Elfter Auftritt

[79] Rosalinde. Alfred. Eisenstein in der Maske Blinds.


EISENSTEIN für sich. Ha, die Treulose ist bei ihm! Jetzt Fassung und Ruhe; ich muß erfahren, wie sie miteinander stehen!

Nr. 15. Terzett


ROSALINDE.

Ich stehe voll Zagen,

Was wird er mich fragen?

Darf ich es wohl wagen,

Ihm alles zu sagen?

Die Situation

Erheischt Diskretion![79]

ALFRED.

Um Rat ihn zu fragen,

Muß alles ich sagen,

Warum denn verzagen?

Wir werden ihm klagen

Die Situation.

Er hilft uns dann schon!

EISENSTEIN.

Pack ich ihn beim Kragen,

So wird er nichts sagen.

Möcht nieder ihn schlagen,

Doch darf ich's nicht wagen,

Darf nicht einmal drohn

Dem falschen Patron! –


Mit verstellter Stimme.


Jetzt bitte ich, die ganze Sache

Mir haarklein zu erzählen,

Nicht das geringste zu verhehlen,

Indeß ich mir Notizen mache.

ROSALINDE.

Der Fall ist eigentümlich,

Wie Sie gleich werden sehn.

ALFRED.

Sogar verwickelt ziemlich,

Das muß man eingestehn.

EISENSTEIN.

Nun denn, so geben Sie zu Protokoll,

Worin ich Sie verteid'gen soll!

ALFRED.

Ein seltsam Abenteuer

Ist gestern mir passiert,

Man hat mich aus Versehen

Hier in Arrest geführt,

Weil ich mit dieser Dame

Ein wenig spät soupiert.

EISENSTEIN heftig.

Ein Glück, daß es so kam,

Sie handelten infam!

ALFRED.

Was kommt denn Ihnen in den Sinn?

Sie soll'n mich ja verteid'gen!

EISENSTEIN faßt sich.

Verzeihn Sie, wenn ich heftig bin,

Der Gegenstand reißt so mich hin.

Ich wollt' Sie nicht beleid'gen, nein,

Ich will Sie ja verteid'gen!

ROSALINDE, ALFRED.

Mein Herr Notar, das war fürwahr[80]

Sehr sonderbar, sehr sonderbar!

Nur ruhig Blut, denn solche Wut

Macht sich fürwahr nicht gut!

EISENSTEIN.

Was ich erfahr, verwirrt fürwahr

Mich ganz und gar.

Drum ruhig Blut,

Ich muß die Wut

Verbergen jetzt noch gut!

ROSALINDE.

Das Ganze war ein Zufall,

Nichts Übles ist passiert,

Doch würd' bekannt es werden,

Wär' ich kompromittiert,

Da sicher mich mein Gatte

Für schuldig halten wird!

EISENSTEIN heftig.

Da hätt' er auch ganz recht;

Sie handelten sehr schlecht!

ROSALINDE.

Was kommt denn Ihnen in den Sinn?

Sie soll'n mich ja verteid'gen!

EISENSTEIN faßt sich.

Verzeihn Sie, wenn ich heftig bin,

Der Gegenstand reißt so mich hin.

Ich wollt' Sie nicht beleid'gen, nein,

Ich will Sie ja verteid'gen!

ROSALINDE, ALFRED.

Mein Herr Notar usw..

EISENSTEIN.

Was ich erfahr usw..

Ich bitt, mir alles zu gestehn

Und nichts zu übergehn.

Ist kein Detail mehr übersehn,

Ist weiter nichts geschehn?

ALFRED.

Was sollen diese Fragen hier?

ROSALINDE.

Mein Herr!

EISENSTEIN.

Ich bitte zu gestehn,

Ist weiter nichts geschehn?

ROSALINDE.

Mein Herr, was denken Sie von mir?

Was sollen diese Fragen hier?

EISENSTEIN.

Ich frag Sie aufs Gewissen,

Ist weiter nichts geschehn?

Denn ich muß alles wissen!

ROSALINDE, ALFRED.

Mein Herr! Mein Herr!

ROSALINDE.

Es scheint fast, als empfinden Sie[81]

Für meinen Gatten Sympathie.

Drum muß ich Ihnen sagen,

Ein Ungeheuer ist mein Mann,

Und niemals ich vergeben kann

Sein treulos schändliches Betragen.

Er hat die vor'ge ganze Nacht

Mit jungen Damen zugebracht,

Lebt' herrlich und in Freuden.

Doch schenk ich's nicht dem Bösewicht,

Und kommt er wieder mir nach Haus,

Kratz ich ihm erst die Augen aus

Und dann laß ich mich scheiden!

ALFRED, EISENSTEIN.

Sie kratzt ihm (mir) erst die Augen aus

Und dann läßt sie sich scheiden!

ALFRED.

Da Sie alles wissen nun,

Sagen Sie, was soll man tun?

Geben Sie uns Mittel an,

Wie man diesem Ehemann

Eine Nase drehen kann!

EISENSTEIN schlägt auf den Tisch.

Das ist zuviel!

ALFRED.

Was soll das sein?

EISENSTEIN.

Welch schändlich Spiel!

ROSALINDE.

Was soll das sein?

ROSALINDE, ALFRED.

Mein Herr, wozu dies Schrein?

ALFRED.

Nun halt ich mich nicht länger,

Was mischen Sie sich drein?

Zum Henker, Herr, wer sind Sie denn?

EISENSTEIN demaskiert sich.

Ich bin Eisenstein!!

ROSALINDE, ALFRED. Er selbst ist Eisenstein?!

EISENSTEIN.

Ja, ich bin's, den ihr belogen,

Ja, ich bin's, den ihr betrogen.

Aber rächen will ich mich

Jetzt fürchterlich!

ROSALINDE.

Hat er selbst mich doch betrogen,

Treulos hat er mich belogen

Und nun tobt er: rächen will er sich![82]

ALFRED.

Erst hat sie der Mann betrogen,

Dann hat ihn die Frau belogen,

Folglich hebt ja die Geschichte sich!

EISENSTEIN.

Ja, ich bin's, den ihr belogen,

Ja, ich bin's, den ihr betrogen,

Aber rächen will ich mich!

ROSALINDE.

Kein Verzeihn! Kein Bereun!

Ich allein will Rache schrein!

ALFRED, EISENSTEIN.

Der Eisenstein will Rache schrein!

ROSALINDE.

Kein Verzeihn, Herr Eisenstein,

Kein Bereun, Herr Eisenstein,

Rache schreie ich!

ALFRED, EISENSTEIN.

Der Eisenstein, der Eisenstein

Will Rache fürchterlich!

ROSALINDE.

So hören Sie mich endlich an!

ALFRED.

So nehmen Sie Vernunft doch an!

EISENSTEIN.

Sie wagen noch zu reden, Mann,

Und haben meinen Schlafrock an?

ALFRED.

Dies ist Ihr Schlafrock, ich gesteh ...

ROSALINDE.

Verhängnisvoller Schlafrock, weh!

EISENSTEIN.

Ha, dies Indizium

Macht sie beide blaß und stumm!

ROSALINDE.

Hat er selbst mich doch betrogen,

Treulos hat er mich belogen,

Und nun tobt er: rächen will er sich!

Kein Verzeihn, kein Bereun,

Ich allein will Rache schrein,

Rache, Rache will ich!

ALFRED.

Erst hat sie der Mann betrogen,

Dann hat ihn die Frau belogen,

Folglich hebt ja die Geschichte sich!

Der Eisenstein, der Eisenstein

Will Rache schrein,

Der Eisenstein will Rache fürchterlich!

EISENSTEIN.

Ja, ich bin's, den ihr belogen,

Ja, ich bin's, den ihr betrogen,

Aber rächen werd ich mich.

Der Eisenstein, der Eisenstein[83]

Will Rache schrein,

Der Eisenstein will Rache fürchterlich!

ROSALINDE spricht. Also du willst mir Vorwürfe machen, du willst von Treulosigkeit sprechen, nachdem ich doch ganz genau weiß Ihm seine Uhr unter die Nase haltend. wieviel es bei dir geschlagen hat!

EISENSTEIN verblüfft. Meine Uhr! Alle Teufel, an die dachte ich gar nicht mehr!

ROSALINDE. Wollen Sie wieder die Schläge meines Herzens zählen, Herr Marquis?

EISENSTEIN für sich. Sie war meine Ungarin? O ich Einfaltspinsel!

ALFRED. Also Sie sind Herr von Eisenstein?

EISENSTEIN. Ja, ich bin Eisenstein, der Besitzer dieses samtenen Weibes und dieses meineidigen Schlafrocks!

ALFRED. Ich stelle Ihnen beides mit Dank zurück.

EISENSTEIN. Sie werden mir Satisfaktion geben, und zwar sogleich!

ALFRED. Sogleich? Unmöglich! Erst werden Sie die Güte haben, sich in die Zelle Numero 12 zu begeben, deren legitimer Besitzer Sie gleichfalls sind!

ROSALINDE. Was sagen Sie?

ALFRED. Ich sage, daß Ihr Herr Gemahl seine übrigen sieben Tage absitzen soll; ich habe an dem einen genug!


Quelle:
Johann Strauß: Die Fledermaus. Text nach H. Meilhac und L. Halévy von C. Haffner und Richard Genée, Stuttgart 1976, S. 79-84.
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