(LI.)
Die unglůckseligen Spieler.

[178] Wie die Griechen den leibeignen Knechten Wein zu trincken gegeben / ihren Kindern die abscheuliche Trunckenheit / durch selber Ungebärden vorzustellen; Also wollen wir hier etliche Laster auf unsren Schauplatz führen / und deroselben ungestallte / mit andrer Exempel außbilden; daß der verständige Leser solche zu fliehen und meiden / auch andre darvor warnen und abmahnen möge; massen solche Beyspiele beglauben / daß wer die Gefahr liebet / und auf den Sündenweg seinen Fuß beharrlich fortsetzet / zu seinem Verderben eile / und darinnen endlich umkommen müsse.

2. Das Laster deß gewinnsüchtigen Spielens / wird füglich mit der Trunckenheit verglichen: eines Theils / wegen der unbesonnenen Blindheit / in welcher so wol die Spieler als Säuffer reuiges Belieben tragen; anders Theils wegen der unterschiedlichen Gemütsbewegung / welche diese schändliche und schädliche Kurtzweil mit sich zu bringen pfleget. Der Wein und der Würffel (etliche setzen das dritte W. das Weib darzu) erweisen deß Menschen natürliche Neigung. Ein Zorniger wird seine Gall nicht verbergen können / unnd wann er bezecht oder verspielt zu Zancken unnd Hadern suchen / sich auch deß Fluchens nicht enthalten. Ein Melancolischer wird sich klug beduncken und[179] eine Trauerklage über seinen Verlust anstimmen. Ein Geblütreicher wird nit unterlassen sich in aller Begebenheit frölich zu erweisen. Welches Leib aber mit vielen bösen Feuchtigkeiten angefüllet / der wird zu Bette eilen / und die Ruhe der Wein- und Würffel-Kurtzweil vorziehen.

3. Wie nun die Neigung deß Menschen / und der Beschaffenheit seines Leibs / ohne Betrübniß oder Kranckheit verborgen / und nit wol erkantlich ist; also kan man auch / ohne besagte Gelegenheit welche die Hoffnung deß Gewinns / leichtlich an die Hand giebet / von den äusserlichen Ansehen kein sicheres Urtheil fassen / und wissen was er in dem Schild führet. Daher eine verständige Mutter ihrer Tochter diese Lehre gegeben / sie solte keinen heuraten / welchen sie nit zuvor truncken / oder mit Unglück spielen sehen. Wann er ihr dann zu solcher Zeit wol gefallen würde / möchte sie mit ehlicher Verlöbniß sicherlich verfahren.

4. Weil nun dieses Laster fast bey allen Völckern sehr gemein / wollen wir etliche merckwürdige Exempel vermelden / und erzehlen mit was List der Satan / wol wissend warnach die Vögel gelüstet / viel unverständige junge Leute / in solch Stricke bringe / und zu endlichem Seelen-Unglück veranlasse. Ich sage See len-Unglück / weil aus dem Lust zu spielen und kurtzweilen ein Geitzspiel / Hader / Feindschafft / Mord / Zauberey und Dieberey / wann es aber wol abgehet / Armut und Bettlerstand erfolget.

5. Zu Pariß / der berühmten fast Weltgrossen Stadt lebt noch heut zu Tage ein sehr alter Spieler / Namens Gallet / und zwar in grosser Dürfftigkeit und Elend. Dieser hatte König Henrich dem Vierdten dieses Namens / in Franckreich / auf einem Jahrmarck zu St. Germain / mit gebührender Ehrerbietung drey Würffel und 100. Kronen vorgewiesen / mit Bitte / daß S. Majestät ihm die Gnad erwiesen / und mit ihm spielen wolte.

6. Der König wuste daß dieses ein berühmter Spieler / wolte ihm dieses Laster zu verstehen geben / und willigte darein: jedoch sagte er: Du solst wissen / daß ich König bin / und[180] du ein armer Gesell: 100. Kronen ist zu wenig / und biete ich dir noch 300. darzu. Gallet antwortete: Wol / E. Majest. ich halte diese 300. Kronen / und biete noch so viel 600. nemlich darzu / daß also in allem jedes Theils 1000. Kronen stehen.

7. Hierüber wunderte der König: sagend: Glaub mir daß ich noch so wol 1000. Kronen / als du 1000. Stieber zu verspielen. Ich halte was du in das Spiel gebotten / begehre aber ärgerniß zu vermeiden / nicht zu spielen. Hierauff versetzte Gallet / so habe ich gewonnen / und wird E. Majest. gnädigst geruhen / mir das Gelt zahlen zu lassen. Der König sagte: Ja / du solst die 100. Kronen haben; gedencke aber an mein Wort / daß ich dir sagen wil: Du bist diesem leichtfertigen Laster deß Spielens ergeben / und wirst die Zeit deines Lebens ein Bettler seyn und bleiben.

9. Wie nun aller Spielgewinn ein Unterpfand bald folgenden Verlusts ist; Also hat auch dieser Frantzos nit allein die 100. Kronen / so erkühnlich von dem König gewonnen / sondern noch viel ein mehrers / und endlich alles sein Vermögen / Hauß und Hof wieder verspielet daß er endlich mit dem Karten- (welche einer den Paßbrief zum Spital füglich genennet) und Würffelspiel / in Armut geraten / und sein gröstes Belieben hat / wann er andre spielen sihet; weil er nit mehr zusetzen kan / und im Wercke erfährt daß das Alter bereut / was die Jugend erfreut; massen das unreecht erworbene Gut nicht fasselt oder wurtzelt / sondern nach dem Sprichwort / leicht gewonnen leicht zerronnen / heisst.

9. Ein Spieler zu Meyland hat alles sein Haab verspielet / biß auf seinen Mairhof / den er feil gebotten / und mit dem darauß erlösten Gelt / wieder zu gewinnen verhofft. Weil aber die darzu gehörigen Felder schlecht / und er keinen Kauffer finden mögen / inzwischen aber zu spielen begirigst trachtet / hat er die Ziegel von dem Hause abheben lassen / selbe verkaufft / das Gelt verspielt / und das gantze Gebäu von dem Regen in Grund verderben lassen: Nach dem Sprichwort; wer sein Dach nicht verwahret / verwahret sein Hauß nicht. Dieser Kauffmann ist endlich in eine tödliche und fast[181] verzweiffelte Traurigkeit geraten / und hat in seinem letzten Willen versehen / daß man seinem todten Leichnam die Haut abziehen /über ein Bretspiel spannen / aus seinen Gebeinen aber Würffel machen solte; damit er sich auch in dem Tod (wo möglich) mit spielen erlustigen könne.

10. Die Hispanier haben ein Sprichwort (Quien jugò jugara.) Wer einmal gespielt hat / und das Glück gehabt Gelt zu gewinnen / der unterlässet nit /öffter zu spielen. Viel haben das Spielen hoch verschworen / und deßwegen zu Rom mit grossen Unkosten Ablaß und Entbindung solches Gelübds zuwegen gebracht / weil ihnen solches zu halten unmöglich. Daß etliche ihre Freyheit / ja für andre um Leib und Leben gespielet / ist bekant. Viel sind darüber in Verzweiflung gerahten / daß / nachdem sie Gelt geborgt / oder auch wol entwendet / und dasselbe verspielt / sich selbsten um das Leben gebracht / wie Ventura Betran ein Spanier zu Rom gethan / der bey den Spielen essen und trincken vergessen / (den Schlaff deßwegen zu brechen / ist gemein) und endlich alles Vermögen / seiner Freunde vorlehen / ja Treu und Glauben verspielet / sich hernach aber in die Tyber gestürtzt und ersäufft.

11. Aus besagtem ist zu erlernen / was die unsinnige Spielsucht für Unheil mit sich bringe. Die edle Zeit / welcher Verlust unwiderbringlich / wird dem Studieren oder Regimentsgeschäfften entzogen. Gott wird durch fluchen / das bey dem verlustigten Theil selten verbleibet / beleidiget. Der Gewinner beraubet sich und den Armen / weil er das ihm verkauffte Gut / darüber er nit Herr ist / und zu dem Almosen gehört verspielet: oder der Nechste wird durch das spielen ehrlich bestohlen: massen das ein Diebstal zu nennen / was man wider deß Besitzers Willen hinweg nimmet. Das Glück wird lästerlich für einen Gott aufgeworffen Falschheit / Trug / Haß / Feindschafft und unordentliches Leben (in dem man aus der Nacht Tag / und aus dem Tage Nacht machet) ein böses Gewissen / Armut und selten ein gutes Ende erfolget / aus so Gewinnsüchtigen und niemals ersättigten Geitzspielen: Deßwegen[182] die Jugend billich darvon abzuhalten / und die Gesetze mit guten Ursachen / das Spielgelt als ein unrechtmässig erlangtes Gut / dem verlustigten Theil / wieder zu sprechen / auf Spielschulden auch alle Oberherrliche Hülffe verbieten.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte, 2 Bde, Frankfurt a.M. und Hamburg 1664, S. CLXXVIII178-CLXXXIII183.
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