(CVI.)
Die Stifftung.

[23] Weil wir von Mönchen und Klöstern zu reden kommen / wollen wir noch eine Erzehlung darvon anfügen: Massen solches einsames Leben / wann der Mißbrauch nicht grösser / als der rechte Gebrauch / nicht verwerfflich / und auch in dem weltlichen Stande freywillig beliebet werden kan. Wir verstehen aber hier eine solche Einsamkeit / welche sich nit der Welt gäntzlich entschlägt / und mit Fürwendung deß Gottesdiensts / andern überlästig / die Liebe des Nächsten auß den Augen setzet; sondern ein solches Leben / das von bösen Leuten und Geschäfften gesondert / die Zeit meisten theils mit Gottes Lob / Beten und Lesung guter Bücher zubringet / Glauben und ein gutes Gewissen behält / unnd also einen Vorschmack deß ewigen Lebens seyn und heissen kan.

2. Dahin sind vor Zeiten die Stifftungen angesehen gewesen / daß man Kirchen und Schulen unterhalten / und den Armen von solchen Einkunfften helffen sollen: wie es geschehen / und was darauß erfolget / ist Weltkůndig. Also ist wol gemeint gewesen / daß etliche Christliche Weibspersonen sich verglichen / Jungfrauen auff zu erziehen / wie die Jesuiten die Knaben unterrichten wie solche Gesellschafft Carl Borome angestellet / und von der H. Ursula den Namen getragen. Von diesen wolten etliche ein Hauß in Lotringen (die[23] Stadt wird nicht benamt) auffrichten / es mangelt ihnen aber an den darzu gehörigen Unkosten / welchen sie zu erlangen verhofften / und wusten doch nicht / von wem?

3. In selber Stadt hielte sich ein Jungfrau auff / Namens Melinda / welche ihrem ältsten Bruder Hauß hielte weil der jüngste ein Geistlicher war / und in seinem Kloster / etliche Meil Wegs darvon / sich befinden muste. Diese Melinda war nit von den schönsten / jedoch aber nicht ungestalt / und hatte höfliche Sitten / und eine sehr annemliche Außrede / daß sie noch wol liebens werth. Das Vermögen war schlecht bestellet / und verjagte die jenigen / welche sie mit süssen Worten an sich gelocket hatte. Quintil ein mittelmässiger reicher Edelmann bliebe allein beständig / und erwartete mit Verlangen den Tod / eines seiner reichen Vettern / der ihn zum Erben einsetzen wolte / in solche Heurat aber / nicht einwilligen würde / weil er ein Feind deß Ehestands / und vermeinet andere solten nicht heuraten / weil er auch in dem ledigen Stand verblieben / etc. Ausser dieser Hinderniß / war der Handel unter ihnen richtig / und gienge unter ihnen nichts böses vor / weil beyde klug / und wol wusten / daß eine böse That einen bösen Außbruch nehmen müste.

4. Quintils Mutter und Vetter hörten / daß er sich ihnen unwissend in Melindam verliebt / und wolten ihn mit scharpffen Bedrauungen abhalten / ja der Vetter liesse sich vernehmen / daß er an seiner Verlassenschafft kein Antheil haben solte / wann ihm ferner zu Ohren kommen würde / daß er zu Melinda eingegangen. Quintil aber achtete deß Vettern Drau- und der Mutter Fluch-Wort für nichts / sondern sprache Didier um seine Schwester an / welcher diese anständige Heurat nicht aus Handen lassen wolte; und Melinda hätte auch lieber heut / als morgen ein Frau werden mögen; daß also eine Winckel-Ehe unter ihnen geschlossen und vollzogen wird.

5. Quintil bauete diesen ungesegneten Acker zwey Jahr[24] ohne Frucht / ob wol die gantze Nachbarschafft sich an vielfältigen seinen Besuchungen bey Melinda ärgerten / und zu übler Nachrede verursacht wurden / welches doch die Blindverliebten nit ersehen noch beobachten wolten. Als sie nun von süssen und gestohlenen Wassern getruncken / und solches Quintils Mutter und Vettern nit verborgen seyn können / haben sie ihn nochmals ernstlich zu Rede gesetzt / welcher sich mit dem Bruder entschuldiget / daß er sein vertrauter Freund / und nichts weniger gedencke / als seine Schwester Melindam zu heuraten / etc. Sie sagten ihm / daß er sich anderwerts umsehen / und zu verheuraten bedacht seyn solte / und schlugen ihm Electam eine junge und reiche Wittib fůr / welche nur einen Sohn hatte / und nach ihres Mannes Tod vielmehr zu einem Geistlichen als weltlichen Leben ihre Gedancken richtete / deßwegen auch in keinen Gesellschafften anzutreffen / und zu besprechen; Ausser dem / daß sie bey den alten Vettern Quintils / der ihm verwand / zu Zeiten einkehrete / und sich in ihren Geschäfften / welche dem Reichthum anhangen / Rahts erholte.

6. Quintils wurde diese Heurat für getragen / welcher er nicht widersprechen wolte / und mit grossem Dancksagen für vätterliche Vorsorge / mehr versprache / als er zu halten gewilliget war. Electa aber wolte ein Kloster für ihren ersten Mann wehlen / und von einer alten Mauren / und von keinem jungen Mann hören; als man ihr aber von Quintil sagte / änderte sie gefaßten Fürsatz / und erfuhre / daß böse Gespräche gute Sitten verderben / ob sie sich wol solcher Begierden entschütten wolte / und wol vermerckte / daß Quintil mit ihr auß Höflichkeit reden müste / mit Melinda aber heimlich zu schaffen hatte; als er aber dieser jungen Wittib Schönheit in dem Angesicht und in dem Küssen recht betrachtete / wendete er sein Hertz von Melinda zur Electa / unn machte auß der Schimpf-Lieb Ernst; weil er sonderlichen jener Leichtfertigkeit müde war / und dieser Erbarkeit und Tugend auch wider seinen Willen lieben muste.

7. Kurtz zu sagen / es kame dahin / daß auff inständiges[25] Anhalten Quintils Befreunden / Electa mit ihme verkündet / und in der Kirchen / nach Christlichem Gebrauch offentlich abgelesen wurde. Melinda stelte sich / als eine von Sinnen gekommene Weibsperson / und reitzete ihren Bruder Didier / diese Schmach mit Quintils Blut zu rächen. Didier war ein behertzter und starcker Mann / forderte Quintil auff den Platz / welcher erscheinet / mit ihme zu fechten / werden aber beyde von ihren Freunden nicht zusammen gelassen / welches Quintil wol zu frieden / weil er den Kürtzern zu ziehen / mit guten Ursachen befürchtet.

8. Auff einen Abend aber verwartet Didier den Quintil / benebens etlichen andern seinen Beyständen / und nachdeme er ihm mit einer verdeckten Latern unter das Angesicht geleuchtet / er hat ihn tödlich verwundet / und liegen lassen. Dieses begabe sich unferne von Electa Häuse / welche zwar sehr betrübt / daß Melinda ihr einen Einspruch gethan / und die Sache bey dem Ehe-Gericht anhängig gemachet / doch noch viel mehr bekümmert worden / als sie Quintil halb tod in ihre Behausung tragen sehen. Die Wundärtzte sagten einstimmig / er solte an seine Seele und nicht an seinen Leib gedencken / weil er sterben müsse. Hierzu schickte er sich nun hertzlich / und bate die Obrigkeit / man solte Didier nicht betrachten / als einen Mörder / sondern als einen Rächer seiner Schwester Ehre / und einen Richter / der Gottes Straff-Urtheil über ihn vollzogen / weil er an Melinda treubrüchig worden.

9. Electa und noch ein gewissenhaffter Geistlicher haben also Quintil Christlich sterben helffen / daß er seine Sünde bereuet / sich Gottes Barmhertzikeit versichert / Didier vergeben / die Melinda um Verzeihung gebetten / und der Electa eine Lehre hinterlassen / von der schnöden Eitelkeit dieses Weltwesens. Didier hatte sich mit der Flucht gerettet / und wurde sein Bildnis an den Galgen gehäncket / die Güter eingezogen / und Melinda in Verhafft genommen; welche alsobald bekennete / und sich rühmte / daß sie den Ehe-vnd Ehrvergessenen[26] Quintil / auß rechtmässigen Ursachen durch die Hand ihres Bruders um das Leben gebracht.

10. Auff solche Bekandnis / in welcher sie sich deß Todschlags theilhaftig gemachet / wurde sie zwar du dem Schwert verdammet / in Betrachtung aber ihrer Beleidigung / Jugend und billichen Ursachen / wurde ihr Tod in eine ewige Gefängnis verwandelt / in welcher sie Zeit hatte / ihr Unrecht zu beweinen / und lindere Seiten auffzuziehen. Electa hingegen war der Welt müd / mochte sich doch in das Nonnen-Kloster der Orten nicht begeben / weil die Weltlichen mit selben Geistlichen Weibspersonen so viel Gemeinschafft / daß sie einen bösen Nachruhm / und vielmehr eine Laster- als eine Tugend-Schule angerichtet hatten.

11. Ihr Beichtvatter / deme sie diese Sache eröffnet / sagte ihr von den Urselinerinnen / welcher wir Anfangs dieser Erzehlung gedacht haben. Mit diesen machte sie Kundschafft / und weil ihr Sohn von seinem Vätterlichen reich genug / hat sie die Helffte ihres Vermögens zu Stifftung eines solchen Schul-Hauses angewendet / welches sich auff zehen tausend Kronen beloffen / und alle junge Dirne in der Gottesfurcht und künstlichen Handarbeit unterrichten lassen / welche sonsten nicht Mittel gehabt / etwas ihrem Stand gemäß zu lernen.

12. Als nun einsten die Gefangenen besuchet worden / hat Electa erhalten / daß man Melindam zu diesen Urselinerinnen verschaffet / da sie erstlich etliche Monat eingesperret / nachmals aber frey gelassen / und ist von Electa / als eine Mit-Schwester erduldet worden / zu Bezeugung die Vollkommenheit der Liebe / in Verzeihung und Wolthun ihrer Feindin. Also ist diese Stifftung noch auff den heutigen Tag / und hat bey den Weibspersonen nicht wenig Nutzen geschaffet / wie der Orten jederman wissend ist.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte, 2 Bde, Frankfurt a.M. und Hamburg 1664, S. 23-27.
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