Einundsiebenzigstes Kapitel.

Alles verloren.

[256] In dem Hause des Herrn Staiger hatte sich, seitdem Herr Blaffer das Honorar so bedeutend erhöht, allerlei auf's Vortheilhafteste verändert. Um das einzige Fenster prangte nun ein Vorhang von buntem Kattun, unter dem Schreibtisch lag ein altes Rehfell; freilich schien dasselbe in der Mauser zu sein, und die einstmalige blaue Tucheinfassung war nicht mehr zu erkennen. Aber es that seine Dienste, indem es die Füße des alten Herrn wärmte. Auch dem Ofen war etwas vom besseren Verdienste zu gute gekommen, man gab ihm reichlicheres und härteres Holz, und er, dafür dankbar, verbreitete um sich her eine angenehme Wärme. Und dabei sott und prasselte es in ihm ganz behaglich; es war beinahe Mittagszeit, und Clara, die wegen eines halben Feiertags heute die Tanzstunde nicht zu besuchen gebraucht, hatte Kartoffeln zum Mittagessen eingestellt, und war unterdessen in das Haus der Madame Becker gegangen, wie wir bereits wissen. Die Sorge für Kartoffeln und Suppe war unterdessen dem Papa Staiger übertragen worden, der sich hiezu, als seines Adjutanten, des Bübchens[256] bediente, das er vor den Ofen gestellt und beauftragt hatte, Lärm zu schlagen, sobald Suppe oder Kartoffeln irgend eine außergewöhnliche Bewegung zu machen anfingen. Zuerst hatte Karl einige Einwendungen gemacht, denn er war an dem heutigen Morgen außerordentlich beschäftigt; die Familie Staiger hatte nämlich, wie wir bereits wissen, einen Zuwachs erhalten und wir brauchen dabei wohl nicht zu bemerken, daß das kleine Mädchen, welches Arthur gebracht, mit herzlicher Liebe aufgenommen worden war. Natürlicherweise hatte der Maler die Bedingung dabei gestellt, daß die Bedürfnisse des armen Wesens ausschließlich ihm zur Last fallen müßten, und in Folge dessen hatte sich der Anzug der Kleinen wesentlich gebessert; auch erschien sie nicht mehr so scheu und ängstlich, denn ihr Herz schlug freudiger, sobald es die Wärme gespürt hatte, mit der sie von diesen guten Menschen behandelt wurde. Karl hatte sie unter seinen besonderen Schutz genommen, lehrte sie all' die sinnreichen Spiele, die er zu treiben pflegte, wobei sie ihm bald als Pferd, bald als Armee dienen mußte. Heute war sie sogar seine Prinzessin; er hatte das Fußbänkchen Clara's umgekehrt, das Mädchen hinein gesetzt, die Trümmer eines Pferdes davor gespannt und kutschirte seine Pflegbefohlene nun in Gedanken durch die halbe Welt. Doch mußte dem Befehl des Vaters Folge geleistet werden, weßhalb das Bübchen den Fußschemel wieder umkehrte, das fremde Kind darauf setzte, ihm ein Bilderbuch in die Hand gab, und sich darauf, als er das Pferd ausgespannt hatte, an den Ofen begab.

Das Geschäft, welches ihm der Vater übertragen, besorgte übrigens nun der Kleine mit einer so übergroßen Pünktlichkeit, daß er dadurch die Arbeit des Vaters weit öfter unterbrach, als nothwendig gewesen wäre. Jeden Augenblick glaubte er, der große Moment sei gekommen, wo die Suppe Neigung zeige, überzukochen, und dann prallte er mit einem lauten Aufschrei zurück, wobei es bereits zweimal vorgekommen war, daß er über sein[257] kleines kopfloses Pferd stolperte, welches er an einem Bindfaden hinter sich drein schleifte. Das gab dann begreiflicherweise eine große Verwirrung und es kostete den Herrn Staiger mehrere werthvolle Minuten, bis Bübchen, Pferd und Bindfaden wieder aus einander gewickelt waren, bis der alte Herr nach seiner Suppe gesehen und darauf der Lauerposten wieder aufgestellt worden war.

Dem Bübchen war übrigens auch etwas von dem Glanze der Familie zu gute gekommen; er hatte ein neues und warmes Röckchen an, seine kleinen Schuhe waren untadelhaft, und Clara hatte aus einem ihrer alten Kattunkleider eigenhändig eine Bettdecke genäht, welche der Stolz der beiden Kinder war.

Es war seltsam, aber nicht zu leugnen, daß auf den Herrn Staiger allein sein größerer Verdienst eine an dere Wirkung ausübte, als man sich wohl hätte denken sollen. Er, der sonst Alles hergab, was er einnahm, er, der seine Tochter Clara früher zur Verschwendung angetrieben, wie sie oftmals lachend sagte, war geizig geworden, ja recht geizig, und Clara mußte es zu ihrem großen Erstaunen erleben, daß er anfing, seine Kasse selbst zu verwalten, indem er ihr nur das nöthige Geld für die Haushaltung abgab und alles Uebrige in seinem Schreibtisch verschloß. Daß er nicht die Absicht hatte, von diesem Gelde etwas für sich zu verwenden, lag klar am Tage, denn sogar das abgenutzte Rehfell hatte ihm Clara oktroyiren müssen, und als sie auf einen neuen Anzug zum Ausgehen für ihn drang, hatte er sich bestimmt dagegen erklärt, indem er vorgab, er fühle doch, es sei seiner Gesundheit viel zuträglicher, wenn er während der Winterszeit wenig ausgehe; im Sommer werde man dann schon sehen.

Und Herr Staiger verdiente recht viel Geld: Onkel Tom war so gut wie beendigt, aber Herr Blaffer hatte mit ihm neue weitläufige Arbeiten besprochen und sein Honorar wunderbarer Weise abermals erhöht.[258]

Seit ihn das Bübchen zum letzten Mal gestört, hatte er die Feder nicht wieder aufgenommen, sich vielmehr in seinen Sessel zurückgelehnt und schaute, die Arme über einander geschlagen, an die Zimmerdecke empor. Es mußten keine unangenehmen Gedan ken sein, die ihn beschäftigten, denn er machte ein freundliches Gesicht, spitzte behaglich den Mund und zog nur zuweilen, wie in wichtiger Betrachtung, die Augenbrauen hoch empor. – »Das Ganze ist mir immer noch zu schön und traumartig,« sprach er zu sich selber, »die Abendröthe, die am Ende meines Leben leuchtet, kann dem neuen jungen Tage wohl schönes Wetter bringen, aber ebenso leicht Sturm und Regen. Nun auf alle Fälle thu' ich das Meinige; was der Himmel über uns verhängt, das wollen wir jederzeit geduldig und gern hinnehmen, – obgleich,« meinte er schmunzelnd, »das Bessere immer angenehmer ist; und ich muß schon gestehen, wenn man seine Kinder liebt wie ich, so kann es einen hoch entzücken, wenn man Aussichten hat, daß es ihnen gut gehen soll. – An meinem Leben würde ich freilich nichts ändern, ich würde fleißig arbeiten, so lange es geht, und nur Sonntags mir ein kleines Vergnügen machen und wohlgekämmt nach meinen Kindern sehen, nach meinem Schwiegersohn – Herrn Arthur Erichsen. – Gott! wie man in seinem Alter noch so kindisch sein kann!« unterbrach der alte Mann seine Betrachtungen, die er aber doch nicht unterlassen konnte, still denkend fortzusetzen. Ja, der alte eitle Mann sah sich schon im saubern Anzuge, er hatte sogar Handschuhe an und trat in das Haus seiner Tochter, wo man ihn an einem gewissen Sonntag zum Mittagessen erwartete. Clara machte die Honneurs wie eine Prinzessin; mit ihrem stillen, ruhigen und liebevollen Wesen entzückte sie ihren Mann, leitete die Dienstboten und hielt ihre kleinen Kinder in Ordnung, – ja, wir können es nicht leugnen, Herr Staiger hatte sogar die Verwegenheit, an Enkel zu denken. Diese Ideenverbindung leitete sich übrigens wohl aus dem Anblick seines eigenen Bübchens her, welches, um sich die[259] Zeit zu vertreiben, bis zu dem großen Moment, wo es der Suppe gefällig wäre, überzukochen, allerlei sonderbare Zählübungen anstellte. Clara hatte ihm in den Abendstunden das Zählen von Eins bis Zehn beigebracht, auch, daß Eins und Eins – Zwei, Zwei und Eins – Drei sei, und das mischte er nun Alles auf die abenteuerlichste Weise durch einander.

»Eins und Eins ist Vier, Fünf, Sechs und Eins ist Zehn,« sagte er und rief alsdann mit lauter Stimme: »aber jetzt, Papa, kocht sie über. Geschwind, geschwind, sonst zankt Clara!«

Damit sprang er abermals rückwärts, erinnerte sich aber glücklicherweise des hinter ihm stehenden Gaules, weßhalb sich der Zusammenstoß zwischen Beiden so gestaltete, daß das Pferd ein paar Schritte rückwärts flog zwischen die Füße des Herrn Staiger, der eilig näher kam und nun fast das Schicksal seines Sprößlings erlitten hätte.

»Aber potz Tausend, Karl!« sagte der alte Herr, »man muß auch hinter sich sehen können. Jetzt wirfst du mir dein Pferd auf die Füße und ich bin überzeugt, du machst wieder viel Lärmen um gar nichts.«

»Aber es läuft schon aus dem Topfe heraus in den Ofen hinein,« erwiderte das Bübchen, »und das stinkt und Clara wird es riechen, wenn sie nach Haus kommt, und da werden wir Beide gezankt.«

»Ja, da hast du Recht,« versetzte lachend der Vater, »und es thut weh, wenn Clara Jemand zankt. Nicht wahr, davor fürchtest du dich mehr, als wenn ich dich zanke.«

»Ja wohl,« sagte der Kleine bestimmt. »Denn wenn Clara zankt, so habe ich etwas gethan.«

»Und wenn ich zanke?«

»Oh!« erwiderte das Bübchen, indem es die Hände auf dem Rücken zusammen legte, »das geschieht ja niemals; du kannst gar nicht zanken.«[260]

»Sieh Einer den kleinen Bösewicht!« sprach lachend Herr Staiger; und dabei zog er die Suppenschüssel etwas nach vorn, damit der Inhalt, von der Gluth des Feuers entfernt, nicht mehr so heftig sprudle. – »So, so, du meinst, ich könnte nicht zanken!«

»Nein, denn du sagst ja immer: wartet nur, Clara wird euch recht zanken.«

»Nun, da werde ich es nächstens selbst lernen müssen,« meinte gutmüthig der alte Mann. »Denn wenn Clara einmal fort geht –«

»Ah! sie geht ja immer fort.«

»Ganz richtig, Karl,« sagte der Vater; »aber nächstens geht sie ganz fort und kommt gar nicht wieder.«

»Wie, Papa?« fragte erschrocken das Kind. »Clara käme nächstens einmal nicht wieder? – aber doch zum Essen?«

»Nein, mein Sohn.«

»Aber doch zum Schlafen?«

»Auch das nicht.«

Dies gab dem Bübchen zu denken; er schaute vor sich auf den Boden nieder, doch mußten seine Gedanken sehr unerfreulicher Art sein, und ohne weiter viel Worte zu verlieren und nachdem es ein paar Mal wehmüthig um seinen Mund gezuckt, brach er plötzlich in ein so lautes und anhaltendes Weinen aus, daß Herr Staiger alle Mühe hatte, ihn zu trösten, und ihm zuletzt gutmüthig, wie er war, versprechen mußte, daß, wenn er recht brav sei, Clara dableiben würde; im andern Falle aber stehe er für gar nichts.

Es war ein Glück, daß in diesem Augenblicke die kleine Schwester, aus der Schule kommend, hereintrat, um den Vater im Geschäft des Tröstens abzulösen; denn Herr Staiger hatte eigentlich gar kein Talent darin und er pflegte in solchen Augenblicken gern allerlei zu versprechen, was ihm später, bei dem guten Gedächtniß des Bübchens für dergleichen Dinge, viel zu schaffen machte.

Die kleine Marie war recht gut und sauber angezogen, ihre langen Zöpfe untadelhaft geflochten, und für Tafel und Bücher[261] hatte sie von Clara eine Tasche erhalten, in welcher diese früher Schuhe und Weißzeug mit in die Tanzschule zu nehmen pflegte. Dieser neue und bessere Anzug hatte recht erhebend auf das Gemüth des kleinen Mädchens eingewirkt, sie trug ihr Köpfchen so hoch als möglich, sprach gern altklug und nahm sich mit einer gewissen Ostentation der Haushaltungsgeschäfte an. So auch heute sah sie bei ihrem Eintritte, nachdem sie ihren Büchersack abgelegt, sogleich nach, ob im Zimmer nicht etwas zu finden sei, was nicht in Ordnung wäre. Da nun das fremde Mädchen statt zu lesen, was sie auch nicht gekonnt hätte, aufmerksam bald Herrn Staiger, bald den Ofen betrachtete und dazu an dem Bilderbuche kaute, so verwies ihr das Marie, nahm ihr die Lektüre, wischte ihr die Nase und brachte ihr eine Puppe, mit welchem Tausch übrigens das Kind sehr zufrieden zu sein schien. Darauf ging sie nach dem Ofen, betrachtete die Kocherei, wobei die Versuche des Herrn Staiger in dieser Richtung von ihr ziemlich geringschätzend angesehen wurden.

»Du hättest die Suppe nicht vom Kochen wegziehen sollen, Papa,« sagte sie, »sondern lieber mit dem großen Löffel den Schaum herunter nehmen, wie es Clara macht.«

»Nun, wenn du es besser weißt, kleiner Hofmeister, so thu' also,« bemerkte geduldig Herr Staiger, ohne von seiner Arbeit, die er wieder begonnen, aufzusehen.

Um das Gesicht des Bübchens wetterleuchtete immer noch unverkennbar etwas Wehmüthiges, das sich steigerte, sobald die kleine Schwester an den Ofen trat; denn er liebte es in dergleichen Fällen, gefragt zu werden, warum er weine. Dies geschah denn auch bald und Marie sagte: »Du hast wieder einmal geheult.«

»Das habe ich auch,« entgegnete er.

»Und warum denn?«

»Weil Papa gesagt hat, die Clara gehe fort und komme nicht mehr nach Haus zum Essen und auch nicht zum Schlafen.«

»Und deßhalb weinst du so arg?« fragte das Mädchen mit[262] sehr ernstem Tone. »Wenn Clara wirklich fort geht, so ist es gut für sie und für uns Alle. Und darüber sollen wir nicht weinen.«

»Aber dann habe ich ja Niemand mehr!« heulte das Bübchen, worauf Marie mit sehr wichtigem Tone entgegnete: »So bin ich immer noch da, und auch ich kann bald kochen und dich zu Bett legen.«

Von dem Bübchen aber wurde dieses Versprechen durchaus nicht als Trost aufgenommen, vielmehr schluchzte es stärker und sagte mit sehr kläglichem Tone: »Aber die Clara soll nicht fort – und dann hätten wir Niemand mehr – denn du bist gar nichts.«

Herr Staiger sah sich abermals veranlaßt, mit Tröstungen und Versprechungen den Wortwechsel, der sich zwischen den beiden Geschwistern zu entspinnen schien, zu Ende zu bringen, und wollte dabei versuchen, dem Bübchen begreiflich zu machen, wie man auf dieser Welt nicht immer beisammen bleiben könne, wie er vielleicht nächstens nach dem Himmel abgehe, das Bübchen selbst in die Schule und Clara auch irgendwo hin, wo sie es gut hätte. Doch war er mit seiner Rede noch nicht weit gekommen, als sich die Thüre öffnete und Clara eintrat. Der alte Mann, zufrieden, nun nicht weiter sprechen zu müssen, sagte: »Es ist wie immer ein wahrer Segen, daß du kommst; jetzt kannst du dich selbst mit ihnen abgeben.« Er wandte sich dann eilig seiner Schreiberei wieder zu und bemerkte deßhalb nicht sogleich das verstörte, bleiche Gesicht seiner ältern Tochter.

Clara ging schwankend wie im Schlafe; sie hatte die Augen auf den Boden geheftet, und erst, als sie in das Zimmer getreten war, erhob sie sie wieder und blickte die alten bekannten Gegenstände ringsum an, dann zuckte ein trübes Lächeln um ihren blassen Mund, sie schaute alsdann lange gen Himmel, und da sie zu gleicher Zeit die Hände faltete, so konnte sie ihren Thränen nicht verwehren, langsam über ihre Wangen hinab zu rollen.

»Clara, meine gute Clara!« rief das Bübchen, wobei es auf[263] sie zusprang und ihre Kniee umfaßte; »ich habe auch soeben geweint und um dich arg, arg geweint – so arg. Aber ich bin nicht unartig gewesen, gewiß nicht.«

Clara zuckte zusammen, als sei sie aus einem tiefen Traume erwacht, und beugte sich auf das Kind nieder, hob sein liebes, unschuldvolles Gesichtchen zu sich empor und küßte es heftig und wiederholt.

»Ja, er hat geweint,« sagte der alte Mann, wobei er aber fortfuhr zu schreiben; »doch war sein Kummer wie gewöhnlich nicht weit her; auch vermagst du ihn gleich zu lindern, meine gute Clara, wie du denn überhaupt nicht blos die Segenbringende der Familie, sondern auch unser Aller Trösterin – ein kostbarer Schatz bist, den wir gewiß Alle ungern verlieren werden. Aber, wie Gott will!«

»Amen!« entgegnete die Tänzerin in einem Tone des tiefsten Wehes, und darauf blickte sie abermals gen Himmel.

– »Und ich koche, liebe Schwester Clara,« sprach das kleine Mädchen wichtig thuend, »Papa hat die Suppe verschleimen lassen und der kleine Bub' hat gar nichts gesagt.«

»O ja, ich habe geschrieen,« erwiderte dieser trotzig.

»Das kann ich bezeugen,« meinte Herr Staiger lächelnd. »Er hat geschrieen und ist dabei in vollem Eifer über sein Pferd gepurzelt. – Aber warum bleibst du an der Thüre stehen, liebe Clara, und legst deinen Hut nicht ab?«

»Ja – ja – so!« versetzte die Tänzerin tief athmend.

»Du bist bekümmert, mein Kind,« sagte der Vater, der seine Brille fester an die Augen drückte und nun seine Tochter erst recht betrachtete. »Du siehst blaß aus und hast geweint. – Nun ja, ich begreife das; du kommst von einer armen, gestorbenen Freundin, und der Anblick hat dein gutes Herz so aufgeregt. Nun was macht denn die Madame – die Frau Tante? – Gott verzeihe mir, aber das ist ein schlimmes Weib. Die arme Marie, da die Sache nun einmal geschehen, ist wahrhaftig besser daran, als hier[264] auf der Welt. Aber beruhige dich, mein Kind. Komm', setz dich zu mir her. So alterirt warst du ja nie. Hast du vielleicht bis jetzt noch keinen Todten gesehen? – Doch! doch! was red' ich für Unsinn, und denke nicht mehr an unsere eigene arme, kleine Leiche! Siehst du, so leicht ist man vergessen.«

»Ja, man ist leicht vergessen,« erwiderte Clara mit leiser Stimme. Und als sie sich dem Tische näherte, an dem ihr Vater saß, legte sie Hut und Tuch ab, welches ihr die kleine Schwester dienstfertig abnahm und wobei das Bübchen nicht unterlassen konnte, einen Zipfel des Tuches mit der einen Hand anzufassen und tragen zu helfen, während er mit der andern sein hölzernes Pferd hinter sich drein schleifte.

Clara stellte sich hinter ihren Vater, legte ihre beiden Arme auf seine Schultern und ihr Gesicht auf seinen Kopf – eine Stellung, die sie häufig annahm, wenn er mit ihr sprach und dazu Bewegungen mit den Händen machte, was er gern zu thun pflegte. Heute aber nahm sie ihren Platz absichtlich so, denn sie konnte ihre Thränen nicht zurückhalten, die jetzt, wo die allgemeine Liebe ihrer Familie ihr Herz erweichte und erwärmte, unaufhaltsam floßen.

»Was sagte ich doch eben?« fuhr Herr Staiger fort, indem er mit seinem Papiermesser hin und her fuhr. – »Richtig! ich meinte, es sei am Ende für die arme Marie ein Glück, so unschuldig in den Himmel zu kommen. Gott verzeihe es ihrer Tante, aber durch deren schauerliches Leben hat doch der Ruf der armen Marie einen kleinen Schaden erlitten. Ach! die Menschen sind so schlecht und bösartig; glaube mir, Clara, ein Wort, eine Anspielung, ein seltsamer Blick, von Einem mit Beziehung gesagt oder gethan, wird von den Andern begierig aufgegriffen und vergrößert weiter erzählt. Und das unschuldigste Gemüth, einmal vom Gifte der Verleumdung angespritzt, erhält gewöhnlich Verwundungen, die ein ganzes langes Leben hindurch nicht mehr heilbar sind.«[265]

»O gewiß, o gewiß – gewiß,« sagte Clara.

»Deßhalb aber auch hasse ich alle Verleumder, ärger als den Teufel, ärger als die Sünde. Und aus der Verleumdung entsteht oftmals die letztere, und eine reine Seele, die von schändlichen Klatschereien mit scheußlichem Gift und Geifer bespritzt wurde, fiel schon oftmals eben dadurch der Sünde anheim. Der Glaube an ihre Reinheit war verloren, die Liebe zu den Nebenmenschen erschüttert und die Stützen gebrochen, welche sie aufrecht erhielten, und da sank so ein unglückliches Geschöpf immer tiefer und tiefer. – Fluch über solche, die mit dem guten Namen ihres Nebenmenschen spielen und so oft ein ganzes Lebensglück zerstören!«

»Ja, ja, ein Lebensglück zerstören,« hauchte Clara.

»Aber warum weinst du so heftig, liebe Clara?« sprach der alte Mann, indem er sich halb umwandte. »Ich fühle deine heißen Thränen auf meinen Kopf fallen, dich haben doch meine Worte nicht betrübt? – Wie wäre das möglich? Dein Lebensglück fängt erst an aufzublühen; gewiß, mein Kind, du stehst rein da, dein Ruf ist unbefleckt. Wer sollte sich an ihn wagen?«

»Vater! Vater!« entgegnete die Tänzerin mit leiser Stimme »und sie haben das doch gethan.«

»Was? – Gott im Himmel!« erwiderte erschrocken der alte Mann. »Dir hätte man Uebles nachgesagt – dir, Clara? – O nein, das ist unmöglich!«

»Es ist so, Vater; ich komme soeben von der Marie, ich habe zum letzten Mal ihr Haar gemacht und den Kranz darin befestigt, den sie nie mehr ablegen wird. – O Gott! o Gott!« rief sie in lautes Weinen ausbrechend; »warum bin ich nicht an ihrer Stelle, Warum hat sie mir nicht diesen Liebesdienst erzeigt?«

»Stille! stille!« sagte Herr Staiger; »stille, Clara! Die kleinen Kinder dort geben Achtung und wissen nicht, was das bedeuten soll.« Er faßte ihre beiden Hände und zog seine Tochter sanft hinter seinem Stuhle vor, damit er ihr in's Auge sehen konnte.[266] »Du hast gelitten, arme Clara,« sprach er nach einer Pause kopfschüttelnd, »sehr, sehr gelitten. Das ist nicht mehr dein gutes, unbefangenes Gesicht; sage deinem Vater, was es gegeben hat, ich kann dir rathen und vielleicht auch helfen.«

»Helfen gewiß nicht,« erwiderte sie mit traurigem Lächeln; »es ist Alles, Alles aus. O Vater! es war aber auch zu schön; es konnte nicht so kommen, wie ich es mir in entzückenden Träumen ausgedacht.«

Herr Staiger nickte mit dem Kopfe, als wollte er sagen: ich verstehe. Dann fragte er: »Du hast Arthur gesehen?«

»Ja, Vater.«

»Doch nicht bei jener Frau Becker?«

»Doch, Vater, er war da, und die Frau sagte, er sei ein Bekannter von ihr.«

»Hm! hm! Das will mir nicht besonders gefallen. – Und dann?«

Clara schlug in Erinnerung des Schrecklichen, was sie gehört und das sie nun wiederholen sollte, ihre Hände vor das Gesicht und brachte alsdann mühsam nach einer kleinen Weile hervor: »Arthur sagte mir, zwischen uns sei Alles zu Ende, er lasse mich fallen, tief, tief hinab fallen. Ach! und er hat Recht: bei seinen Worten stürzte ich so tief darnieder, daß Alles um mich her schwarz und traurig ist, – so tief hinab, daß ich nicht einmal mehr weiß, ob es noch einen Himmel gibt.«

»Kind! Kind!« erwiderte der alte Mann, »das sind ja schreckliche Reden! – Aber was sagte er dir eigentlich?«

»Er sprach viele, viele Worte, aber ich hörte nur immer und immer fort, daß es mit uns Beiden aus sei, und sah, wie er die Hände gegen mich ausstreckte, als wollte er mich weit von sich stoßen. – Ah!« seufzte sie und ein Schauder durchflog ihren Körper.

Das Bübchen hatte sich unterdessen näher geschlichen, hatte Clara's Knie umfaßt und schon einige Zeit, ohne daß es Jemand[267] bemerkt, ebenfalls heftig geweint. Jetzt schluchzte es aber so laut, daß der alte Mann aufmerksam werden mußte und das Kind sanft von seiner Schwester wegzog. »Du mußt nicht so weinen, Karl,« sagte er; »was hast du denn?«

»Die Clara weint ja auch,« entgegnete das Bübchen, »und es ist doch wahr, was du vorhin gesagt; sie weint, weil sie fortgehen soll. Nicht wahr, Clara, du willst fortgehen?«

»Nein, mein Kind!« rief das Mädchen, wobei sie ihre Arme um den Hals des kleinen Bruders schlang; »ich gehe nicht fort, gewiß nicht, ich bleibe bei euch; will auch nicht mehr weinen, denn ich kann vielleicht doch wieder froh werden. Ihr liebt mich ja Alle, unveränderlich und treu, und wißt es, daß ich eure gute, gute Clara bin.«

Während dem war an die Thüre geklopft worden, ohne daß es die Gruppe am Tische des Vaters gehört hatte. Nur das kleine Mädchen, das in großer Wichtigkeit mit ihrem Kochlöffel am Suppentopfe stand, hatte es vernommen und keck »herein!« gerufen.

Die Thüre öffnete sich und Mademoiselle Therese trat in das Zimmer. Sie war wie immer sehr elegant gekleidet; doch lag in der Art, wie sie heute ihren langen Shawl um sich herum gezogen, ja man hätte sogar glauben können, in der Weise, wie sie ihren Hut aufgesetzt hatte, noch etwas Herausfordernderes als gewöhnlich. Sie trug ihren Kopf so hoch als möglich, blieb aber überrascht auf der Schwelle stehen, als sie Clara und ihren Bruder weinen und den alten Herrn sehr ernst vor sich niederblicken sah.

Sobald Clara die Eingetretene bemerkte, versuchte sie ihre Augen zu trocknen, ja sie lächelte, als sie der schönen Tänzerin entgegen trat und als sie sagte, sie freue sich über ihren Besuch.

Therese machte dem Herrn Staiger eine freundliche Verbeugung, nickte den Kindern zu und zog dann, ohne weitere Umstände zu machen, Clara mit sich in die Fensternische, wo sie zu ihr mit gedämpfter Stimme sprach: »Du weißt, mein Kind, ich bekümmere[268] mich sonst nur um anderer Leute Sachen, wenn man mich dazu auffordert. Diesmal aber gehe ich von dieser Regel ab und du wirst mir eine Frage erlauben. – Du warst vorhin bei der Becker?«

»Ja,« sagte Clara.

»Da sahst du Herrn Arthur Erichsen? – Er hat dich schlecht behandelt, wie die Becker sagte, denn er stürzte wie ein Wahnsinniger fort und du bliebst in Thränen zurück. Ja, in Thränen,« sprach sie heftiger, als Clara das verleugnen zu wollen schien; »sie fließen noch, gestehe es mir, er hat dich schlecht behandelt. – Herr Gott im Himmel! soll denn diesen Leuten Alles ungestraft hingehen?« Damit schlug sie ihre feinen Handschuhe heftig zusammen. »Armes Mädchen! Was kann man von dir Uebles denken? – Du, die Beste von uns Allen! – Nun,« fuhr sie sonderbar lachend fort, »das wäre gerade nicht zu viel gesagt, aber du, so gut und brav, daß sich sämmtliche Mädchen der Residenz ein Muster daran nehmen könnten! – Sage mir um's Himmels Willen, Kind, was ist denn vorgefallen? Gib mir Erlaubniß und ich setze ihm seinen Kopf zurecht. Ich will mit ihm reden.«

»O nein, nein! um Gotteswillen nicht!« bat Clara. »Was es gab, das kann für jetzt nur in meinem Herzen verschlossen bleiben; später will ich es dir vielleicht sagen.«

»Später, wenn wohl Alles verloren ist,« entgegnete Therese wegwerfend. »Clara, du bist zu gut und zu eigensinnig; es wäre mir eine Freude gewesen, einmal mit den Herren anzubinden, – denn,« fuhr sie mit entschlossenem Tone fort, »mit einem Andern aus der Familie habe ich ein sehr ernstes Wort zu reden.«

»Ich bitte dich, liebe Therese,« versetzte Clara, »laß das gut sein. Glaube mir, ich danke dir für deine Theilnahme. Aber – über das, was er mit mir sprach, läßt sich kein Wort weiter verlieren.«

Die Andere zuckte heftig mit den Achseln, warf den Kopf empor und sagte: »Du hast meinen guten Willen gesehen, und ich nehme dir auch gar nicht übel, daß du mich abweisest. Das magst[269] daraus entnehmen, wenn ich dich versichere, daß ich zu jeder Zeit bereit sein werde, für dich einzutreten, – denn,« setzte sie mit sanfter, fast weicher Stimme hinzu, »ich habe dich sehr lieb, meine gute Clara. Wenn ich dich so ansehe, so denke ich mir immer: so hätte ich auch werden mögen. – Bah! 's hat anders kommen sollen, und ich halte mich noch immer viel zu gut für diese miserable Welt.«

Damit legte sie ihre beiden Hände auf Clara's Haar, drückte einen langen Kuß auf deren kalte Stirne und war gleich darauf ebenso plötzlich verschwunden, wie sie gekommen war.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Marie hatte unterdessen den Tisch gedeckt, den Bruder und das fremde Kind daran gesetzt, Beiden einen weißen Lappen umgebunden, damit sie sich beim Essen nicht schmutzig machen möchten, und sagte nun mit sehr wichtigem Tone: »Jetzt ist die Suppe fertig! Auch braucht Niemand mehr Salz dazu zu thun, denn ich habe zwei große Löffel voll hinein geworfen.«[270]

Quelle:
Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben, 5 Bände, Band 5, in: F.W.Hackländer’s Werke. Stuttgart 31875.
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