(CXVIII.)
Das glückseelige Vnglück.

[64] Wann das Unglück die Tugend belohnet / so gleichet sie den blinden Schützen / welche zu Zeiten das Ziel treffen / das sie nicht sehen können / oder den Schiffen / welche das Ungestümm geschwinder in den Seehafen wirfft / als sie sonsten[64] mit gutem Winde nicht kommen mögen. Also hat Joseph ein Königreich gefunden / in dem er von dem ordentlichen Weege abgetretten / und sich gleichsam verirret hatte / und Daniel / der auß der Löwen-Gruben nechst dem Königlichen Thron erhaben worden. Also ist Cesarien ein Edelmann von Palermo / mit Fug glückselig in seinem Unglück zu nennen gewesen / in deme er unschuldig gefangen / und wegen einer Sünde / die er nicht begangen ist belohnet worden: gleich wie die Ruderknechte / den Rucken wenden / gegen das Orth / da sie hin schiffen / und die Seiler jhr Werck befördern / in deme sie zu rücke gehen / wie auß Nachfolgender Geschichte ümständig erhellen wird.

2. Besagter Cesarien war ein reicher Mann / und führte ein ehrliches Haußhalten seinem Stand gemäß / daß man jhn keinen Vergeuder / und keinen Geitzhals schelten können. Gegen die Armen war er ein Verschwender / und wuste wol / daß derselben Händ deß Höchsten Schatzkasten / und liesse keinen von seinem Angesicht traurig gehen / welches jhm auch in der Noth zu einer Gerechtigkeit gerechnet worden / wie wir ferners hören wollen.

3. Dieser Edelmann war ein frölicher Geber / und deßwegen auch Gott lieb / er achte für seeliger geben / als nehmen / dz er auch gleichsam einen durchlöcherten Beutel hatte / der auff die Armen und seine Freunde / die ihn üm Vorleben angesprochen / reichlich trieffte / und so mit freudigem Angesichte / als ob er die Wolthat empfangen / welche er andern erwiesen / sagend / daß er geben wolle vom seinigen / welches nach seinem Tod / seiner Erben seyn würde.

4. Seine Freygebigkeit war überflüssig / und gabe und verborgte er mehr als er hatte / nemlich die Gelder / so er von andern entnommen / und andern geliehen / die ihn nit wieder zahlen konten. Viel Undanckbare wusten ihn in Bürgschafften einzuflechten / auff seinen Namen Geld auffzubringen / und ihn also auß dem Reichthum in die Armut / auß den Uberfluß in die Dürfftigkeit / auß den Glück in das Unglück zu setzen / da er doch gedenken sollen / was dorten der weise Mann errinnert: Mein[65] Sohn / wann du reich bist / so gedencke / daß du arm werden kanst.

5. Als nun die Zahlzeit herbey kame / und Cesarien ligende Güter nicht genugsam die Schulden abzustatten / muste er mit der Flucht bezahlen / und mit vieler mitleyden ohne Beyhülffe und danckbare Erwiederung empfangener Gutthaten / das Reißaußspielen auß Furcht sein Leben in einen Gefängnuß (der lebendigen Begräbniß) zu endigen. Er hatte Schiffbruch an seinen Gütern aus dem Lande gelitten / und ergriffe was ihm noch übrig war / begabe sich darmit auff das Meer in einem Schiffe / das auff Calabria zu segelte / und landete an zu Otranto / der Fersen an dem Italiänischen Stiefel / wie uns solches Land die Welt-Beschreiber abbilden.

6. Diesen Cesarien hatte seine Wolthätigkeit auß den Lande vertrieben. Eine seltene Sache in Sicilien / da die Laster mehr gestrafft / als die Tugend belohnet wird. Ihm wurde wahr das Schprichwort / welches saget: Kein Unglück kommet allein. Er sasse in einen Wirtshauß betrübt / und gedachte an die vorige Zeiten / sihe da tretten die Menschenfanger / die Schergen-Teuffel hinein / und holen ihn in das Gefängniß. Er konte nit anderst mutmassen / als daß seine Glaubiger ihn auch um seine Freyheit bringen / und an dem Leib wolten büssen lassen / was er mit seinem Vermögen nit bezahlen konte. Aber weit gefehlet.

7. Nach dem er nun in dem Kerker übernachtet / und bey sich erzehlet / wie vielen Undanckbaren er gutes gethan / kamen etliche von der Obrigkeit / und fragten ihn solche Sachen / daß er wachend zu treumen vermeint. Sie nenneten ihn Adelbert von Catana; er solte sagen / ob er Arturam / welche er zu Fall gebracht / heuraten wolte / und wieder zu Ehren bringen / oder nit / Er nennete sich Cesarien von Palermo / und daß er niemals nach Catana gekommen / entschüldigte sich / daß er Arturam nit kenne / und daß man ihn für einen andern ansehe / etc. Der Richter hält solche Außrede für falsch; lässet die geschwängerte Arturam herführen / welche ihm in dz Angesicht saget / daß er und kein anderer Vatter seye zu ihrer Leibes-frucht / und daß sie begehre / er solle sie zufolge gethaner Verlöbnuß / ehelichen. Der Richter giebet ihm biß folgenden Tage Bedenckzeit / ob er Arturam[66] freyen / oder an einen Strang erworgen wolle? Cesraien wolte lieber an einem Weibe / als an den Galgen hangen / und das Leben durch die Thür deß Ehestandsretten / als durch die Diebs Ketten deß Wehestands in Unehren enden.

8. Folgenden Tages kommet Artura / und mit ihr ein Priester / Cesarien auff einen oder anderm Fall beyzustehen; Artura giebt ihm süsse Wort / und verspricht ihn zu einen Herrn zu machen / über ein ehrliches Vermögen / und die Zeit ihres Lebens für ihren Herrn zuhalten / seine Dienerin zu seyn / etc. Cesarien gedachte bey sich / daß / wann diese Artura nit reicher als er / daß sie einen grossen Schatz von aller Dürfftigkeit zusammen bringen würden. Kurtz zu sagen / er liesse sich mit ihr trauen / in Hoffnung der Verhafft zu entkommen.

9. Wie nun in dem Essen der Lust zu Essen kommet / also kame Cesarien in dem Ehestand der Lust zu dem Ehestand / und fande sich zwischen diesen beyden eine brünstige Liebe / welche deß Ehestands stärkstes Band ist; Im Ende gedachte er bey sich / daß er zu diesem Betrug genöthiget worden / und daß er mit der Warheit an den Tag gegangen / sagte auch seinem Weibe mehrmals / daß er Cesarien und nicht Adelbert wäre / den seine Freygebigkeit üm seine Freyheit und seine Wolthaten üm seine Wolfahrt gebracht. Artura hielte es für einen Schertz / und vergnügte sich mit seiner Persõ / er möchte seyn Adelbert od' nit.

10. Auff eine Zeit begegnet Artura Adelbert / und weil er Cesarien an der Länge / den Angesicht / in Geberden und allen ausser der Bekleidũg sehr gleich / fragte sie ihn / warum er andere Kleider angezogen: Adelbert kante sie also bald und wolte anfangen sie zu beschwätzen / und sich zu entschuldigen / daß er sie auff eine Zeit verlassen müssen. Artura erstummete hierob / unn muste ihren Augen glauben / als sie gesehen / daß dieser der rechte Adelbert die Armbänder und andere Sachen / so sie ihm verehret / beyhanden hatte.

11. Das Kind / welches sie auff die Welt geboren hatte / erwartet einen Vatter / und nachdeme Artura den gantzen Handel eröffnet / wolte Adelbert lieber seinen Antheil an Artura Cesarien überlassen / als desselben Theil an sich bringen. Diese beyde kommen zusammen / und finden eine solche[67] Gleichheit in jhrem Angesicht / als ob ein jeder selbes in einem Spiegel beschaute. Ihre höfflichkeit machte beyder Weiß strittig. Cesarien sagte / daß der Baum und die Frucht / welche er darauff geimpffet / sein / und ob er gleich eine Zeitlang desselben als der rechte Gärtner genossen / so sey es doch auß Irrung geschehen / welche nunmehr erörtert werde. Sein gezwungener Wille sey kein Wille / und könne jhn nicht verbinden / da hingegen sein freyer Will das erst: Versprechen gethan. Adelbert wolte das Weib nicht haben / das in andere Hände kommen / und nicht mehr Kauffmans Gut wäre. Daß er die Ehe auff das künfftige / Cesarien aber gegenwertig versprochen / und vollzogen.

12. Also wurde Artura / als ein Ball von zweyen guten Spielern hin und her gespielet. Endlich verwilligte Cesarien Arturam zu behalten / weil er ohne ihre Mittel sich nit zu ernehren wuste; also behielte er den Grund und den Baum / das Geld und das Weib: die Erstlinge aber der Frucht fielen Adelberten heim. Cesarien hatte in dem Elend besser lernen haußhalten / muste auch alle seine Güter in Sicilien jhnen überlassen / und sich nach Neapoli begeben / da er mit seiner Artura in grosser Einigkeit gelebt / Bürge zustehen verschwören und seine Wolthaten mit mehrerm Verstand außzutheilen gelernet hat / ist also wie die unfruchtbaren / glückselig in dem Unglück zu nennen gewesen.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte, 2 Bde, Frankfurt a.M. und Hamburg 1664, S. 64-68.
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