(CV.)
Die verkehrte Bekehrung.

[19] Es gibt Thiere / welche grosse Köpffe und einen kleinen Schwantz haben / als da sind die Wallfische / andre aber / die einen kleinen Kopff / und einen grossen Leib haben / wie das Kamel: Also sind etliche Geschichte Eingangs frölich / und Außgangs traurig; wie erst erzehltes / etliche im Gegensatz Anfangs traurig / und endlich frölich: beyderley Arten dienen auff unsern Schauplatz / wann darauß eine Lehre / dem Guten zu folg / oder das Böse zu meiden / kan gezogen werden / wie auß nachgesetzter Erzehlung / deren Anfang mit dem Ende gantz nicht gleichet.

2. Der Diebstal ist ein grosses Laster / wann man nemlich dem Nächsten / dem man alle Lieb zu erweisen schuldig /[19] das seine entwendet / mit List oder Gewalt. Nachgesetzte Entwendung aber scheinet vielmehr ein Tausch / und ein guter Betrug / welchen das Absehen / und die Endursach rechtfertiget / was Anfangs nicht verantwortlich geschienen. Also hat das Volck Israel die entlehnten Gefäse den Egyptern entwendet / welche hernach zu dem Heiligthum gewidmet worden / und zwar auß Göttlichem Geheiß / weil sie sich selbsten solcher Gestalt belohnt gemacht / wegen der viel / und lang geleisten Diensten in der Egyptischen Knechtschafft.

3. Damit wir uns aber nicht zu lang auff der Schwelle halten / wollen wir vermelden / daß in Franckreich ein Knab / Namens Edoart / von seinen Eltern in ein Kloster der Bettelmönchen gestossen worden / weil sein Vatter der Kinder mehr / und sich also der Unkosten zu entbürden gedachte / obwol dieser Sohn keine Neigung noch Beruff zu dem Kloster-Leben hatte. Ob solches Gott gefällig / ist leichtlich zu erachten / in deme ihme zu opffern verbotten / was einen Fehl oder Mangel hat: Ein solches Opffer aber mit einem weltlichen Hertzen / kan keine angenehme Geistliche Gabe genennet werden; wann auch sonst der Mönchstand GOtt gefällig / darvon wir dieses Orts nicht reden.

4. In seinen Jünglings-Jahren war Edoart ein frommer Mönch / und wurde deßwegen auch mit dem Gelübd zugelassen / wiewol er nicht sattsam verstanden / was er so hochbeteurlich verheissen / und hat jener recht gesagt / man solte keinen mit einem so verbindlichen Gelübd vor 30. Jahren zulassen / weil es nicht in seinen Mächten / den vielen Anfechtungen zu widerstehen / und die Jugend nicht betrachte / daß hierzu Gottes Beystand absonderlich vonnöthen. Was für ein trauriger Außgang erfolget / beglauben viel seltzame Begebenheiten und verzweiffelte Selbstmorde / die sonderlich bey den Kartäusern gemein seyn sollen / wie ich dann in Franckreich zu Dijon von einem / besagten Ordens / glaubwürdigen berichtet worden / daß sich ihrer in einem Jahr 28. um das Leben gebracht.

5. Wir tretten wieder zu weit aus dem Wege. Edoart[20] bettelte durch die Stadt / und machte mit der Welt / und sonderlich etlichen Hugenotten Kundschafft / die ihn / benebens fleischlichen Begierden / aus dem Kloster / und die Kappen von dem Halß gezogen. Dieser gefährliche Außtritt machte ihm die Freyheit der Glaubigen zu Mutwillen mißbrauchen / und zoge die Reue nach sich. Er hatte ein wenig Mönch-Latein / welches jener Löwen-Haut gleich war / die der Esel angezogen: Ich sage Esel / dann er sonst nichts gelernet / als den Bettelsack in der Stadt herumtragen / daß er also besser in der Muhl als in der Kirchen zu befördern.

6. Er verhoffte eine reiche Frau / in einem solchen Stand / da dem Fleisch und Blut der Zaum gleichsam auff dem Hals lieget / weil er aber keine Hand-Arbeit verstunde / und die Arbeit bißhero für eine Sünde gehalten / daß er sich nicht / zu geschweigen Weib und Kinder / ernehren könte / wolte sich keine zu ihm tringen / und waren der Narren so viel / die alle reiche Weiber gesucht / daß er keine finden mögen.

7. In solchem Zustande nahme er Dienste eines Haußknechts / in einem Wirtshauß / damit er zu viel fastend nicht Hunger stürbe. Er gedachte wieder zurücke wie der verlohrne Sohn / daß er zu vor in dem Bettel-Kloster reichlicher gelebt / als jetzt / da er fast mit seinen Pferden Haber-Brot essen muste. Die Hoffnung aber / eine Gehulffin zufinden / die ihm in dem Hungerleiden Gesellschafft leisten würde / erhielte ihn in solchem Zustand; wie auch anders Theils die Furcht / daß er in dem Kloster hart gestraffet werden würde.

8. Es fügte sich aber / daß Edoards Herr auff etliche Tage der raiste seine habende Rechts / Sache zu bestellen / und nahme Edoart mit sich zu Fuß; Weil er aber / wie gebräuchlich / auffgehalten wurde / und die Sach Walter den Handel außeinander gezogen / wie der Schuster das Leder mit den Zähnen / sendete er seinen Diener Edoart mit dem Pferd wieder zurück / mit Befehl etlicher Haußsachen / so in seinem Abwesen verrichtet werden solten. Edoart war vor zu Fuß gegangen / und ritte nun daher / nichts wenigers befindend[21] / als daß er wieder solte in das Kloster kehren.

9. Unter Wegs muste Edoart in einem Wirtshause übernachten / und begabe sich / daß einer von seinen Klosterbrüdern sich auch alldar befande / der ihn dann kante / und wegen seiner verkehrten Bekehrung besprache. Edoart bekennet / daß er von der Religion jetzt so viel wisse als zuvor / und daß ihn die Versuchung auß dem Kloster getrieben / die Furcht aber harter Bestraffung nicht mehr hinein lasse. Bey den Hugenotten sey die Christliche Liebe an etlichen Orten so reformirt / daß man von Almosen wenig wisse / damit sie ja die guten Wercke nicht verdienstlich machten / etc. Bruder Hilarius versprache ihm Ablaß / und beredete Edoart so gut er mochte / wieder in das Kloster zu kehren.

10. Edoart konte sich nicht entschliessen / und finden sich etliche Zweiffel-Sinne / die (wie Weiber ohne Hebammen) nicht gebehren können; oder sie lassen sich mit den Nußbaumen vergleichen / welche keine Frucht von sich geben / man weiffe dann mit Prügeln darein. Der Bruder Hilarius wolte auch ferners nicht in ihn setzen / sondern versprache ihm den Weg zu bahnen. Nachdem sie miteinander gegessen / und in einer Kammern zu schlaffen kommen / hat Hilarius frühe vor Tags sich auffgemacht / deß Edoarts Knechts-Kleider angezogen / und ihm die Mönchs-Kutten an selber Stelle liegen lassen; den Wirth bezahlt / und das Pferd darvon geritten / befehlend / wann der Mönch auffstünde / solte man ihn heissen hernach kommen / er wolte seiner bey ihrem Kloster (welches 8. Frantzösische Meil Wegs darvon lage) warten.

11. Edoart erwachet / sucht seine Kleider / kan sie aber nicht finden / er schreiet / rufft / und fragt / wo der Mönch hingekommen / sie sagten ihm / der Mönch schlaffe noch: Als er nun in den Stall kommet / höret / daß das Pferd auch entritten / und was er befohlen: Ziehet also ohne ferners Geschrey die Mönchs-Kappen an / und wandert auff das bestimte Ort zu / und kommet wieder in sein Kloster / da er zu deß Abbts Füssen um Verzeihung gebetten / und ist mit einer gnädigen Buß beleget worden.[22]

12. Das Pferd wurde Edoarts Herrn wieder zugesendet / und ihn bedeutet / daß es mit seinem Knecht hergegangen / wie es mit Jacobs Verstellung / da er den Segen darvon gebracht. Unter andern Straffen Edoarts war auch diese / daß er die Zeit seines Lebens nicht konte Priester werden / welches er auch nicht begehrte. Was nun hiervon zu halten / stellen wir dem Leser zu fernern Nachdencken / welchen wir in diesem / wie allen unsern Sachen zu einem Richter machen / uns seines guten und verständigen Urtheils versicherend.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte, 2 Bde, Frankfurt a.M. und Hamburg 1664, S. 19-23.
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