22.

An Se. Excellenz Herrn Gerlach Adolf v. Münchhausen, Sr. Königl. Majestät von Groß-Britannien und Churfürstl. Durchl. zu Braunschweig-Lüneburg hochbetrauten geheimden Rath, Groß-Vogt zu Celle und königl. hohen Repräsentanten. Bei der Einweihung der Georg-Augustus-Universität, unter fremden Namen

[171] Den 17. Sept. 1737.


Der auf der erhabnen Stelle eines königl. Ministers nun die Belohnung seiner hohen Verdienste genießende Herr v. Behr, in dessen Namen dieses Gedicht unserm erlauchten Wohlthäter überreicht worden ist, wird die so lang schon verschobene Bekanntmachung desselben nicht in Ungnaden vermerken, die auf Seiten des Verfassers eine schuldige Pflicht der wahrhaftigsten Dankbarkeit ist. (Auch dieser edle Freund der Göttingischen hohen Schule lebt nicht mehr.)


Nimm, Herr! mit der gewohnten Huld

Dieß Opfer deiner Söhne!

Die Treu, die uns beseelt, begehrt von dir Geduld

Und deckt die Fehler unsrer Töne.[172]

Es ist ein Lied, durch keinen Witz geschwächt,

Und ohne Sorge schlecht.

O sieh in uns gerührter Herzen Regung,

Die, überschwemmt mit wallender Bewegung,

In ungesuchte Worte bricht;

Das wagt kein Schmeichler nicht.


Wahrheit hat ein redend Leben,

Dessen Kraft kein Witz ersann;

Was das Herz hat eingegeben,

Hat kein Heuchler nachgethan;

Künstler lernen schmeichelnd malen,

Doch die Schönheit selbst hat Strahlen,

Die die Kunst nicht schaffen kann.


O daß du niemals angehört,

Was Freunde, die sich nichts verhehlen,

Wo niemand ihre Freiheit stört,

Von dir mit wahrem Ruhm erzählen!


Er hats vollbracht, sie steht, Georg Auguste,

Und, was dem Neid unmöglich heißen musste,

Sie blüht und ist schon groß.

Ein einsam Volk, in öder Ruh erzogen,

Wird itzt der Reinlichkeit, ja selbst der Zier gewogen

Und öffnet fremdem Witz die ungewohnte Schooß.

Die Handlung streut, aus arbeitsamen Händen,

Bequemlichkeit und Reichthum aus;[173]

Die Ordnung zieht die Stadt aus ihrem Graus,

Und selbst des Eckels Klagen enden;

Der Lehrstuhl ist besetzt, und eine muntre Jugend

Lernt mit der Weisheit auch die Tugend.


Wunder von bemühter Güte!

Muster von der Tugend Kraft!

Da ein einziges Gemüthe

Ganzer Länder Wohlstand schafft;

Was wir an Augusten loben,

Alles ist dein Eigenthum;

Aus dem Staub durch dich erhoben

Wächst sie und mit ihr dein Ruhm!


Ja, deiner Klugheit muß sich endlich alles fügen,

Was das Verhängniß dir zur Prüfung vorgelegt;

Und deiner Tugend gönnt der Himmel das Vergnügen,

Daß, was du pflanztest, itzt schon frühe Früchte trägt.

Die wohlgewogne Wahl der Lehrer aller Orden,

Erkiest aus manchem Volk, aus jeder Wissenschaft,

Und denen bloß durch deiner Güte Kraft

Ein unberühmtes Land zum Vaterland geworden;

Die selbst dem Haß zu starke Huld;

Die Großmuth ungehoffter Gaben,

Die auch die Bitte nicht gekostet haben;

Dein unermüdlich Aug, an tausend Orten wach,

Für nichts zu stolz, für nichts zu schwach,

Sind es, die durch ein Meer von Hinderungen

Georg Augustens Glück errungen.

Das Elend weicht getrost von deinem Angesichte;

Du bist gerecht, doch gnädig selbst der Schuld;

Du bist gelehrt und gütig minderm Lichte;

Bemüht und voll von freudiger Geduld;[174]

Und Tugenden, die sonst sich hassen,

Beredt die Frömmigkeit, in dir sich zu umfassen.

Bescheidenster, du hörest uns nicht gern

Und wehrest deinem Ruhm, sich dir zu zeigen;

Doch Werke reden, wann wir schweigen;

Wir sagten mehrers, wärst du fern!


Eitle Ruhmsucht mag sich schämen,

Unverdientes Lob zu nehmen,

Das den innern Unwerth schilt;

Tugend darf ihr Lob wohl hören,

Will die Demuth gleich es stören,

Ist es doch ihr wahres Bild.


O sieh ein unerkäuflich Lob,

Der Helden höchsten Preis, die wahrer Werth erhob!

Von den gedrungnen Schaaren,

Die um dein Antlitz heut so emsig waren,

Ist nicht ein Herz, das nicht dir gleiche Namen giebt,

Ist niemand, der dich nicht sich selbst zu Liebe liebt.

Kein Mensch, dem nicht dein Ruhm so werth als seiner ist,

Nicht einer, der dich nicht so groß wünscht, als du bist.


Herr! so viele tausend Seelen

Haben einen Wunsch für dich,

Unsre treue Sorgen zählen

Jeden Tag, der dir entwich;

O mach einst das Glück der Kinder,

Die dich heut noch angelacht!

Und ihr Zeiten, eilt gelinder,

Die er einzig gülden macht!

Quelle:
Albrecht von Haller: Gedichte, Frauenfeld 1882, S. 171-175.
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Versuch Schweizerischer Gedichte
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