(CLIX.)
Die Hanreyschafft.

[222] Diese Rähtsel ist leichter / als die vorhergesetzten / und beschreibet einen Haanen / der einen Kamm hat / und sich nit kämmet / trägt einen Sporn und ist kein Ritter / beschreitet seine und fremde Hennen Weiber / seine Stimme fürchten die Löwen und Elephanten / weil ihrer Ohren Röhren viel zu groß und grob zu einem so scharffen Getön: gleich wie uns das Knirschen / und den Hunden das leuten oder singen in den Ohren schmertzlich zu seyn pfleget. Sein Bart hat keine Haare / und der Krieg / den er mit andern Haanen führet / der ist ohne Gefahre / dann sie selten einander gar erbeissen / und doch noch zur Speise dienen.

2. Von den Haanen werden die Hanreyen genennet / und kist die Frage / was das Wortrey oder reh für ein Zusatz. Sollte es von den reuten herkommen / sehe ich nit / was ein Hannenreuter für Deutung haben kan; noch weniger vom Reyen / oder Reuen / sondern ich vermeine das Wörtlein Reh od' roh werde von alten Haanen gesagt / welche / wie die Pferde schwach auf den Gliedern / und ihre Schuldigkeit nicht mehr ablegen können / deßwegen ihre Hennen einen andren Haanen suchen müssen. Zu einem Hanrey machen / were also viel / als bey eines andern Weibe erweisen / daß er ein alter und reher Haan / und daß er die Gebühr für ihn bezahlet.

3. Es giebt aber unterschiedliche Haanreyen. Etliche wissen wol / daß ihre Weiber nit Farb halten / und helffen ihnen auch darzu / daß sie also Fisch und Fleisch / Kupler und Hanreyen sind. Diese tragen güldene Hörner und lachen über ihre Schande. Etliche sind Hanreyen und wissen es nit; diese sind reicher / als sie vermeinen. Etliche vermeinen / aus Mißtrauen / sie seyen Haanreyen / haben aber ehrliche Weiber / und diese sind viel elender / als welche würcklich diese Federn von S. Lucas-Vogel unwissend tragen. Etliche bitten ihre Freunde / sie sollen ihre Weiber auff die Probe setzen / oder befehlen ihren Knechten / sie sollen an ihre Stelle tretten /[223] unn kommen auß Unbedacht in diesen hochansehnlichen Orten.

4. Also hat ein bekanter Edelmann seine Haußmagd zu seinem sündlichen Willen bereden wollen / sie aber hat solches / als ein ehrliches Mensch / ihrer Frauen angemeldet / die sich dann an ihre statt an bestimten Ort befunden. Den Edelmann kame die Reue zu Sinne / und befihlt seinen Knecht / er soll an seiner Stelle bey Nachts die Magd heimsuchen. Der Knecht gehorsamt / findet aber die Frau / und der Edelmann wurde würcklich gestrafft / dardurch er zu sündigen vermeint. Die Personen / Zeit und Ort zu benennen / ist ohne Noth.

5. Etliche zweiffeln / ob sie Hanreyen oder nit / sehen daß es seyn könte / trauen doch ihren Weibern so lang / biß sie völlig hinter die Springe kommen / daß mehrmals ungefehr beschihet. Etliche wissen wie es in ihren Hause zugehet / hindern auch so viel sie vermögen / und schweigen darzu stille. Diese nennet man Cornelios Tacitos, jene Cornelios Publios. Weil nun diese Händel die Straffe deß Ehebruchs dort ewig und auch hier zeitlich Mord und Todschläge auf sich ziehen / ist der Mühe wol wehrt / daß man darvon / als einer abscheulichen Sünde redet.

6. Cocu oder Gukguk ist ein bekanter Vogel / von kalter und feuchter Leibsbeschaffenheit / und weil er seine Jungen nicht ernehren kan / leget er die Eyer in andrer Vögel Nester / daß also der vielmehr / welcher andern Hörner auffsetzet / ein Gukguk zu nennen. Man nennte auch vor alters die Feigen und Verzagten / ohnmächtigen und furchtsam Gukguks / welche zu faul das ihrige zu versehen. Etliche wollen das Wort Cocu von dem Lateinischen Coqvus herführen / weil solche Leute die Speise für andre anrichten / welcher sie selbsten nicht geniessen.

7. Etliche sagen / daß diese Unehr nur in dem Wahn / und in der Einbildung bestehe / weil deß Weibes Schand / welche der Mann nicht hindern kan / den unschuldigen Theil nicht beschämet. Das Laster trifft nur die lasterhaffte Person an und kan den nicht belangen / der solches hasset / und zu hindern treiben trachtet. Dem Rechten nach / ist die Handlung / welche[224] ohne Zeugen / ohne Einwilligen und Wissen der dritten Person geschihet / selber auch nit nachtheilig: Weil nun die Weiber ihre Männer zu diesem Wercke nit beruffen; also kan es ihnen auch an ihrer Ehre keinen Abbruch thun. Es finden sich auch gantze Völcker / welche solches für keine Schande halten / als die Abyssiner oder Mohren / lassen ihre Hochzeiterin die Priester beschlaffen / die Indianer vergeben ihre Weiber für einen Elephanten. Pompejus / Cesar / Augustus / Lucullus / Caton hatten unzüchtige Weiber / haben aber deßwegen bey der Nachwelt keinen geringern Ruhm und guten Namen. Ja es hat ein König in Franckreich H.D.V. sich ohne Scheu einen König der Hanreyen geheissen / welches seiner Königlichen Mayestät ohne Abbruch geschehen.

8. Wie nun die Ehre dessen ist / der sie einen andern anthut / also ist auch die Unehr den zuzuschreiben / der sie begehet. Man kan ohne Verdienst geehret und verunehret werden. Wann ein Unschuldiger mit Ruten ausgestrichen / oder eine Jungfrau geschändet wird / so hat sie darvon die Unehre / ob sie gleich keine Schuld unn keine Ursache darzu gegeben / und ist solche Unehre nit allein ihr / sondern auch ihrer gantzen Freundschafft; gleich wie deß Weibes Schmach auf den Mann kommet / unn kan also einer wol ein verlachter Hanrey und ein ehrlicher Mann seyn.

9. Warum sagt man aber daß diese Schande von den Hörnern herkomme? das Horn bedeutet Macht / Gewalt / Herrlichkeit. Wem traumet / daß ihm die Hörner auf der Stirn wachsen / der wird gewiß ein grosser Herr / nach der Traumdeuter Meinung. Jupiter / Hammon / Pan / Bacchus und andre Götter sind mit Hörnern gemahlet worden / und ist dz Horn Amalthee / oder deß Himmels Geise jederman bekant. Als Claudius Albinus geboren worden / hat zu gleicher Zeit eine Kuhe ein Kalb mit zweyen roten Hörnern gehabt; die Zeichendeuter haben geweissaget / daß solche Hörner / ihm das Reich und die Regierung bedeuten / welches auch erfolget.

10. Ob nun wol die Ehre und die Tugend in unsrem Gemüte / und nicht in dem unverständigen Wahn deß gemeinen Mannes bestehet / so ist doch solcher Wahn solche Werth-[225] und Unterhaltung ein Antheil deß Tugendlohns. Also achten wir hoch / die von alt Adelichen Geblüt herstammen / ob sie wol zu ihrer Ahnen Ehren nichts rühmliches geleistet / oder wegen der unvogtbaren Jahre leisten können / und nur den Namen ererbet. Wann nun die Eltern uns ehren oder unehren / wie viel mehr kan solches ein Weib thun / welches mit uns ein Leib worden / ja die Hälffte unser selbsten ist. Die Schande ist also ein fressender Krebs / welcher endlich den gantzen Leib angreifft und verzehret.

11. Es ist wahr / daß die Unehr die Lasterhaffte Person allein angehen solte; Weil wir aber den Lohn der Tugend ausser uns wehlen / und von der gemeinen Wehrthaltung betteln / müssen wir geschehen lassen / daß auch die Unehre eben von diesem Richter erkannt werde / nit als eine würckliche Ehre / sondern als derselben folge / und zwar mit grosser Unvollkommenheit / weil solche nit in unsren Mächten. Das Weib hat ihre Ehre von dem Mann / wie der Mond von den Sternen / wann aber die Sonne entfernet / oder von andern Planeten übel angesehen wird / so ist der Mond gemindert / oder zum wenigsten scheinet er also / in unsren Augen. Die Schande kommet auch in diesem auf den Mann / daß er so übel gewehret aus Unverstand / oder aus geringen Ansehen / daß er seine Untergebene nicht weiß in der Zucht zu halten.

12. Zu Stein / einem Flecken in Engeland nächst Winsor gelegen / da pflegte ein Alter herum zu gehen mit einem langen Rock / und einem Buch / darinnen der Orden der Hanreyschafft verfasset / und alle Ordensgenossen / Fürsten / Grafen und Herrn eingeschrieben sind. Dieser bringet sein Buch den durchraisenden Gästen / und bittet Reimweis / daß sie ihre Namen einschreiben / und ihme eine Verehrung geben wollen / fast wie bey uns die Spruchsprächer. Er fängt an Reimweis zu beschreiben / was ein jeder an dem Tisch für Geberden hat / wie er isset / trincket / die Speise schneidet / redet / etc. ja er sagt jedem aus dem Angesicht / was er im Schild führet / und worzu er geneiget seye; welches ich ihn[226] mit Lust erzehlen hören / und hat in den meinsten wol eingetroffen.


Rähtsel.


Ich der Stärckst' auf dieser Welt /

schütz und nehre Stadt und Feld.

Ich bin nutzer als das Gold

hasse so den Müssiggang /

daß ich in der Ruhe Zwang

mich wol selbst auffressen solt.

Ich bin alles Wassers Feind /

und deß reinen Leders Freund.


Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte, 2 Bde, Frankfurt a.M. und Hamburg 1664, S. 222-227.
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