Erster Akt.

[75] Massalia; Marktplatz, im Vordergrunde rechts Myrons Haus.


Actäa auf der Schwelle des Hauses sitzend, eine Stufe niedriger zu ihren Füßen. Parthenia, am Rocken spinnend, neben ihr ein Körbchen mit Flachs.


ACTÄA.

Bedenk' nur, Kind, der Polydor ist reich,

Ein Mann von grünen Jahren, Witwer zwar,

Doch reich, ein vornehm angesehner Mann,

Und wirbt um deine Hand –

PARTHENIA aufstehend.

Die Sonne sinkt;

Für heute hätt' ich mir genug gesponnen,

Beim Nachbar gibt's Oliven abzunehmen,

Da will ich denn hinüber –

ACTÄA.

Nein, du bleibst,

Du sollst mich hören, Wildfang! Lang genug

Ergötzen dich Gekicher, Narrenpossen

Und tolles Kinderspiel! Zeit ist es endlich,

Dich abzutun des unstet wilden Wesens

Und ernste Reden ernsthaft zu vernehmen.

PARTHENIA die sich wieder gesetzt hat.

Ich hör' ja, Mutter!

ACTÄA.

Ja, so sagst du immer,

Und während ich mich heiser rede, schwärmt

Durch Feld und Flur dein flüchtiger Gedanke,

Wie sonst du selbst, den Schmetterlingen nach;

Doch jetzt ist's Zeit, mit deines Lenzes Blüten

Zu wuchern für den Herbst. Nur Jugend freit,

Und wie sie kommt, entflieht sie, eh' wir's denken;

Das Los der Unvermählten aber ist

Ein einsam Alter und der Spott der Toren:

Und dieses wird dein Los sein, denn dein Sinn

Versagt Gehör verständ'gem Rat und beut

Den Göttern Trotz! – So hast den Medon erst

Du ausgeschlagen –[75]

PARTHENIA.

Ei, der war eisgrau

Und trippelte und keifte –

ACTÄA.

Den Evander –

PARTHENIA.

Der duftete nach Kräuteröl und Salben,

Und seine Nähe war mir wie Arznei!

ACTÄA entrüstet aufspringend, während Parthenia fortfährt zu spinnen.

Recht! Fahr nur fort so! Tritt dein Glück mit Füßen,

Blieb Reue doch noch keiner Torheit aus! –

Du glaubst vielleicht, es blüh' am Lebensbaume

Dir ganz ein eignes wunderbares Los;

Du hältst dich wohl für schön, für hochverständig,

Wohl gar für reich –

PARTHENIA aufspringend.

Jung bin ich, froh und heiter,


Die Mutter umschlingend.


Und ihr, ihr liebt mich ja, was brauch' ich weiter?

ACTÄA.

Dich lieben! – Ja, so wenig du's verdienst,

Bei allen Göttern, ja, wir lieben dich!

Doch nein, was schließ' ich dich in meine Arme!

Ich bin dir böse, bitterböse! – Fort!

Wir lieben dich, du aber liebst nicht uns;

Du willst dich uns zum Trotz nur nicht vermählen;

Es wäre denn dir etwa beigefallen,

Zu warten auf den Mann im Mond –

PARTHENIA nach einer Pause.

Worauf

Ich warte? Mütterchen, ich will dir's sagen!

Ich war ein Kind noch, doch ich merkt' es wohl;

Von Hero und Leander sprachst du mir,

Von ihrer Liebe; als ich aber fragte,

Was Liebe sei, da fuhrst du lächelnd fort

Und sagtest mir, wie Liebe kommt und wächst,

Wie plötzlich hell es wird im dunklen Herzen

Und jeder Pulsschlag spricht: Der ist's! Der trägt

In seiner Brust ein Stück von deiner Seele,

Dem möcht' ich leben, mit dem untergehen!

So sagtest du; ich aber merkt' es wohl,

Und als nun Medon und Evander kamen,

Um mich zu werben, legte ich verstohlen

Die Hand aufs Herz und lauschte seinem Schlag

Und horcht' und horchte; doch das Herz schwieg still.

Und sieh, so wart' ich, bis es sprechen will!

ACTÄA.

Was sagst du da, ich hätte –


Für sich.


Gute Götter![76]

So läuft uns allen mit dem jungen Herzen

Die alte Zunge fort!


Laut.


Du töricht Kind!

Das also ist es, darauf wartest du?

Dein Herz soll sprechen? – Schlag dir's aus dem Sinn!

Wenn je so tolles Zeug ich dir erzählt,

So war's ein Schwank, ein eitel Kindermärchen

Und birgt in süßem Namen nicht'gen Wahn.

Der Wirklichkeit lenk' deine Blicke zu,

Und fass' Gelegenheit beim kargen Haare;

Kein Zweiter kömmt dir, wie der Polydor,

So reich, so ehrenhaft –

PARTHENIA.

So ehrenhaft,

Und drückt dem Vater seine Waren ab

Und spart und knickert –

ACTÄA.

Das verstehst du nicht;

Er ist ein guter Wirt, und bist du erst

Sein Weib, mag vieles anders werden. Mache

Nur einmal Ernst! Sag': Ja! Tu mir's zuliebe,

Sag': Ja! mein Kind!

PARTHENIA.

Sieh, Mütterchen, ich will

Nicht mehr in Wald und Wiesen schwärmen, will

Still sitzen wie die andern Mädchen, will

Dich nicht mehr kränken, will am Auge dir

Absehen deinen Willen, aber den,

Den Polydor, den kann, den will ich nicht,

Den werd' ich niemals nehmen!

ACTÄA.

Nicht?

PARTHENIA.

Du zürnst?

Doch ist es so, so muß ich dir's doch sagen.

ACTÄA.

Und ich, ich sage dir, wir, deine Eltern,

Wir altern und wir sehnen uns nach Ruhe;

Das Haus und die paar Äcker sind verschuldet;

Dein Vater ist ein armer Waffenschmied,

Und wenn bei Tag die Felder er bestellt,

So muß bei Nacht er hämmern in der Schmiede;

Und ruht der Feldbau, zieht er schwer beladen

Wie jetzt mit seinen Waffen fort, zum Kauf

Sie auf den Nachbardörfern auszubieten. –

PARTHENIA.

Der arme Vater!

ACTÄA.

Arm! Ich bin noch ärmer!

Ich bleib' daheim, doch meine Sorge geht[77]

Und trägt mit ihm die Last der Waren

Und keucht mit ihm den Berg hinan; ich fühle

Die Stürme, die sein graues Haar durchwühlen,

Den Regen mit, der niederströmt auf ihn,

Und denk' ich erst, in dunkler Bergschlucht stürmen

Die wilden Allobrogen oder gar

Die schlimmern Tectosagen auf ihn ein,

Berauben ihn, erschlagen ihn vielleicht!

So muß ich weinen, weinen – Aber du,

Du, die er liebt wie seinen Augenstern,

Für die er Blut und Leib und Leben wagt,

Du könntest ihn entheben aller Mühen

Und meine Tränen trocknen, uns beglücken

Und selber glücklich sein! Du aber kannst und willst

Und tust es nicht, du undankbares Kind!

Das bist du! Ja! So muß ich dir's doch sagen!


Sie geht ins Haus ab.


PARTHENIA nach einer Pause.

Undankbar! Nein, die Götter wissen's! Nein,

Das bin ich nicht, undankbar nicht! Für mich

Beut rauhem Sturm das greise Haupt er dar;

Für mich, aufächzend unter schwerer Bürde,

Klimmt keuchend er bergan! Er soll nicht – Nein,

Ich will die Mutter Lügen strafen – will –

Was will ich denn? – Dem Krämer mich vermählen! –

Ihr ew'gen Götter! Nein, ich kann's nicht denken –

Das hieße sterben, hieß' begraben sein.

Und doch, was gräm' ich mich? – Die Tage fliehen,

Und lag so hell die Zukunft erst vor mir,

Rief ahnungsvoll ein unbekanntes Glück

Mein Herz herbei, die Mutter sagte ja,

Es sei nur Wahn, ein Märchen nur sei Liebe,

Und so am End' ist alles Trug auf Erden,

Ein Märchen alles, was das Leben schmückt,

Und wirklich nur das Einerlei der Tage;

Und dann, beim Himmel, dann verlier' ich nichts,

Und für ein Schlimmers spar' ich mir die Klage,

Obwohl's vielleicht das Allerschlimmste eben,

Den Märchentraum der Jugend aufzugeben!

Doch wie dem sei, Bedenken, fahr hin!

Der Vater soll nicht mehr für mich sich mühen,

Soll nicht – Wer kommt da – Polydor –


Sie macht eine Bewegung, sich zu entfernen.
[78]

Doch nein:

Ich bleibe – Soll mein Glück verhandelt sein,

So steh' der Preis erst fest, um den ich's gebe!

Da kommt er her und bläht sich auf und wirft

Das Haupt empor und legt die Stirn in Falten,

Sein Blick, sein Schritt ist Hochmut ganz und gar;

Und ich sein Weib – mir macht's das Herz erkalten.


Sie tritt zu ihrem Rocken, an dem sie sich zu schaffen macht, während Polydor im Hintergrund der Bühne links auftritt.


POLYDOR ohne Parthenia zu bemerken.

Es geht nicht, dieser Sklave zehrt mich arm,

Und bräch' ich auch dafür den Kindern ab,

Ich kann nicht alle sie zugleich bewachen;

Es geht nicht ohne Hausfrau –

PARTHENIA für sich.

Tut er nicht,

Als läg' das Heil der Welt auf seinen Schultern,

Und rechnet, wett' ich, ein'gen Hellern nach –

POLYDOR.

Die Kallinike zwar ersetzt mir keine;

Das war ein treu Gemüt, die konnte sparen;

Des Waffenschmiedes Tochter aber macht

Wohl Not zur guten Wirtin – wähl' ich die,

So wähl' ich recht! Doch sieh, da ist sie selbst;

Als Wink der Götter acht' ich dies Begegnen. –

Ei guten Tag, mein Mädchen, guten Tag!

PARTHENIA.

Sag' guten Abend, denn die Sonne sinkt.

POLYDOR.

Laß immerhin mich guten Tag dir sagen,

Denn wie wär' Abend, wo dein Auge strahlt!

PARTHENIA für sich.

Nun stellt er gar sich an, als wollt' er lächeln! –


Laut.


Ich bitt' dich, laß die schönen Worte weg,

Damit wir ernst ein ernstes Ding besprechen!

Du denkst daran, mit mir dich zu vermählen –

POLYDOR für sich.

Das rennt ja mit der Tür ins Haus – Nun ja,

Die liebe Ungeduld kann's nicht erwarten? –


Laut.


Ganz recht, ich denke dran –

PARTHENIA.

So sagt die Mutter,

Und staun' ich gleich, daß deine Wahl mich trifft,

Daß Kalliniken du so schnell vergessen –

POLYDOR.

Vergessen – Nein! Ein Mann wie ich vergißt

Nicht, was er je verlor, nicht Geld noch Gut,

Noch Geldeswert, und das war Kallinike;[79]

Doch drängen mich gar viele wicht'ge Gründe

Zu neuer Wahl! Vor allem meine Kinder –

PARTHENIA.

Die armen Waisen –

POLYDOR.

Arm, das sind sie nicht!

Genäschig nimmersatte Rangen sind's,

Unbändig wilde Buben! – Soll ich nun

Um schweres Geld von Samos, von Milet

Mir einen Pädagogen kommen lassen?

Zähmt Sanftmut nicht am besten rohe Kraft?

Und du – du bist ja sanft –

PARTHENIA.

Sanft sagst du? –


Sich abwendend für sich.


Ja,

Sanft wie ein Lamm, das man zur Schlachtbank führt –

POLYDOR.

Zudem entfernt mich mein Geschäft so oft

Vom Hause, auf dem Markt bald gilt es, bald

Im Hafen sein, und soll indes ein Sklave

Mir Haus und Hof und Warenlager hüten

Und manchen wohlgefüllten Schrein? Das kann

Ein Weib nur, nur ein treues Weib! Und endlich –

Zwar bin ich rüstig noch und fühle mich

Ganz jung zuzeiten, doch schon melden sich

Vorboten an des Alters, hier und da

Ergraut ein Haar, und Gicht zuckt ab und zu

Durch meine Glieder, und wer pflegt mich dann,

Wer hält die warme Stube mir bereit

Und Kräutertrank und Krankensüppchen? Nur

Ein liebend Weib.

PARTHENIA für sich.

Mir sinkt der Mut, ihr Götter!

POLYDOR.

Noch ist ein andrer Grund, der aber strahlt

Aus deinem Blick, der blüht auf deinen Wangen;

Er heißt, mein Rosenknöspchen –

PARTHENIA.

Nein, den Grund

Behalt für dich und laß nur eins mich hören.

Du weißt, mein Vater baut das Feld und müht

Sich ab am Amboß, trägt auf seinen Schultern

Die Last der Ware fernen Käufern zu

Und ist bei Jahren doch und braucht der Ruhe!

Sprich, wirst du das bedenken, wenn ich dein?

POLYDOR.

Ei, freilich werd' ich das! Wie sollt' ich nicht?

Gewiß, ich will es reiflich mir bedenken!

PARTHENIA.

Und tun, was willst du tun für meinen Vater?

POLYDOR.

Tun! Was ich tun will, fragst du? Ei, mich rühmen[80]

Ist meine Sache nicht, doch will ich tun,

Was du nur wünschen kannst! Er wird vorerst

Mein Schwieger sein, der Schwieger Polydors,

Des reichen Polydors, mir anverwandt,

Und von den Göttern stammen meine Ahnen;

Denk', welche Ehre, von den Göttern, Kind!

PARTHENIA.

Es mag so sein, doch Ehre gibt nicht Brot!

POLYDOR.

Auch dafür soll gesorgt sein, denn ich nehme

Fürs erste deinem Vater, wie bisher,

Zu guten Preisen seine Waren ab –

PARTHENIA.

Zu guten Preisen! Heißt das gut für dich?

POLYDOR.

Und dann noch eins, dann will ich – merk' nun auf,

Und führ' dir's zu Gemüte, Mädchen – wisse,

Ich will dich ohne Mitgift nehmen – Ganz

Ohn' alle Mitgift; wie du leibst und lebst,

Ohn' eine Drachme Mitgift nehm' ich dich!

PARTHENIA.

Das alles tätest du für meinen Vater?

Das alles! Wirklich!

POLYDOR.

Viel ist's freilich! Ja,

Beinah' zu viel!

PARTHENIA.

Bei allen Göttern, ja,

Es ist zu viel! – Und so hab' guten Abend.


Sie will gehen.


POLYDOR.

Nein, bleib! Nicht ohne Antwort sollst du gehen!

PARTHENIA.

Und Antwort sollst du haben! Merk' wohl auf!

Schaff' deinen Kindern einen Pädagogen,

Um welchen Preis, wo immer her es sei;

Dein Haus zu wahren, sorg' für Schloß und Riegel;

Und kränkelst du, dort an der Ecke bietet

Die Hökerin heilsame Kräuter feil,

Bereite selbst dir deinen Kräutertrank;

Mir aber, wisse, blüht kein bittrer Kraut

Auf Erden als dein Anblick! Merk' es wohl;

Dies meine Antwort, laß sie dir genügen.


Sie geht ins Haus ab.


POLYDOR ihr eine Weile erstaunt nachblickend.

Was war das? Hört' ich recht? Sie schlägt mich aus?

Mich aus, den reichen Polydor? Das Kind

Des Waffenschmiedes mich, den Göttersohn?

Sie will mich nicht und sagt's so rund heraus,

Als wär' ich ihres Vaters Schmiedgeselle,

Und spottet meiner noch. Kein bittrer Kraut

Auf Erden als mein Anblick! Ja, er soll

Dir bitter werden und den andern mit!

Fortan sich selber zum Verderben schmiede[81]

Der blöde Alte seine Waffen! – Ich,

Ich nehme keine Klinge mehr ihm ab;

Ich bring' die Rechte seiner Gläubiger

An mich; ich lad' ihn vor Gericht, ich will

Von Haus und Hof, selbst aus der Stadt ihn treiben,

Ihn und sein trotzig Kind! Das will ich, ja,

Und sollt' es mich die letzte Drachme kosten;

Nicht rasten will ich, bis sein Los erfüllt.


Während er heftig bewegt auf und nieder geht, erscheint im Hintergrunde der Bühne links Lykon, der Fischer.


LYKON.

Die Straße grad' hinunter, sagten sie,

Dann um die Ecke, und vom Brunnen rechts

Das nächste Haus! – So muß es dieses sein!


Er geht auf das zunächst an dem Hause Myrons gelegene Haus zu und pocht an der Türe.


Heda! Macht auf, ihr drinnen! Aufgemacht!

Ja, schließt die Ohren nur und stellt euch taub,

Das Unglück pocht zu laut; am Ende müßt

Ihr doch dran glauben –

POLYDOR links im Vordergrunde der Bühne, für sich.

Ei, was will der Mann?

THEANO die Tür des Hauses öffnend.

Wer lärmt, wer pocht da?

LYKON.

Komm heraus!

THEANO.

Was soll es? Sprich!

LYKON.

Du bist des Myrons Weib, des Waffenschmiedes?

THEANO.

Ich, nein, mein Mann ist tot!

LYKON.

So dank' den Göttern;

Denn besser noch ist Tod als Sklaverei.

THEANO.

Wie, was? Der Myron, sagst du –

LYKON.

Ist gefangen,

Von wilden Tectosagen fortgeschleppt!

POLYDOR für sich.

Gefangen! Ei, das kömmt ja ganz gelegen.

THEANO.

Der Myron fortgeschleppt, gefangen –

LYKON.

Ja,

Ich sah's mit diesen Augen –

THEANO.

Ew'ge Götter!

Der Myron – sieh, da gehen seine Freunde –


Zu Adrast und Elpenor, die im Hintergrunde über die Bühne gehen.


Herbei, Adrast, Elpenor! Hier der Mann

Bringt Kunde, Myron sei gefangen,

Von wilden Tectosagen fortgeschleppt!

ADRAST.

Wie, sprichst du wahr?[82]

ELPENOR.

Und wie geschah es? Rede!

LYKON.

Unfern der Küste war's; ich macht' im Walde

Mir Segelstangen für mein Boot zurecht,

Da kam ein Mann des Weges, schwer beladen;

Ich stand vom Busch verdeckt, und jener streckte

Sich etwa einen Bogenschuß vor mir

Zu rasten hin ins Moos; da plötzlich wird

Es laut im Dickicht; und wie Wolfsgeheul

Tönt gellend rings der Schrei der Tectosagen.

POLYDOR für sich.

Das habt ihr gut gemacht, ihr Rachegötter!

ACTÄA mit einer Magd auf der Schwelle ihres Hauses erscheinend und die Stufen hinabsteigend.

Da ließ sie wieder sorglos, wie sie pflegt,

Den Rocken stehen! Schaff' ihn du ins Haus!

LYKON zu Theano, Adrast und Elpenor.

Mich barg der Busch, doch jener mußte dran,

Und ansgeplündert ward des Alten Habe! –

ACTÄA zur Magd, die indes den Rocken ergriffen.

Auch hier das Körbchen nimm –


Die Magd geht mit Rocken und Körbchen ins Haus.


LYKON.

Sie fragten ihn

Dann, wer er sei, und als nun jener sprach,

Er sei ein Waffenschmied, da jauchzten sie,

Sich ihres Fanges freuend: Der muß mit!

Und trieben ihn, deß graue Haare kläglich

Im Winde flatterten, gebunden hin

Des Weges –

ACTÄA die indes, der Magd folgend, die Stufen zum Hause hinangeschritten, auf der Schwelle plötzlich innehaltend.

Graue Haare?

Ein Waffenschmied – gebunden – fortgetrieben –

Wer war der Waffenschmied? –


Von der Stufe herabsteigend.


Sprecht – sag' ich, redet,

Wer war der Mann?

LYKON nach einer Pause zu den übrigen, die gesenkten Blickes dastehen.

Ist das des Myrons Weib?

ACTÄA.

Des Myrons Weib, ihr Götter! Myron wäre –

Nein, nein – Was steht ihr stumm? Sagt: Nein, es ist

Nicht Myron – Redet, sag' ich –


Nach einer Pause aufschreiend.


Wehe mir!

ADRAST.

Sie sinkt! –[83]

ELPENOR.

Sie schlägt zu Boden!

THEANO die Sinkende unterstützend.

Rettet, helft!

POLYDOR für sich.

Die hat ihr Teil! Nun bleibt das Mädchen noch!

AMYNTAS der mit andern Männern und Frauen auf Theanos Ruf herbeigeeilt.

Gefangen, sagt ihr – Myron –

THEANO.

Kommt doch, helft

Die Unglückselige ins Haus mir bringen! –


Theano und mehrere Frauen bringen die halbohnmächtige Actäa ins Haus.


AMYNTAS.

Und Tectosagen führten ihn hinweg?

LYKON.

Ja, Tectosagen, und drei Wochen sind's,

Daß, wie sie pflegen, aus der Heimat Bergen

Ein Haufe dieser zott'gen Schlingel brach,

Das Land verwüstet, Wandrer überfällt

Und Huf' und Klauen wegtreibt von den Triften,

Und diese waren's, die auf Myron stießen.

PARTHENIA aus dem Hause stürzend und rasch auf die um Lykon versammelte Gruppe zueilend.

Wo ist der Mann, der diese Kunde brachte?

Du bist es – sprich – ist's Wahrheit? Sahst du selbst –

LYKON.

Zehn Schritt' kaum kamen sie an mir vorbei,

Der Alte und die jubelnden Barbaren.

PARTHENIA.

Und du entkamst, und er –

LYKON.

Ich stand im Busch,

Ein einzelner, und wagt' mich nicht zu regen;

Erst als der Haufe ganz vorüber war,

Da wandt' ich mich zur Flucht! Der Alte aber

Ward mein gewahr und rief mir flehend nach:

Ich bin der Myron von Massalia,

Der Waffenschmied! Um aller Götter willen,

Geh hin und sag' daheim, daß sie mich lösen!

Der Wilden einer aber schrie mir zu:

Ja, lauf nur, lauf, und will ihn einer lösen,

Der zähl' uns dreißig Unzen Silber auf;

Das gilt der Mann! – So lief ich meiner Wege,

Und jene zogen den Cevennen zu!

PARTHENIA.

Und er gefangen! – Nein – Weg, feige Tränen!

Klar sei mir, Auge, Seele, sei mir Stahl!

Sie zogen, sagst du, den Cevennen zu,

Sie fordern Lösegeld! Verschuldet zwar

Sind Haus und Äcker, doch uns bleiben Freunde –

POLYDOR für sich.

Bar Geld wär' besser –

PARTHENIA.

Ihr, ihr helft, Adrast!

Amynt! Ihr wuchst mit ihm heran, ihr teiltet[84]

Mit ihm der Kindheit Spiel, des Alters Sorgen,

Ihr rettet ihn; ihr könnt es, ihr seid reich;

Ihr wollt es, ihr seid gut! Sprecht, edle Männer,

Sagt: Ja! Ihr streckt das Lösegeld uns vor!

ADRAST.

Ich, dreißig Unzen! Wollten doch die Götter,

Ich hätt' so viel erspart für meine Kinder.

AMYNTAS.

Das Meer trägt all mein Gut, und wer mag bauen

Auf Flut und Winde? Ich bin arm vielleicht,

Indem ich rede!

POLYDOR für sich.

Ja, die guten Freunde!

PARTHENIA.

Erbarmt euch, daß die Götter eurer sich

Erbarmen, daß dein Schiff den Hafen finde,

Daß deine Kinder nie der Knechtschaft Joch,

Der Armut Bürde drücke! Rettet, laßt

Der Mutter Gram, mein Flehen euch erweichen!

ADRAST.

Laß ab! – Vielleicht, daß später – aber jetzt

Erwarte nichts von mir, ich kann nicht helfen!

PARTHENIA.

Ihr großen Götter!

AMYNTAS.

Ja, die Zeit ist schwer;

Und jeden drückt die eigne Last genug!

PARTHENIA.

O Kindermärchen Freundschaft!

STIMME DES HEROLDS außer der Bühne.

Platz,

Ihr Bürger, dem Timarchen!

PARTHENIA.

Fahrt ihr hin!

Was fleht' ich auch zu euch! Die Mutter wacht;

Massalia wird ihre Kinder schützen!

HEROLD mit einem weißen Stabe, links im Hintergrunde der Bühne auftretend.

Platz, sag' ich, dem Timarchen!

PARTHENIA zu den Füßen des Timarchen sinkend, der dem Herold in Begleitung einiger Ratsherren folgt.

Rettung, Hilfe!

HEROLD den Stab schwingend.

Zurück!

TIMARCH.

Nein, laß! Du aber, Mädchen, sprich,

Weshalb begehrst du Hilfe?

PARTHENIA.

Rette! Myron,

Der Waffenschmied – mein Vater – im Gebirge –

Die Tectosagen führten ihn hinweg –

So rett' ihn du aus seiner Knechtschaft Banden!

TIMARCH.

Sehr dauert mich des wohlverdienten Mannes,

Doch ihn zu retten –

PARTHENIA.

Laß die Hörner tönen!

Zu ihren Schwertern laß die Bürger greifen –

Hat alle doch er ihnen sie geschmiedet;

Und edler Stahl und gute Klingen sind's –[85]

Massalias Macht biet auf für seinen Sohn,

Jag' ihren Raub den wilden Räubern ab

Und gib ihn frei der freien Heimat wieder!

TIMARCH.

Das geht nicht an; denn alte Satzung wehrt's

Aus jener Zeit her, wo gegründet kaum

Massalia mit den wilden Küstenvölkern

Im Kampf noch um sein junges Dasein lag;

Da ward beliebt, damit die Sorge nicht

Um einzelne die Wohlfahrt aller störe,

Und Vorsicht keckem Mute sich verbinde,

Massalia schütze seine Bürger nur,

So weit der Schatten seiner Mauern reicht!

Und da ihn Myron überschritten –

PARTHENIA.

Gnade,

Laß Gnade walten –


Aufspringend.


Nein, nicht Gnade, Recht,

Mein Recht gewähr' mir! Steht Massalia

Nicht fest gegründet, reicht gebietend nicht

Sein Arm weit über seiner Mauern Schatten?

So brauch' es seine Macht! Was sind Gesetze,

Die Zwang und Fessel sind, statt Wehr und Waffen?

Er ist gefangen, mach' ihn frei, Timarch!

TIMARCH.

Es geht nicht an! Wer einen Stein verrückt

Am Bau des Rechtes, wirft das Haus zusammen;

Siel selber zu, ich kann helfen!


Er wendet sich abzugehen.


PARTHENIA zu seinen Füßen sinkend.

Bleib!

Erbarmen!

TIMARCH.

Bei den Göttern wohnt Erbarmen;

Auf Erden wohnt das Recht, und ich will's wahren!

Gib Raum!

HEROLD.

Platz, sag' ich, dem Timarchen!


Der Timarch mit seinem Gefolge geht im Hintergrunde der Bühne rechts ab.


PARTHENIA nachrufend.

Gnade!

Weh mir! Kein Ohr, das meinen Jammer hört!


Sie verbirgt kniend das Gesicht in beide Hände.


POLYDOR die Hände reibend, für sich.

Ich kann nicht helfen! Einen Kuß dafür,

Du Goldmann, daß du sprachst: Ich kann nicht helfen!

ELPENOR.

Ich stehl' mich weg! Ihr nützen kann ich nicht,

Und ihre Tränen zehren mir am Herzen!


Er geht im Gespräch mit mehreren der Umstehenden ab, von denen schon früher ein großer Teil dem Timarchen nachströmte.
[86]

ADRAST.

Komm, folg' mir, Fischer! Herberg' geb' ich dir

Und Botenlohn! Ihr aber, Freunde, kommt,

In meinem Hause ruhig zu erwägen,

Was frommen mag im Drange solcher Nöten!


Er geht mit Amyntas, Lykon und den übrigen Anwesenden rechts im Hintergrunde der Bühne ab, so daß Parthenia, in der Mitte der Bühne mit verhülltem Antlitz kniend, allein mit Polydor zurückbleibt.


POLYDOR der sich dem Hause des Myron gegenüber auf den zu einem Hause hinaufführenden Stufen mit übereinandergeschlagenen Beinen hingesetzt hat.

Recht, geht nur, geht! Jetzt kommt die Reih' an uns,

Und treffen will ich sie, daß sie's gedenke!

PARTHENIA das Antlitz emporrichtend und umherblickend.

Fort, alle fort! – Sie fliehen meine Nähe;

Kein Arm, der Beistand, der mir Hilfe böte! –

Unglück geht, ahn' ich, seinen Weg allein! –


Aufspringend.


Und dennoch find' ich Hilfe, muß sie finden!

Ich will zu Polydor –

POLYDOR.

Zu Polydor?

Ei, bist du krank, so bittres Kraut zu suchen,

Als dir sein Anblick ist?

PARTHENIA für sich.

Nun helft, ihr Götter,

Und schmelzt in Demut mir der Seele Stolz!


Laut.


Im Staube sieh mich hier zu deinen Füßen –

POLYDOR.

Ei seht doch, seht, im Staub, zu meinen Füßen!

PARTHENIA.

Vergiß, vergib und löse mir den Vater!

Als Sklavin will ich mich zum Dienste dir

Verdingen –

POLYDOR.

So!

PARTHENIA.

Will treulich Haus und Hof

Und Gut dir wahren und dein Alter pflegen

Und deine Kinder hüten –

POLYDOR.

Seht doch, seht!

Das alles tätest du – das alles – wirklich –

PARTHENIA.

Das alles und noch mehr! Gewähre du

Nur eines, löse mir den Vater!

POLYDOR aufstehend.

Ei!

Und dreißig Unzen, denk' ich, fordern jene;

Nein, nein! Das käm' zu hoch! Ich bin ein Mann,

Der guten Rat befolgt, und sieh, so will

Ich denn nach deinem Rat für meine Kinder

Mir einen Pädagogen kommen lassen[87]

Und will mein Haus mit Schloß und Riegel wahren,

Und werd' ich krank, so will ich Kräuter kaufen

Dort an der Ecke bei der Hökerin;

So denk' ich es zu halten; du, mein schönes Kind,

Du löse deinen Vater, wie du kannst!

Verdinge dich als Sklavin dem Barbaren,

Mach', was du willst, nur eines bitt' ich dich,

Mein Stachelröschen, mich laß aus dem Spiel!


Für sich.


Jetzt hat sie's hin, und mag sie dran gedenken!


Er geht rechts im Vordergrund der Bühne ab.


PARTHENIA die während der letzten Rede Polydors aufgestanden und von ihm weggetreten ist.

Geh hin und freu' dich nur und denke, daß

Verzweiflung mich erfaßt, und daß dein Hohn

In Wahnsinn stürzt die hoffnungslose Seele.

Doch ist's nicht so! Die Menschen fliehen mich,

Die Götter aber sind zu mir getreten,

Und schwellend füllt ihr Anhauch mir die Brust

Mit jenem Mut, der alles überwindet,

Mit jenem Mut, der, seiner Kraft bewußt,

Kein Ziel unnahbar seinem Fluge findet.

O Tor, der meinen Schmerz zu stacheln kam,

Die Götter hießen so zu mir dich sprechen;

Du zeigtest mir der Rettung dunkle Bahn,

Du lehrtest mich des Vaters Fesseln brechen!

Hinweg, hinweg! Die Nacht sinkt dunkelnd nieder;

Bett' andern sie zur Ruh' die müden Glieder,

Parthenia, auf! Dein Tagewerk beginnt! –

Die Mutter aber –

THEANO die während der letzten Worte Parthenias aus dem Hause getreten.

Nun, es ist vorüber;

Sie liegt jetzt ruhig hin, und labend senkt

Sich Schlummer, scheint's, dem müden Haupte nieder –

PARTHENIA.

Und mög' er lang die Seele ihr umdämmern!

THEANO.

Komm denn hinein, den Trank ihr zu bereiten

Aus Bilsenkraut und würzigem Nepenthe!

PARTHENIA.

Ich weiß ein kräft'ger Kraut und geh' es holen!

THEANO.

Wie, jetzt? – Es dunkelt –

PARTHENIA die Hand auf dem Herzen.

Klar und hell ist's hier!

THEANO.

Und du – allein?

PARTHENIA.

Die Götter sind mit mir![88]

THEANO.

Jetzt Kräuter suchen! Nein, du bist von Sinnen!

Du sollst nicht, sag' ich –

PARTHENIA.

Wache du bei ihr;

Mich aber führt der Seele Drang von hinnen!

Ist's Wahrheit, was des Geistes Auge sah,

So liegt das Ziel, so liegt die Rettung nah,

Und alles wag' ich, alles zu gewinnen!

THEANO.

Wohin – Was soll das – Bleib – Parthenia!


Indem sie Parthenien nacheilt, fällt der Vorhang.


Quelle:
Friedrich Halm: Werke. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart [o.J.], S. 75-89.
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