur Lust, danklos, ein

Schlaues Geschlecht und zu kennen wähnt es,
[48]

Wenn ihnen der Erhabne den Acker baut,

Das Tagslicht und den Donnerer, und es späht

Das Sehrohr wohl sie all und zählt und

Nennet mit Namen des Himmels Sterne.


Der Vater aber decket mit heilger Nacht,

Damit wir bleiben mögen, die Augen zu.

Nicht liebt er Wildes! Doch es zwinget

Nimmer die weite Gewalt den Himmel.


Noch ists auch gut, zu weise zu sein. Ihn kennt

Der Dank. Doch nicht behält er es leicht allein,

Und gern gesellt, damit verstehn sie

Helfen, zu anderen sich ein Dichter.


Furchtlos bleibt aber, so er es muß, der Mann

Einsam vor Gott, es schützet die Einfalt ihn,

Und keiner Waffen brauchts und keiner

Listen, so lange, bis Gottes Fehl hilft.

Quelle:
Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 2, Stuttgart 1953, S. 46-49.
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