Die Erste Abhandlung.

[211] Der Schau-Platz stellet vor ein Gebürge in und umb Jerusalem. Der Berg Sion / als Vorredner / singet in die dazu gespielte Violen di Braccio und di Gamba folgender Gestalt.


Njcht wundert euch / jhr Geister kluger Lippen /

Daß Berg und Thal auch Mund und Zunge rührt /

Daß Sand und Stein der Sinnen-losen Klippen

Gantz wider die Natur vernünfft'ge Reden führt.

Diß Werck ist klar und klarer als man meinet /

So bald die Sonne nur bewehrter Deutung scheinet.

Geht / Sterbliche / geht etwas doch in euch!

Der Himmel hat meist überirrd'sche Gaben

Jns Ebenbild der Götter zwar vergraben;

Doch ist der Berge Last auch an viel Göttern reich.

An welchem Ort ist Echo mehr zu finden /

Als wo sich Berg und Thal verbinden?

Jst Atlas unbekand /

Auff dessen Schultern ruht der Sternen grosses Land /

Jn dessen Leibe noch deß Königs Seele schwebet /

Und unauffhörlich lebet?

Hegt Ætna nicht der Donner Stimme macht /

Wenn er in Flammen-reicher Hitze

Statt Athems Schwefel zeigt / statt Wörter lichte Blitze /

Daß Lufft und See und Welt erkracht?

Gibt unser Marck und theures Eingeweide

Dem gantzen Kreiß nicht unerschöpffte Freude?

Wir hören wol / wenn euch der Geld-Durst plagt;

Drumb wird manch edler Schatz dem Euclio versagt.

Zu dem ist keinem unbewust /[211]

Daß GOTT offt selbst bey uns gesuchet seine Lust /

Als die zwey Taffeln Er der heiligen Gesätze /

Deß Jüd'schen Volckes höchste Schätze /

Dem Moyses auff Sinai hohen Spitzen

Genädigst anvertraut mit Donner-reichem Blitzen.

Ja der Mann nach GOTTES Hertzen / der den Goliath bezwang /

Und Salems Reich dem Himmels-Fürst vermählet /

Hat mich zu seinem Sitz und Eigenthum erwehlet /

Und den geweihten Thron

Gebauet auff Sion.

O güldne Zeit / da seine Harff' erklang!

Die Harff' / ob der verschwand der Traur-Geist strenger Nöthen /

Die Harffe / so numehr in grause Mord-Trompeten

(Ach leider!) ist verkehrt!

Hier / Sterbliche / wird euch der wahre Grund gewehrt /

Warumb auch Berg' und Zungen-lose Klippen

Eröffnen Mund und Lippen.

Denn / wenn der tolle Mensch sich selber nicht mehr kennt /

Und durch blinde rasereyen auch dem höchsten Krieg ansaget /

Werden Berge / Flüß' und Sternen zu der Rache auffgejaget /

So bald der Feuer-Zorn deß grossen GOTTES brennt.

Unglückliche Sion! Vorhin deß Himmels Seele /

Jtzt eine Folter-Höle!

Herodes! ach! ach! ach!

Dein Wütten / Blut-Hund / macht / daß Berg' auch müssen schreyen /

Und dich vermaledeyen!

Rach! Rach! Rach!

Soll Assamons Geschlecht' und Königliches Haus /

Daß mit der Kron' und Jnfel herrlich grünte /

Und unser Väter Gott mit reiner Pflicht bediente /

Durch dich / du tück'scher Hund / verfall'n in Asch' und Graus?[212]

Jst's nicht genug / daß du mit krummen Lügen

Bist auff den Thron gestiegen?

Jst's nicht genug / daß dich die Wässer klagen an /

Was du / verdammter Fuchs / Aristobul'n gethan?

Jedoch der Höllen Mohr reitzt dich zu grimmern Thaten!

Sol der Jnfel heil'ger Glantz / das Hochpriesterliche Blut /

Der Wertheste Hyrcan / so dich mit grossem Gut' /

Und Wolthat stets bekrönt / auch in die Grufft gerathen?

Kriegt Joseph vor die Treu-geleisten Dienste /

Der keine Blum gepflückt auß deinem Paradieß /

Und seinen Mantel ehr als Keuschheit fahren ließ /

Ein blutig Beil und Richt-Klotz zum Gewienste?

Soll MARIAMNE auch / dein überirrd'scher Schatz /

Der Tugend Muster-Platz /

Der Schönheit Konterfey / der Spiegel reiner Sitten /

Durch ungerechtes Recht die ädle Seel' außschütten?

Brecht Wolcken! blitzt und kracht!

Entdeckt deß Höchsten Macht!

Stürtzet deß Blut-Hunds verteuffelte Seele

Jn die mit Flammen hellodernde Höle!

Seht! wie sich schon mein grünes Kleid verkehrt!

Der Erd-Kreiß bebt / weil er zu sehr beschwert

»Aber schönste MARIAMNE zeuch getrost von dieser Erden /

Vor Tyrannen werden künfftig Engel deine Buhler werden.«


Der Schau-Platz bildet ab einen Lust-Garten.

Salome. Antipater.


SALOME.

Monarche dieser Welt / der Printzen nimmt und gibt /

Der Kron und Thron erhöht / entzeptert und betrübt /

Wie lange rasen doch die stoltzen Asmonæer /

Soll denn der güldne Glantz der tapffern Jdumæer[213]

Verrauchen und vergehn vor Mariamnens Dunst /

Weil derer Zauber-Licht recht ungemeine Brunst

Jn's Königs Hertz' erweckt / erreget und entzündet /

So daß er ausser jhr fast keinen Himmel findet!

Hai Liebe sonder Witz! Was ist ein schönes Weib?

Ein Teuffel / nicht ein Mensch / so bald jhr zarter Leib /

Durch Hochmuth auffgebläht / sich in ein Zucht-Haus wandelt /

Das mit der Majestät als einem Sclaven handelt.

Jhr grossen Götter jhr! Wenn wird es doch geschehn /

Daß Salome sich kan in alter Freyheit sehn /

Die eintzig und allein auff dieser Feindin Leiche /

Der Zirze dieses Hoff's / der Pest im Jüd'schen Reiche /

Und unserm Unglücks-Stern / den festen Grund-Stein setzt!

Es weiß / der alles weiß / wie sehr wir sind verletzt /

Seit der Comete hat in Salems Burg geschienen!

ANTIPATER.

So spielet Glück und Zeit: Unnütze Nesseln grünen /

Wenn Ros' und Tulipan Liegt unter frembden Fuß /

Und jhr bepurpert Kleid zutretten lassen muß.

Wahr ist's; kein Zeuxis wird sich dürffen unterstehen /

Der Mariamnen Pracht mit Farben zu erhöhen;

Dem größten Künstler Fällt der Pinsel auß der Hand /

Der diese Göttin sich zu mahlen unterwand:

Denn / welche Feder kan das Alabast der Glieder /

Wo Türckis und Rubin / als fest-verknüpffte Brüder /

Jn schönster Anmuth spiel'n / entwerffen auffs Papier?

Demosthenes verstummt ob jhrer Haare Zier /

Ob jhrer Augen-Blitz und Majestät'schem Gange.

Alleine dieser Schnee zerschmeltzt / und daurt nicht lange:

So bald die Sorgen-Glutt der Jahre Herbst bestrahlt /

Ja wenn der blasse Tod uns schleunig selber mahlt /

Und gelbe Larven legt auffs Englische Gesichte /

Dann schwinden mit der Brunst der Schönheit morsche Früchte.[214]

SALOME.

Ja freylich! Zeit und Tod besieget alle Welt;

Durch sie wird Ertzt und Stahl und Diamant zerschellt /

Die Himmels Ampeln selbst / die doch so herrlich schimmern /

Ersterben nach und nach in den saffirnen Zimmern.

Jedoch Antipater trifft nicht den rechten Zweck:

Ein Wund-Artzt bauet vor und schneidet zeitlich weg

Das annoch frische Fleisch / eh sich der Brand vermehret /

Und jhm den gantzen Leib biß an das Hertz versehret;

Denn wer mit Schlangen spielt / verspielet Glück und Geist.

So weil auch Mariamn' als eine Natter beist /

Und mehr die Zwietrachts Gall' als Friedens-Zucker liebet /

Dadurch der Fürst offt viel Stadt / Land und Volck vergiebet /

Wolan / so last uns auch hierinnen wachsam seyn /

Und fällen / eh man fällt.

ANTIPATER.

Jch stimme schuldigst ein /

Wo nicht durch lindern Weg dem Ubel vor zu kommen.

SALOME.

Die Seuche wird durch nichts / als Gifft und Stahl benommen.

ANTIPATER.

Sie dencke doch was nach / erhitzte Salome!

Wer Mariamnen hast / der thut dem König weh /

Denn jhre Göttligkeit kan seinen Sinn bemeistern.

SALOME.

Diß reitzt mich eben an / sie listig zu entgeistern.

ANTIPATER.

Gewalt und List lescht nicht die Liebes-Fackeln auß.

SALOME.

Offt kehrt die Liebes-Glut sich selbst in Asch und Grauß.[215]

ANTIPATER.

Die Flamme reiner Eh kan nimmermehr erbleichen.

SALOME.

Hat Mariamnen nicht selbst Dosis müssen weichen /

Die Dosis / welche doch den Fürst durch dich vergnügt /

Eh Alexandra jhn mit Worten eingewiegt /

Hyrcan mit falschem Rath? Vermaledeite Sinnen!

Soll uns das Pfaffen-Haus durch Klugheit abgewinnen /

Uns / denen selbst August / die Sonne dieser Welt /

Die Lorbern setzet auff?

ANTIPATER.

Was sie / Printzessin / meldt /

Jst leider allzuwahr / und heller als die Sonne!

War meine Mutter nicht deß Königs Licht und Wonne /

Ein Schau-Platz höchster Lust / und fruchtbar Paradieß /

Eh die Begierde sie von seiner Seiten stieß /

Und Assamons Geburt das Eh-Bett' eingenommen /

Dadurch der Fürst in Haß / wir in Verachtung kommen?

Jedoch ich sehe nicht / wie hier die Rach-Lust kan

Den Vorsatz führen auß: Es hangt einander an

Was Maccabæisch heist / wie Koppeln junger Hunde:

Deß Königs Gnade hat Hyrcan zu seinem Grunde /

Der Alexandram stets und Mariamnen schützt /

Damit kein Unglücks-Sturm auff jhre Purpur blitzt.

Man weiß / wie sehr Anton auß Antrieb dieser Frauen /

Umb das Aristobul must' in den Wellen schauen

Sein wol-verdientes Grab / zum Eifer ward bewegt /

Herodes zu der Reu. Drumb wer den Baum durchsegt /

Und nützlich fällen wil / muß vor den Schlieff-Stein suchen /

Sonst wird er Müh / und Zeit / und Holtz / und Beil verfluchen.

SALOME.

Die Waffen schärffen wir mit Kühnheit und Verstand.

Wo mir Antipater und Pheroras die Hand[216]

Zu meinem Vorsatz reicht / so wird der Außgang weisen /

Daß edle Frauen-List bezwinge Stahl und Eisen.

Jndessen last uns schaun / wo unser Bruder sey /

Umb den gefasten Schluß jhm stracks zu bringen bey /

Eh Glück und Zeit verlaufft.


Pheroras. Antipater. Salome.


PHERORAS.

Wie! find' ich sie beysammen?

Und zwar eh Zynthius mit röthlich güldnen Flammen

Den düstern Kreiß erleucht? Was deutet jhr Gesicht

Hochwerthe Salome?

SALOME.

Stecht / eh' es uns ersticht!

PHERORAS.

Jst etwan Meuterey auff unsern Hals vorhanden?

SALOME.

Errettet Salomen auß Mariamnens Banden /

Die uns auß frechem Trotz jhr Königlich Geschlecht

Hoffärtig rücket vor / und uns als jhre Knecht' /

Nicht Freund' und Schwestern halt! Ergrimme rechte Rache!

Steh' Jdumæen bey! Beförder' jhre Sache!

Behertz'ge / Bruder / doch den immerneuen Schimpff /

Der auß dem Brun-Quell fließt! Hier dient kein sanffter Glimpff /

Kein höfflich Nachsehn mehr. Wer bey erhitzten Flammen

Nur müssig sihet zu / ist billich zu verdammen;

So ists auch hier bewand: Die Fürstin ist verwehnt /

Weil jhr das Glücke stets den Weg mit Rosen bähnt /

Und sie der König ehrt.[217]

PHERORAS.

Der Vorwurff ist nicht neue;

Doch weiß Herodes wol / wer jhm mit grössrer Treue /

Sie / oder wir verpflicht. Bezwinge / Schwester / dich

Der Mißgunst gifftig Zahn quält keinen mehr / als sich.

Jst Hoffart gleich bey jhr / laß uns die Demuth küssen;

Die edle Tugend kan die Ehren-Pfort' entschlüssen /

Wenn Stoltz und Ubermuth ins Thal der Schande stürtzt.

Zu dem so seh' ich nicht / was jhre Zeit verkürtzt:

Deß Königs heisse Brunst / der Frühling jhrer Jahre

Und Engel-hoher Witz verdienet keine Bahre.

Ja jhr durchlauchtig Haus ist jetzt in solchem Flor /

Daß freylich Assamon geht Jdumæen vor

An Würd' und Heilikeit.

SALOME.

Hier eben ist zu dencken /

Wie dieser Nattern Schaar auff einmal zu versencken:

Der Alexandra Trotz / die Weißheit deß Hyrcan

Steht uns im Wege nur. So bald die weggethan /

Jst Mariamne bloß / und leichtlich hinzurichten.

Jedoch was schwätz' ich viel! Man kan die Zanck-Sucht schlichten

Durch minderen Verdacht. Mir fällt was sonders ein /

Das zu der Freyheit wird die erste Staffel seyn.

ANTIPATER.

Sie meld' uns jhren Sinn!

SALOME.

Deß Argwohns blancken Spiegel

Führt Cypris stets mit sich / wolwissend / daß die Riegel

Deß Eh-Betts wächsern sind / die Kammer-Thür' auß Glaß /

Denn Hymenæus hat genaue Wag' und Maß /

Der wie das Wolcken Schloß nicht kan zwey Sonnen tragen.[218]

Was hindert mich nun hier / dem König anzusagen /

Wie Mariamne sich mit meinem Eh-Gemahl

Durch allzufreyen Schertz / der meistens auß dem Saal

Der reinen Tugend weicht / offt allzusehr vergangen /

Auch an den Nagel wol geschworne Pflicht gehangen.

Wird nun / wie ich vermein' / Herodes angestifft /

Daß Joseph muß vergehn durch Eisen oder Gifft /

Und Mariamnens Trotz im dunckeln Kercker küssen /

So leb' ich höchst vergnügt.

PHERORAS.

Wo bleibet dein Gewissen /

Die Liebe heil'ger Eh / und angelobte Treu?

Zu dem steht noch im Glück' / ob dir der Fürst fällt bey /

Und diesen Worten glaubt / die du jhm vor-wirst-mahlen.

SALOME.

Untreue in der Eh muß man mit Untreu zahlen.

Der ist nicht Liebens werth / den frembde Brunst ergetzt:

Hierdurch wird meine Seel' im wenigsten verletzt!

Ja solt' auch diese List nicht alsobald gerathen;

Muthmaßlicher Beweiß schlagt offt verborgne Thaten /

Und macht den Argwohn klar. Mit kurtzem: Zweiffelt nicht;

Wo euer Zweck mit mir auff unser Heil gericht /

Und diß / was ich verlangt / so steht auff meiner Seiten /

Helfft mir mit List und Macht die Schlangen-Zucht bestreiten /

Die gleich der Hydra wachst und stündlich sich vermehrt.

Jch zwar wil mühsam seyn / wie diß / was ich gelehrt /

Glückseelig werd' erfüllt: Jhr aber seyd beflissen /

Hyrcanum und sein Kind beym König anzugissen;

Und wo sich ichtwas zeigt / daß unsre Galle kühlt /

So werd' im minsten nicht ein Augenblick verspielt.

PHERORAS.

Jch starr' ob deinem Muth und dem so klugen Munde!

Hier hast du meine Hand: Wir stehn in einem Bunde /[219]

Wir brechen Rosen ab / weil uns die Sonne scheint /

Und leschen / was uns brennt.

ANTIPATER.

Jch meine / was jhr meint.

Brich an gewüntschtes Licht! Brich an gewüntschter Morgen!

Der uns befreyen wird von allem Ach und Sorgen /

Und mir mein Mutter-Hertz / die werthe Dosis / giebt.

SALOME.

Sehr wol! dem Himmel selbst ist diese That beliebt /

Der wird auch krönen euch mit schönsten Ehren-Lilgen.

ALLE DREY.

Wir schweren: Assamons Geschlechte zu vertilgen!


Der Schau-Platz verwandelt sich ins Königes Gemach.

Herodes. Hyrcanus. Josephus. Unterschiedliche Hof-Leute / Pagen und Trabanten.


HERODES.

Nun ist das heil'ge Land in sichre Ruh gesetzt /

Der Grosse JEHOVAH hat seinen Knecht ergötzt

Mit Wolstand / Fried- und Glück' und was den Statt vergnüget:

Wir haben Neid und Feind großmütig obgesieget;

Und unser Diamant sticht viel Rubinen weg.

Deß Ezechias Mord' und höchst-verfluchtem Zweck

Hat diese Faust gesteurt: Durch uns ist Palæstinen

Ein lichter Morgen-Stern in Sions Burg erschinen /

Nach dem uns Marck-Anton / das Wunder seiner Zeit /

Doch unglückhaffter Held / diß Königliche Kleid

Durch den Ventidius auß sondrer Gunst geschencket.[220]

Den grimmen Pacorus / der den Phasel gekräncket /

Und jhn / Hyrcan / beschimpfft / hat dieser Arm verlacht:

Das feste Sephorim ist nun in unsrer Macht.

Den Vater-Mörder hat diß blancke Schwerdt zerstücket /

Weil er Antipatern durch Gifft ins Grab geschicket /

Antipatern / der noch herrscht in der Sterblikeit:

Gantz Galilæa küst Herodis Purpur-Kleid.

Der Mächtigste August / den selbst der Himmel schützet /

Hat unsre Hoheit nie mit Ungunst angeblitzet:

Der Pers' / und Med' / und Parth' / und Grich' / und African /

Sind unsrer Majestät mit Freindschafft zugethan /

Von uns weiß Jericho und Jsana zu sagen:

Ja unsre Thaten tragt der Sonnen güldner Wagen

Durch Ost / West / Sud und Nord. Ach aber! dieses Glück' /

Das uns der Himmel gibt / ist gegen jenem Blick /

Mit welchem Mariamn' die Göttin der Göttinnen

Und mein unschätzbar Schatz bestrahlet unsre Sinnen /

Nur Schatten / Nebel / Rauch und eitel-voller Dunst!

Durch sie lebt unser Geist! Wie selig ist die Brunst /

Die nicht beym güldnen Kalb' und Höllen-Bildern lodert /

Denn solche Fantasie verschwindet und vermodert /

So bald das faule Quell der Geilheit wird entdeckt.

Hier unser Krystallin ist nirgends nicht befleckt:

Candaulens Kleinod muß vor unsrer Kron' erbleichen /

Es muß jhr Bathseba und Sisigambis weichen;

Der Glantz Cleopatrens / und was uns Welsch-Land zeigt /

Erblaßt ob jhrem Licht. Zu jhm Hyrcanus neigt

Mein Danckbar Hertze sich! Durch jhn hat dieser Engel

Den Himmel mir gebaut / in welchem keine Mängel

Noch Finsternüsse sind. Auch Joseph sey beglückt /

Der uns den theuren Schatz bewahret unverrückt /

Ob schon das Unglück wolt' auff unsre Liebe wütten!

Mit was für Wolthat werd' ich Beyd' euch überschütten /

Und eur Verdienst erhöhn![221]

HYRCANUS.

Daß unser Väter GOTT /

Der Abrahm / Jsaac und Jacob halff auß Noth /

Auch seine Tugend / HERR / genädigst angesehen /

Jst billich Rühmens werth: denn Glückes-Winde wehen

Auffs Schloß der Danckbarkeit; wo dieser Grundstein liegt /

Da wird Aßmodi stets vom Raphael besiegt /

Und Obed-Edoms Heil in Haus und Hof gewehret.

Daß Salems Tempel nicht sind gantz und gar verheeret /

Daß Leuchter / und Altar / und Schau-Brodt' / und die Kist'

Jn heil'ger Ruhe stehn / daß keine Sebel frist

Der Unterthanen Blut / daß Fried' und Recht sich küssen /

Und wir die Gnade nicht deß Röm'schen Adlers missen /

Jst freylich / Edler Held / bloß zu zuschreiben Dir.

Drumb krönt auch Dich mit Recht der Mariamnen Zier /

Mein liebstes Kindes Kind und Trost verlebter Jahre:

Hier ists nicht Danckens noth: Jmfall ich nur erfahre /

Und stets versichert bin / daß mir der Fürst geneigt /

So scheid' ich frölich ab / wenn sich die Stunde zeigt

Zu reisen auß der Welt.

JOSEPHUS.

Die süssen Zucker-Rosen /

Wenn jhnen Delius und Zephyr Lieb-wil-kosen /

Erhöhn deß Purpurs-Glantz: So / wenn dein Gunst-Wind weht /

Und deine Sonne nur nicht einen Stern verschmäht /

So wird auch Joseph hier sich höchst vergnügt befinden /

Und zu deß Königs Heil biß in sein Grab verbinden.

Hier opffer' ich mein Hertz: Die Brust ist das Altar /

Die Flammen Treu und Pflicht! Der Erebinnen Schaar

Mag mein verdammtes Haupt mit tausend Ach erdrücken /

Wo meine Worte sich mit falschen Maßquen schmücken.

Und wie kan's anders seyn / wem selbst der Printz zur Eh

Eh Sein Schwesterliches Hertz / die wackre Salome[222]

Gegönnet und geschenckt / daß hier nicht Liebe glimme /

Die Liebe / welche stets deß grossen Schwagers Stimme

Als ein Orakul ehrt / und seine Wolfahrt sucht?

Wie thöricht handeln doch / die deß Gelückes Frucht

Mit Hoffart brechen ab / und nicht in Demut küssen!

Nein! Joseph wil sich nicht als einen Schwager wissen /

Nur unterthän'gsten Knecht. Zwar daß der König mir /

Als er nach Rom verreist / sein' ausserkohrne Zier

Und Seele seiner Seel' höchst-gnädig anvertrauet /

Auß dem wird klar genug deß Fürsten Gunst geschauet:

Jedoch der Mensch weiß nicht / was offt der Himmel dreut /

Weil den Verleumbdungs-Jäscht der nimmer-satte Neid

Meist auff Verdienste wirfft / gleich dunckel-grünen Schlangen /

Die auß den Blumen Gifft / wie Bienen Honig fangen.

HERODES.

Was hat die Red' auff sich? Wir kennen Eure Treu:

Werfft alle Sorgen hin! Wem Printzen stehen bey /

Und in den Purpur hüll'n / dem ist kein Blitz zu hoffen.

JOSEPHUS.

Offt wird der Lorber-Baum vom Donner selbst getroffen!

HERODES.

Nein! Aller Fürsten Fürst wacht für den güldnen Thron.

JOSEPHUS.

Der Scharlach deutet Blut / Opale Schwerdt und Hohn.

HERODES.

Der Demand bleibet steiff / ob tausend Hammer rasen.

JOSEPHUS.

Es kan ein schlechter Wind die Sonnen-Wend' umblasen.[223]

HERODES.

Bey Kaiser-Kronen kan auch Tulp' und Rose blühn,

HYRCANUS.

Ob Davids Liebe muß selbst Jonathan entfliehn.

HERODES.

Der niemals euch verließ / wird ferner euch nicht lassen.

JOSEPHUS.

Ach daß die Sternen nicht mit jhrem Mond' erblassen!

HERODES.

Der Monden steht zu hoch / die Sternen folgen nach.

HYRCANUS.

Haß / Ehr-Sucht / List und Neid raast biß ans Sternen-Dach.

HERODES.

Der Unschuld reiner Glantz vertreibet die Cometen.

JOSEPHUS.

Die Sonne muß sich selbst ob derer Strauß entröthen.

HERODES.

Jn unserm Himmel strahlt kein solches Schwantz-Gestirn'.

HYRCANUS.

Ein falsches Jrr-Licht kan Stern' / Sonn' und Mond verwirr'n.

HERODES.

Zwey Sonnen leuchten hier: Jm Himmel ist nur eine.

JOSEPHUS.

Wahr ists: Wir sind beglückt in Mariamnens Scheine![224]

HERODES.

Ach Nähme / der besiegt Violen und Jaßmin!

HYRCANUS.

Durch dessen Wunder-Krafft Fürst / Reich und Jnfel blühn!

JOSEPHUS.

Und Tugend wird erhöht / ob gleich die Laster wütten!

HERODES.

Ach! Mariamne! ach! dein' überirrd'sche Sitten

Ziehn unsern Geist nach dir!

HYRCANUS.

O süsser Liebes-Platz!

HERODES.

Laßt unsern Abgott uns / den Engel-schönen Schatz

Mit Opffern jtzt verehr'n! Sie meiner Seelen Sonne!

HYRCANUS. JOSEPHUS.

Es lebe Mariamn' Herodis Lust und Wonne!


Herodes. Salome. Der Haupt-Mann mit den Trabanten.


HERODES.

Woher doch / Salome / mit dieser Threnen-Flut?

SALOME.

Mir ist deß Königs Ruhm viel lieber als mein Blut!

HERODES.

An welche Klippen stöst die Muschel unsrer Ehre?

Sie meld' uns / was sie drückt.[225]

SALOME.

Es ist der Klugheit lehre /

Nicht jedes zu erzehl'n / was im Pallast geschieht:

Jedoch weil meine Treu dem Bruder mich verpflicht /

Und das hochheil'ge Recht mir selbst die Wort' einbindet /

So red' ich sonder scheu: die Fürstin ist entzündet

Mit Liebe!

HERODES.

Gegen wem?

SALOME.

Den man am minsten meint.

HERODES.

Mit kurtzem: Nur herauß! Sind's Freinde oder Feind?

SALOME.

Es ist – (ich schäme mich den Buhler fast zu nennen!)

Es ist –

HERODES.

Fort! Laß mich nicht in Unmuts-Nesseln brennen!

SALOME.

Es ist Josephus selbst / mein keusches Eh-Gemahl!

HERODES.

Hilff Himmel! Jch erstarr'! Ach unverhoffte Qual!

Ach grimmer Seelen-Riß! Ach Leiden aller Leiden!

Diß henckert Brust und Geist! Diß kan ins Hertze schneiden!

Ach! daß der Zucker sich so schnell' in Wermuth kehrt!

Ach! daß der Liebes-Brunn so bittre Flut gewehrt!

Josephus? Ha! Jst dir der König so geringe?

Mißbrauchstu unsrer Gunst? O Zufall frembder Dinge![226]

Fürstin! Wo bleibt dein Witz? Wo / Joseph / deine Treu?

Stracks Gifft und Schwerdter her / und Strick / und Zang' und Blei!

Auff was vor Grund beruht diß schreckliche Berichten?

SALOME.

Die Bäume schnöder Art kennt man an jhren Früchten /

Den Löwen an der Klau / am Eisen den Magnet /

Und wie es wittern werd' / an trüber Morgen-Röth':

Gantz Palæstina weiß der Mariamne Sinnen /

Die durch den Ehr-Suchts-Reitz selbst Götter wil gewinnen /

Weil Schönheit / Witz und Muth auß jhr was sonders macht.

Und freylich ist beliebt die dreyfach ädle Pracht /

So einen Mensch beglückt: Jedoch wenn diese Gaben

Beym höchsten Gipffel stehn / so werden leicht die Graben

Der Tugend übersprengt vom frechen Hoffarts-Gaul /

Denn die Begierden sind hier niemals laß und faul /

Umb jhrer Trefflikeit ein Probestück darzustellen.

An Mariamnen wird ein Beyspiel hier erhellen /

Die (trotz dem / dem es leid!) den hoch-gesinnten Muth

So Fürst' als mir bezeigt. Jhr Königliches Blut

Ward mehr als einmal uns hochtrabend vorgerücket /

Ob deine Liebe gleich den Fehler nie erblicket:

Sie zanckte stündlich sich / warff mir im Eifer vor /

Daß du den Reichs-Stab führ'st und über Salems Thor

Recht und Gerichte heg'st / wär' jhr allein zu dancken:

Es kam' Antipater auß gar zu schlechten schrancken

Deß Stamm-Registers her / sie aber hätte Cron'

Und Jnfel stets geerbt vom Anherr Assamon.

HERODES.

Verfluchte Pralerey / so auch in Weibern stecket![227]

SALOME.

Doch dieses gienge hin / wenn sie nur nicht beflecket

Die Schwanen-weisse Brust durch allzufreyen Schertz

Mit meinem Eh-Gemahl.

HERODES.

Diß ist noch keine Kertz /

Die zum Beweißthum dient und mich zur Rache fodert;

Denn Schertz ist Schertz / nicht mehr!

SALOME.

Ja Schertz! der nicht verlodert /

Wiewol der Bruder meint! Man höre ferner mich /

Wofern es dir beliebt! Den härtsten Seelen-Stich

Hat Salome gefühlt / als du nach Rom gezogen /

Da dieses Paar in deß unkeuscher Lust gepflogen

Jn reichem Uberfluß.

HERODES.

Was stärcket den Verdacht?

Hast du es selbst gesehn?

SALOME.

Er hat bey Tag und Nacht

Als rechter Printz und Herr jhr Schlaf-Gemach besuchet /

Jn dem ich inniglich die arge That verfluchet /

Und deine Wiederkunfft mit höchstem Schmertz verlangt.

HERODES.

Ob zwar diß wichtge Werck noch was in Zweifel hangt /

Und die Gewißheit hier nicht sattsam kan erhellen;

Jedoch weil der Verdacht in so bewandten Fällen

Das Laster fast beweist / und starcken Anlaß gibt

Zu dreuen mit der Pein dem / der uns hier betrübt /

Und der sich nicht gescheut den Purpur zu entehren /[228]

So werde Joseph stracks ohn' eintziges Verhören

Jns Kerckers Schacht gesetzt: Der Fürstin aber gebt

Nicht einigen Bericht / was vor ein Wetter schwebt

Ob dieses Frevlers Haupt.

HAUPT-MANN.

Jch werde mich bemühen /

Deß Königs ernsten Schluß eilfertig zu vollziehen.


Reyen


Der Königlichen Genade. Der Frauen-List /Leichtglaubikeit / Ehrsucht / Miszgunst / deß Argwohns und Eigen-Nutzes.


DIE KÖNIGLICHE GENADE.

Kommt / Sterbliche / rufft meine Gottheit an!

Jst euer Sinn / biß an den Pol zu steigen?

Soll sich vor euch Po / Rha / und Jster neigen?

Begehret Jhr der Ehre güldnes Fahn?

Den fern-gepreßten Wein / und theure Marmeladen?

Wolt jhr in Balsam baden?

Soll euer Ebenbild in Alabaster stehn?

Soll Venus euch mit Demant und Rubinen

Zu Tisch' und Bette dienen?

So kommt zu mir! Jch kan euch all' erhöhn.

Hier! Hier! ist Muth / und gut / und blut zu finden!

Vor meiner Sonne muß Mond / Stern' / und Jrrlicht schwinden.

DIE FRAUEN-LIST.

Wenn meine Schlang' in edlen Rosen lieget /

Und Züngelnd saugt den Weißheits-vollen Safft /

Wird Simson auch von Delilen besieget /

Und schnell beraubt der überirrd'schen Krafft:[229]

Hat Joseph gleich der Juno Fahn getragen /

Herodes jhn geküßt auff seinem Wagen /

So schaut doch / wie mein Molch diß Karten-Blat zerritzt /

Weil jhm sein Eh-Schatz selbst durch List die Bahre schnitzt.

DER ARGWOHN.

Kein Argus hat ein solch durchleucht Gesichte /

Daß mein Krystall an Augen übertrifft;

Schmeckt gleich Sejan deß Hofes Zucker-Früchte /

So schmeckt er auch Beil / Schwerdter oder Gifft.

»Denn Argwohn ist Pallästen stets verbrüdert« /

Der Jonathans und Davids Bund zergliedert:

Ja wenn ein Falsch Geschrey Monarchen kommet vor /

So muß mein Spiegel stehn an jeder Thür' und Thor.

DIE LEICHTGLAUBIGKEIT.

Wer leichtlich glaubt / wird leichtlich auch betrogen /

Diß Sprichwort hat in Schlössern keinen Nutz:

Hier rauschen stets die tück'schen Wasser-Wogen /

Auff diesem Buch ruht Fürstlich Heil und Schutz.

»Man muß im Hof auch was unglaublich glauben« /

Soll Meineyd nicht die Lorber-Krone rauben.

Und ob Herodes gleich der Schwester Glauben gibt /

Wird er doch nicht so sehr / als Salome / betrübt.

DIE EHR-SUCHT.

Sey / König / nicht zu mildreich mit den Gaben!

Zertheile nicht die Gold-besteinte Kron!

Wenn Joab wird vom Fürst zu sehr erhaben /

Siht David nichts als Jammer / Schimpff und Hohn.

Der Himmel kan nur eine Sonne leiden /

»Zwey können nicht im Trohn' und Eh-Bett weiden.«

Drumb wenn der Diener Rock fast mit dem Purpur kämpfft /

So werde dieser Dunst durch meine Glut gedämpfft.[230]

DER EIGEN-NUTZ.

Mein sanffter Stab mit der verborgnen Klinge /

Mein doppelt Kleid zeigt Printzen klärlich an /

Daß Eigen-Nutz in jhre Zimmer dringe;

Ja wil er nicht / so muß der Unterthan:

»Denn auß dem Schwamm / den du mit Flut gefüllet /

Wird billich dir der Geldes-Durst gestillet.«

Drumb weils der Statt erheischt / so brauche Fuchs und Leu /

Damit kein Naboth nicht in deinem Reiche sey.

DIE MISZGUNST.

Die Mißgunst herrscht fürnehmlich in Pallästen /

Ob sonsten auch mir dienet alle Welt:

Und dieses kommt Monarchen selbst zum Besten /

»Wenn Macht durch Macht / Stoltz durch die Hoffart fällt.«

Ach Thörichte! vor Cronen und vor Tittel

Verehr' ich euch den Krantz und Sterbe-Kittel:

Seht / weil auch Salome mit meinem Gifft sich plagt /

Wie Mariamne wird und Joseph außgetagt!


Die Königliche Genade verwandelt sich in ein abscheuliches Todten-Gerippe.


ALLE SECHS.

Was sehen wir! Erschreckliche Gestalt!

Abscheulichs Bild! So wird die Gunst verkehret /

Die Hof und Burg auff kurtze Zeit gewehret!

So wird die Glut der Ehre blaß und kalt!

Wol dem / den nicht der eitle Dampff verblendet!

Denn wenn das Glücke sich ergrimmt /

Und euch den Untergang bestimmt /

Wird auch die Tugend selbst in Sarg und Grab gesendet.

Quelle:
Johann Christian Hallmann: Sämtliche Werke. Band 1, Berlin und New York 1975, S. 211-231.
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