Vierunddreißigstes Kapitel.

Er! –

[142] »Was ist das?« fragte entsetzt das junge Mädchen, indem sie sich erhob und ängstlich lauschte.

»Es wird der im schwarzen Fracke sein, dem du vorhin seine Frage bejahtest. Er kommt nun, wie er mit dir ausgemacht.«

»Aber ich habe nichts mit ihm ausgemacht!« schrie das Mädchen im Tone der Verzweiflung. »Nichts! nichts! Gott erbarme sich meiner! – O helfen Sie mir! was soll ich thun?«

»Mit mir ziehen, dich unter meinen Schutz begeben,« entgegnete ruhig das Harfenmädchen, ohne den Kopf zu erheben, – »aber warum sich auch so gewaltig sperren? – Oder ihm folgen!«[142]

»Eher den Tod! – ich stürze mich dort zu dem Fenster hinaus.«

»Bist du so tugendhaft?« fragte Nanette mit einem zweifelhaften Lächeln.

Die Andere gab keine Antwort, sondern starrte mit weit aufgerissenen Augen nach der Thüre.

»Gewiß und vollkommen tugendhaft?« fuhr das Harfenmädchen dringender fort zu fragen, und richtete sich halb empor, um die Antwort ihrer Gefährtin besser vernehmen zu können.

Doch schien diese den Sinn der Frage nicht gleich zu verstehen, und als sie ihn endlich begriffen, zuckte sie zusammen, blickte empor und sagte mit aufgehobener Hand: »Ja, ja! bei Gott im Himmel! ja!«

»Ah! wenn das ist,« sprach lustig Nanette, »so wollen wir diesen Tölpel ablaufen lassen; das wären Perlen vor die Säue geworfen!«

Jetzt öffnete sich langsam die Thüre; der Mann, von dem das Harfenmädchen vorhin gesprochen, und der sich drunten zum Beschützer der Andern aufgeworfen, erschien wirklich und blickte vorsichtig in das Gemach. In der Hand trug er ein ausgelöschtes Licht. – »Das ist heute ein furchtbarer Sturm,« sagte er lächelnd; »wo der Wind die geringste Oeffnung findet, da fährt er herein.«

»He, was soll's?« rief Nanette, indem sie sich halb erhob und dabei eine Faust unternehmend in die Seite stemmte. »Wollt Ihr vielleicht Euer Licht bei uns anzünden? – Nun, darauf soll es mir meinetwegen nicht ankommen.«

»Das weniger,« entgegnete grinsend der Eingetretene; ich hätte wohl die Absicht, euer Licht ebenfalls auszulöschen.

»Nun, ich will Euch was sagen, Sträuber,« erwiderte das Mädchen mit bestimmtem Tone, »für Eure schlechten Spässe sucht Euch ein anderes Zimmer. Wir haben das unsrige bezahlt und wollen Ruhe haben.«[143]

»Man will auch von dir nichts, du böses Maul!« sagte der im schwarzen Frack. »Nimm dich in Acht, sonst sollst du es büßen.«

Trotz dieser Drohung blieb er aber ruhig an der Thüre stehen.

»Von wem willst du denn sonst etwas?« fuhr das Harfenmädchen fort, indem sie sich von ihrem Stuhle erhob. »Vielleicht von meiner Schwester? – Willst du sie vielleicht verkaufen, Sklavenhändler, Seelenverkäufer!«

»Von deiner Schwester? -hahaha!- du würdest dich freuen. Das ist aber eine ganz andere feinere Race als die eurige.«

»Mag es nun eine Race sein, welche es will, so sage ich dir, sie ist für dich nicht gewachsen, und wenn du dich nicht bald aus dem Zimmer hinaus machst, so komme ich dir entgegen; und ich glaube, du kennst mich.«

»Du bist eine wilde Katze,« versetzte giftig der Andere. »Und wenn du meinst, ich hätte Lust, mich mit dir herumzuschlagen, so irrst du dich gewaltig. Ich will nur den Lakaien herauf holen, der soll dich halten und dann kannst du zusehen.«

»O, ich habe vor euch Beiden keine Angst, ihr Jauner, ihr miserable! – Nicht wahr, bei ein paar armen Mädchen habt ihr große Mäuler. Soll ich den Mathias bitten, herauf zu kommen? Warte nur, Sträuber; aber ich sage dir im Guten, nimm dich in Acht!« Dabei ging sie einige Schritte vor, und während sie ihm eine ihrer geballten Fäuste entgegen warf, blitzten ihre Augen. »Dieser Abend ist noch nicht vorüber, und es müßte mich Alles trügen, wenn der Johann nicht noch käme. Da will ich dann sehen, was du für ein Gesicht machst, du Vieh, wenn ich mich über dich beklage.«

Diese Drohung, so versteckt sie auch war, machte doch auf den Herrn Sträuber einen sichtlichen Eindruck. Er versuchte zu lächeln und sagte: »Du bist doch in Wahrheit eines der verwegensten Weibsbilder, die ich je gesehen. Von dir will ja eigentlich Niemand etwas, ich halte mich an die Andere; und bin ich nicht in[144] meinem vollkommenen Rechte, wenn ich herauf komme, hat sie drunten nicht Ja gesagt?«

»Ja hat sie allerdings gesagt,« erwiderte das Harfenmädchen, indem sie jetzt ihre beiden Arme in die Seiten stemmte. »Aber weßhalb hat sie es gesagt? – Du wirst dir doch wohl nicht einbilden, daß es ihr Ernst war? – Sie hat Ja gesagt, weil sie sich vor dem Schuft, dem Lakaien, fürchtete. Das wirst du wohl begreifen; für so dumm halte ich dich doch nicht.«

Jetzt hörte man drunten im Hause eine helle Glocke mehrmals anschlagen, und der eigenthümliche Ton derselben klang scharf durch die gewölbten Gänge.

Herr Sträuber zog plötzlich die Augenbrauen in die Höhe, ließ die Unterlippe herab hängen und lauschte aufmerksam.

»Das wird an der kleinen Hinterthüre sein,« sprach Nanette; »Johann kann nach Hause kommen.«

»Nein, nein,« entgegnete der im schwarzen Frack eifrig, indem er die Thürklinke wieder in die Hand nahm, »das ist ganz was Anderes – horch! ich kenne die Glocke.« Dabei erbebte er sichtlich, gerade wie Jemand, den ein plötzlicher Frost überweht oder ein großes Entsetzen anwandelt.

»Was gibt es denn?« fragte jetzt auf einmal das junge Mädchen, welches die Veränderung an dem vorhin noch so kecken Herrn Sträuber bemerkte.

»Ich weiß nicht,« entgegnete dieser mit leiser Stimme; »aber es gibt was. – Horch!« Dabei hielt er den Kopf auf den Gang hinaus. – Aber, sagte er plötzlich, »löscht euer Licht aus, es darf kein Schein davon die Treppe hinab fallen.«

»Ist das nicht eine neue Finte von dir?« fragte argwöhnisch Nanette.

»Nein! nein! sei verdammt!« erwiderte er unruhig, – »aber halte dein Maul! Wenn du das Licht nicht auslöschen willst, so[145] komm mit vor die Thüre, oder bleib drinnen, wie du willst, aber laß sie mich in's Schloß ziehen. – So – leise!«

Das Harfenmädchen hatte dem Mann einige Augenblicke forschend in's Gesicht gesehen, als sie aber da nichts von Hinterlist und Falschheit entdecken konnte, vielmehr nur den Ausdruck des Schreckens sah, so siegte die weibliche Neugierde und sie trat mit ihm auf den finstern Gang hinaus.

Einen Augenblick herrschte tiefe Stille in dem weiten Gebäude, dann aber hörte man den Klang der kleinen Glocke wieder, und darauf hin wurde in einem Stockwerke tiefer eine Thüre geöffnet, man vernahm schwere Männerschritte auf den Steinplatten des Korridors und es wurde eine Stimme laut, welche ängstlich fragte: »Nun was soll's denn eigentlich? – Treibt doch keinen schlechten Spaß mit mir!«

»Der Lakai!« sagte das Mädchen.

»Ja, der Lakai,« antwortete schaudernd Herr Sträuber.

Jetzt verwandelte sich drunten die Stimme desselben aus einem scherzhaften und bittenden Tone in einen trotzigen und widerspenstigen. – »Nun ja,« hörte man ihn sprechen, »was soll's denn? Darnach habe ich wohl ein Recht zu fragen. Wenn ich nach Hause will, so kann ich das thun. – Wer hat ein Recht, mich zu halten?«

Hierauf vernahm man die Schritte wieder, doch statt daß sie wie vorhin in gleichmäßigem Tempo klangen, trampelten sie jetzt eine kleine Weile unordentlich durch einander. Dann hörte man ein Aechzen aus tiefer Brust und hierauf ein Schleifen, als schleppe man eine schwere Last mit sich fort.

»Alle Heiligen!« sagte das Mädchen, »steht uns in Gnaden bei! – da hat's ein Unglück gegeben.«

»Noch nicht,« entgegnete schaudernd Herr Sträuber, »aber es gibt wahrscheinlich eins.« – Dabei horchte er mit erneuter Aufmerksamkeit.[146]

Nachdem das Schleifen da drunten ein paar Sekunden gedauert, hörte man eine andere tiefe Stimme sagen: »Nun, wenn du lieber auf den Füßen gehen willst, ist es mir auch recht; aber laß allen Widerstand, der ist hier vergebens.«

Darauf stieß der Lakai einen tiefen Seufzer aus und entgegnete: »Ich will ja thun, was man verlangt.«

Endlich verklangen die Schritte in die Ferne, es schloß sich wieder eine Thüre und Alles war todtenstill wie vorher.

Die Beiden oben an der Thüre lauschten noch eine Weile, dann trat der Herr Sträuber langsam in das Zimmer zurück. Nanette folgte ihm. – »So sprecht denn!« sagte sie, »was kann es denn da unten geben?«

»Weiß ich's!« entgegnete er verlegen, indem er die Achseln zuckte.

»Ihr wißt mehr, als Ihr sagen wollt. Kanntet Ihr den Klang jener Glocke?«

»Bst! – bst!« machte Herr Sträuber und zog das Mädchen weiter mit sich in's Zimmer hinein. – »Er ist im Hause –«

»Er?« fragte das Mädchen erschreckt.

»Ja, ja, er,« erwiderte der Andere. »Und ich mache, daß ich fort komme, – wenn die Thüre überhaupt heute Nacht noch geöffnet wird,« setzte er nachdenkend hinzu. »Schlaft ruhig! was gehen euch die Geschichten da unten an! Gute Nacht!«

Damit schlich Herr Sträuber zur Thüre hinaus und schritt leise durch den Gang und die Treppen hinab.

Das junge Mädchen im Bette hatte sich halb erhoben und saß da, ein Bild der Angst und des Jammers. Ihr blondes Haar hatte sich aufgelöst und hing über ihr bleiches Gesicht herab, ohne daß sie den Versuch machte, es wegzustreichen. Auch sie hatte drunten verworrene Stimmen und Schritte gehört, hatte das natürlicherweise für eine Gefahr gehalten, die sie bedrohe, und zitterte am ganzen Körper. Erst nachdem Herr Sträuber wieder das Zimmer verlassen, athmete sie tief auf und beruhigte sich etwas.[147]

Nanette trat gedankenvoll an das Bett und sagte: »Leg' dich nur ruhig hin; an uns denkt heute Niemand mehr. Aber du kannst ein klein wenig auf die Seite rücken, ich will mich auch niederlegen, wir haben Platz genug. Vorher aber will ich das Licht auslöschen.«

»Lassen Sie es lieber brennen,« bat das junge Mädchen.

»Nein, das ist gegen die Hausordnung,« entgegnete eifrig die Andere, »man sähe drunten vom Hofe das erleuchtete Fenster, und ich möchte um Alles in der Welt keine Ursache zu irgend einer Klage geben. – Nein, gewiß nicht!« Damit that sie, wie gesagt, drehte die Talgkerze in dem Leuchter um, um sie auszulöschen, warf ihr Oberkleid von sich und legte sich zu ihrer Gefährtin auf das schmale Feldbett, das unter der doppelten Last bedenklich krachte, auch kaum Platz für die beiden bot. Die Mädchen aber behalfen sich so gut wie möglich, theilten sich in die Decke und bald zeigten die tiefen und regelmäßigen Athemzüge des Harfenmädchens an, daß sie ruhig entschlummert sei.

Die Andere wollte nicht so bald der freundliche Schlaf in seine Arme nehmen; wohl preßte sie die Hand auf ihr heftig klopfendes Herz, wohl schloß sie die Augen und suchte mit Gewalt die Erinnerung der vergangenen Tage zu verdrängen, und dann senkte sich auch wohl auf Augenblicke ein leichter Schlummer wie ein durchsichtiger Nebel über sie hin. Doch entrückte er sie nicht der Wirklichkeit: er flog über sie hin, ein leichter, durchsichtiger Hauch, hinter dem schreckliche, hohnlachende Gestalten um so seltsamer ihr Wesen trieben, und den ein tieferer Athemzug, ein lauterer Herzschlag plötzlich durchriß, um wieder auf sie einströmen zu lassen, die schreckliche, fürchterliche Wirklichkeit. – Dann fuhr das Mädchen empor, strich sich angstvoll die Haare aus dem Gesicht und blickte um sich; doch konnte sie nichts erkennen: die dichteste Finsterniß herrschte in dem Gemach, und nur ein leichter unbestimmter Schein ließ die Stelle ahnen, wo sich die Fenster befanden. Nach wie vor sauste der Wind durch die zerbrochenen Scheiben, er heulte um die[148] Ecke des Gebäudes und durch die winkeligen Höfe. Der einzige freundliche Ton, der an das Ohr des armen Mädchens schlug, war eine mitleidige Glocke, welche die zehnte Abendstunde anzeigte.

»O Gott! noch so früh!« seufzte sie. Und dann legte sie sich wieder neben ihre Gefährtin hin, bemühte sich, ruhig zu sein, und derselbe schreckliche Zustand zwischen Wachen und Schlafen kam wieder über sie. – Sie hatte jenen Diebstahl in der That begangen, sie floh, man verfolgte sie. Jetzt stand sie an der Dornenhecke, die den kleinen Garten umschloß, wo sie schon so glücklich gewesen; jetzt sah sie die Blutflecken auf dem weißen Schnee und flog mit den Raben über das Feld hinweg; aber sie wollten sie nicht unter sich dulden und hackten auf sie los, so daß sie zur Erde niederstürzte und, an allen Gliedern gelähmt, langsam fortkroch. – So bewegte sie sich mühsam dahin, immer ihre Verfolger dicht hinter sich, immer eine Faust in ihrem Nacken, die nach ihr faßte und die mit jedem Pulsschlage näher kam; und es schien Jahre zu dauern, bis sie die schützenden Mauern erreichte, hinter denen sie sich jetzt befand. – Ah! endlich einen Augenblick Ruhe! – Die Nebel um ihr Haupt wurden dichter und dichter, die Gestalten verschwammen im einfachen Grau; sie schienen von unten herauf zu zerschmelzen: Füße, Körper und Arme all' der phantastischen Gestalten schwammen weit aus einander und wurden immer undeutlicher, nur die schrecklichen Köpfe waren noch längere Zeit zu erkennen, die Köpfe mit den seltsam lachenden und grinsenden Gesichtern, und vor Allem die unzähligen starren Augen, die sie leuchtend und unverwandt anblickten. – Lange, lange noch sah sie diese Augen durch den Nebel durchschimmern, als die Gesichter schon längst verschwommen waren, zuerst als wirkliche Augen, dann als glänzende Punkte, die langsam zurückwichen, und endlich nur noch lebhafte blaue und grüne Ringe, die zuletzt ebenfalls in Nichts zerflossen. –

Quelle:
Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben, 5 Bände, Band 2, in: F.W.Hackländer’s Werke. Stuttgart 31875, S. 142-149.
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