Zweiter Auftritt

[40] Ida. Adele, sehr elegant gekleidet.


IDA erregt. In der Tat, ich kann nicht genug staunen, dich hier zu finden!

ADELE ebenso. Und ich kann nicht genug staunen über dein Erstaunen.

IDA. Hast du denn einen Freund hier?

ADELE. Noch nicht; aber wenn ich ihn hier finden wollte, brauchte ich nicht lange zu suchen.

IDA. Aber um Himmels willen, sag mir nur, wer dich eingeladen hat?

ADELE. Wer? Mir scheint, mein Schwesterchen will sich lustig machen über mich. Oder sollte es den Brief an mich im Schlaf geschrieben haben?

IDA. Ich – ich hätte an dich geschrieben?

ADELE. Mit der dringenden Bitte, mich frei zu machen und in großer Toilette in der Villa Orlofsky zu erscheinen.

IDA. Das hätte ich dir geschrieben?

ADELE. Oder der größeren Deutlichkeit wegen schreiben lassen.

IDA. Ich weiß von nichts. Sicher hat sich jemand einen Spaß gemacht.

ADELE. Wehe dann dem Spaßvogel! Ich lasse unsere alte Tante sterbenskrank werden, lasse ihr erst einen Esel, dann einen Schweinskopf verschreiben, bade mich in Tränenfluten, bis ich einen Ausgang erjammere, mache heimlich eine Zwangsanleihe aus der Garderobe meiner Gnädigen, schwebe reizend wie eine Feenkönigin daher und werde von meiner Schwester empfangen, als ob ich fünf Gulden von ihr ausleihen wollte. Aber so tief sind wir noch nicht gesunken, Gott sei Dank!

IDA. Aber ich bitte dich! Bedenke nur selbst, du ... ein Stubenmädchen in unserer Gesellschaft!

ADELE. Nun, gar zu viel darfst du dich nicht mit deiner[40] Charge brüsten, solange du noch im letzten Glied des Korps der Rache figurierst!

IDA. Bitte recht sehr: zweite Quadrille, erste Figur!

ADELE. Alle Hochachtung!

IDA. Indes, du siehst nicht übel aus ... da bist du einmal ... niemand kennt dich hier. Ich will es wagen, dich als Künstlerin vorzustellen.

ADELE. Als Künstlerin? Nun, vielleicht akzeptiert man mich dafür.

IDA. Man kommt! Spiel deine Rolle gut, sonst blamierst du mich und dich!

ADELE. Ich werde mir alle Mühe geben.


Quelle:
Johann Strauß: Die Fledermaus. Text nach H. Meilhac und L. Halévy von C. Haffner und Richard Genée, Stuttgart 1976, S. 40-41.
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