(LII.)
Die glückseligen Spieler.

[183] Wie die kürtzte Thorheit die beste ist also ist der glückseligste Spieler der bald auffhöret / er habe gleich gewonnen oder verlohren. Wir reden hier nicht von solchen Spielen / welche um Lust / oder gar um geringes Gelt / ohne vorerzehlte Befahrung / geübet werden / und gleichsam eine Ergetzlichkeit sind / die zwischen schwerer Kopf- und Handarbeit eingeschaltet wird / sondern von Gewinnartigen hohen Geltspielen: Dann andre / in gewisse Maß nicht verwerfflich / und noch zum Theil ein freundliches Gespräch / in welchem der Verständigen gröste Kurtzweil bestehet / zulassen können. Die Endursach machet hierinnen den Unterscheid / wie fast in allen andern Sachen.

2. Ob nun zulässig um Gelt zu spielen / ist von vielen umständig außgeführet worden. Viel wollen solches für ein strafbares Mittel halten / welches wieder die Liebe deß Nechsten lauffe; viel lassen einen geringen Satz / der noch bereichern noch verarmen machet zu; andre wollen / daß man den Gewinner das Gelt abnehmen und Armen Leuthen außtheilen soll / in welcher Meinung der Kirchenlehrer Augustinus ist / in seinem 54. Sendschreiben an Macedonium.

3. Wir lassen nun solches alles an seinem Ort beruhen / und erzehlen etliche Geschicht von glückseligen und klugen Spielern die zwar Gewinnens wegen zu spielen angefangen / ihre Thorheit aber erkannt / und zu rechter Zeit solche leichtsinnige Wagniß verlassen; in der That erfahrend / daß ihr Vermögen so lang für ihr Eigenthum nicht zu halten / biß sie solches dem Spielglück entzogen und der Karten und Würffelgefahr entnommen.[183]

4. Andrino / ein vornehmer Herr in Franckreich / hatte seiner Liebsten eine güldne Ketten von etlichen 100. Kronen verehret / in Hoffnung nach erlangten Hofdiensten sich mit ihr ehlich zu verbinden: Inzwischen aber noch eine Raise in Italien anzutretten vorhabens; massen er sich auch darzu mit Pferden und Dienern außgerüstet / und nun wegfertig / anständige Gesellschafft erwartet. In dieser Hoffnung findet er sich in einer Spielgesellschafft / welche erstlich aus Kurtzweil / und ein geringes / nach und nach aber um grosses Gelt zu spielen beginnt. Andrino hat den Unfall daß er seinen Zehrpfenning / seine Pferde / und alles was nur Gelts wehrt hatte verspielet. Mit was frölichem Gemüte ist unschwer zu gedencken.

5. In diesem Unglück erinnert er sich der güldnen Ketten / welche er seiner Liebsten verehrt / und fügt sich so bald zu ihr / die Ketten abzuholen / und mit solcher seinen Verlust aus dem Unglücks-Brunnen zu ziehen / wie dann auch erfolgt. Seine Vertraute / welche ihm das Hertz gegeben / wolte ihm die Ketten / so sie von seiner Freygebigkeit empfangen / nicht versagen / weil sie vermeinte / daß er solche als ein Muster seiner Befreunden einem / weissen wolte / und liesse also dieses Liebespfand willig verabfolgen / unwissend / daß solche in das Spiel solte gewaget werden.

6. Andrino versetzte die Ketten gegen etliche 100. Kronen paar Gelt / und hat das Glück / daß er das seinige mit grossem Wucher wieder gewonnen / die Ketten außlösen / und seiner Hochzeiterin wieder einhändigen kan. Nachdem er nun sein Gütlein aus diesem Schiffbruch gerettet / hat er sich eidlich verlobet / die Zeit seines Lebens nicht mehr um Gelt oder Geltswehrt zu spielen / und weil er dieser Seuche nicht ergeben / sondern durch böse Gesellschafft darzu verleitet worden / hat er gethanes Gelübd leichtlich gehalten / und nach Verlauff kurtzer Zeit eine andre Raise angestellet / und seine Liebste zu Kirchen und Strassen geführet. Dieses hat der König gehört / und ihm lang hernach zu spielen angebotten / er aber hat sich mit gethanem Gelübd entschuldiget / unnd ist deßwegen nicht allein darbey gelassen / sondern auch[184] als ein kluger und glückseliger Spieler höchlich gerühmet worden.

7. Ein Cardinal hat auf eine Zeit mit einem reichen Abbt primirt / und in den vier ersten Karten bekommen ein siebne und ein Aeß gleicher Farbe / welches zusammen macht 37. darauf hat er gebotten 50. Kronen / welche der Abbt mit siebne und sechse gleicher Farbe 39. Augen machende gehalten / und noch 100. nachgebotten. Nachdem sich nun der Cardinal bedacht / hat er die 100. Kronen gehalten / zwey Blättlein weggeworffen / und zwey andre genommen / unter welchen eine sechse seiner Farbe / daß er also gemacht 55. deßwegen er die 300. Kronen / als seinen gantzen Rest gebotten. Der Abbt besiehet seine Karten / und hat eine vierte gleicher Farbe mit dem Vorigen erhalten / und also gemacht 53. hierüber bricht er vor Freuden herauß / ohne Beantwortung deß hohen Auffbotts / und sagt 53. der Cardinal vermeinte daß er noch so viel darzu gebotten / und sagt / ich halte es um 55. hierüber wurden diese beyde strittig / und musten bekennen / daß sie sich beede übereilet / und Spielblind die Zahlen der Karten für Silberkronen benamet.

8. Noch ein viel schwererer Spielstreit hat sich zu Pisa begeben / unter zweyen Studenten Guidone und Macrimo / Guido fasse vor der Hand / und stunde bereit viel in dem Spiel. Jener gange auf Fluß; dieser liefe auf Primira. Bevor man das letzte mal die Karten herum gibet / sagte Guido: wir wollen das Geld in dem Spiele theilen. Macrino antwortet: ja / wann ich keinen Fluß mache. Als nun das Spiel fortgeführet wird / hatte Macrino keinen Fluß und wolte das Gelt theilen. Guido aber ist eine Primira eingeschlagen / und wolte das Gelt allein haben. Hierüber hat der Jurist Cavalcant ein langes und ausführliches rechtliches Bedencken gegeben / welches zu lesen ist in seiner letzten decisione.

9. Diese Spieler nennen wir deßwegen glückselig / daß sie nit alsobald wider einander ergrimmt / und in dem Zorn einander ermordet / sondern die Strittigkeit Spielverständigen zu beurtheilen heimgestellet / welche das Gelt / nach vorangezogener[185] Beurtheilung deß H. Kirchenlehrers Augustini, Armen Leuten zugesprochen / und dardurch den Streit geendiget.

10. Dieses ist vielleicht verantwortlicher / als die That eines Frantzösischen Grafens des Bures benamt / der wider den König gespielet / und 40000. Kronen par gewonnen. Als nun der König ihn beschuldigte / daß er Kurtzweil wegen zu spielen angefangen / und Gewinns wegen aufhören könne / hat er das Gelt alles zum Fenster hinauß geworffen / zu erweisen / daß er sich von Spielen nit zu bereichern begehre. Der König aber hat lachend darüber gesagt / daß der Graf sein Glück nit mit Füssen / sondern mit Händen von sich stosse.

21. Verantwortlicher ist verfahren Pabst Leo der zehende dieses Namens / welcher ein grosser Liebhaber deß Kartenspiels gewesen / und nit wenig Zeit darmit zugebracht. Es begabe sich aber / daß er einsten in einem Spiel die gantze Farbe in die Hand bekame / und das Spiel nit verliehren konte / als wegen der Hand / welche sein Gegentheil hatte. Weil ihm aber sehr grosse Summen gebotten worden / konte er leichtlich erachten / daß auch der andre Theil gute Karten haben musste / sagte deßwegen / er wolte alles halten / wann er noch ein Aug mehr hätte. Der Gegentheil antwortet: Er wolte noch ein Aug darzu schencken. Als nun die Karten aufgedecket / hatte ein jeder die gantze Farbe / der Pabst aber das geschenckte Aug noch darüber; und weil er ihm das Aug geschenckt hat er hingegen ihm seinen Verlust wieder verehret.

12. Aus diesem allen wird erhellen / daß grosse Unterscheid zu machen zwischen den Personen und deroselben Spielursachen. Lust und Ergetzlichkeit wegen / um geringes / oder nach Vermögen erschwingliches Gelt zu spielen / ist GOTT nit mißfällig / der uns die Arbeit und Ruhe / Wachen und Schlaffen vergönnet. Dahin zielet der Apostel 1. Corinth. 10. v. 31. sagend: Ihr esset oder trincket / oder was ihr sonst thut (darunter er das Spielen und Kurtzweilen verstehet) so thut alles zu der Ehre GOttes. Gleich wie nun Gott der Kinder spielen nicht zu wider / weil es ohne Falsch / und den Nächsten[186] ohne Schaden; Also hat er auch keinen Mißfallen an der allen Leute mässigen Kurtzweile / wann sie den Nächsten nicht belästiget und Nachtheil bringet. So bald aber die Hoffnung deß Gewinns blicket / und man sich gelüsten lässet / seines Mittspielers Geltlein zu gewinnen / laufft es wider Gottes Gebott / und ist für Sünde zu halten.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte, 2 Bde, Frankfurt a.M. und Hamburg 1664, S. CLXXXIII183-CLXXXVII187.
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