(LXXVII.)

Der treuvergessne Freund.

[254] Die Freundschaft wird nicht ohne Ursach der Sonnen verglichen / dann wann solche von der Welt genommen / so würden wir im Finsternis wandeln / wie die mitternächtigen Völker / deren längster Tag vier Stunde / und die ein halbes Jahr lang Nacht haben. Wann die Freundschafft nicht der Menschen Gemüter erleuchten / und als ein Band ihrer Gesellschafft vereinigen solte / würden sie gleich den unvernünfftigen Thieren leben / und der Stärkste den Schwächsten unterdrucken und ihn zu seinen Diensten nöhtigen. »So eine wehrte Gabe nun der getreue Freund / so eine verächtliche und verwerfliche Klette ist ein ungetreuer Freund: massen jenes Tugend / Gott nach ahmet / der getreu ist; dieses Laster aber von dem listigen und betrüglichen Satan herkommet / der ein Lügner ist von Anfang.«

2. Zu Salo in Welschland einer Statt an dem Guarder-Fluß gelegen / pflegten zween Bürger mehr als Brüderlicher Freundschafft. Alles war diesen[254] beeden gemein / Ehr / Geld / Kleider / Bücher / Glück und Unglück etc. und waren dieser Freunde Sitten (welches sich zu verwundern) sehr ungleich. Pandulf war reich / freundlich / höflich und wolthätig; Alark aber arm / klein von Leib / schwach und zornig gesinnet /»daß man mit Fug sagen können die Liebe und Freundschaft finde / oder mache gleich die ungleichen«.

3. Pandulf thäte von seinen Mitteln dem Alark viel gutes / »und solche Wolthaten sind Ketten / mit welchen die Hertzen verbunden werden«; und war doch Pandulf so höflich / als ob er von dem andern empfangen hette / was er ihme mit getheilet. Gleich wie die unterschiedene Stimmen / mit lieblichem Gethön die Ohren belustigen; also war fein und lieblich zu sehen wie diese Freundschaffts Brüder einträgtig beyeinander wohnten. Hiervon haben wir umständig gehandelt in dem CCXLV. Gesprächspiele / darauff wir uns beziehen.

4. Pandulf wil das sein Freund sich in den Ehestand begeben / und also ihme nach folgen solte / weil er in solchem mit süsser Glückseligkeit vergnüget lebte; Alark aber hat darzu keine Neigung. Es fügte sich nach gehends / daß der Tod deß Pandulfs Eheweib ihme von der Seiten reisset / und von allen Liebespfanden / nur eine Tochter von vier Jahren hinterlässet / und hat ihn in so traurigem Zustand sein Hertzens-Freund Alark getröstet / und ihme das schwere Kreutzleicht / und die Trübsal heiter gemachet. Nach deine er nun etliche Jahre in dem einsamen Wittib stand getrauret / hat ihn deß Todes Vorbott ich sage eine schmertzliche Krankheit / das Leben abgesagt: Er bereitet sich Christlichst auf die Raise / beschickte sein Hauß / befahle diesem seinem Freunde seine Tochter Emiliam / welche damals das zehende Jahr noch nicht erfüllet / und setzet ihn über alles sein Gut / daß er dasselbe handhaben solte / biß Emilia / zu mannbaren Jahren gelangend / sich verheuratet / du er dann ihr die helffte mitzugeben schuldig seyn solte: Sie aber solte keinen Mann wieder ihres Pflegvaters willen nehmen / der auch / im fall sie minderjährig[255] verstorben / ihr affter Erb ernennet war. Welches alles Alark dankbarlich angenommen.

5. Mit dieser Bezeugung einer biß in den Tod beständigen Tugendfreundschafft gehet Pandulf den Weg aller Welt / und wird von Alark hertzschmertzlich betrauret. »Was ist aber wandelbarer als deß Menschen Hertz / und was ist unerträglicher / als ein Armer der reich worden ist.« Die Chimisten sagen /daß man mit dem zerflössten / und trinkbar gemachten Gold / alle Krankheiten vertreiben könne: ob dem also / ist ungewiß; dieses aber lehret die Erfahrung /daß der Golddurft alle Gemüts-Krankheiten verursachet. Alark war in seiner Armut reich / in dem Reichthum aber arm / und gedachte wenig daß er seinem wolthätigen Freund / von welchem alles sein Glück herrührte / auf dem Todbette versprochen / Emiliam als seine eigene Tochter / zu versorgen / und seinem letzten Willen in allem nach zu geleben.

6. Alark hatte zuvor den Ehestand / als eine Gefängnis / außgeschrien / vielleicht weil er befürchtet /daß sich niemand seiner Armut theilhafftig machen würde. Nach deme er sich aber besagter massen in Pandulfs Güter geschwungen / hat er sich in eine Wittib zu Verona verliebt / welche einen Sohn hatte der noch jünger als Emilia / und sie mit der zeit heuraten solte: Er aber in zwischen lässet ihm Sophonisbe /dieses war der Wittib Namen / trauen / und vermeinen beederseits in Fried und Ruhe glückselig zu leben.

7. Dieses wer vielleicht erfolget / wann Sophonisbe nicht auch Kinder erzeuget / welche alle Neigung gegen Emiliam / und mütterliche Liebe gegen ihre Kinder erster Ehe / aus den Augen setzen machen /und vielmehr das Gütlein den ältsten entzogen und alle Hoffnung auf die jüngsten gerichtet. Weil Alark in dem Hauß ein Löw / hat er den Eltsten Sohn gezwungen / daß er in den Krieg ziehen / und seinen Unterhalt aldar suchen müssen. Wiewol nun Emilia gehalten worden / ist unschwer zu ermessen.[256]

8. Alark stellet etliche an / die Emiliam zu dem Kloster Leben bereden solten: sie hat aber keine Lust zu solcher Einsamkeit / sondern verliebte sich in Horatium einen Edelmann von Bergamo: der Hoffnung /daß sie also von ihres Tyrannischen Pflegvaters Joch erlöset werden möchte. Alark / an den die Werbung gebracht wurde / giebt zur Antwort / daß er mit gutem Gewissen in Emilia Verheiratung nicht willigen könne: eins theils weil sie eine Nonne worden / anders theils weil sie heimliche Leibs gebrechen / daß ein Mann mit ihr betrogen werden würde: zu deme sey der Reichthum / welchen man bey ihr suche so beschaffen / daß sich desselben niemand zu erfreuen. Wieder den Bergamaster hatte er auch viel zu sagen /daß also auf besagte Werbung ein dem ansehen nach wolgegrundtes und wolgemeintes Nein Wort erfolget.

9. Weil nun Alark sahe / daß dieses fahrende Jungfrauenhaab nicht sichet in seinem Hause / entschleusst er sich Emiliam in ein Kloster zu bringen / und sie also wieder ihren willen / für allen Bulschafften zu versichern. Eine Magd verkundschafftet diesen Anschlag / und Horatius machet die gute Anstellung /daß Emilia mit ihme nach Bergamo entkommet / und aldar bey einer seiner Basen / biß zu Außtrag der Sachen / die Einkehr nimmet. Inzwischen lässet er durch einen seiner Freunde bey der Obrigkeit anbringen /wie übel dieser Pflegvater und ungetreue Freund Emiliam gehalten / ja sie aus Geitz / wieder ihren Willen /in ein Kloster nöhtigen wollen / etc. mit Bitte zwischen ihnen beeden zusprechen / was recht ist.

10. Nach deme nun der Richter die gantze Sache erkündigt / und dieses treuvergessenens Gesellen Hinterlist / und Undanck befunden / hat er außgesprochē /daß sich der Beklagte / der gantzē Verlasenschaft Pandulfs verlustig gemacht Rechnung zuthun / und solche der Emilia abzutreten schuldig seyn sol: welches auch geschehen müssen / weil er aber dieser seiner Pfleglinge nicht wenig schuldig verblieben / hette er in der Gefängnis sterben und verderben müssen /wann[257] sie ihme solchen Außstand nicht freywillig nach gelassen hette.

11. War Alark zuvor traurig / so ist er bey so gekränktem übelstand gleichsam rasend worden. Wie die so ersauffen sollen sich an alles halten / was sie ergreiffen können; also legte Alark die Hände an die Güter seiner Kinder erster Ehe / deren Vormunder ihme solche auch aus den Armen winden mussten /und war also von seinem Weibe so übel gehalten /daß sie sich endlich / zu Tische und Bette zu scheiden verursachet. Endlich hat er sich / aus Verzweifflung selbst erhängt / und hat eine Tochter (weil sein Söhnlein gestorben /) in solcher Armut hinterlassen müssen / wie er Emiliam zu berauben vermeint.


12. Dessen Freundschafft enden kan /

ist kein rechter Freundes Mann.

Freundschafft die auf Nutzen baut /

ihren Abfall leichtlich schaut.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte. Hamburg 1656, S. 254-258.
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