(CLXXVII.)

Der ungetreue Freund.

[638] Die Eitelkeit dieser Welt wird in nachfolgenden Lehrgedicht oder Fabelkunst artig gebildet. Ein König (Gott) baute einen schönen Garten (die Welt) und bepflantzte ihn mit vielen Bäumen und Blumen. Die Königin (die frommen Menschen) gange mit etlichen ihren Frauenzimmer in dem Garten spatzieren / und sahe einen schönen Lorbeerbaum (Psal. 37.) der breitete sich weit aus und sprach mit stoltzen Worten: grüne ich nicht herrlich? ferner sagten die bunten Blumen in ihren tausendfärbig Kleidern: blühen wir nicht prächtig? drittens sahe sie etliche Pferd in fettem Gras sich weiden / und diese sagten: Leben wir nicht niedlich?

2. Es kam aber ein Sturmwind (Ps. 103.) und verjagte die Königin aus dem Garten. Nach dem der Wind verüber / kehrte die Königin wieder in das Grüne zu spatzieren / und da sie den Lorberbaum suchte / sihe da war er nicht mehr da / sondern ein Vogel sange an derselben Stette:


Eitelkeit / Eitelkeit / Eitelkeit

eilet heut / eilet heut / eilet heut.


Sie setzte ihren Fuß fort / und kame zu dem Blumenfeld / und sihe ihre Stätte kennte man nicht mehr / es sasse aber alldar eine girrende Turteltaube / und liesse diese Worte hören:


Eitelkeit / Eitelkeit / Eitelkeit

pfeilet mit flůchtig geflůgelter Zeit.[638]


Drittens war auch das Gras abgemeyt / in den Ofen geworffen worden / und an statt deß Pferdes waren aldar Laubfrösche welche also quackten:


Eitelkeit / Eitelkeit / Eitelkeit /

wandelt die Freuden in reuiges Leid.


Hieraus merckte die Königin / daß dieses alles der schnelle Wind (die Zeit) verursachet / und sange mit ihren Jungfrauen ein sehnliches Klaglied.

3. Dieses ist ein feines Gemähl der Eitelkeiten dieser Welt / welche vornemlich bestehen in nichtigen Ehren / stoltzen Kleidungen / und kostbarlicher Speise und Trank / welches alles zu Hofe in schwang gehet und für die höchste Glückseligkeit gehalten wird / deßwegen auch auf viel hinterlistige weise erlangt / erhalten / und nicht ohne Reue verlohren wird. Ich sage / nicht ohne Reue / wann man nemlich in der Todesstunde der ecklenden Eitelkeiten dieser Welt einträchtig wird / und erkennet / daß solche nicht erretten an dem Tag deß Zorns / wie wir hiervon ein vielen wol bekante Geschicht erzehlen wollen.

4. Lycaon also wollen wir die Haubt-Person nach gehenden Traurspiels nennen / hatte sich in einer grossen Statt Diensten aufgehalten / und sich in einem ansehlichen und guten Zustand befunden. Weil ihm aber sein Sinn hochstande / und er vermeinte / daß ihme versprechlich seines gleichen zu Gebot zu stehen / und solchen Herrn deß Rahts aufzuwarten / welche seines Herkommens / hat er sich in eines benachbarten Fůrsten Dienste begeben / und ist gleichfals bey Hof in überaus grossem Ansehen gewesen.

5. Lycaon wuste / daß alle die Linien Fürstlicher Gedanken (zum wenigsten bey seinen Herrn) in dem Centro oder Mittelpunct zusammen liefen / wie man den Unterthanen das Geld aus dem Beutel bringen möchte / und war also seinem Herrn auf viel weise beyrähtig / wie Auf- und Anlagen zu machen / die Einkunfften zu vermehren / und die Rentkammer zu bereichern. Der Fürst lobte und liebte[639] diesen ungerechten Haußhalter / welchem das gantze Land fluchte / und als einen vorsetzlichen Ursacher ihrer Armut zu hassen Ursach hatte.

6. Nach deme ihm nun der Fůrst für so getreue und wolgelaiste Dienste beschenket und mit etlichen adelichen Sitzen verehret / fügte sich eine Friedens handlung / zwischen hohen Potentaten angestellet / und dieser Lycaon wurde wegen seines Fürsten auch dahin abgeordnet. Solche Gesandschafft übernimmt er mit Freuden / seinen Nutzen dardurch zu schaffen / hoffend / wie auch mit endlicher Reue erfolget.

7. Die Handlung ist seinem Herrn und vielen andern sehr nachtheilig gefallen / daß Lycaon sich zu wiedersetzen Ursache / und die Unterschreibung verweigert. Die andren Gesandten zu deren Vortheil die Sache gerichtet / versprachen güldne Berge. Ehrentitel und eine Summa Gelds / wann Lycaon seinen Herrn würde einwilligen machen. Dieses war der Vogelleim / welcher seine Schwingfedern einschlagen konte /wie auch erfolgt / und wurde alles versprochner massen werkstellig ausgenommen die Auszahlung deß Geldes.

8. Zu solchem zugelangen er sinnte Lycaon eine meuchellistige Untreue / dergestalt. Er hatte zu N. einen guten Freund und Gevattern / der hatte sich auf der andern Seiten zu tief eingelassen / und ist deßwegen in deß höchsten Haubtes Ungnad / (wie ihn Lycaon angegeben) gefallen. Als nun Periander (also nennen wir den Beklagten) nach Hof / zu seiner Verantwortung geladen wurde / fliehet er zu Lycaon / und bittet auf Mittel zugedenken / daß er wieder möchte ausgesöhnet werden.

9. Lycaon lässet sich willfährig finden / und saget /daß das einige Mittel sey Geld / vermittelst welches diese Sache geschlichtet werden könne. Nach gepflogener Handlung wird die versprochene Aussöhnung gegen Erlegung dreyssig tausend Reichsthaler verglichen / und diese wurden Lycaon versprochner massen überwiesen. Ein schönes Geld ein[640] gutes Gewissen zu verkauffen / welches mehr werth ist / als die gantze Welt / die nichtes hülffet wann man Schaden leidet an der Seel.

10. Nach so ausgewirckter Meuchellist lässet sich Lycaon für ůber lug bedunken / und klopffet gleichsam in die Hand / daß er alles so weißlich angefangen. Für den Menschen hatte er sich nicht zu fürchten / weil ihn jedermann / ja auch seine Feinde ehren musten. An Gott aber gedachte er selten / oder gar nicht: massen solche Mammons Diener zu dem Goldklumpen sagen / du bist mein Trost / zu dir hab ich Zuflucht.

11. Es fügte sich aber / daß dieser Lycaon erkrankte / und nun die Zeit seines Abschieds verhandene oder daß sich das Freudenspiel in ein Trauerspiel verkehren solte: Getreuer Gott! sein bißhero schlaffendes Gewissen wurde plötzlich erwecket / und sahe er den ewigen Tod in den letzten Nöhten: ja er fühlte daß der Stab ůber ihn gebrochen / und nicht allein alle Artzney / sondern auch aller Seelen Trost verlohren und umsonst wären. Es lage ihm fůr Augen alles böses so er vorsetzlich begangen / und sonderlich die grosse Untreue die er wieder seinen Gevattern und guten Freund verůbet.

12. Endlich brache er in diese erschröckliche Wort heraus / dafür ein frommes Christen Hertz billich erstaunen solte: Ich fühle leider die höllischen Flammen / und die ewige Angst meiner Seelen. Ach / was hab ich gethan / daß ich gegen den gewonnenen Reichthum meine Seele verlohren! Weh / weh mir! kein Trost wil in meinem Hertzen helffen: Die Barmhertzigkeit Gottes gehet mich stets ruchlosen Sůnder nicht an. Ich leide Qual in diesen Flammen / und alle welche ihre Oberherren mit mir zu hintergehen geholffen / werden auch kommen an den Ort der Qual. etc. Mit diesen und dergleichen Worten hat er seinen Geist auf- und sonderszweiffel dem Seelen Mörder jämmerlich übergeben.

Ein Vielfraß ist der Tod / der keines je vergessen:

Wer ihn gesehen hat / den hat er schnell gefressen.[641]

Er frist ohn Unterscheid: da hilfft noch List noch Geld;

Und dieses Wunderthier wird nie satt in der Welt.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte. Hamburg 1656, S. 638-642.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Der Weg ins Freie. Roman

Der Weg ins Freie. Roman

Schnitzlers erster Roman galt seinen Zeitgenossen als skandalöse Indiskretion über das Wiener Gesellschaftsleben. Die Geschichte des Baron Georg von Wergenthin und der aus kleinbürgerlichem Milieu stammenden Anna Rosner zeichnet ein differenziertes, beziehungsreich gespiegeltes Bild der Belle Époque. Der Weg ins Freie ist einerseits Georgs zielloser Wunsch nach Freiheit von Verantwortung gegenüber Anna und andererseits die Frage des gesellschaftlichen Aufbruchs in das 20. Jahrhundert.

286 Seiten, 12.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon