Siebente Szene

[151] KONZERTMEISTER WINDFELLNER ein alter Herr mit graumeliertem Vollbart, kommt von rechts herein. Hinter ihm eilen noch einige Tänzerinnen in Morgenmänteln herein. Windfellner setzt seinen Geigenkasten neben den Tisch auf einen kleinen Schemel ab. Nun bitte, meine Damen ...

ALLE ZWÖLF TÄNZERINNEN hüllen sich in ihre eintönigen, zarten Tanzkostüme aus ihren Mänteln und rufen in einem Rufe. Guten Morgen, Herr Konzertmeister ...


Wobei im Schwunge des Aushüllens eine jede einen anmutigen, anderen Knix drollig versucht.


WINDFELLNER. Guten Morgen ... guten Morgen ... es ist ein bissel spät geworden ... der Herr Mander hat einen hohen Besuch ... ja ... na ... ich meine nicht bloß seine beiden Kinder ... nun, bitte ... wollen wir einmal zuerst die kurzen Fußübungen beginnen ... wo bleiben denn die lieben Kollegen im[151] Herrn ... wo denn ... es scheint heut alles ein bissel aneinander zu zerren und aufeinander zu lauern ... da lauert schließlich eins immer vergeblich auf das andere ... ja ... nicht bloß einen Besuch ... nicht bloß die zwei lieben Kinder ... jedes auf seine Weise lieb und gut ... heute nach Mitternacht ist mit dem gnädigen Herrn auch noch eine Berühmtheit im Schloß eingetroffen ... nun, bitte bitte ... kommen Sie nur herein ... gucken Sie nicht erst lange noch durch die Scheiben ...


Es kommen vier Streichmusiker.


SCHWÄNCHEN. Herr Konzertmeister ... wer ist denn diese berühmte Dame ...

WINDFELLNER. Meine Damen ... es ist keine Konversationsstunde ... es ist eine Tanzstunde ... dreist und gottesfürchtig ... nee ... das geht nicht, liebes Schwänchen ... daß wir hier womöglich die Zeit mit Allotria zubringen ... dazu kriege ich nicht das viele Geld von Lionel Mander ... ja ... denn es ist jetzt überhaupt ein frommer, sittsamer Geist im Schloß eingezogen ... das bitte ich zu beachten ... also los ...

EINER DER MUSIKER während die vier Musiker noch ihre Instrumente stimmen. Einen Augenblick noch, Herr Windfellner ...

WINDFELLNER. Na ja ... Schwänchen ... nee nee ... nicht bloß die beiden Kinder ... fürs letzte ist ein ganz hoher Besuch eingezogen ... das ist die berühmte ... Ottilie Kopriva ... von deren Diamanten allein man schon behauptet, daß man sich dafür einen Fürstensitz kaufen könnte ... die berühmte Primadonna aus der Kaiserstadt ... eine Dame ... na ... von berückendster Kunst ... die mit unserm Herrn Mander natürlich auf ganz vertrautem Fuße steht ... Lionel Mander, wissen Sie ... na ja ... solchen Leuten ... denen blüht manchmal ganz gehörig der goldene Weizen ... das kann der oder jener von Ihnen auch im Leben passieren ... dann reicht man sich bloß noch sozusagen über die Köpfe von unsereinem die Hände mit den allerhöchsten[152] Spitzen des irdischen Daseins ... wie Lionel Mander ... und ist von unten überall nur noch auf Rosen gebettet ... wie man hier sieht ... darf man denn wenigstens riechen daran ...

LUNICA empört. Nein ... Herr Konzertmeister ... ja nicht anrühren ... Sie verschieben sie ja ... lassen Sie doch die sprechenden Rosen liegen ...


Die Tänzerinnen lachen.


WINDFELLNER ist erschrocken zurückgefahren. Na na ... schon gut ... ich weiß schon ... ich weiß schon ... deren Sprache verstand ich auch einmal, wie ich jung war ... jetzt ist man ein weiser, eingetrockneter, grauer Esel ...


Die Musiker nicken Windfellner zu. Windfellner schlägt mit dem Stock auf. Die Tänzerinnen machen einige Schritte im Reigen zur Musik.


WINDFELLNER sie unterbrechend. Neee ... neee ... neee ... neee ... das sieht ja aus, wie wenn eine Herde Fettgänse zum Minister ginge ... noch mal ... der Einsatz ... der Einsatz ... Er klopft wieder mit dem Stock.


Die Musiker sind nicht zusammen.


WINDFELLNER breit. Meine Herren ... wir sind doch nicht unter konzertierende Pinguine geraten ... wie ... noch mal ... Er klopft wieder.


Die Musiker spielen. Die Tänzerinnen machen einige Schritte.


WINDFELLNER abklopfend. Was denn ... was denn ... Lunica ... Schwänchen ... noch mal ... gebratene Tauben fliegen nicht rum ... die Mäuler zu ... und wo sind die Blicke ...[153]

LIDDI frech. Wir schlafwandeln noch ... wir haben die Heilige vor den Augen ... die noch unschuldsvolle, von Erdenstaub reine Tochter des Meisters ...

WINDFELLNER legt den Stock verstimmt beiseite. Na bitte ... da starren Sie dieses lilienbleiche Idol noch einmal rasch an ... und dann lassen Sie dieses höhere Licht vor Ihren Augen erlöschen ... hier haben wir nicht mit Heiligen zu tun ... hier haben wir mit den Beinen zu tun ... beten Sie hier meinetwegen den Teufel an ... wenn er Ihnen nur gehörig ins junge, sündige Fleisch hineinfährt ... ich wußte das schon, daß heute alles verkehrt sein würde ... ich dachte mir's schon, wie ich die ganze vornehme Gesellschaft Lionel Manders am Frühstückstische sitzen sah ... wer eine Kunst vollkommen erlernen will ... z.B. auch nur einen Rhythmus gut einhalten will ... der muß wie ein Pferd mit Scheuklappen gehen ... hahahaha ... worauf ich im Leben immer streng gehalten habe ... nun los ...


Er taktiert.

Die Musiker spielen. Die Tänzerinnen tanzen.


Quelle:
Carl Hauptmann: Die goldnen Straßen. Leipzig 1918, S. 151-154.
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