Erster Gesang.

Aus der Retorte.

Bravo! sagte der Homunkel,

Als er fertig, und hernieder

Von der riesigen Retorte

Sprang er auf den Tisch des wackern

Hoch- und tiefgelehrten Doktors

Und Magisters, welcher eben

Nach unsäglichem Bemühen

Mit den Mitteln der Chemie nur

Aus den ersten Elementen

Dargestellt und hergestellt ihn,

Zum Triumph der Wissenschaft.

»Bravo, Doktorchen!« so rief er

Noch ein zweites mal, indem er

Fröstelnd in ein Wämschen schlüpfte,

Welches schon für ihn bereit lag;[1]

Und mit gnäd'ger Miene klopft' er

Auf die Achsel dem Erzeuger.

»So im Ganzen und vom reinen

Chemisch-physiolog'schen Standpunkt

Aus betrachtet, ist, mein Lieber,

Was du schufst, ein respektables,

Lobenswürdiges Stück Arbeit.

Im Detail, da wäre freilich

Mancherlei davon zu sagen.«

Also fortfuhr der Homunkel,

Ließ dann einige gelehrte,

Schätzenswerthe Winke fallen,

Sprach von Albumin sehr Vieles,

Von Fibrin, von Globulin auch,

Keratin, Mucin und Andrem,

Und von regelrechter Mischung,

Und belehrte seinen Schöpfer

Und Erzeuger gründlich, wie er's

Hätte besser machen können.

Musterte hierauf des Doktors

Hochgethürmten Bücherschragen,

Nahm ein Buch herab und streckte

Lesend sich in einen Lehnstuhl.

Mit Respekt still von der Seite

Sah der Doktor sein Geschöpf an,

Welches übrigens frappant ihm

Aehnelte: dieselben klugen,

Schlaffen, übernächt'gen Züge,[2]

Nur daß, runzlig, der Homunkel

Aelter aussah als sein Vater,

Anderseits jedoch ein Kind noch,

Oder, wenn man will, ein Zwerg war.

Allgemach begann zu kritteln

Und zu nörgeln an dem Buche,

Welches er in Händen hatte,

Der Homunkel. Int'ressant war

Dies dem Doktor, er notirte

Die Bemerkung in's Notizbuch:

»Erste literar'sche Regung

Eines Menschleins – Rezensiren.«

Mittlerweil' kam so in Eifer

Der Homunkel und erging in

Glossen sich, so voll von Witz, so

Scharf, so beißend, so gepfeffert,

Daß ein Niesedrang den Doktor

Ueberfiel, der nicht zu stillen,

So daß dieser sich zurückzieh'n

Einen Augenblick und einsam

Lassen wollte den Erboß'ten,

Als der Kleine die Scharteke

Warf' bei Seit' und, mit den Beinchen

Wie gelangweilt schlenkernd, gähnend,

Zu sich winkte den Erzeuger.

»Hör' doch, Väterchen!« begann er.

»Was beliebt?« frug Jener. »Sag' mir,«

Fuhr der Kleine fort, »wie kam dir[3]

Denn so eigentlich der Einfall

Mich, just mich zu fabriziren?

Warum hast du denn nicht lieber

Dich auf Alchemie geworfen?

Leute giebt es ja genug schon!

Besser hätte deine Mühen

Dir gelohnt ein goldner Klumpen.

(Apropos, wie steht das Agio?)

Gold, mein Lieber, das rentirt sich;

Alles andere ist Chimäre.

Bist ein Idealist, ein Schwärmer!

Mußt nun kleiden mich, ernähren!

Durst und Hunger schon verspür' ich!«

Braten ließ vom nächsten Garkoch

Und die beste Flasche Weines

Bringen unverweilt der Doktor,

Und die edle Gottesgabe

Stellt' er hin vor den Homunkel.

Der begann herumzustochern

Am Gebrat'nen, und zu nippen

An des Weines duft'ger Labe,

Aber baß den Mund verziehend,

Grimassirend wie vor Leibschmerz,

Sich das Bäuchlein reibend, krümmte

Auf dem Stuhle sich das Männchen.

Ach, abscheulich fand den Trank er

Und das Essen unverdaulich,

Bat ein Dütchen Gummi, Schwefel,[4]

Coffeïn, dazu ein Gläschen

Reinen Alkohols sich aus.

Als er dran gelabt sich leidlich,

Kam zurück er auf die Frage:

»Wie verfielst du drauf, mein Lieber

Mich, just mich zu produziren?«

»Lieber, herrlicher Erzeugter!«

Gab zur Antwort der Gefragte;

»Ganz natürliches Ergebniß

Fortgeschritt'ner Wissenschaften

Bist du! Wissen, Freund, ist Können!

Dich zu machen, an der Zeit war's,

Wie es niemals noch gewesen,

Und wir thaten's, weil wir's konnten,

Weil wir wußten, weil wir glaubten,

Daß wir's könnten. Und so wardst du!

In der Luft schon gleichsam lagst du!

Zeitgemäß und folgerichtig

Kamst du, wie im März das Veilchen,

Kamst du, wie im Mai der Käfer,

Wie der Storch, der Wandervogel!«

»Danke für die Ehre!« sagte

Der Homunkel; »aber höre,

Was so eigentlich – wie sag' ich? –

Das Gemeingefühl – Bewußtsein

Dazusein – das Leben anlangt,

Das du mir geschenkt, so weiß ich

Wirklich nicht, ob ichs dir danke.[5]

Fühle mich – hol' mich der Geier –

Nicht recht wohl in dieser meiner

Haut, so fein sie auch gesponnen,

Und es plagt mich Langeweile!« –

»Teufel!« rief entsetzt der Doktor,

»Glaube gar, du bist blasirt schon!«

»Glaub' es auch!« versetzte gähnend

Der Homunkel.

Allgemach dann

Hub' er an, in weinerlichem

Tone über dieses, jenes

Körperungemach zu klagen,

Und wenn theilnamvoll der Doktor

Näher ihn befragte, rief er

Aechzend nur: »Ach meine Nerven!

Meine Nerven!« – Wenn der Doktor

Seinen Puls befühlte, fand er

Selben fieb'risch galoppirend,

Und im nächsten Augenblicke

Wieder schleichend gleich dem Schrittgang

Eines eigensinn'gen Kleppers.

Ueber Wallungen, dann wieder

Ueber Blutarmuth auch seufzte

Der Homunkel; dem Erzeuger

Warf er vor, zu wenig Eisen

Sei gekommen in die Mischung

Seiner ersten Elemente.

»Elend ist auch die Verdauung,«[6]

Rief er dann, »und Neuralgien

Zwacken hier und zwacken dort mich.

Packe mir den Koffer schleunigst,

Augenblicklich muß in's Bad ich!«

Eingebildet nennt der Doktor

Seine Leiden, ihn beschwicht'gend.

Der Homunkel drauf: »Die Sache

Ist, mein Lieber, daß ein bischen

Arg du im Detail gestümpert;

Und das muß ich jetzo büßen!«

Aergerlich den Doktor machten

Diese Reden und er sagte:

»Nimmst du ganz dein erstes Bravo

Schon zurück als Uebereilung

In so wachsend übler Laune?

Undankbar und unbescheiden

Bist du, Junge! Mir verdankst du

Diese Haut und diese Knochen,

Dies Gewebe, dies Geblüte,

Diesen Odem, diese Sinne,

Diese Denkkraft; mir verdankst du's,

Wenn auf diesem Erdenrund du

Deine siebzig, achtzig Jährchen

Völlig wie geborne Menschen

Leibst und lebst und liebst und leidest!«

»Achtzig Jährchen? wär nicht übel!«

Gab zurück ihm der Erzeugte.

»Hab es satt schon jetzt, das Leben![7]

Ist's vielleicht ein Gut, dies Leben?

Weißt du nicht, daß Nichtsein besser?

Rechenschaft von dir verlang' ich,

Wie, mit welchem Rechte du dich

Unterstanden, mich zu schaffen,

Mich auf's Rad des Seins zu flechten,

Zu verdammen mich zum Elend,

Zu dem Hunger, zu dem Ekel,

Zu der Langeweil' des Daseins?

Hab' ich dich darum gebeten?

Lag ich nicht im Schoß des Nichtseins

Wonniglich? Wie durftest du so

Mir nichts dir nichts aus dem besten

Schlaf mich wecken und mich zwingen

Mitzutrotten wider Willen

In dem langen, bettelhaften

Pilgerzug der Kreaturen?«

»Ungemüthlich,« rief der Doktor,

»Bist du, bist ein Hypochonder,

Bist verbittert, bist vergrämelt!

Schau' die Welt dir an, die schöne!

Und genieße sie!«

Da lachte

Der Homunkel: »Anschau'n soll ich

Diese Welt mir? Mit den Augen,

Welche du mir gabst, erscheint sie

Eine arge Pfuscherei mir,

Wie ich selber! – Und genießen?[8]

Ha, genießen! Mit den Sinnen,

Welche du mir gabst, befällt mich

Bei dem Wort Genießen fliegend

Eine Hitze: doch dazwischen

Gleich durchfröstelt der Verstand mir,

Welchen du mir gabst, die Seele

Eisig scharf – Genuß, ha, würfe

Zwischen Glut und Frost umher mich,

Halb erstickend, halb erstarrend.«

Bei den Worten fiel des Kleinen

Blick zufällig auf das Bildniß

Eines schönen Frauenzimmers,

Das im Rahmen an der Wand hing.

»Welch' ein Weib!« begann er schmunzelnd,

»Welche Augen! welche Wangen!

Welche Lippen! welche Glieder!«

Konnte gar nicht satt sich sehen

An dem Bild, hub an zu strampeln

Mit den Beinchen vor Vergnügen.

Freudig merkend solch' korrekten

Fühlens Ausbruch, rief der Doktor:

»Liebe, Freundchen! lerne lieben!

Solches wird von übler Laune

Bald dich heilen! Will ein Weibchen

Dir erkiesen, dir vermählen,

Das dir bleibe schön verbunden

Immerdar in Lieb' und Treue!«

»Lieb' und Treue?« rief das Männlein,[9]

Schlug ein helles Hohngelächter

Auf, daß das Gemach erbebte

Und das Bildniß von der Wand fiel.

»Bist ein Idealist, ein Schwärmer!« –

Und so immer ärger greint' er,

Tobt' er – immer unbarmherz'ger

Hunzt' er aus den armen Doktor,

Schalt ihn Ignoranten, schalt ihn

Stümper, warf ihm insbesond're

Vor, er habe soviel Phosphor

Beigemischt den Elementen

Seines zarten Organismus,

Daß genug es für ein Pferd wär',

Und infolge dessen glühe

Denkend, grübelnd des Gehirnes

Masse wie ein Kohlenmeiler

Ihm von Anbeginn, des hellen

Intellektes Flamme schlage

Schier ihm über'm Haupt zusammen,

Leucht' in jeden Kehrichtwinkel

Dieser Welt hinein so grell ihm,

Daß ihm nichts schier übrig bleibe,

Als aus seiner Haut zu fahren,

Als des Teufels ganz zu werden.

»Dank?« so schloß die Rede grinsend

Der Ergrimmte, »Dank verlangst du

Dafür, daß du mich geschaffen?

Eine tücht'ge Tracht von Prügeln[10]

Ist der Dank, den du verdientest!«

Rief's und leiser dann zu wimmern

Fuhr er fort, sich zu beklagen

Ueber rasend-wilden Kopfschmerz.

Tiefbestürzt, mitleidig neigte

Sich der Doktor zu dem Kleinen,

Oeffnete sodann den Wandschrank,

Arzenei daraus zu nehmen

Für den Kranken. Doch der Schrank barg

Eine exquisite Sammlung

Auch von Giften, die in Fläschchen

Mit gar zierlich-netter Aufschrift

Wie »Arsenik«, »Cyankali«

Und so weiter, lang gereihet

Standen hier in schöner Ordnung.

Gierig haftet des Homunkels

Blick darauf; wie eine Katze

Lüstern leckt er sich die Lippe,

Und mit einem Griffe blitzschnell

Hat er eines Stücks Arsenik

Sich bemächtigt – will's verschlingen;

Mit genauer Noth entreißt es

Ihm der Doktor, sucht ihn schmeichelnd

Zu beschwicht'gen. Dann erwägend,

Was mit ihm sei zu beginnen,

Hält er es zuletzt für's Beste,

Vor der Hand in tiefen Schlaf ihn

Zu versetzen durch Hypnose.[11]

Und er blies ihm in den Nacken,

Sah ihm starr in's Aug', begann dann

Kunstgemäß die beiden Schläfe

Ihm zu streichen, ihm zu drücken,

Und nach wenigen Minuten,

Tief zurückgelehnt im Lehnstuhl,

Lag im Schlummer der Homunkel.

»Gott sei Dank! sprach still vor sich hin

Der geplagte chem'sche Vater,

Und ein Seufzer der Erleicht'rung

Rang sich los aus seinem Busen.

»Ich riskire, daß der Range

Mich noch ohrfeigt!« sprach er weiter

Zu sich selbst; »ein Teufelsjunge!

Geistig ist er baß gerathen:

Nur was Kraftmaß, Säftemischung,

Konstitution des Leibes,

Was Gemüth, was Stimmung anlangt,

Nun, da hapert's. Sonderbar ist's,

Daß bei diesem ganz erweislich

Materiell-erzeugten, chemisch-

Construirten Lebewesen

Just das Leiblich-Materielle,

Das Natürliche verschrumpft ist,

Geist und Intellekt dagegen

Ueppig sind in's Kraut geschossen.

Hätt' es umgekehrt erwartet!

Nicht zu leugnen: Defizite[12]

Giebt es noch im Lebenshaushalt

Dieses jungen Organismus:

Doch er funktionirt – er lebt!

Schwächen hat er und Gebreste:

Doch der Kern – den Kopf zum Pfande

Setz' ich – dieser ist gelungen;

Und zu Großem war berufen,

Ist berufen dieses Menschlein!

Eine große Rolle spielen

Muß er, wird er in der Welt noch!

Aber so mit Haut und Haaren,

Wie er ist – unmöglich wär' es,

Daß er durchdringt! Nicht zu Grund geh'n

Darf er, aber auch nicht bleiben,

Wie er vorliegt! Warte, Männchen,

Werde dich beim Worte nehmen!

Dich ein bischen »besser machen!«

Ueberstürzt war deine Bildung,

Ward »forçirt« – darin versah ich's –

Durch den Hitzegrad des Herdes,

Durch den Ueberfluß der Zufuhr.

Hätt' es machen sollen, wie es

Die Natur macht, die nie plötzlich,

Nie auf einen Ruck mit all' dem,

Was sie still bezweckt, herausplatzt,

Hier den Sporn braucht, dort den Hemmschuh,

Und mit vielen Ritardandos

Im spiralen Schneckengange[13]

Des Prozesses der Entwicklung,

Was sie will, gemach vollendet.

Ja, mein Junge, deine Lehre

Nutz' ich – werfe dich noch einmal

In den Tiegel, reduzire

Auf das erste embryonale

Urprinzip dich! Diesen ersten,

Rein materiell erzielten,

Destillirten Lebensurstoff,

Welcher mir so schön gelungen, –

Herrlichster Triumph des Wissens! –

Diesen konservir' ich sorgsam:

Aber um den Keim zu bess'rer

Individueller Bildung

Zu entwickeln, muß verfahren

Anders ich mit ihm ab ovo!

Komm, mein Bürschchen! sei nicht bange

Für dein Leben! denn dein Punctum

Saliens, das ist geborgen:

Und im Wesen wirst du bleiben

Der du bist; zu deinem Vortheil

Umgeformt nur: präsentabler,

Hübscher, stattlicher, gedieg'ner!«

Also sprechend, warf der Doktor

Den entschlummerten Homunkel

Flugs zurück in die Retorte,

Reduzirt' ihn auf das erste

Urprinzip vitalen Daseins,[14]

Wie er glücklich es erfunden,

Auf den embryonalen Zustand,

Auf ein rationell gemischtes,

Zartes Protoplasma-Klümpchen.

Und nachdem ihm dies gelungen

Mit unsäglichem Bemühen,

Sacht' den Embryo verpflanzt' er

Auf geheimnißvolle Weise

In den Mutterschooß der Gattin

Eines armen Dorfschulmeisters.
[15]

Quelle:
Hamerling, Robert: Homunculus. Modernes Epos in 10 Gesängen, 5. Auflage, Hamburg 1889, S. 1-16.
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