Vierdter Auftritt.

[310] Alphonsus. Liberata. Ramiro. Palamedes. Rodrigo. Die Pagen und Trabanten.


RAMIRO.

Hjr sind wir grosser Fürst!

PALAMEDES.

Was schafft die Majestät?

RODRIGO.

Was ficht den König an?

ALPHONSUS.

Ach! Ach! Wir sind verschmäht!

Ach! Liberata ists die solchen Schmertz erwecket

Weil Christus schnöde Lehr jhr zartes Hertz beflecket /

Drumb sey dein hoher Witz bemühet mein Ramir /

Wie diese Glaubens-Pest verbannet werd' auß Jhr![310]

RAMIRO.

Der König sorge nicht! Es sol nach Wunsch geschehen!

Mit was vor Recht kan Sie auff unsre Götter schmähen /

Vermäßne Liberat / und Christum beten an?

LIBERATA.

Dieweil mein Christus mehr alß Euer Abgott kan.

RAMIRO.

Eur Christus / wie jhr sagt / ist ja ein Mensch gewesen.

LIBERATA.

Zugleich auch wahrer GOTT / durch welchen Wir genesen.

RAMIRO.

O Einfalt sonder gleich! Diß Wesen reimt sich nicht!

LIBERATA.

Bey diesem der nicht hat das wahre Glaubens-Licht.

RAMIRO.

Wie kan dem grossen GOtt' ein Sohn gebohren werden?

LIBERATA.

Sol das nicht möglich seyn dem Herrscher aller Erden?

RAMIRO.

Kan eine Jungfrau dann auch eine Mutter seyn?

LIBERATA.

Ja! Weil der Höchste GOTT es also setzet ein.

RAMIRO.

Den grossen Göttern sind diß ungereimte Sachen.[311]

LIBERATA.

Auff deine Götter wird der Rache Donner krachen.

RAMIRO.

Vom Donner ist befreyt deß Jupiters Altar.

LIBERATA.

Wie offt hat sich sein Bild verkehrt in eine Bahr!

RAMIRO.

Prinzeß Sie fällt gantz ab von dehm umb was wir streiten.

LIBERATA.

Ramiro läst sich selbst auff einen Abweg leiten.

RAMIRO.

Jch sage noch einmahl: Eur Jrrthum ist zu groß.

LIBERATA.

Welch Jrrthum? Daß ein Kind sitzt in der Jungfrau Schoß?

RAMIRO.

Was die Vernunfft nicht faßt / da muß der Glaube weichen.

LIBERATA.

Es muß hir die Vernunfft die stoltzen Seegel streichen.

RAMIRO.

Durch diese Außflucht wird die Thorheit nicht beschützt.

LIBERATA.

Schau daß die Thorheit nicht auff deine Scheitel blitzt!

RAMIRO.

Der ist ein grosser Tohr / der diser Lehre glaubet.[312]

LIBERATA.

Noch grösser der sich selbst deß süssen Trosts beraubet.

RAMIRO.

O Hoffnungs-leerer Trost der nur Verzweiflung bringt!

LIBERATA.

O Trost durch den ein Christ zu GOTT in Himmel dringt!

RAMIRO.

Jhr werdet ja kein Kind zu Eurem Gotte haben?

LIBERATA.

Diß außerkohrne Kind kan alle Menschen laben!

RAMIRO.

Ein Kind'scher Glaube muß auch Kinder bethen an!

LIBERATA.

Diß Kind wird stürtzen dich in Plutons Höllen-Kahn!

RAMIRO.

Es sol Eur Christus auch am Creutze seyn gestorben?

LIBERATA.

Ja! Und Sein Aufferstehn hat Unß das Heil erworben.

RAMIRO.

Wer todt ist / bleibet todt und steht nicht wieder auff.

LIBERATA.

Der Fürst hemmt auch im Tod dem Tode seinen Lauff.

RAMIRO.

Ein wahrer GOtt stirbt nicht / nur blosse Menschen sterben![313]

LIBERATA.

Es muste GOtt und Mensch den Himmel Unß erwerben.

RAMIRO.

Woher weiß Liberat daß diß die Warheit sey?

LIBERATA.

Auß GOttes Heil'ger Schrifft / die meldet solches frey.

RAMIRO.

Wer weiß ob diese Schrifft nicht ist erfüllt mit Lügen?

LIBERATA.

Die Kirche / so nicht irrt / kan keinen Mensch betrügen.

RAMIRO.

Woher weiß Sie daß nicht die Kirche irren kan?

LIBERATA.

Weil Jhr der Heil'ge Geist zeigt alle Warheit an.

RAMIRO.

Was ist das vor ein Geist dehn Jhr so heilig nennet?

LIBERATA.

Er wird von aller Welt vor einen GOTT erkennet.

RAMIRO.

Die kleine Christenheit ist nicht die gantze Welt.

LIBERATA.

Der ist mehr alß zu groß der sich zu Christo hält!

ALPHONSUS.

Wie so bestürtzt Ramir? Was führt Er vor Gedancken?[314]

RAMIRO.

Wer wil sich ferner doch mit einem Weibs-Bild zancken

Das gäntzlich ist verstockt / das sich nicht lencken läßt /

Und das durchauß vergifft die Galilæer Pest!

Man räume vielmehr weg diß Unkraut von der Erden!

ALPHONSUS.

Wahr ists: Es muß die That mit Ernst bestraffet werden!

Daß nun die Pestilentz und schnöde Glaubens-Seuch

Nicht weiter umb sich freß und in die Seelen schleich /

So führt die Bestie ins Kerckers Finsternüssen /

Bis Sie sich gegen Unß was anders wird entschlüssen!


Quelle:
Johann Christian Hallmann: Sämtliche Werke. Band 2, Berlin und New York 1975, S. 310-315.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Aristophanes

Die Wolken. (Nephelai)

Die Wolken. (Nephelai)

Aristophanes hielt die Wolken für sein gelungenstes Werk und war entsprechend enttäuscht als sie bei den Dionysien des Jahres 423 v. Chr. nur den dritten Platz belegten. Ein Spottstück auf das damals neumodische, vermeintliche Wissen derer, die »die schlechtere Sache zur besseren« machen.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon