Zweytes Buch.

[74] Die ersten Tage des neuen Kaisers waren sehr unruhig. Mit der freygebigen Hoffnung der Jugend hatte sich Usong auf Persiens Thron geschwungen: jetzt aber fühlte er das Gewicht, dem er sich unterzogen hatte. Ein Fremdling, ohne angestammte Rechte des Blutes, nur seit zwey Jahren in Persien bekannt, übernahm ein unermeßliches Reich zu regieren, das seit Jahrhunderten zerrüttet, weder Gesetze, noch Ordnung, noch Verfassung gekannt hatte, und unter schwachen Fürsten beständig unglücklich, gegen seine Beherrscher aber abgeneigt geworden war. Das Kriegswesen, die Steuersachen, die Gerechtigkeit, die Sitten waren in der größten Verwirrung, und alles mußte, und mußte auf einmal, in Ordnung gebracht werden.

Mitten unter diesen Sorgen, wachte dennoch der angenehmen Liosua Angedenken auf. Die Ahndung Liewangs ist erfüllt, sagte Usong zum erfreuten[75] Scherin, geh' trage diese Geschenke, und diesen Brief, an den erlauchten Zongtu von Schensi, und an seine tugendhafte Tochter. Der Kaiser belud seinen Vertrauten mit den Seltenheiten, die er aus Europa gebracht hatte, und mit den edelsten Früchten Persiens; und Scherin verreisete. Er hatte auch den Auftrag dem ehr würdigen Timurtasch die Erhebung seines Sohnes zu verkündigen; mehrere Boten, die Usong von Anah aus zu den Mongalen abgeschickt hatte, waren bey den Unordnungen in Persien, und in den Wüsten der Tartarey verunglückt, ohne Timurtaschs Zelten erreichen zu können.

Zugleich schrieb der Kaiser an die weisen Herrscher zu Venedig, und fertigte den Riva mit einem wichtigen Auftrage, und mit kostbaren Geschenken ab.

Er aber überdachte nunmehr, wie Persiens elender Zustand zu verbessern wäre. Er sammelte alles in sein Gedächtniß, was er von den alten Weisen in China gelernt, und was er sonst vom erfahrnen Liewang gehört hatte. Er verglich es mit dem Lichte, das ihm auf seinen Reisen bey der klugen Herrschaft zu Venedig, und bey dem tugendhaften Morad aufgegangen war. Seine eigene Scharfsinnigkeit leitete ihn durch den Labyrinth,[76] und einige alte Perser, deren Verdienste er entdeckt hatte, halfen ihm zu einem Leitfaden.

Zuerst entwarf er die Ordnung seines eigenen Lebens. Mit der Sonne stund er auf, er ließ alle Thore der Burg öffnen, und in der Ordnung, wie ein jeder sich angezeigt hatte, die Perser eintreten. Diejenigen, die Bittschriften eingaben, hatten das Vergnügen, sie dem Kaiser selber einzuhändigen, und nach einiger Zeit den Entschluß abzuholen. Die Rechtssachen wurden in seiner Gegenwart vorgetragen und geschlichtet. Nach diesem öffentlichen Verhöre arbeitete Usong mit seinen Staatsbedienten über die Geschäffte des Reiches, die nach der Abtheilung, die er gemacht hatte, in Tage vertheilt waren. Auf den Abend ritt er aus, zeigte sich dem Volke, erkundigte sich um alle Umstände der Policey und der Gerechtigkeit: seine Vertrauten, die er täglich abwechselte, blieben bis in die Nacht, und gaben ihm von allen wichtigen Geschäfften die nöthige Nachricht. Usong fand kein Vergnügen an der Jagd, am Spiele, an den Mahlzeiten, an der Musik; eines Fürsten Stunden, sagte er, gehören alle seinem Reiche. Sein Vergnügen bestand in einem freundschaftlichen Umgange, und in den Büchern der Geschichte, zu denen er die heissern und unthätigen Stunden des Tages anwandte.[77]

Persien, das er nunmehr zu beherrschen hatte, war unendlich grösser als Anah. Usong konnte nicht mehr hoffen, die letzten und äussersten Zweige der untern Geschäffte des Reiches selber einzuschauen: ihm blieb übrig, getreue Diener auszusuchen, durch deren Augen er sehen könnte. Er schickte in eine jede Provinz einen Abgesandten aus1: denn so hieß er ihn, und hierzu bediente er sich mehrentheils der Männer, deren Rechtschaffenheit er in Mesopotamien erfahren hatte. Ihr Befehl war, des Volkes Huldigung anzunehmen, und ihm anzusagen, der Kaiser würde bis zum ersten Naurus2 die Steuern einrichten und ausschreiben lassen, die der Glanz des Thrones und die Bedürfnisse des Reiches erforderten; indessen erwartete er von einem jeden Perser eine freywillige Steuer, die aber derselbe nach seinen Mitteln berechnen, und dabey sich allemal die Nothdurft seines Hauses vorbehalten sollte.

Ganz Persien wurde über die Mildigkeit des neuen Beherrschers gerührt, und die Steuer übertraf, was Usong gefordert haben würde, wenn er sie selber ausgeschrieben hätte.[78]

Hierbey hatten die Abgesandten Befehl, daß ein jeder in seiner Provinz sich erkundigen sollte, wer an jedem Ort für redlich, für fähig, für tugendhaft angesehen würde. Die Männer sollten sie vor sich kommen lassen, ihre Gaben prüfen, nach ihrer Rechtschaffenheit sich immer sorgfältiger erkundigen, und aus denselben einen Vorschlag zu obrigkeitlichen Aemtern, und zu Richtern machen, so daß dem Kaiser zu jeder Stelle eine Wahl von drey Männern, und die Gründe zum Vorschlag eines jeden vorgetragen würden. Diese Wahl sollten sie bereit halten, wann der Kaiser das Land durchreisen würde, auf daß die Vorgeschlagenen sich vor ihm stellen möchten.

Usong verhielt den Abgesandten nicht, er würde es keinem vergeben, der ihn betröge, und keiner würde sein Angesicht wieder sehen, der ihm einen untugendhaften oder einen untüchtigen Mann vorschlüge; oder von dem der Kaiser ausfinden würde, daß er sich durch Gaben hätte gewinnen lassen.

Der Kaiser trat seine Reise etliche Monate vor dem Naurus an: er durchzog alle fünfzehn Landschaften seines weiten Reichs, er hielt sich in allen Hauptstädten einige Tage auf, er nahm alle Bittschriften an, ließ sich die Bedürfnisse des Landes vortragen, und prüfte selber die zu den Aemtern[79] vorgeschlagenen Männer, von denen er für ein Jahr denjenigen erwählte, der in seinen Reden am meisten Weisheit, und die lebhaftesten Empfindungen zur Tugend gezeigt hatte. Alle Vorgeschlagene wurden in die Bücher der Würdigen eingetragen, und alle Jahre mußten die Abgesandten eingeben, was für Verdienste, und was für Mängel, sie an einem jeden wahrgenommen hatten, und mit wem sie ihre Zahl zu vermehren Gründe fänden.

Usong fand die meisten Städte verfallen, viele Dörfer verlassen, und die Wasserleitungen eingegangen3, ohne die Persien eine dürre Wüste ist: Das sind die Früchte, sagte er seufzend zum Dschuneid, der untüchtigen Herrscher, die ihre Unterthanen nicht geliebt haben. Eiligst ließ er die Wassergräben räumen und aufgraben: er setzte Preise auf das Ausfinden neuer oder eingegangener Quellen: er ließ tausende von Schafen und Ochsen von seinen Freunden den Kurden einkaufen, und lieh sie den mangelnden Unterthanen ohne Zinse, so daß sie nach drey Jahren solche an die Krone zu bezahlen anfangen sollten, und noch drey Jahre von dieser Schuld sich frey zu machen übrig behielten. Er befahl von den Flüssen des innern Persiens[80] das Wasser durch woleingerichtete Gräben und Schleussen in die dürre Fläche zu leiten. Andre Preise setzte er auf fruchtbare Bäume, und zumal auf den Pflegvater der Seidenwürmer, den Maulbeerbaum, und versprach sie demjenigen, der am meisten von diesen Bäumen pflanzen wurde, halb im ersten Jahre, und die andre Hälfte für die Zahl reichen zu lassen, die nach drey Jahren übrig bleiben würde.

Zum Wiederherstellen der schadhaften Häuser bot er eine Beysteuer an. Die verabsäumten Landstrassen und Brücken sollten, wiewol erst in mehrern Jahren, alle in den besten Stand gesetzt werden, wozu die Krone zwey Drittel beyzutragen versprach, und das Land die Arbeit für den letzten Drittel thun sollte. Er versprach eine jede Provinz öfters zu besuchen, und der wird mein Freund seyn, sagte er, der seinen Acker am besten baut, und die meisten wolerzogenen Kinder dem Staate schenkt.

Ueberall berief er die Künstler und die Handelsleute; er ermunterte sie, ihm anzuzeigen, was Kunst und Natur an jedem Orte hervorbrächten, was beyde mehrers hervorbringen könnten, was die Lage und die Eigenschaften jeder Gegend für Waaren am leichtesten und wolfeilsten zu zeugen[81] versprächen: und die Mittel, wodurch diese Früchte des Fleisses, und der göttlichen Güte, verbessert und vermehret werden könnten. Alle Vorschläge wurden aufgezeichnet, und mit Verschweigung der Angeber andrer Verständigen Anmerkungen über einen jeden eingeholt. Persien ist arm, sagte Usong, aber es hat die Wurzeln zum Reichthum in sich selber.

Die Steuern schienen ihm die eilfertigste der Einrichtungen zu seyn, die er zu machen hatte. Er erinnerte sich der Pachten, die bey den Osmannen im Gebrauche waren, und der Verwaltung, die er in China gesehen hatte. Er fand unter seinen Räthen einige, die zu den Pachten riethen. Ein kleiner Staat, sagten sie, kan die Kammersachen verwalten, der Fürst kan die Rechnungen durchsehen, und den Unterschleif verhüten. Aber in einem unermessenen Kaiserthume, wie Persien, ist keine Wachsamkeit des Fürsten zureichend, zu hindern, daß das Gold der Unterthanen an den Händen gieriger Steuereinnehmer klebe: und wenn der Geiz sie nicht zu einer thätigen Besorgung ihrer Pflichten aufweckt, so entzieht ihre Saumseligkeit dem Fürsten die Hälfte seiner Einkünfte. Durch Pachten kan der Kaiser auf einmal die Einnahme seines weiten Reiches übersehen, und auch den Klagen der Unterthanen vorkommen, wenn er die Pachten[82] auf kurze Zeit hingiebt, und die Strafe der Abänderung auf alle Erpressungen legt.

Usong hatte in China gelernt, daß der Kaiser der Vater seines Volkes ist, und sein Herz fühlte diese Pflicht mit den lebhaftesten Wallungen. Nimmermehr, sagte er, werde ich das Vorrecht aus meinen Händen lassen, meinem Volke Gutes zu thun. Wann die Heuschrecken4 eine Landschaft verwüsten, soll sie dennoch die Steuern bezahlen? wann der Landmann durch eine Seuche sein Ackervieh verliert, soll er doch die Grundzinse seines Ackers entrichten, ob er schon weder pflügen noch erndten kan? Der Pachter verdoppelt alle Auflagen; er zählt auf alle nur mögliche Ungewißheit, und zieht jede nur wahrscheinliche Gefahr von dem Pachtgelde ab, das er dem Fürsten erlegen soll: so verliert der Fürst, und dem Volke preßt der Pachter durch tausend Künste so viel aus, daß er bey einer fürstlichen Pracht dasjenige seinen Lüsten aufopfern kan, wovon des Landmanns Kinder leben[83] sollten. Usong hatte bey den Osmannen die Unbilligkeit der Pachter, und das Schmachten der Unterthanen, unter einem weisen und gütigen Sultan, mitleidig angesehn.

Der Kaiser entschloß sich, China und Indostan nachzuahmen, und seine Steuern von dem Acker zu beziehen5. In Persien hatte man in den meisten Provinzen, schon seit der Regierung des weisen Nuschirwans, alle Felder des weiten Reiches in Büchern verzeichnet, und mit ihren Massen ausgemarchet, weil die unentbehrlichen Wasserleitungen nach dem Maasse eines jeden Ackers abgetheilt werden mußten. Usong erinnerte sich, daß in Indostan die alten Könige, die man wegen ihrer Güte vergöttert hat, drey Zehendtel von den Früchten[84] des Feldes für ihren Antheit genommen hatten, und bey dieser Steuer fanden die Völker ihre güldenen Zeiten. Persien kan minder tragen, sagte er, als die Reißfelder am reichen Ganges und am Caweri6: ein ärmeres Volk bedarf Hülfe und Nachsicht, und die Bedürfnisse des Staates erfordern keine grössere Auflage. Er belegte einen jeden Morgen fruchtbaren Landes jährlich mit einer halben Unze. Silbers, die nicht völlig den zwölften Theil des Betrages der Erndte machte, und es blieb noch eine unermeßliche Strecke Landes übrig, die man als Krongüter verpachten, oder andere öffentliche Ausgaben darauf anweisen, oder endlich den Leidenden damit beyspringen konnte.

Die Steuern in einem Reiche, sagte Usong zu seinen Räthen, müssen so einfach seyn, daß sie von den Stadtobrigkeiten bezogen werden können. Sobald sie, wie in Europa, vielfach und verwickelt sind, so erfordern sie eigene Bedienten, und so entsteht ein Heer von Geyern, die das Herz der Unterthanen verzehren, und die der Fürst dennoch ernähren muß. In Persien soll ein jeder Landmann, nach dem Maasse seiner Güter, das Silber dem Rathe in der nächsten Stadt entrichten: dieser soll es dem Schatzmeister der Provinz zustellen,[85] und also soll die Abgabe, ohne Abzug und ohne Last, des Herrn oder des Volkes, in den allgemeinen Schatz der Krone kommen. Da die Auflage durch das Maas der Aecker unveränderlich bestimmt ist, so ist kein Irrthum möglich, und die Behändigung hat keine Schwierigkeit. Bey der mäßigen Auflage wird Persien nicht verarmen, und der Kaiser dennoch reich seyn7.

Geht ein strafendes Ungewitter über eine Landschaft; schickt die zürnende Gottheit ihre Heere aus, alles wachsende aufzuzehren; versagt der eiserne Himmel der Erde seinen Regen, und seine Wärme, so ist es dem Kaiser ein leichtes, durch die Abgesandten die Klagen seines Volkes zu erforschen, die Grösse ihres Unglücks zu ermessen, und ihrem Untergange durch eine väterliche Schonung vorzukommen.

Neben dieser Auflage soll keine andere seyn8. Freylich könnte der arbeitsame Fleiß der Künstler etwas von seinem Erworbenen entbehren; freylich[86] könnte der reiche Wechsler zur Nothdurft des Staates von seinem Ueberflusse einen Theil abgeben. Aber die Schätzung des Erworbenen würde zu willkührlich, und die Billigkeit unmöglich seyn. Ein Künstler würde abgeschreckt, seinen Verdienst zu vergrössern, wenn er die Frucht seines Fleisses mit dem Kaiser theilen müßte, und nichts ist unerträglicher, als Auflagen, die kein gesetztes Maas haben, die die Gunst erleichtern, und der Haß verdoppeln kan.

Der Landmann selbst soll bey der Vermehrung seiner Erndten der Erhöhung der Steuer nicht unterworfen seyn, der Gewinnst soll sein Eigenthum bleiben: so wie dem Nachläßigen zur Strafe dienen wird, daß er von dem durch seinen Fehler unfruchtbar gewordenen Acker eben so viel Silber abzutragen hat, als vorher, da er in gutem Stande war.

Eine einzige Auflage behielt Usong neben der Landsteuer bey, die Zölle beym Eintritte der Waaren in das Reich. Sie wurden aber auf das geringste Maas herunter gesetzt. Des Kaisers Absicht war nicht, Schätze von der Handelschaft zu erpressen; dieser Zoll belehrte ihn aber von der Menge der ausgehenden und eingehenden Waaren. Usong machte durch denselben die Wunden ausfündig, wodurch Persien seinen Lebenssaft verlohr, und wurde gewarnt, sie zu stopfen. Er vernahm, was[87] für Waaren ins Reich kamen, die man entbehren, oder die man durch persische Waaren ersetzen konnte. Denn Usong hatte allzuviel Einsicht, daß er nicht die Nothwendigkeit gefühlt hätte, die Waagschaale bey der Handlung aufrecht zu halten. Kein Reich kan einigen Wohlstand hoffen, das einen mehrern Werth an Waaren von den Fremden jährlich annimmt, als es verschickt.

Dieses war der erste Entwurf des Kaisers in Absicht auf die Kammersachen. Sein nächster Blick gieng auf die Gerechtigkeit, und auf die Policey.

Er hatte zu Venedig deutlich eingesehen, daß das Gleichgewicht zwischen dem Kriegsstande und dem bürgerlichen, eine der ersten Sorgen des weisen Fürsten ist. Dieser Freystaat, der fast beständig Kriege führte, hatte dennoch von den Kriegsvölkern niemals die geringste Unruhe erlitten: da hingegen zu Rom so oft der Thron bald durch die Leibwache, und bald durch andere Legionen, war umgestürzt worden, und Karthago nach dem Sicilischen Kriege mehr Gefahr von seinen eigenen Heeren, als von den siegenden Römern, erlitten hatte.

Venedig wählte allemal fremde Feldherren, die keinen Anhang und keine Verbindungen im Lande[88] hatten, und die es nur für gewisse Jahre annahm, wol belohnte, und streng bestrafte. Alle Statthalterschaften, die völlige Regierung, die Gerechtigkeit, die Policey, die Steuerkammer, die Obrigkeiten, stunden niemals unter den Kriegsleuten: so blieb das ganze Volk unabhangend, und ein genugsames Gleichgewicht gegen den Ehegeiz oder die Gewalt der Kriegsmacht war erhalten.

Zu Rom war die Kriegsmacht alles. Wann der Rath zuweilen den Geist der Freyheit fühlte, und sich seiner alten Grösse erinnerte, so unterdrückte das Schwerdt der Leibwache gleich die aufsteigende Wallung. Wenige Kriegsleute stürzten den edlen Galba vom Throne, und setzten auf denselben den gefälligen Gefährten der Wollüste des verabscheuten Nero. Der Rath und das Volk war entwaffnet und ohne Kräfte. Eine zahlreiche Leibwache in einem festen Lager war für die Hauptstadt ein Joch, das sie abzuwerfen nicht vermögend war.

Usong sah es als einen Fehler an, der der Ottomannen Reich zerstören würde, daß die Stadthalter der Provinzen zugleich auch die Feldherren und die Häupter des Kriegsvolkes wären. Hier blieb gar kein Gleichgewicht, und das Volk schmachtete in der Sclaverey, es blieben keine zwey Machten,[89] die einander beobachten und in den Schranken erhalten konnten. Der Statthalter war dem Throne um desto gefährlicher, je härter die Urtheile morgenländischer Fürsten sind. Ein bewaffneter Statthalter hat bey der Auflehnung wider den Sultan nichts mehr zu befürchten, als von der leisen Verleumdung eines schwarzen Beschnittenen: der giftige Hauch des letzten ist eben so tödtlich, als das bey einem Aufstande siegende Schwerdt des Fürsten. Bey seiner Aufruhr findet der Pascha keinen unabhängenden Oberbeamten, der ihm widerstehen kan, er opfert das Volk der Kriegsmacht auf, und herrscht durch dieselbe ohne Aufsicht und unumschränkt. So lang ein Bajazid, ein Morad an der Spitze seiner Heere steht, selbst befiehlt, selbst ficht, und den Glanz des Thrones durch eigne Vorzüge verherrlicht, so lang hat das Reich der Osmannen nichts zu besorgen. Aber alle Kaiserstämme in China, sagte der kluge Zuhörer Liewangs, fiengen bey Helden an, und giengen unter Schwelgern zu Grunde. Die Wollüste des Harems, die berauschenden Vergnügungen der Sinne, werden die Sultanen nicht verschonen, ihr Reich wird sich zergliedern, und jeder Pascha selbst ein Sultan werden.

Diesen Mangel der morgenländischen Regierungen suchte Usong aufs sorgfältigste zu verhüten.[90] Er trennte von der Kriegsmacht alle Verwaltung der Schätze, der Gerechtigkeit, und der Policey. Die Bewaffneten hatten am Statthalter der Provinz, am Oberrichter, am Schatzmeister, und am wirksamsten an dem Abgesandten des Kaisers so viele wachsame Aufseher, die die ersten aufsteigenden Gedanken zu einer Auslehnung verrathen würden. Usong vermied auch, grosse Feldherren in den Provinzen zu behalten; er ließ sie am Hofe und in des Kaisers Aufenthalt leben: und die Kriegsmacht blieb unter vielen Obersten zertheilt. Er wollte auch Cohorten haben, und keine Legionen. Die Wirkung des Misvergnügens eines so grossen und innigst verbundenen Haufens ist zu groß und zu gefährlich.

Zur Policey ließ er sich durch den Abgesandten im Anfange in jedem Dorfe ein Haupt, in jeder Stadt zu den unmittelbaren Anstalten und derselben Ausführung einen Begewältigten, mit einigen Beysitzern zu den minder eilfertigen Geschäften vorschlagen. In den grossen Städten war ein Daroga, in den kleinern ein Kalentar, selbst in jedem Dorfe ein Aeltester. Diese Obrigkeiten stunden unter dem Statthalter, der mehrentheils aus ihrem Mittel, und unter denjenigen genommen wurde, die in den untern Stellen Fähigkeit und Tugend bewiesen hatten. Usong wollte, daß alle Wahlen nach Hof kämen: er begriff zwar, daß die Last für[91] den Kaiser eines so weiten Reiches zu groß seyn würde, alles selbst zu übersehen, und überließ dem Statthalter und dem Abgesandten durchgehends die untern Wahlen. Aber dennoch glaubte er, es wäre nützlicher, daß beyde diese Vorgesetzten bey einem jeden Falle erwarten möchten, der Kaiser würde die eingeschickten Gründe erforschen, und ihre Standhaftigkeit einsehen wollen. Usong that es auch sehr oft, bald bey dieser und bald bey jener Provinz, oder er übergab die Prüfung seinen Vertrauten; und niemals würde es sicher gewesen seyn, ihn betrügen zu wollen: denn in diesem Falle war er unversöhnlich.

Eben die Obrigkeiten hatten die Einnahme der Steuern, und Usong wies ihnen nach ihrem Stande allemal zureichende Besoldungen an, die sie von der Versuchung befreyten, in unrechtmäßigen Mitteln ihre Unterhaltung zu suchen; hingegen, ließ er ihnen nicht die allergeringste Möglichkeit zu andern Einkünften.

Die Gerechtigkeit hatte nunmehr ihre eigene Richter. Alles war in Persien willkührlich, und es war kein Gesetz gewesen, als die Gewalt. Usong ließ die Gesetze des weisen Nuschirwans sammlen, er befahl zu ergänzen, wo die veränderten Zeiten nothwendig eine Abänderung erfoderten,[92] und jedem Gerichtshofe eine Abschrift zu geben, nach welcher die Richter urtheilen mußten. Er behielt in allen Hauptstädten der Provinzen einen Gerichtshof, wozu er niemals die Obrigkeiten des Ortes wählte. Der Richter einziges Geschäfte sollte die Gerechtigkeit seyn. Sie wurden ansehnlich besoldet, und vom Kaiser selber geehrt. Die Mehrheit der Stimmen gab den Ausschlag, und der Weiseste, den man ausfinden konnte, hatte den Vorsitz und die Leitung. Geringe Sachen blieben bey diesem Gerichte, grössere kamen an das kaiserliche Divan, und vor die Oberrichter des Hofes, bey denen sehr oft, und an ungewissen Tagen, der Kaiser selbst auf dem Throne saß, und die Gründe der Klagenden anhörte.

Er setzte auf die bey den Morgenländern so gewöhnliche Annehmung der Geschenke nicht den Tod, denn Usong schonte des Blutes der Unterthanen, wie seines eigenen, aber die Entsetzung und die Ehrlosigkeit; er hielt auf diesem Gesetze mit unerbittlicher Strenge. Er verbot auch ihm selber einiges Geschenk zu bringen, das von einigem Werth wäre: denn sobald der Kaiser Geschenke annimmt, wird der Grosse sie gedoppelt vom Volke erpressen.[93]

Alle Jahre giengen die Abgesandten durch die Provinzen. Sie liessen sich die Bücher aufschlagen, worin die Gründe der Urtheile verwahrt lagen: sie untersuchten einen Theil der Sprüche, und wann sie Ursache fanden, der Richter Schlüsse zu misbilligen, so wurden dieselben gewarnet, bey wiederholten Fehlern aber vor den Kaiser gefodert, die Sache von den obersten Richtern, auch wol vom Kaiser selber, untersucht, und bey wiederholten und schweren Fällen die Richter entlassen, dabey aber dem Reiche bekannt gemacht, worinn sie sich vergangen hätten. Das ganze Volk hat einen angebohrnen Anspruch auf die Gerechtigkeit des Herrschers: das ganze Volk, sagte Usong, muß belehret werden, daß ich mich bestrebe, die Ungerechtigkeit von ihm abzuwenden. Auch die Unwissenheit ist ein Laster, wann sie unterdrückt.

Persien erinnerte sich an die Tage der ersten Kaiser; sie sind, sagte das Volk, wieder erneuert. Tausend Jahre lang hat seit dem Nuschirwan9 die Gerechtigkeit das Reich verlassen, aber Usong hat sie vom Himmel wieder zu uns gebracht.[94]

Das Kriegswesen bekümmerte den Kaiser. Er konnte sich selber nicht verbergen, daß eine stehende Kriegsmacht einen Theil der Bürger dem Pfluge entzieht, sie vom Ehestande abruft, und in Pflichten verweiset, die nur ihre Zeiten haben: da hingegen eben diese besondern Pflichten des Kriegsmanns, die beständigen Pflichten eines nützlichen Bürgers verhindern. Der grosse Aufwand, den der Kriegsstaat erfodert, macht schwere Steuren unvermeidlich, und ist die härteste Last für die Unterthanen.

Und dennoch fand Usong, Persien könnte sich ohne eine solche Kriegsmacht nicht erhalten. Die Osmannen waren noch in den entfernten Abendländern beschäfftigt; aber es war leicht abzusehen, daß das täglich schwindende Bysanz in wenigen Jahren fallen würde. Schon blieb dem Erben des Constantins jenseits den Mauern seiner Hauptstadt nichts mehr eigenes, ein Kadi hatte selbst neben seinem Throne seinen Richterstuhl aufgerichtet. Wann nun die Osmannen das schon entwaffnete Bysanz würden bezwungen haben, so sah Usongs Vorsicht leicht ein, daß der Ehrgeiz dieser Sieger ihre Waffen gegen Morgen lenken würde: er kannte alles, was diese Feinde fürchterlich machte, und Persien konnte ihnen nicht ohne eine Kriegesmacht widerstehen, die beständig in den Waffen geübt wäre. Dieses Heer mußte mit Fußvolk und[95] mit Feuergewehr versehen sey, wenn es den Jenjitscheri die Stirn bieten sollte. Die Waffen waren aber den Persern unbekannt, und im Fußvolke zu dienen, bezeugten sie einen allgemeinen Widerwillen.

Korassan lag den Usbekischen Tataren offen, einem unter zwanzig Fürsten zertheilten Volke, mit dem man keinen standhaften Frieden schliessen konnte; das zwar nicht Länder zu bezwingen, aber die Einwohner der Gränzen elend zu machen fähig war. Diese Gränze erforderte eine leichte und allzeit fertige Reuterey.

Kandahar hatte an den Afganen gefährliche Nachbarn, einem streitbaren Volke, das durch seine Siege in Indien mehr als einmal eigene Reiche aufgerichtet hatte, wo es unter dem Namen der Patanen, der Schrecken der Götzendiener war. Auch hier waren die besten Völker nöthig, ein härteres Geschlecht, als die Perser waren, in den Schranken zu halten.

Usong suchte Mittel, seinem Reiche die Sicherheit zu verschaffen, ohne es zu drücken, oder zu entvölkern. Er hatte die Kurden10 kennen lernen,[96] ein hartes Bergvolk, ungastfrey und kühn, frey und ohne Fürsten, das an der westlichen Gränze von Persien unter den Zelten lebte, und von der Viehzucht seinen Unterhalt hatte. Usongs Namen machte alle Unterhandlungen leicht; er schloß mit diesen Bergleuten einen Vergleich: sie blieben in ihren Gränzen frey, und gaben an das Reich einige tausend streitbare Männer ab, die den Kern der persischen Macht ausmachten. Eine Auswahl der kernhaftesten diente dem Kaiser als eine Leibwache, und unter denselben bildete Usong die meisten seiner Feldherren. Die übrigen wohnten unter den Zelten an der westlichen Gränze, aber unter der Kriegeszucht und in beständiger Uebung der Waffen. Sie bedeckten die westlichen Provinzen von Persien, mit dem stärkesten aller Wälle, der standhaften Brust eines streitbaren Volkes. Usong erfreute sich, daß durch erträgliche Gutthaten, um einen geringen Sold, und noch mehr durch die Hoffnung der Beförderung, er eine Macht erwarb, wodurch Persien sein bestes Blut ersparen konnte.[97]

Georgien stand noch nicht unter Persien. Die Gewißheit des Soldes, die schmeichelnde Ehre unter dem größten Fürsten von Asien zu dienen, die unfehlbare Belohnung geleisteter Dienste, bewogen aber dennoch die Georgier, häufig aus ihren Bergen zu kommen: und Usong brachte aus ihnen eine Reuterey zusammen, die in ganz Asien die beste war, und welcher er das wichtige Kandahar anvertraute.

In Khorassan befestigte er einige Bergschlösser, wohin das Landvolk seine Zuflucht nahm, und bey einem plötzlichen Einfalle der Usbecken seine Kinder und seine beste Haabe in Sicherheit bringen konnte. Er verlegte an die Gränze die persische Reuterey, die mit den edelsten Pferden, und mit Säbeln vom schärfsten Stahle versehen, unter einem jede Tugend freygebig belohnenden Fürsten, den gefürchteten Usbecken in wenigen Jahren überlegen wurde. Usong ließ auf den Bergen, in gewissen Entfernungen, Holzhäuffen aufrichten, wobey eine Wacht wohnte. Bey einem Einfalle der flüchtigen Tataren wurde der Holzstoß angezündet, und das ganze Land war in einer Stunde von der Gefahr gewarnt. Die Perser sammleten sich in angewiesenen Plätzen, und giengen auf den Feind los, dessen Stellung der erste aufsteigende Rauch verrieth. Die Usbecken, bey denen kein Trieb zur Ehre die Furcht des Todes verminderte, verloren gar bald die Lust, den Säbeln[98] der Perser sich bloszugeben, und liessen von ihren Streifereyen ab.

Die Kriegsvölker aufzumuntern, versammelte sie Usong bey seinen jährlichen Reisen: er ließ sie unter seinen Augen allerley Kriegsübungen vornehmen, ziehen, schlagen, belagern: er gab Preise für die Gemeinen, theilte Turbane, silberne Palmzweige, Kränze und rühmliche Schaumünzen aus: er beförderte die Befehlshaber, er erhob die Verdienten zu den höchsten Stuffen der Ehre, und alles dieses konnte er mit einer sichern Wahl thun, weil er eines jeden Mannes Vorzüge selbst beobachtet hatte.

Aber Usong hatte grössere Absichten. Er wollte die Sicherheit seines Reiches nicht den Fremden anvertrauen, deren Ehrgeitz sich die Ohnmacht der ungeübten Perser hätte zu Nutz machen können. Er suchte alle Perser zu Soldaten ihres Vaterlandes zu bilden. Er befahl, daß in den Zeiten, wo der Ackerbau nicht eine beständige Arbeit erfoderte, alle acht Tage, am Tage der Ruh, der dritte Theil der Erwachsenen sich mit den Waffen versammeln, sich in denselben üben, und allen den Anstalten sich unterwerfen sollten, wodurch die Kriegszucht streitbare Männer erschafft. Folglich wurde die ganze Nation, ohne einen fühlbaren Verlust der nöthigen Zeit, in dem Gebrauche der Waffen unterrichtet.[99] Die Landleute erhielten ihre eigenen Hauptleute und Befehlshaber, aus der Zahl der Sieger, die unterm Usong Persien befreyet hatten. Ihnen waren, wie den ordentlich besoldeten, Preise und Ehrenzeichen zur Aufmunterung ausgesetzt. Der Kaiser erschien auch bey ihren Uebungen, und zeigte ihnen eben die Zuneigung, die er den Besoldeten bewies. Von der unzählbarn Menge Perser, die die Waffen zu tragen fähig waren, wurde der hundertste Mann genommen, und aus diesem Ausschusse der fertigsten und stärksten Männer, entstund ein zahlreiches Heer11, das in die Städte verlegt in Friedenszeiten Dienste that. Alle drey Jahre wurden alle diejenigen, die es verlangten, entlassen, und andere an ihre Stelle ausgehoben: diejenigen aber, die sich hervorgethan hatten, wurden unter die Besoldeten aufgenommen, und zu höhern Stellen befördert. Alle Perser erhielten durch diese Anstalt eine Geschicklichkeit in den Waffen, die in Kriegszeiten sehr bald zu einer völligen Fertigkeit erhöhet werden konnte; das Gemüth selbst erhob sich durch das Vertrauen, das der Kaiser seinem Kriegsvolke zeigte, sie sahen sich nicht mehr als Knechte eines harten Herrn, sondern als Beschützer des Vaterlandes, als Persiens Krieger an.[100]

Unermüdet in der Arbeit, allzeit munter und froh seinem grossen Berufe genug zu thun, fuhr Usong fort, täglich die Einrichtung seines Reiches zu verbessern, da Riva von Venedig wieder kam, und eine zahlreiche Gesellschaft, samt vielem Feuergewehre mit sich brachte.

Dieser Diener des grossen Usongs hatte desselben Briefe an den Herzog und an die Herrschaft zu Venedig abgegeben. Der Kaiser that dem Freystaate seine Erhebung zu wissen; er bezeugte ein verbindliches Angedenken wegen der mit verschiedenen Edeln gepflogenen Freundschaft: er trug dem Rathe sein Bündniß an, und ließ merken, daß die Osmannen für Venedig, und für Persien, gleich gefährlich wären: er ersuchte um die Erlaubniß einen Vorrath an Gewehren aus Brescia, und einige Künstler mitzunehmen, die Feuergewehre für den Kaiser verfertigen sollten.

Venedig fand seinen Vortheil mit dem Vortheil von Persien verbunden: ein ehrerbietiges Antwortschreiben versprach dem Kaiser eine Bothschaft, die näher mit ihm über das gemeine Beste beyder Staaten sich besprechen sollte, und die Waffen und Waffenschmiede wurden dem Riva vergönnt mitzunehmen.[101]

Der, eben wie Venedig, gegen die Osmannen eifersüchtige Soldan von Egypten öfnete den Gesandten willig die syrischen Häfen, und der erfreute Usong vertheilte die Waffen unter seine verschiedenen Leibwachen: die Künstler aber wurden in eigenen Gebäuden, mit Stahl und Eisen, und mit allen zu ihren Arbeiten erforderten Zubehöre versehen, wo sie beständig sich mit Verfertigung des Feuergewehres, und mit dem Giessen der grössern metallenen Röhren beschäftigten, die schon damals gebraucht wurden, das Schicksal der Schlachten zu entscheiden, und die Mauern der festesten Städte niederzuwerfen.

Unter den Briefen aus Westen war auch ein Brief des Zeno, der in der Zwischenzeit in dem Rathe der Republik seinen Sitz genommen hatte. Er bezeugte dem ehmaligen Fürsten von Kokonor seine aufrichtige Freude, und ließ verspüren, er hoffte das Vergnügen, seinen ehmaligen Freund wieder zu sehen.

Aber eine wichtigere Zeitung verdoppelte Usongs Glückseligkeit. Puldan, ein Nowian12 aus seinem eigenen Stamme, brachte auf einem flüchtigen Pferde dem Kaiser Briefe vom unermüdeten Scherin. Dieser Freund seines Herrn hatte sich über[102] Atschin nach Quangtscheü begeben, wo er bey dem Kaufmann abtrat, der ehmals auf Liewangs Veranstaltung dem edeln Usong die Nothwendigkeiten zum Einschiffen verschafft hatte: er fand ihn beym Leben, und vernahm, der Zongtu von Schensi stehe noch in seiner Würde, da das allgemeine Verlangen der Landschaft bey dem Kaiser diese Gnade ausgewürkt habe. Scherin setzte seine Reise nach Singan fort, und hörte mit grossem Vergnügen, die Tochter des Zongtu sey noch unvermählt. Verschiedene ansehnliche Freyer hatten sich um diese Zierde ihres Hauses bemüht, sie hatten ganze Schätze für ihren Besitz angeboten: aus Ursachen aber, die man nicht absehen konnte, hatte der Zongtu alle Anträge abgelehnt.

Scherin war in Liewangs Pallast so bekannt, daß er bald zu einem Verhöre gelangte. Er übergab dem ehrwürdigen Herrn mit der gebührenden Ehrerbietung ein Schreiben. Usong, Kaiser in Persien, dem würdigen Liewang. Eines Weisen Muthmassungen sind Weissagungen. Usong beherrscht eines der grösten Reiche der Welt. Aber er wird erst alsdann sich glücklich schätzen, wann er seinen Thron mit der tugendhaften Liosua theilen kan.[103]

Scherin übergab zugleich die Geschenke des Kaisers, die das Maas seiner Hochachtung ausdrückten. Unter denselben waren verschiedene Bücher der Abendländer über die Gesetze, und die Geschichte ihrer Reiche. Scherin, der an der guten Auferziehung seines Fürsten Theil gehabt hatte, war der Uebersetzer dieser Werke, die für den weisen Liewang ein neuer und unerwarteter Schatz waren, und die er weit über alle Perlen von Bahrein schätzte, weil sie die Früchte der Weisheit entlegener Völker waren, die man in China für Barbaren hielt.

Die Bedachtsamkeit, die in China herrschet, erlaubte dem Freunde Usongs nicht, eine schleunige Antwort zu hoffen. Er verreisete, dieweil sich Liewang Zeit zum Bedenken nahm, zu den Mongalen: er eilte zum alten Timurtasch, dem, und der Fürstin, er die fröhliche Nachricht der Erhaltung und der Erhebung Usongs brachte, und die für seine Eltern vom Kaiser mitgegebenen Briefe und Geschenke übergab. Die Freude so viele Jahre nach dem Verluste eines ihrer Liebe so würdigen Sohnes zu vernehmen, daß er eine der Grösse seines Anherrn, des gefürchteten Tschengis, entsprechende Würde bekleide, zogen bey den Eltern Freudenthränen, und bey der ganzen Horde tausend Bezeugungen des allgemeinen Vergnügens nach sich. Verschiedene[104] Nowiane machten sich bereit, ihrem erlauchten Verwandten ihre Dienste anzubieten, und tausend der tapfersten Mongalen waren ihre Begleiter. Dieses ansehnliche Gefolge näherte sich dem Wege nach Kandahar, und erwartete am See Tsarich die Kaiserin; denn Scherin hatte dem Fürsten Timurtasch nicht verschwiegen, daß er hoffte, die Gemahlin des mächtigen Usongs ihm zuzuführen.

Nach einigen Monaten kam Scherin nach Singan zurück, und brachte Briefe vom Fürsten Timurtasch mit, worinn er den Zongtu um seine Tochter begrüssete, und bezeugte, er würde eine so tugendhafte Fürstin mit Vergnügen in das Hans des Tschengis eintreten sehen.

Liewang zweifelte an der Einwilligung der vernünftigen Liosua nicht, die nunmehr ihr achtzehntes Jahr erreicht, und durch tausenderley Ausflüchte die vorgeschlagenen Vermählungen bey dem liebreichen Vater abgebeten hatte. Die Liebe des Fürsten von Kokonor, seine grossen Eigenschaften, und der Adel seiner Bildung, hatten auf das sanfte Herz der nachdenkenden Schönen einen grossen Eindruck gemacht. Von welcher Seite sie den Usong mit ihren Chinesen verglich, so fand sie, alle andere Menschen schienen erschaffen zu seyn, daß Usong über sie herrschete. Die kleinen Tugenden[105] die in China durch die Sitten erzielt werden, verschwanden gegen die natürliche Grösse, die aus allen Eigenschaften des nunmehrigen Beherrschers von Persien strahlte.

Dennoch trug Liewang diese Vermählung seiner Tochter, als eine Entschliessung vor, die er einzig von ihr erwartete. Ich weiß, sagte er, daß deine Hand zu vergeben das Recht eines Vaters ist; aber das Herz ist dein: ich liebe dich viel zu zärtlich, dich dahin zu geben, wohin dein Herz nicht mitgeht.

Der Zongtu hatte in der That seine Bedenken. Der Stamm Iwen, wovon Usong eines der Häupter war, konnte von den Ming nicht anders als wie ein feindliches Haus angesehen werden. Und obwohl in China alles, was das Frauenzimmer betrifft, in dem Umfange der innern Wohnungen bleibt, und niemals ins Gespräch der Leute kömmt, so konnte doch Liewang nicht hoffen, daß eine Ehe, die bey den Mongalen so ein allgemeines Aufsehen gemacht hatte, bey Hofe verschwiegen bleiben würde.

Die Fürstin erröthete über den Antrag ihres ehrwürdigen Vaters, sie schlug die Augen sittsam nieder, kniete und sprach: Einen Zweig von Iwen[106] in sein Haus aufzunehmen, könnte meinen gnädigen Herrn in Gefahr setzen. Man vernehme den Willen des Kaisers.

Swen Zong war ein löblicher Fürst, obwol schon damals die Krankheiten anfiengen, die endlich den Stamm der Ming zum Verderben führten. Er antwortete: der Sohn der Iwen ist zu äusserst nach Abend entfernt, was kan er dem Reiche schaden? Liewang ist Herr über die Hand der Fürstin: so hieß sie der Kaiser, weil sie aus seinem Hause abstammte.

Liewang hatte nun kein Bedenken mehr: denn obwol er mit seiner Tochter das ganze Vergnügen seines Lebens hingab, und ob er wol ein einsames Alter vorsah, wenn er die liebenswürdige Schmeichlerin würde verloren haben, so war er zu weise zu verlangen, daß das Vergnügen der wenigen Jahre eines sterbenden Greises gegen das Glück einer blühenden Tochter vorwägen sollte. Liosua versprach ihrem Vater ohne Widerstand allen Gehorsam, und der Zongtu ließ den Scherin vor sich rufen. Hier ist die Antwort an den Beherrscher von Persien. Mein Kind würde China wegen eines Thrones nicht verlassen, aber sie folget dem Reize der Tugend. Denn es war dem Zongtu nicht unbekannt geblieben,[107] daß Usong mit aller Weisheit der ersten Kaiser das Reich des Cyrus verwaltete.

Die Fürstin bereitete sich festlich, nach den gesetzten Sitten des Landes zum Abzuge: sie machte aber nicht nur blosse Anstalten zum Schmucke und zu der Pracht, mit welcher eine kaiserliche Braut erscheinen sollte. Sie hatte sich vom Scherin belehren lassen, was für Künste in China blüheten, die Persien noch nicht kannte, und sie nahm sich vor, einen würdigern Brautschatz mitzubringen, als Perlen und Rubinen.

Scherin legte nunmehr die Geschenke des Kaisers zu ihren Füssen. Alle prächtige Steine, aller fürstliche Schmuck, und die Seltenheiten, die durch so viele Siege in Usongs Hände gefallen waren, wurden vor der Fürstin ausgeschüttet. Aber was der zärtlichen Liosua schätzbarer als die Diamanten war, las sie aus des Kaisers Schreiben. Das Glück, sagte er, hat den Usong auf den Thron geführt, aber was ist ein Thron, wenn ihm die Tugend ihre Liebe versagte? Nein, sprach die nunmehr freymüthig gewordene Schöne, nein Liosua hat in dem edeln Usong die Morgenröthe der Tugend geliebt: was muß sie fühlen, da der Glanz seiner Verdienste von seiner völligen Höhe die Welt überstrahlet.[108]

Der Tag kam, der dennoch peinliche Tag, da Liosua von ihrem grauen Vater den letzten Abschied nehmen sollte. Segne doch, gnädiger Herr, dein Kind, sagte sie, auf den Knien, und in Thränen schwimmend. O wie fühle ich, daß alles Glück der Welt unvollkommen ist! Liebe mich, liebe mich immer, ewig werde ich deine liebende, deine zärtliche Tochter seyn. Liewang mußte fast mit Gewalt sie aus seinen Armen reissen lassen, und alle Würde der Weisheit konnte seine Thränen nicht unterdrücken.

Sie verreisete mit ihrem Gefolge, und mit dem vertrauten Scherin, der durch ihre Frauen ihr tausend edle Thaten ihres Gemahls erzählte, die der Wehmuth nicht zuliessen, sie einzig zu beschäfftigen. Sie traf am See Tsarich die Nowiane, und die Begleitung an, die mit ihr nach Persien gehen sollte. Die Sitten ihres Vaterlandes erlaubten ihr nicht, sich sehen zu lassen: aber tausend Freudentöne erschallten mit aller der Wildheit der ungezierten Natur täglich um ihren Palankin, den ihre neuen Unterthanen frolockend umgaben: und sie war nahe an den Gränzen von Kandahar, als Puldan sie verließ, und die frohe Botschaft dem Kaiser brachte.[109]

Dem edeln Usong wallte das Herz vor Freuden bey dem Anbringen des Nowians: er umarmte ihn, und versicherte ihn von seiner unveränderlichen Freundschaft. Nunmehr, sagte er zu seinem Freunde, dem Dschuneid, nunmehr bin ich für meine Bemühungen belohnt. Freudig will ich dem Wohlseyn des Reiches die Tage aufopfern, da mich alle Abend die Gesellschaft der weisesten, der tugendhaftesten Schönen erwartet, die nicht zu einer blossen Buhlschaft erniedriget ist, und deren aufgeheiterter Geist meine ermüdeten Sinnen mit Gesprächen ermuntern wird, worin die Anmuth sich mit den Vorzügen des Geistes vereiniget.

Er ließ seinen Persern durch seine Abgesandten wissen, der Kaiser fodere von ihnen bey seiner Vermählung keine Steuer, und keinen Aufwand. Seine Gemahlinn sey zu edel gesinnet, als daß sie Feyerlichkeiten verlangen sollte, wobey sein Volk auch nur die zu seinem eigenen Vergnügen dienenden Mittel zusetzen würde. Aber er würde es als ein Zeichen der Liebe der Perser ansehen, wenn sie mit Blumen, mit Gesängen, mit Tänzen und mit den Zeichen einer ungekünstelten Freude ihre künftige Kaiserin empfiengen.

Die Perser ergriffen mit Freuden die Gelegenheit, an den Tag zu legen, wie feurig sie ihren[110] Kaiser verehrten. Sobald Liosua die persische Gränze betreten hatte, reisete sie durch eine ununterbrochene Reihe von grünen Lustbögen, von belaubten Mayen, und von blühenden Bäumen, durch eine triumphsingende Menge frölicher Landleute hin. Die ödesten Berge waren mit dem Zulaufe ihrer Unterthanen bevölkert, die ihr den Ruhm ihres Gemahls zuriefen. Die schönsten Töchter der ländlichen Dörfer traten in glänzende Reihen auf beyden Seiten ihres Palankins, und bestreuten sie mit Blumen. Die leutselige Fürstin rief oft die artigsten zu sich, ließ sich sehen, und theilte ihnen chinesische Geschenke aus.

Der Kaiser war im Feuer seiner Jahre, sein Herz eilte seiner Geliebten entgegen; aber er wollte den Sitten ihres Vaterlandes nicht zu nahe treten, die keiner Braut zulassen, ihrem Bräutigam sich zu zeigen, ehe sie getraut ist. Sie kam endlich, die erwartete Schöne, und der Seder von Persien verband das edle Paar, dieweil Schiras mit unaufhörlichem Freudenzurufe erschallte. Die sittsame Liosua hob nunmehr den Schleyer auf, und zeigte dem Usong die Züge der Anmuth, auf denen die Tugend und die Liebe zugleich herrschten. Sie war in ihrer Blüthe, China hatte nichts schöneres gezeugt; aber die edle Seele, die alle ihre Reize belebte, erhob sie über alle Vergleichung.[111] Sie wollte vor dem Kaiser auf die Knie fallen; er umarmte sie aber aufs zärtlichste. Sey willkommen, sagte er, edelste der Gaben des freygebigen Himmels, herrsche ewig über Persien, und im Herzen deines Usongs.

Der Kaiser hatte Schiras zum Wohnplatze seiner Gemahlin ausersehen. Die milde Luft, die schönen Bäche vom reinsten Wasser, die in den Rosen blühende, und in den edelsten Trauben fruchtbare Natur, die lachenden Gärten, der Ueberfluß des vortreflichsten Obstes, die königlichen Granatbäume, die güldenen Aepfel, machten diese Stadt zur angenehmsten in Persien. Usong hatte sie mit starken Mauern wider den Anfall der Feinde sicher gesetzt. Liosua dachte nunmehr an die Erfüllung ihres Entwurfes. Sie sorgte, daß an dürren Orten, wo kleine Kiesel kein Gras spriessen liessen, Maulbeerbäume in geraden Zeilen ausgesäet würden, die man unter der Zucht der Schere behielt, und wobey erfahrne Chinesen die Perser lehren sollten, den Seidenwurm ohne Pflege sich aushecken, sich füttern, und sich einspinnen zu lassen. Sie machte sich ein Vergnügen, die Anfängerinnen selbst in dem Seidenbaue zu unterrichten, und arbeitete ihnen vor. So hatte die Gemahlin des vergötterten Fohi gelebt.[112]

Sie ließ sich zuweilen auf das Land tragen, dieweil ihre Bedienten das Volk abhielten, wie es die Sitten erforderten. Sie sah eine grasichte Fläche ab, wohin man aus dem Corremderrhe13 reichliches Wasser ableiten konnte; hier befahl sie Häuser für die Spinner, Bleicher, Weber und Mahler der feinsten baumwollenen Tücher, zu bauen, eines Zeuges, das Koromandel an alle Morgenländer sonst verkaufte.

Sie fand durch die Erfahrnen, die sie mitgebracht hatte, die zwey nöthigen Erdarten aus, davon die eine zu Glas schmelzen würde, wenn die andere das Verglasen nicht hinderte: die erforderlichen Schmelzöfen wurden gebaut, und ob man wohl die Vollkommenheit der chinesischen Waare nicht gänzlich erreichte, so erwuchs doch hieraus ein Arbeitshaus, wo man Geschirre verfertigte, die selbst auf der kaiserlichen Tafel an die Stelle des Goldes und des Silbers gebraucht wurden.

Die leutselige Fürstin erkundigte sich nach allen den Elenden, die keine Hülfe hatten: sie schickte den blinden, den bettlägrichten, den schwachen und mit Kindern beladenen Wittwen, wöchentliche Geschenke. Sie erforschete unter den Landsleuten[113] den fleißigsten Ackermann, die sorgfältigste Mutter, und ihre Freygebigkeit suchte den demüthigen Verdienst in seinen Hütten auf. Sie that das Gute ohne Geräusch, ohne den Dank zu erwarten.

Die Gemahlinnen, und die Töchter der Grossen, denen ihr Stand einen Zutritt zu der Kaiserinn öfnete, lernten von ihr die Tugend über alles schätzen. Sie erhob vor ihnen das Glück eines Gewissens, das kein Laster beunruhiget; die Würde einer Gemahlinn, deren einziger Zweck das Vergnügen ihres Gatten ist; die Süßigkeit der Eintracht in den Familien; sie zeigte das kleine in der Pracht und im Schmucke, der den Pöbel verblendet, und fast allemal ein Zeichen ist, daß die Auszierung des Gemüthes verabsäumet wird. Liosua war die liebreichste Lehrerin der Tugend, die Anmuth ihres Vortrages machte ihre Lehren reitzend, und ihr Beyspiel leicht.

Täglich erfand sie neue unschuldige Erlustigungen für den arbeitsamen Usong, wann er von den Sorgen des Reiches ermüdet in ihren Armen Ruhe suchte. Sie wiederholte ihm, was sie neues, was sie ehrwürdiges in ihren Büchern gelesen hatte; sie ließ durch ihre Frauen Schauspiele vorstellen, worinn die Beyspiele der erhabensten Tugend rührend erneuert wurden; sie sammelte Seltenheiten,[114] daran Usong ein Vergnügen empfand, Werke der Natur, der Künste, und des Witzes. Selbst der Unterscheid zwischen dem sanften Gemüthe der Fürstin, und dem Feuer des Gemahls, und die Fremdheit der Liosua in den abendländischen Gebräuchen, gaben den Unterredungen des erhabenen Paares Neuigkeit und Leben.

Sie trug schon die Hoffnung von Persien unter dem Herzen, da Zeno, der Freund Usongs, als Botschafter von Venedig anlangte. Er nahm noch mehr als ein Verehrer der Verdienste des neuen Kaisers, als wie der Gesandte eines freundschaftlichen Staates, einen wahren Antheil an der Erhöhung des edeln Tschengiden. Er brachte dem Kaiser verschiedene Geschenke, worunter diesem Herrn die neuen Bücher am besten gefielen, die ohne Feder und mit einer Kunst gedruckt waren, die Liosua der Chinesischen noch vorzog, weil eben die Buchstaben tausendmal dienen konnten, da in China die geschnittene Tafel zu keiner neuen Zusammensetzung tüchtig ist.

Zeno brachte auch neue und bequemere Erfindungen, des Feuergewehres Gebrauch zu beschleunigen, und auch gröberes Geschütü, das zwar kleinere Kugeln schoß, aber geschwinder im abschiessen war.[115] Er hatte aus dem unerschöpflichen Europa das neueste mitgenommen, was zur Bequemlichkeit des Lebens, und zur Pracht eines Hofes dienen konnte.

Er ertheilte dem Kaiser die Nachricht von dem Waffenstillstande, den die Republik mit dem weisen Morad geschlossen hatte. Denn so wenig Venedig sich über die Grösse der Osmannen erfreute, so konnte man dennoch diesem Sultane die Verehrung nicht versagen, die die Belohnung wahrer Tugend ist, und zum Feinde war er so fürchterlich, als zuverläßig seine Freundschaft war.

Venedig ließ herbey dennoch dem Kaiser die allgemeine Gefahr vorstellen, die Europa und Asien von diesem siegreichen Hause drohte. Morad hatte nun schon Thracien und Macedonien bezwungen, und den Sitz seines Reiches nach Edrene'14 verlegt, das dem zitternden Constantinopel aus der Nähe drohete. Byzanz war ohne Kräfte und Hülfe. Europa war unter eine Menge von Fürsten zertheilt; um die geringsten Vortheile hatten sie unaufhörliche Fehden mit einander, die kurze und unsichere Verträge mehr einschläferten als endigten. Kein Fürst hatte durch seine Thaten, oder[116] nur durch seine Bemühungen Thaten zu verrichten, die Hoffnung erweckt, daß er die allgemeine Freyheit wider die drohenden Osmannen zu schützen vermöchte. Castriot und der Hunniade waren mehr unerschrockene Freybeuter, als Monarchen: mit ihrem Tode verlohr Europa alles, was den siegreichen Morad einschränken konnte. Venedig war wachsam und gewaffnet, seine Seemacht war den Osmannen noch überlegen, aber zu Lande war es viel zu schwach, den zahlreichen Heeren geübter Kriegsvölker zu widerstehen.

Noch war sonst des Rathes herrschender Grundsatz, alle Gefahren lieber zu übernehmen, als etwas einzugehn, das die Ehre der Republik schmälerte. Die Gefahr, sagten die Edeln, wird durch eine Niederträchtigkeit nicht abgewandt, sie verdoppelt sich durch den Muth des Feindes, den sie vermehrt, und durch die Verachtung, die sie bey den Nachbarn erweckt. Byzanz hatte es erfahren, jeder schimpfliche Frieden hatte es geschwächt, und es war, ohne Schlachten zu verlieren, zu nichts geworden. Ein Feldzug, den der Sultan unternehmen würde, mußte der letzte seyn.

Die Herrschaft hat den mächtigen Usong zu betrachten, wie nah ihm selber die Gefahr wäre. Sie warnte ihn selber ehrerbietig, als den einzigen[117] Beschützer des Gleichgewichtes der Welt, im Frieden seine Kräfte zu vermehren, um zu dem Kriege gerüstet zu seyn, den Persien nicht lange vermeiden würde. Sie trug dem Kaiser ihre Freundschaft, und alles an, was sie zu seiner Verstärkung, beytragen könnte.

Usong war über diesen Vortrag aufmerksam; den würdigen Morad anzugreifen, so lange Persien keine Beleidigung von ihm erlitten hatte, war wider die Liebe zur Gerechtigkeit, die alle Triebe des Kaisers beherrschte. Er sah sich auch noch nicht gerüstet. Seine Perser wollten sich zum Gebrauche der Feuerrohre nicht gewöhnen; sie verabscheuten zu Fuß zu dienen, nicht weil sie die Gefahr fürchteten, sondern weil die Mühe in den heissen Himmelsstrichen das größte Uebel ist, das die Morgenländer scheuen. Kaum hatte Usong einige wenige Kurden und Perser gewonnen, die unter seiner eigenen Aufsicht in eine Gesellschaft getreten waren, deren Geschäft und Belustigung die Uebung mit dem Feuergewehr war.

Bey seinen Bemühungen für Persiens Glücke, ließ der muntere Usong den Muth niemals sinken; mit unabläßigem Bestreben hofte er, wird die Hinderniß endlich überwunden, die die ersten Anfälle nicht bezwingen können. Ein Bach bat einen Felsen,[118] sagte er zu seinen Persern, ihm den Durchgang zu gönnen. Stillschweigend widersetzte sich der Fels. Der Bach ließ nicht ab, diesen Durchgang zu erzwingen: er arbeitete ganze Menschenleben durch, ehe man eine Rinne im Felsen gewahr ward: aber endlich brach der unermüdliche Strom durch, er nahm den Weg, den seine Standhaftigkeit ihm eröfnet hatte, und umschuf ein dürftiges Gefilde zu den schönsten Wiesen.

Das grobe Geschütz wurde zwar gegossen: aber die Perser zweifelten, daß es durch die engen Wege, und über die steilen Gebürge würde gebracht werden können. Auch ließ der Kaiser kleinere Stücke verfertigen, die auf Kameele geladen werden konnten, und die in den Schlachten von einem ausnehmenden Nutzen waren.

Die Werkhäuser der Waffen fanden tausend Hindernisse: alle Künste sind verschwistert, und die eine kan nicht aufblühen, wenn sie den Schutz der andern entbehren muß. Tausenderley Werkzeuge mangelten in Persien den in Welschland angeworbenen künstlichen Europäern; ein Theil von ihnen starb unter einem ungewohnten Himmel, und die überlebenden arbeiteten mit Verdruß, weil die Hoffnung sie nicht aufmunterte, in ihrer Unternehmung zur Vollkommenheit zu gelangen.[119]

Usong verbarg seine Sorgen dem Zeno nicht, und versprach sich von der Republik, sie würde ihm mit kundigen Arbeitern, mit Werkzeugen, und mit Geschütze beystehen. Die itzigen Künstler munterte er mit Geschenken, mit freundlichem Zuspruche, und noch am meisten mit den Proben seiner eigenen Kenntniß auf: denn einen Künstler kan nichts kräftiger aufmuntern, als die Versicherung, für einen Herrn zu arbeiten, der seine Geschicklichkeit zu schätzen weiß.

Die Zeit kam, da sich Usong vorgesetzt hatte sein Reich zu besehen: er nahm diesesmal sich vor, bis nach Eriwan zu gehen, und Irak, Aderbeitschan, Diarbekir und Algezira zu besehen. Dschuneid und Zeno begleiteten ihn mit einer auserlesenen Gesellschaft der aufmerksamsten Perser, und einiger Nowiane, alle zu Pferde, mit kriegerischem Ernste, und ohne dem Pomp der morgenländischen Monarchen. Nirgends ließ Usong sich bewirthen, er trat bey keinem Grossen ab, und wohnte beständig unter Zelten: er vermied allen Aufwand, der das Volk hätte drücken können, das allemal es schmerzlich fühlt, wenn die Könige prächtige Feyerlichkeiten begehen. Das Reich soll seinen Herrscher zu sehen wünschen, und nicht fürchten, sagte Usong; die Pracht eines Hosts würde eine neue Last für mein Volk seyn.[120]

Er riß sich aus den liebenden Armen seiner sehnenden Gemahlin, und eilte nach Tschehelminar, dem kaiserlichen Sitze der mächtigen Hystaspiden. Sie hatten sich eine fruchtbare Fläche erwählt, wodurch tausend erfrischende Bäche rannen, und wo die schönsten Blumen, ohne die Hülfe der Kunst aufkeimten, und die Augen an sich lockten. Zeno mußte den Stolz dieser Schutthaufen bewundern, deren Alterthum jenseits aller Geschichte hinaufstieg, und, die Ueberreste von Palästen waren, deren Riesengrösse die Kruft der menschlichen Hände zu übersteigen schienen. In den Felsen waren die grossen Thaten der alten persischen Heiden in kolossalischer Gestalt eingegraben.

Usong fand auf den alten Denkmälern verschiedene Sinnbilder, die er auch in Aegypten wahrgenommen hatte, und zumal die geflügelte Kugel, die er für ein Zeichen der Gottheit hielt. Er sah die von etlichen Männern kaum zu umklafternden Säulen für die Ueberbleibsel des Palastes an, worinn Cyrus seinen Thron gesetzt hatte: und Zeno als ein Kenner, bewunderte zwar nicht den Geschmack der Zeichnung, aber die feinste Ausarbeitung der härtesten Steine. Alle gestunden, kein heutiger Fürst würde solche Gebäude zu unternehmen genugsame Schätze besitzen, und auch bey den erfindsamsten Völkern würden die Werkzeuge[121] mangeln, die ungeheuren Lasten zu verfahren und aufzurichten.

Indem des Kaisers Gesellschaft sich unter dem Marmor und dem Porphyr verweilte, sah Dschuneid auf einem öden Berge ein Feuer aufgehn15. Er fragte, wozu doch auf dem dürren Felsen, ein so grosses Feuer unterhalten würde? Die Perser antworteten, er sähe ein ewiges Feuer der Gebern, das ihnen zum Tempel diente. Dschuneid fühlte, daß ein Alide war, er fuhr auf: ists möglich sagte er zum Kaiser, daß ein Verehrer Gottes diese Anbeter der Elemente duldet?

Usong lächelte. Diese prachtvollen Ruinen waren der Sitz der Magen, und Cyrus war ein Geber. Persien zu befreyen, hat seine erhabene Tugend ein langes Leben in beständigen Kriegen durchgearbeitet, und wir geniessen nach zwanzig Jahrhunderten die Früchte seiner Bemühung. Aber im Ernst, sagte er zu seinem Freunde: sollte Persien viele tausend arbeitsame Hünde missen, die besten Ackersleute verbannen, und ganze Länder zur Wüste machen, weil die armen Gebern in ihrem Gottesdienste irren? Hat Ali, hat Mahomet nicht die Christen geduldet, die er für Götzendiener[122] ansah? Hat Omar selbst nicht des Abu Obeidah mildere Befehle gebilliget, der der Christen Blut schonte, und das siegreiche Schwerdt aus der Faust des unüberwindlichen Khaleds gerissen16, eben weil es allzugierig unter den Ungläubigen würgte?

Persien, fuhr er fort, ist mehr als halb eine Wüsteney; die Natur hat es gesegnet; es ist am ärmsten an Menschen. Nur arbeitende Hände können den Segen der Erde erwerben, und sie zu dem Zwecke bringen, den Menschen zu ernähren, wozu sie erschaffen worden ist. Die Gebern sind friedfertig und geduldig; vielleicht werden viele von ihnen die Wahrheit eines körperlosen und unermessenen Gottes von uns abnehmen, die hingegen Götzen von Erde und Leim anbeten würden, wenn wir sie zwängen, nach Indostan zu fliehen.

Usong kam in die lachenden Gegenden um Mayn, den Sitz der reinsten und reichsten Wasserquellen, durch das uralte Yezdekast, wo die Erde das edelste Getraide hervorbringt, und in das grosse Ispahan. Diese Stadt, sagte er, ist zur Hauptstadt von Persien gebildet: sie liegt fast von allen Gränzen gleich entfernt, und der Senderud[123] würde die gesammelten tausende der Perser ohne Mühe nähren, indem er der ganzen Fläche eine unerschöpfliche Fruchtbarkeit mittheilte. Aber die mildere Luft, deren Gelindigkeit der zärtlichen Liosua unentbehrlich geworden war, zog Schiras den Vorzug zu, und die Kriege riefen bald hernach den Kaiser nach Tabris.

Kaschan zog die Augen des Fürsten nach sich, weil es der Sitz der Seidenarbeiter war, die einen Theil des Morgenlandes mit den schönsten Stoffen versorgten, und Zeuge verarbeiteten, die ausser seinen Mauern niemand zu verfertigen wußte. Hier nahm Usong die mit menschlichen Bildern durchwobenen Sammte, die er seiner verbündeten Republik schenkte, und die dieser Sitz der abendländischen Künste bewunderte, und eingestehen mußte, Venedig hätte keine Hände, welche die Geschicklichkeit der Perser nachahmen könnten.

Usong hatte zu Kaschan einen unerwünschten Anlaß zu zeigen, daß er werth war, auf des gerechten Nuschirwans Throne zu sitzen. Zeno sah ihn einen Abend ungewöhnlich niedergeschlagen. Was mag das widrige Schicksal so zerschmetterndes im Rüsthause seines Zornes haben, daß Usong unter der Gewalt erliegen sollte? Morgen wird mein Freund es sehen, sagte der Kaiser. Er[124] hielt seinen Diwan in der Burg der alten Könige; die Fürsten und die Grossen stunden neben seinem Throne, und ein unzählbares Volk umringte den Pallast. Man rief einen Mustassem, einen Gärtner, der in der Vorstadt von Kaschan wohnte. Sieh dich um Mustassem: kennst du den Beklagten? Der Perser warf sich vor dem Kaiser nieder: hier ist er, sagte er, und wies auf einen Nowian, dessen Namen Kulkas war, und der als einer der Hauptleute einen Theil der kaiserlichen Leibwache anführte.

Kulkas, mein Vetter, sagt der Mann wahr? fragte Usong mit einer ernsthaften Stimme, die kein Perser noch an ihm gehört hatte. Der Nowian sah beschämt auf die Erde, und sein Verstummen bewies seine Schuld.

Kulkas, sagte der Kaiser, wir sind nicht von den Ufern des einsamen Kokonors gekommen, die Perser zu unterdrücken. Gott hat mich auf den Thron gesetzt, sein Statthalter zu seyn. Ersetze, was du an der Tochter des Gärtners begangen hast, laß sie dir antrauen, wirf ihr den größten Wittwenschatz aus, den du einer Fürstin aus dem Hause des Tschengis anbieten würdest: morgen sollst du mir Zeugen bringen, daß du gehorcht hast.[125]

Der Mowian warf sich auf die Erde nieder, und gieng mit den Geberden weg, die eine völlige Unterwerfung bezeugten.

Den andern Morgen erschien er, und Mustassen mit ihm; hier ist der Ehebrief, sagte Kulkas, hier ist das Vermächtniß.

Ist Mustassen zufrieden? Er verbeugte sich. Aber das Gesetz ist es nicht. Kulkas, rief der Kaiser, Persien hat mich zu seinem Richter berufen. Die Gerechtigkeit ist die grosse Beylage, die Gott mir anvertrauet hat. Sollen freyer Männer unbefleckte Töchter unter den Augen des Kaisers geraubet werden, und soll er nicht zürnen? Ich werde das Blut des grossen Tschengis nicht vergiessen. Aber fliech Kulkas, suche Länder, wo die Gewaltsamkeit herrscht, und wo der Mächtige des Schwachen Ehre ungehindert unter die Füsse tritt. Meide meine Augen und Persien. Der Nowian entfernte sich, und floh zu den wilden Usbecken.

Bey der freundschaftlichen Abendtafel erzählte der Kaiser, was Dschneid und Zeno zwar erriethen. Ich ritt einsam aus, sagte er, und hörte eine laute Klage aus einem wohlgebauten Garten erschallen, der voll der schönsten Blumen war. Mich wunderte es, vom Spitze der unschuldigen[126] Wollust solches Winseln aufsteigen zu hören. Ich ließ die Leute rufen: Herr, sagte der verzweifelnde Vater, der mich für einen Befehlshaber aus der Leibwache ansah, einer eurer Brüder hat meine Tochter mit Gewalt aus meinen Armen gerissen: sie war unbefleckt in der ersten Blüthe ihrer Jugend, ich war zu schwach zu widerstehen, und die Schmach wird mein Tod seyn.

Ich befahl ihm im Diwan zu erscheinen, und sich durch den Scherin, der mit mir ritt, bey dem Kaiser melden zu lassen.

Nun ermessen meine Freunde, wie mein Herz zwischen meiner Pflicht, und der Liebe, meines eigenen Blutes, beklemmt war. Der Mowian war mir nahe verwandt; ich beleidige vielleicht alle die Mongalen, die der Name eines Tschengiden aus den Gränzen der Welt zu mir gelocket hat, und deren Liebe die Stütze meines Thrones seyn sollte. Und dennoch wie konnte ich anders handeln? Ist ein Nutzen möglich, der der Pflicht vorgeht.

Zeno erwiederte: in meinem Vaterlande schützt kein Namen wider die Gesetze. Ein Zeno, es war mein Ahnvater, war der Retter seines Vaterlandes gewesen, niemand konnte leugnen, daß seine Tapferkeit die siegreiche Macht des feindlichen Genua bezwungen[127] hatte. Er begieng einen geringen Fehler, wenn es ja ein Fehler war; seine Lorbern beschirmten ihn vor der Strafe nicht, er wurde gefangen gesetzt, verwiesen, und von allen den Belohnungen ausgeschlossen, die sein Verdienst erwarten sollte. Diese Strenge ist unvermeidlich, fuhr Zeno fort, und der Kaiser hat heute seinen Thron befestiget. Denn nirgends als auf die Herzen seiner Unterthanen kan ein König seine Herrschaft mit Sicherheit gründen.

Zu Kom betete Dschuneid auf den Gräbern der Imamsade', oder der Nachkommen des Ali, die in dieser Stadt begraben lagen, und die dieser Fürst unter seine Ahnen zählte. Usong besah die Werkstätte der Waffen, und war über die Gewehre vergnügt, die man daselbst aus einem überaus harten Stahl verfertigte.

Kaswin, eine der Hauptstädte des mächtigen Parthiens, war damals verfallen, und Usong dachte an die Mittel, der alten Stadt aufzuhelfen: er nahm sich vor, eine Zeitlang seinen Thron daselbst aufzuschlagen. Ihm mißfiel, daß die morgenländischen Fürsten eine einzige Stadt zu ihrem Sitze wählten, wodurch sie die entfernten Provinzen aller Nahrung beraubten, und erödeten, und dem Reiche ein ungeheures Haupt gaben, das den Gliedern den Lebenssaft entzog.[128]

Bey Sultanie fand der Kaiser einen Theil der grossen Stutereyen, die wegen der fruchtbaren Wiesen und des reinem Wassers, schon seit den alten Königen der Parther hier angelegt worden waren. Noch schöner aber sind die grossen Flächen, die von Aderbeitschan nach Tabris führen, wo unabsehliche Felder mit dem edelsten Futterkraute bedeckt sind, das eben aus dieser Gegend sich in die Abendländer ausgebreitet hat, und wo viele tausende der schönsten Pferde von Persien weiden17.

Das weit ausgedehnte Tabris war damals die größte Stadt im Reiche: aber wie alle andere persischen Städte ohne alle Befestigung. Usong sah ein, daß es den Waffen der Osmannen blos gesetzt seyn würde, und befahl eine Festung daselbst zu erbauen, wohin er einen Theil seines groben Geschützes bringen ließ: er sah sich auch eine Stelle zu einer königlichen Wohnung aus, wo er einen Pallast aufzuführen die Anstalten machte. Er that eine kurze Reise nach Amadan, dem Sitz des Thrones des Dejoces, nunmehr in ein weites Dorf verfallen.[129]

Er kam nach Irwan, einer Gränzstatt, die den Osmannm noch mehr ausgesetzt war, und entwarf drey einander einfassende Festungen, die alle höher als die Stadt, auf dem Wege nach den beschneyten Gebürgen lagen, worauf der gemeinen Sage nach, der Kasten zur Ruhe kam, worin der zweite Urheber der Menschen in der allgemeinen Ueberschwemmung ist gerettet worden.

Hier, fast am abendlichen Ende des Reiches, wurden Klagen über den Abgesandten des Kaisers geführt, der von der Entlegenheit vom Hofe eine Straflosigkeit hoffete, Geschenke nahm, und untüchtige Leute zu verschiedenen Richterstellen dem Kaiser vorgeschlagen hatte. Usong hatte freylich niemals erwartet, unter fehlervollen Menschen lauter rechtschaffene zu wählen, er ließ seinen Scherin zurück, der die Klagenden gegen den Abgesandten verhören, und wie allemal geschah, ein Urtheil samt den Gründen zur Einsicht des Kaisers entwerfen sollte. Der Abgesandte wurde schuldig erfunden. Usong überzeugte sich von den Vergehungen desselben durch seine eigene Untersuchung, und ließ ihn vor den Diwan fodern.[130]

Du warst, ließ der Kaiser dem Schuldigen durch den zu den höchsten Aemtern erhobenen Scherin sagen, der Vertraute des Kaisers: er ist nicht Gott, und muß durch die Augen der Menschen sehen. Er hoffte von dir die Wahrheit, du warest zum rühmlichen Amte eines Fürsprechers des Volkes auserwählt, du solltest seine Klagen vor den Thron tragen, und den Ruhm geniessen, daß durch dich den Gedrückten Hülfe wiederführe. Aber was verdient der, der eine Arzney geben soll, und Gift giebt? Der Kaiser heißt dich von seinen Augen fliehn; gehe nach Kerman, und überschreite die Gränze dieser Provinz niemals: dort allein läßt dir das Gesetz das verwirkte Leben.

Von Irwan eilte Usong nach Mausel, dem ehemaligen Haupte der Assyrischen Macht: und von da nach Anah, das seiner Reise Ziel war. Hier sammelte sich ein unzählbares Volk um seinen Diwan, und das Lob dieses glücklichen Fürsten erscholl bis an den Himmel. Von seinen alten Unterthanen zu Anah war nicht ein einziger, der durch die Erhebung seines Herrn nicht glaubte, selbst glücklicher worden zu seyn. Jeder ehmaliger Diener, jeder Bürger drängte sich zu ihm, und war erst zufrieden, wenn er den Saum seines[131] Rockes geküßt hatte. Usong wurde durch die treue Liebe seines Volkes gerührt, und versprach sich selber, sie noch besser zu verdienen.

Die Arabischen Fürsten, die Mitgefährten seiner ersten Kriege, besuchten ihn, und erhielten von ihm prächtige Geschenke. Der alte Abuschir wiederholte, wie viel er dem Usong schuldig war: nur Hassans graues Alter gönnte ihm die Kräfte zu dieser Reise nicht. Usong ließ Anah, die Furth des Euphrats, in einen guten Wehrstand setzen, und beurlaubte sich hier vom Zeno, und vom Dschuneid, die mit einander die Reise bis zur Palmenstadt fortsetzten. Dem Zeno gab er die Antwort an seinen Staat, vertraut und aufrichtig: er würde aufmerksam auf die Unternehmungen der Osmannen seyn, und ihrem Ehrgeitze Schranken setzen, wenn er die Klauen zeigen wollte. Venedigs getreuester Bundsgenosse würde er bleiben. Er gab bem Zeno Geschenke mit, reiche Seidenzeuge, kostbare Teppiche, heilsame Mumie, die aus den Felsen von Khorossan quillt, und alle Wunden heilt, echte Bezoarsteine, wahres Rosenöl, das von Schiras kömmt, und an Werth das Gold übersteigt, Türkisse aus dem alten Felsen Firuz-Kuh, Perlen von Bahrein, edle Pferde,[132] und Säbel vom besten Stahl. Er umarmte ihn: Usong wird ewig derjenige gegen Zeno bleiben, der er zu Alkahirah war, sagte der Kaiser. Den liebenswürdigen Dschuneid beurlaubte er mit zärtlichen Ausdrücken seiner Liebe: sage dem Diener Gottes, dem Hassan, Usong sey sein Sohn, und dein Bruder. Hiemit trennten sich beyde Freunde, und Usong gieng über den Euphrat, nach Bagdad.

Dieser Sitz der der mächtigen Befehlshaber der Gläubigen war durch den Halaku halb verwüstet, und unter den schlechten Fürsten noch mehr eingegangen. Aber seine Lage, die den Tiger beherrschete, und zu einer Vormauer des südwestlichen Persiens dienen konnte, bewog den Kaiser, Bagdad aufs stärkste befestigen zu lassen, und hier ließ er eine der zahlreichsten Besatzungen von Persern.

Er verfügte sich nach Basra, dem Sitze der Seehandlung des Reiches. Erließ sich aufs genaueste unterrichten, was für Kaufleute dahin kämen, was sie für Waaren aus den Morgenländern brächten, was wiederum von Persien ausgeführt[133] würde. Er nahm Entwürfe mit, wie auch auf der See der persische Namen furchtbar gemacht werden könnte, und hoffte die Obermacht in dem Meerbusen ernst zu behaupten. Er sah ein, wie nachtheilig es für Persien war, daß man lauter fremde Schiffe zu Basra sah, und die Perser von der Willkühr der Ausländer abhingen, die ihre Waaren in ihrem eigenen Preise den Persern aufdrangen, und hingegen sie nöthigten, die Waaren des Reiches ihnen niedriger, als ihr Werth war, zu überlassen; weil das Reich keinen andern Ausweg hatte, die Früchte der Natur oder der Kunst auszuführen. Aber Usong war zu Einsichtsvoll, als daß er alles auf einmal übernommen hätte, und Portugalls Seemacht hinderte unter seinen Nachfolgern Persien, die seinige zu vergrössern.

Von Bagdad kam der Kaiser nach Jondisabur, dem ehemaligen Sitze der Wissenschaften unter den Sassanischen Herrschern, das aber nunmehr verfallen, und öde war; und nach Suster, dem prächtigen Sitze des großmächtigen Ahaswers. Er eilte über Tschehelminar nach Schiras zurück, um bey der Niderkunft seiner Gemahlin gegenwärtig zu seyn.[134]

Er gab der Tochter, die sie ihm schenkte, den Namen Nuschirwani: sie sollte ein neues Pfand seyn, daß er sich den grossen Herrscher zum Vorbilde nähme, der diesen Namen getragen hätte. Gerecht im Frieden, siegreich in den Kriegen aufmerksam auf alle Theile des allgemeinen Wohlstandes, war Nuschirwan gewesen, und war nunmehr Usong.

Der zarte Bau des Leibes, der mit dem sanften Gemüthe der Kaiserin übereinstimmte, litt bey ihren Niederkunften, und den Geburten der Nuschirwani, und her zwey Fürsten, die auf dieselbe folgeten. Liosua nahm täglich ab; sie überwand aber die Schwachheit ihrer Glieder, und zeigte dem Kaiser nichts als die angenehme Gelassenheit, die allem ihrem Wesen angebohren war. Sie bat sich einmal seine Gesellschaft aus, und wies ihm ihre Seidenhecken, ihre Porcellanöfen, ihre Baumwollenmalereyen, und die übrigen Anstalten, die unter ihrer Aufmunterung erwachsen waren. Der Kaiser sah mit Vergnügen ein, daß die blosse Natur ohne einige Hülfe der Kunst zureichte, das kostbare Gewürme auszuhecken, und sein Gespinnst zum brauchbaren Stande zu bringen. Er berechnete leicht, mit der richtigen Einsicht, die ihm eigen war, daß diese Seide wohlfeiler, als die von[135] zahmen und mit Menschenhänden gefütterten Würmern erzielte Seide, und folglich eine Waare seyn würde, die Persiens Seidenstoffen einen Vorzug geben müßte. Er ließ die Erfindung, in freyer Luft auf den Bäumen die Würmer, ohne Zuthun des Menschen, spinnen zu lassen, durch alle seine Abgesandten bekannt machen, und vertheilte durch die bequemsten Provinzen einen Theil der chinesischen Arbeiter, die den Persern die leichten Handgriffe zeigen sollten, zu dieser freywilligen Gabe der Natur zu gelangen.

Eben so vergnügt war er mit den vortreflich gemahlten, und an Feinheit alle abendländische Webereyen übertreffenden baumwollenen Zeugen, deren Farben unnachahmlich schön waren. Er gab das Beyspiel, sie zu leichten Sommerkleidern zu brauchen: der Hof und das Volk, das seinene Kaiser anbetete, verschafften den Werkhäusern einen solchen Abgang, daß man die Arbeiter vermehren, und neue aus China verschreiben mußte. Persien gewann dabey grosse Schätze, die sich sonst jährlich nach Masulipatan und Surat verlohren hatten.[136]

Der Kaiser sagte zu seiner Geliebten, indem er sie innig umarmte: die Hütten, die meine Liosua hat aufführen lassen, sind dem Reiche nützlicher, als die Riesensäulen zu Tschehelminar, und als die Pyramiden zu Gize. Die wahre Grösse ist im Nutzen, und derjenige Fürst verherrlicht seinen Namen, der die Unterthanen durch Fleiß und Anschlägigkeit glücklich macht. Denn es wäre ein Unsinn, wenn eine Königin der Peris18 mir schon Häuser voller Gold und Diamanten zuwürfe, und ich dadurch jeden Perser reich, und alle Arbeit entbehrlich machen wollte. Ich wünsche mir ein wohlhabendes Volk, aber das blos durch seine Arbeit reich werde. Liosua bereichert Persien zugleich an neuen Künsten, und an ersparten Schätzen.

Die Kaiserin besaß alle Gaben des Verstandes: sie machte sich die persische Sprache in kurzer Zeit eigen, und da sie in den Gedichten des Saadi eine Aehnlichkeit mit der Weisheit der Chineser gefunden hatte, so ließ sie dem Sittenlehrer, dessen Ueberbleibsel nahe bey Schiras lagen, ein ansehnliches Grabmal aufführen: sie hieß sein Lob auf eine[137] marmorne Spitzsäule schreiben, und bestellte zu seinem Grabe einen gelehrten Mollah, der alle Tage einige Verse des weisen Dichters der Jugend vorlesen, und darüber Erklärungen beyfügen sollte, welche die Tugend reitzend abmahlten.

Fußnoten

1 Intendans nennt sie Ohardin; Missi dominici hiessen sie bey den Karlowingen.


2 Das Neujahrsfest.


3 Dieses wurde im 17. Jahrhunderte von einem weisen Wazir für ein allgemeines Unglück gehalten.


4 In Persien eilten noch im vorigen Jahrhunderte, nach einer allgemeinen Landplage, die Landleute an den Hof, und legten dem Kaiser die ledigen Aehren und die Heuschrecken vor, von denen ihre Aecker waren verwüstet worden. Sie erhielten allemal eine Nachlassung.


5 Ich glaubte, wie ich dieses schrieb, dem Herrn Poivre in seinem Voyageur philosophique, China kenne keine andere Auflage als die Landsteuer. Aber P. Navarette, der lang in China gelebt, und die Sprache verstanden hat, belehrt mich nunmehr eines andern. Man hat in China eine Kopfsteuer, man bezahlt Zölle, und andre Auflagen. Nur in Indostan ist freylich die Landsteuer die einzige Auflage, die aber unter den jetzigen fremden und harten Herrschern bis auf sieben Zehntel der ganzen Landesfrüchte gestiegen ist, und dennoch die Höhe noch nicht erreicht hat, auf welche die Landsteuren in verschiedenen Provinzen Frankreichs gebracht worden sind.


6 Ein Fluß im Koromandel, mit welchem man die Reißfelder wässert.


7 Nach einer mäßigen Berechnung Omina belaufen sich diese Einkünfte auf 1,500,000 Mark Silbers.


8 In einem Lande dessen Einkünfte durchgehends in den Früchten des Landes bestehen, kan die einzige Steuer angehn: In Holland, wo die Manufacturen einen eben so grossen Theil der Steuern aufbringen müssen, wäre die Landsteuer unzureichend.


9 Ist der grosse Cosroes der Griechen, der Ueberwinder des Belisarius, dessen Siege, aber die Perser minder verehren, als seine Gerechtigkeit.


10 Die Abendländer nennen anstatt der Kurden die Turkumannen. Diese wilden Räuber scheinen aber der Kriegszucht unfähig, und die Kortschi waren lange die tapfersten Völker von Asien. Saladin und Kelaun, zween Stammväter egyptischer Soldane, waren beyde Kurden.


11 Schach Abbas konnte zu Tabris sechzigtausend Mann den fremden Bottschaftern auf einmal zeigen, davon keiner ein eigentlicher Soldat war. Della Valle.


12 Fürst vom Geblüte bey den Tschengiden.


13 Dem Flusse der durch Schiras läuft.


14 Adrianopel.


15 Um Tschelminar sieht man verschiedene Feuertempel der Gebern.


16 Aus der arabischen Geschichte des Okley.


17 Medien.


18 Feyen der Mahometaner.


Quelle:
Albrecht von Haller: Usong. Reutlingen 1783, S. 138.
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