(CVIII.)
Die freywillige Ehescheidung.

[32] Sie Liebe wird mit dem Feuer verglichen / weil sie alles mit sich vereiniget / die Metallen aber scheidet / wann sie nemlich heilig und standhaffte Hertzen antrifft. Der Mensch kan nicht scheiden was Gott zusammen gefüget hat / Gott aber der zu keinem Gesetz verbunden / kan ihme die verehlichten Hertzen auch zu seinem Dienste außsondern / und von allen fleischlichen Begierden abtrennen / und ist der / so nicht Vatter / Mutter / Weib und Kind / wegen seiner verläst / sein nicht werth; und hat befohlen / daß die Todten ihre Todten begraben / seine Jünger aber alles verlassen / und ihme nachfolgen sollen.

2. Dieses sage ich / wegen Armelius eines jungen Frantzosen in Burgund / der bey den Jesuiten / (welche heut zu Tage die Schlüssel der Wissenschafft in den Händen haben) aufferzogen / und in den freyen Künsten unterrichtet worden. Were er nicht ein einiger Sohn gewesen / so hätte er sich / zu folge seiner Neigung / in den Geistlichen Stand begeben: Weil er aber seinen Eltern gehorsamen wollen / hat er müssen die Rechte und Gesetze studiren / mit der Zeit eine Rahtstelle zu vertretten. Wie nun in allen Sachen ein Anfang seyn muß / und solche Aempter keinen gedeyen / die nicht zuvor Sachwaltere oder Fürsprechere gewesen / also muste[32] er auch von der untersten Stuffen anfangen / unnd sich in Rechtshändlen üben.

3. Seinen Eltern war der Ruhm seines grossen Verstands so angenehm / als unangenehm ihnen seine Sitten / in dem er keine Gehülffin wehlen / und an deren / die sie ihme außersehen / nicht belieben tragen wollen. Das Studieren / welches unverständige Leute traurig und unfreundlich machet / hatte ihm in den Gesellschafften alle Gewogenheit erworben. Bey diesen Welt-Gedancken hat er etlicher massen / die Fromkeit seiner Jugend auß den Augen gesetzet / und darfür gehalten / einem vernünfftigen Menschen sey nicht zu versprechen / daß er sein Glück in der Welt suche. Doch ist ihm zu Zeiten beygefallen / wie grosse Rechenschafft er bey Gott / wegen seines Thuns und Lassens abzulegen / und daß auch eine Sünde / in Unterlassung deß Guten / wie in Begehung deß Bösen / etc. In diesem Wahn / wil er von Laban nicht Urlaub nehmen / wie Jacob / sondern Vatter und Mutter verlassen / und in das Kloster lauffen.

4. Es ergienge aber diesem wie Petro / der mit dem Zweiffel / auff dem Meer zu sincken angefangen. In dem er sein Für- haben zu bergen vermeint / und eine falsche Frölichkeit sehen lassen / verlobte er sich in Clerianam / welcher Schönheit ihn gleichsam bezaubert / daß er das Gegenwertige mehr geachtet / als das Zukünfftige. Wie der Demaut in Gold gefasset her für leuchtet / also scheinet auch der gute Verstand auß einem holdseligen Munde / und ware diese Cleriana ihme nicht weniger / als er ihr geneiget. Mit der Eltern beyderseits Einwilligung wurde die Heurat geschlossen / und mit gebräuchlicher Begängnis vollzogen.

5. Es ist nit außzusagen / wie friedlich und schiedlich sich diese Ehegatten miteinander begangen / sie waren nit mehr zwey / sondern ein Fleisch / und erzeugten auch gesunde und schöne Kinder / welche vielmehr ihr Trost / als ihre Beschwernis waren. In diesem gesegneten Ehestand haben sie die Furcht Gottes nit auß den Augen gesetzet / sondern der Kirchen flassig abgewartet.[33] Unter andern war Armelin ein unersättlicher Zuhörer / eines beredten und berühmten Predigers / welcher in ihm die Funcken der hertzlichen Andacht unter dem Aschen der Welt-Händel / wieder auffflambte und anfeuerte.

6. Armelin fande das Himmlische Manna viel geschmackhaffter / als die Egyptischen Zwiebeln / und ob er wol in einem unsträfflichen Stande lebte / verlangte er doch sich selbsten abzureissen / und mehr und mehr zu Gott zu nahen. Er war gleich einem Paradeiß Vogel / der nur mit einem Faden an der Erden hanget / ja solche für einen ungewissen Grund der wahren Glückseligkeit hielte / so offt er den Himmel betrachtet. Er sagte mehrmals mit dem Apostel / Ich halte alles für Koth gegen dem Dienst unsers Herrn Jesu Christi. Alles Fleisch ist Heu / und verwelcket wie eine Blume auff dem Felde.

7. Diesem Sichem / welcher seine vollkommene Freyheit wegen der Dina verlohre / schmertzte hernach diese Wunden / und ob er wol nicht Ursach hatte seine Verehlichung zu berewen / wünschte er doch von solchem Band frey zu seyn. Hierüber hielte er vorbesagten seinen Beichtvatter zu Raht / welcher ihm riete / er solte solchen Gedanken nit nachsetzen / sondern selbe / als des bösen Feindes Fallstricke vermeiden / und vielmehr trachten ein Gottgefälliges Leben in seinem Ehestand zu führen. Der Mann were nicht Herr seines Leibes / welchen er seinem Ehegatten vertrauet / und könne sich auch ihr nit entziehen / ohne ihre Verwilligung.

8. Wie / sagte Armelin / wann ich aber solche Einwilligung Erhalten könte? der Beichtvatter versetzte / daß alsdann ihr Ehestand durch Gottes Anregung wieder geschieden / und stünde ihm frey / der Welt gute Nacht zu sagen; doch solte er sich zuvor wol prüfen / und betrachten / daß es ein gefährlicher Schritt / von dem weltlichen in den Geistlichen Stand zu tretten / und solches auch seinem Weibe zu Gemüte führen / damit nie die spate Reue hernach komme. Cleriana hörte diesen Vortrag; wolte aber darzu nit verstehen / weil sie jung / frisch und frey / und die Andacht für der alten Leute Zeit Vertreibung[34] gehalten: ja / je mehr Armelin die Einsamkeit suchte / je mehr fande sich Cleriana in guter Gesellschafft / und name die Kunst zu Hülffe / ihre natürliche Schönheit also außzuzieren / daß sie ihren Mann wieder frölich machen wolte.

9. In diesem freundlichen Haußstreit verflosse ein gantzes Jahr / und fügte sich / daß vorbesagter Beichtvatter / zur Fasten Zeit wider predigte / und der Cleriana Hertz also rührte / daß sie gleichfals Verlangen getragen / die Welt zuverlassen / und in ein Kloster zugehen. Mit Verlauff der Zeit / ware Armelin der Lust zu solchem Wechsel wieder vergangen / und hinderte ihn absonderlich die Haußsorge / unnd seine zween Knaben / welche er mit gutem Gewissen nicht unversorgt hinter sich lassen konte.

10. In dem sie nun in diesem Zweiffel schweben / und ihren Beichtvatter zu Rathefragen / sagt er ihnen / sie solten ein Probjahr zuvor in der Welt thun / und sich mit angegebener Bewilligung / eines deß andern enthalten; werden sie solches leisten / so solten sie alsdann ferners hören / was Gott in ihren Hertzen reden würde. Diesem verständigen Rath folgten sie beyde / und lebten also in keuscher Ehe / wie Paulus sagt / daß / die Weiber haben / als hätten sie keine / sich verhalten sollen / und der Welt also gebrauchen / daß sie derselben nicht mißbrauchen / 1. Cor. 7. 29. 31.

11. Nach diesem Probjahr / welches sie ohne sondern Beystand Gottes nit außstehen mögen / entschliessen sie nochmals sich würklich zu scheiden / und die Welt völlig zu verlassen. Cleriana nahme mit ihr in ein Nonnen-Kloster / ihr Töchterlein: Armelin seine Söhne / und liesse sie bey den Jesuiten / zu welchen er getretten / aufferziehen; erweisend also seinen Namen in der That / und hielte sich so reichlich / als das Thierlein / von deme er genennet worden / welches lieber Hungers stirbt / als sein zartes Häutlein beflecket deßwegen.

12. Also vollbrachten diese beyde die Zeit ihres Lebens in möglichster Heiligkeit / fasten und beten / nit den Himmel damit zu verdienen / sondern der Gelegenheit zu sündigen zu entfliehen / und ein stilles und ruhiges Leben zu führen / welches[35] zwar in der Welt / wiewol gefährlicher und beschwerlicher / jedoch mit viel grösserm Nutzen deß Nächsten / auch geschehen kan / nach vor angezogenem Spruch deß Apostels.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte, 2 Bde, Frankfurt a.M. und Hamburg 1664, S. 32-36.
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