[Stücktext]

[57] Eine kleine Wohnstube mit alten seltsamen Möbeln. Dahinter eine Trödlerstube, wo Altertümer, tausenderlei Kram und Möbel, Vasen, kostbare Standuhren durcheinander stehen und liegen. Ausser Tisch und Sofa und einigen Stühlen steht ein mächtiger Geldschrank links an der Tiefenwand, neben dem Eingang in das Magazin. Die Tür in der rechten Wand führt auf den Hausflur. Die Tür in der linken Wand führt in die weitere Behausung.

Samuel der Commis, ein junger Mann im Beginn der Zwanzig, steht bei schwacher Lampenbeleuchtung an einem Pulte im Magazin und schreibt in ein Handelsbuch.


FRAU NELKEN eine liebliche, junge, jüdische Frau, in einem Kostüm wie eine Orientalin, kostbar seidig, mit allerlei Schmuck an Kopf, Ohr und Halse und an den nackten Fussgelenken, guckt aus der linken Tür und ruft ins Magazin hinüber. Du ... Samuel ... Du ... Samuel!

SAMUEL sehr beschäftigt. Was is' denn ... Gleich ... Ich komme gleich ... Ich muss erst zusammenrechnen, ehe der Herr heimkommt ... Wer weiss, ob er nicht doch einmal überraschend kommt?[57]

FRAU NELKEN ungeduldig drollig. Samuel ... rasch, rasch, Samuel!

SAMUEL immer noch eifrig beschäftigt. Ach, du Gerechter ... hundertfünfzehn ... hundertsiebenundzwanzig ... dreihunderteinundachtzig ... gut ... das ist ein Geschäft ... Mit dem alten Möbelkrame aus dem herrschaftlichen Schlosse hat Herr Nelken weiss Gott doch noch seine dreihundert Perzent herausgeschlagen ...

FRAU NELKEN plötzlich hastig und ungeduldig wie ein Kind. Du ... Samuel ... rechne nicht! ... er wird nicht kommen ... oh ... wo wird er denn schon heimkommen vor Ladenschluss ... du sollst mich ansehn ...

SAMUEL erscheint mit der Feder in der Hand. Oh, du Gerechter! ... Was ich nur sehen muss ...


Er legt die Feder auf den Tisch.
[58]

FRAU NELKEN sich selbst von oben bis unten betrachtend. Da ... die Kette ... und die Spangen mit dem Stein ... und diese Perle ... und diese Perle ... alles hat er in Schüben und Kisten ... verschliesst es ... verbirgt es ... lässt es nie im Licht funkeln ... gefall ich dir so, Samuel? ... nie hat er mir eine Perle geschenkt! ... küsse gleich die Stelle auf der Stirn ... die Perle macht so kühl ... ich fühle sie den ganzen Tag und die ganze Nacht an meiner Stirn ... küsse die Stelle gleich noch einmal ... Du, es geht jemand auf der Treppe ... nein nein, Er kommt nicht heim vor Ladenschluss ... sieh mich nur an, Liebchen ... von oben bis unten ... ich habe die Schlüssel ... ich weiss zu öffnen ... für dich habe ich mich heimlich geschmückt ... und lege dann alle Kostbarkeiten bald wieder richtig an Ort und Stelle ... nein, nahe kommen darfst du mir nicht ... drücken darfst du mich gar nicht ... bleibe fern ... nur ansehn darfst du mich ... nur anstaunen darfst du mich, wie ich schön bin ... nicht, Samuel? ... schöner als Achsa, die Moses Hände küsste, als er uralt war ... und Josuas[59] Tochter war wahrhaftig ein herrliches, keusches Mädchen ... war voll Wonne ... voll Zärtlichkeit ... glitt nieder von dem Esel, wie wenn Ohnmacht in ihrem schlanken Leibe verzitterte ... spielte die Halbtote aus Sehnsucht und aus Liebe zu dem Einen.


In diesem Augenblicke hat es rechts schüchtern geklopft.


FRAU NELKEN ist ängstlich zur linken Tür zurückgeeilt, steht und lauscht. Ah ... still ... Du ... Samuel ... es klopft! Es kommt noch jemand fragen oder heimlich was verkaufen.


Sie ist ebenso rasch plötzlich in die linke Tür verschwunden.


SAMUEL schliesst die rechte Tür auf und öffnet sie. Was ist? ... Was wünschen Sie, junger Mann? ... Gott, was wollen Sie denn mit dem Haufen Bücher?

EIN SCHÜLER steht vor der Tür. Ach .... entschuldigen Sie nur ... brauchte notwendig etwas ... das sind sehr wertvolle Bücher ... ich gebe sie durchaus[60] nicht gern ... nur eben, weil ich notwendig etwas brauche ... und, Herr Nelken ...

SAMUEL. Zeigen Sie mal her ... Gott der Gerechte ... warum kommen Sie hierher in die Wohnung? ... warum gehen Sie nicht zu ihm in den Laden?

DER SCHÜLER. Herr Nelken hat mir gestern unten im Geschäft ausdrücklich gesagt, ich sollte um dreiviertel Sechs an seiner Wohnung sein.

FRAU NELKEN hat ganz leise die linke Tür wieder geöffnet und steht horchend dahinter.

SAMUEL. Frau Nelken ... erklären Sie es ihm ... sprechen Sie zu ihm ...

FRAU NELKEN hinter der einen Spalt offenen Tür, sodass sie der Schüler nicht sehen kann. Bei Gott ... er wird kommen, eher als uns lieb ist ...[61]

DER SCHÜLER. Könnte ich nicht warten hier?

FRAU NELKEN immer noch hinter der Tür. Ja ja ja ja ... warten ... Sie könnten schon warten! ... Samuel ... auf der Treppe soll er warten ... unten vor der Haustür soll er warten ... wenn Sie durchaus brauchen und durchaus warten wollen ... nicht, Samuel? ... Der Herr Nelken wird kommen ... und wenn er Eisenstäbe durchbrechen müsste, um zu kommen ... er wird kommen ... wenn er den Atem, verlöre, und das Herz ihm stille stünde ... er wird kommen! ... nicht, Samuel? ... sage es doch dem jungen Herrn, dass er sich zufrieden gibt!


Sie steckt ihren Kopf neugierig durch den Türspalt heraus.


SAMUEL. Nun haben Sie es wohl gehört, junger Mann!

DER SCHÜLER der jetzt Frau Nelken gesehen hat, zögernd. Auf der Treppe? ... könnte ich nicht hier ...?[62]

FRAU NELKEN sehr belustigt den Kopf aus der Tür steckend. Nein, nein, nein, nein ... Herrn Nelkens Misstrauen duldet hier niemand ... Er würde gleich mürrisch gegen Sie losfahren, wenn er, Sie hier in der Stube träfe ... und da drinnen, wo der Gehilfe arbeitet, ist überhaupt gar kein Platz zum Stehen vor den tausend Dingen ... nein nein ... hier gar nicht! ... Herr Nelken würde Sie nur von oben bis unten ansehn ... gar nicht sprechen, Sie nur ansehn mit seinem bösen Blick, wenn er Sie hier allein in der Stube fände ... und wenn ich bei so einem jungen Herrn sässe ... bei Gott! ... Nicht, Samuel?

DER SCHÜLER geht unschlüssig, mit neugierigem Blick immer wieder nach Frau Nelken, langsam bis zur Tür.

SAMUEL indem er ebenso langsam rückwärts zu seinem Schreibpult zurücktritt. Warten Sie vor der Haustür.

FRAU NELKEN. Herr Nelken kommt gewiss, lieber, junger Herr.


[63] Der Schüler hat zögernd die Türe rechts hinter sich zugemacht.

Samuel kommt geschäftsmässig noch einmal herein, schliesst den Schlüssel und geht wieder an seine Arbeit zurück.


FRAU NELKEN die hinter der halboffenen Tür steht und wartet. Nach einer Weile. Samuel!

SAMUEL eifrig beschäftigt. Gleich ... ich komme gleich ... ich muss erst zusammenrechnen ...

FRAU NELKEN übermütig lachend. Und wenn er Eisenstäbe durchbrechen müsste, um zu kommen ... er wird kommen ... und wenn er Atem und Herzschlag verlöre ... seine Brunst ist heiss ... er wird kommen ... huh, Geliebter!

SAMUEL wie vorher. Ich muss die Sache hier schnell noch zu Ende bringen, damit er sieht, dass was getan ist.

FRAU NELKEN kommt jetzt ins Zimmer herein, plötzlich ganz achtlos und[64] in Gedanken versunken, lehnt sich über den Tisch und spricht zu Samuel hinein. Und er wird kommen ... immer geängstigt ... immer gehetzt ... er besitzt alles ... er möchte alles verbergen ... er möchte alles nur für sich fühlen ... er leidet ewig heimliche Pein, weil er nicht alles in seinen Sacktaschen unterbringt ... und er lacht ... weisst du, wie er lacht, Samuel? ... wie ein Bock meckert, so lacht er ... huh, Samuel! ... nein, nein, nein, nein ... aus Furcht lache ich immer ... nur aus Entsetzen lache ich, wenn seine eisige Unbarmherzigkeit aus seinem Blicke aufwacht ... aus tödlicher Angst lache ich vor seiner unbarmherzigen Seele ... nicht, Samuel?

SAMUEL unwillig geschäftig. Solche Aufgaben gibt der alte Schuft nur, damit man angeschmiedet steht jede Minute und sich nicht wegrührt ... Weiss Gott ... ich würde ihm das Geschäft vor die Füsse werfen ...

FRAU NELKEN gespannt. Wie? ... Was? ... Wenn ...[65]

SAMUEL legt die Arbeit beiseite. Wenn nicht sein Weib Sarah hiesse und jung wäre ...

FRAU NELKEN zärtlich. Wie eine Blume zu Saron ... wie eine Rose im Tal ...


Samuel hat die Arbeit verlassen und kommt langsam auf Frau Nelken zu. Sie blicken einander in die

Augen.


SAMUEL. Gott ... was bist du schön anzusehn ... Sarah! ...

FRAU NELKEN steht aufgerichtet, heimlich abwartend, still und hält nur die abwehrende Hand gegen Samuel. Und kein Brunnen ist so tief ... und kein Grab ist so stumm, wie meine Seligkeit und deine Freude ... nicht, Samuel?

SAMUEL der Frau Nelken an sich ziehen gewollt. Warum drängst du mich fort von dir, Sarah?

FRAU NELKEN schmollend und gedehnt. Weil ich deine zärtlichen Blicke gern hab' ...[66] die mich suchen ... die mich locken, wie Kinder. Ich hasse den Blick, der immer leer ist ... immer innerlich rechnet ... immer fremd bleibt dem andern ... immer vor dem Lichte geblendet die Augenlider verkneift ... scheu abirrt vor jedem guten Blicke, der um Güte bittet ... und der immer nur Gewalt übt ... Küsse mich von ferne sanft auf die Stirn, Samuel!

SAMUEL küsst sie behutsam und lacht.

FRAU NELKEN während des Kusses. Und kein Brunnen ist so tief ... und kein Grab ist so stumm, wie meine Seligkeit und deine Freude ... nicht, Samuel?

SAMUEL herzhaft erregt. Aber sein Misstraun ist noch stummer, wie deine Seligkeit. Und seine Wut würde noch tiefer hervorbrechen, wenn er dächte ...


Er lacht.


Aber was braucht er zu wissen, was zwischen mir und dir ist? Er ist alt. Er wird nie erfahren, was zwischen mir und dir ist.[67]

FRAU NELKEN. Küsse mich auf die Lippen, Samuel! Nur ganz sanft sollst du mich auf meine feuchten Lippen küssen ... dass ich es kaum fühle! Ich habe Rosenwasser getrunken. Sie duften ...


Verführerisch.


Und wenn er es doch einmal erführe, was zwischen mir und dir ist, Samuel?

SAMUEL läuft unruhig hin und her und antwortet nicht. Wenn er ... Gott der Gerechte ... wenn Herr Nelken es doch einmal erführe ...

FRAU NELKEN. Wenn er hereinträte ... jetzt ... in seiner Brust das Geheimnis ... in seinem Blute jagend und kreisend unser Geheimnis ...

SAMUEL wie vorher. Wenn er ... wenn Herr Nelken es doch einmal erführe ... wenn Herr Nelken jetzt hereinträte ...

FRAU NELKEN. Pah ... da würde ich ihm ... Gift geben ...[68] vielleicht ... ehe ich mit ansähe, wie er dich ermordet ...


Sie lacht plötzlich kindlich.


Was wir nur reden! ... Was wir nur sinnen! Tue deine Arbeit, Samuel ... mach alles zu Ende! ... Herr Nelken ist alt ... Aber er ist ein Abgrund ... Feuer hat er drin in seiner Brust kochen ... er würde dich hassen ... er würde nicht sanft sein ... er würde dich töten ... nicht, Samuel?

SAMUEL in Gedanken. Nun ... ja doch ... da würde er mich töten ... mit dem Schächtmesser oder Dolch mich töten ... wenn er mich im Schlafe fände ... denn offen würde er es nicht wagen ...

FRAU NELKEN. Nein ... nein ... niemand könnte solche Dinge offen wagen ... auch ich würde ihm nur immer Gift in seine Suppe tun ... immer ein klein wenig ... immer kaum zu spüren ... immer ein Nichts, das ihn ein bisschen bleicher macht ...


Sie umarmt Samuel plötzlich.
[69]

Herr Nelken hat eine bleiche Gesichtshaut. Du ... Samuel ... gib mir einmal dein Ohr nahe ... dass ich es dir zuflüstere: Herr Nelken würde dann von Tag zu Tage bleicher ... Herr Nelken betet immer laut zu Gott ... er muss etwas fühlen ... er hat eine heimliche Bangigkeit vor dem Tode ...


Inbrünstig.


Und doch ist kein Brunnen so tief ... und kein Grab ist so stumm, wie meine Seligkeit und deine Freude ... nicht, Samuel?

SAMUEL mit halber Entrüstung. Sarah ... du wirst keine Sünde begehen, Sarah ... Er wird nie erfahren, was zwischen mir und dir ist ... Keine Sünde wirst du begehn ... süsse Sarah ... meine Taube ... Ich werde dich in meine Arme schliessen mit aller Gewalt jetzt ...

FRAU NELKEN lachend. Wo bleibt deine Gewalt? ... Du hast immer nur Gewalt zum Küssen ... und du sollst sanft sein dabei ... und hast gar keine Gewalt zum[70] Hüten meiner Seligkeit ... da bist du feige ... wagst nichts ... wagst nicht zu revoltieren ... verkriechst dich wie ein Hund, wenn der Herr kommt ... dass der Herr immer Herr bleibt über dich und mich ... pfui, Samuel ... dass du dich vor dem Alten fürchtest, wo du und ich jung sind ... und dass du dich vor der Sünde fürchtest, wenn du nach mir brennst ... Ich fürchte mich vor gar nichts ... 'denn ich liebe dich ... nicht, Samuel?

SAMUEL. Du, Liebchen, gehe ... gehe in die Küche zurück ... es ist spät ... er wird kommen ... lege Kette und Spangen und das kostbare Kleid rasch wieder in die alte Truhe ...


In diesem Augenblick hat es wieder leise an der rechten Tür geklopft.


Gehe in die Küche zurück ... Ziehe deine Kattunkleider an ... es klopft ... Gott der Gerechte ...

FRAU NELKEN. Nein ... wenn es auch klopft ... ich werde mich nicht verstecken ... vor niemandem ... weder wenn jetzt noch ein Verkäufer in der[71] Not käme, der Herrn Nelkens Hilfe anruft ...


Sie lacht höhnisch.


noch vor Herrn Nelkens bösem Blicke selber ...


Es klopft rechts noch ein zweites Mal leise. Beide lauschen.


FRAU NELKEN eilt hinter die linke Tür zurück, nur wieder einen Spalt offen lassend. Dort spricht sie laut und arglos. Samuel, öffne doch die Tür ... lass doch eintreten, wer herein will.

SAMUEL. Herr ... Herr ... Herr ... nur schweige still ... ich wage es nicht ... ich kenne ihn ... niemand darf draussen einen Laut hören ... Herr Nelken wird es selber sein ... er sieht jetzt bleicher aus als sonst ... Er betet, jetzt immer laut zu Gott ... sein Misstraun kriecht wie eine Schlange in allen Winkeln herum ... wittert deine Seligkeit und meine Freude ...


Wie Frau Nelken lacht, will er ihr den Mund zuhalten.


Nur jetzt keinen Laut mehr ... mag er auftun, wenn er es selber ist ... niemand öffnet jetzt ...

FRAU NELKEN geht trotzig zur Tür. Du Feigling, der du bist ... Liebchen ...[72] soll man es denken, dass solche jämmerliche Furcht ohne Grund aufwächst! ...


Sie schliesst die Tür geräuschvoll auf und öffnet sie weit.


Da ... Samuel ... derselbe Mensch ... derselbe Mensch, der die Bücher bringt ... er wartet noch immer ...


Sie lacht fröhlich.


SAMUEL der zum Pult zurückgeeilt war, kommt neugierig wieder Schritt um Schritt ins Zimmer.

FRAU NELKEN den Schüler, der eintreten will, sanft zurückhaltend. Nein, nein ... nicht hier herein ... Sie müssen draussen warten, lieber, junger Herr. Sie müssen warten ... der Commis hat kein Geld. Herr Nelken kauft alles selber. Aber er wird den Abend und die Nacht keinesfalls fortbleiben. Er wird bald stumm herumgehen unter seinen Schätzen. Er wacht wie eine lauernde Kreatur ... über alles, was sein ist ... Besitzen ist sein Leben ... da wird er nicht wegbleiben ... er wird kommen, eher als uns lieb ist ... Sagen Sie es dem jungen Manne, Samuel!

SAMUEL. Machen Sie doch die Tür zu! ... Narr, der[73] es zehnmal gehört hat ... und nicht Lehre annimmt. Werfen Sie ihm doch die Türe vor der Nase zu. Genug Antwort. Will er warten, wird er wissen wo!

FRAU NELKEN noch einmal den Kopf hinaus steckend. Unten vor der Haustür, junger Herr ... oder vielleicht warten Sie besser oben auf der Treppe, wenn sich etwa Herr Nelken durch die Hintertür hereinstähle ... nicht, lieber, junger Herr? ... Ich muss die Türe schliessen. Alle Türen müssen immer bei uns geschlossen sein, ehe Herr Nelken ins Haus kommt.


Sie lacht ihm noch einmal zu, macht die Tür zu und verschliesst das Schloss.


Samuel ... es ist alles wieder still.

SAMUEL hat unterdessen wieder geschäftsmässig in seine Arbeit geblickt.

FRAU NELKEN lockend. Der junge Herr wartet oben auf der Treppe ... er wird den Alten laut ansprechen ... wir werden seine schweren Tritte hören, wenn der Alte müde emporsteigt ... wir werden seine[74] mürrische Rede hören ... der junge Herr wird ihn aufhalten, dass wir Zeit finden, uns zu verbergen ... du dorthin ... ich hierhin ...


Samuel ist langsam wieder herein getreten.


Küsse mich auf den Hals, Samuel, und flüstere mir nach, was ich dir sage: Du bist mein A und O ... rede ... rede, Samuel!

SAMUEL spricht nach. Du bist mein A und O ... rede ... rede, Samuel!

FRAU NELKEN. Einfalt du ... Dummer ... du Bösewicht ... nein nein nein ... gar nicht ... ich meine es nicht im Spass ... ich will dich entflammen mit meinem Feuer ... jetzt noch einmal! ... Küsse mich auf den Hals ... und flüstere, was ich dir sage: ... Du bist mein A und O ... mein Anfang und mein Ende ... Ich bin ein Feuer, das nach dir brennt ... Ich bin ein Dornbusch in lohen Flammen ... Ich lebe und brenne von deiner Liebe Gnade ...

SAMUEL. Gott ... nein nein ... Das ist zu lang für[75] mich ... Ich habe mir nie Verse merken können, Sarah ... Du darfst mir immer nur einen Satz auf einmal sagen ...

FRAU NELKEN drollig zornig. Pfui ... Samuel ... Das ist kein Spass ... das sind keine Verse ... das ist keine Dichtung in meiner Seele. Das ist mein Evangelium ... weisst du es nicht? ... merkst du es nicht? ... ist es nicht auch dein Evangelium? ... Ich will dich froh machen ... ich will dich stark machen ... ich will dir Mut einblasen ... ich will dir Glauben einblasen ... das Gefühl erfüllt mich! Und ich will daran leben und daran sterben ... siehst du ... so muss es auch bei dir sein ... ich werde nicht ruhen, bis auch du so fröhlich bist ... es ist ins Rollen gekommen, ach, Geliebter ... ich will es nicht aufhalten ... meine Liebe springt wie ein Quell zu Tale ... wie ein Bach über Stock und Stein ... er ist nicht mehr aufzuhalten ... niemand wird ihn aufhalten ... gar Furcht! ... gar Sünde! ... er will ins Meer ... er muss frei ins Meer fliessen![76]

SAMUEL eingeschüchtert. Sarah ... Sarah ... Du schwelgst in Worten ...

FRAU NELKEN achtet seiner Worte gar nicht, hält nur eifrig ihre Hand hin. Da ... wenn ich auch immer Arbeit tue ... meine Hand ist weiss und fein, wie Lilienhaut ... weisst du, was ich tue? ich ziehe weiche Handschuh über meine Hände ... nachts, wenn sein böser Blick eingesunken ist ... früh, wenn er im Kaftan an den Tisch tritt, sehe ich's, wie er erstaunt ist ... »Was hast du für weisse Hände, Sarah«, murrt dann Herr Nelken ... »Ja,« sage ich, »ich hatte immer weisse Hände ... denn schon meine Mutter war eine liebliche Frau ... sanft von Stimme ... ihr Lachen klang hell ... eine Ruth war sie ... aber sie hatte niemand, den sie liebte, sie hatte auch nur immer einen Herrn... und doch waren ihre Hände weiss geblieben, wie Lilienhände« ...


Sie ermannt sich aus Meditationen, ergreift ein Licht und Siegellack, hat das Licht schnell entzündet, macht das Siegellack, sorglich über den Tisch gebeugt, heiss.


Nun ... Samuel ... sieh zu! ... sieh stille[77] zu, was Liebe tändelt ... Ich! werde jetzt gleich auf meine feine, weisse Haut ...

SAMUEL. Gott ... Gott nein ... was willst du tun damit? ... Du wirst dich verbrennen ...

FRAU NELKEN läuft drollig mit Licht und Siegellack weg, weil Samuel es ihr fortnehmen will. Du lässt mich tun, was ich tun will. Ich bin ein Lamm ... und werde noch zornig werden, wie du vor allen Dingen nur immer auf der Hut bist. Ich will es so ... und tue es so ... da ...


Sie hat das Licht wieder auf den Tisch gestellt.


Und wenn du mir jetzt nahen wirst, werde ich dir ein Siegel auf die Stirn pressen, dass du daran gedenken sollst ... an deine Feigheit und an meine Liebe ...

SAMUEL. Du spielst mit mir, Sarah.

FRAU NELKEN. Du wirst sehen, dass ich nicht spiele.


Sie träufelt ganz behutsam auf ihren linken Handrücken einen grossen Fleck Siegelwachs,

und sagt dabei.
[78]

So weckt man Scheintote ... die schon gestorben deuchten. So weckt man Scheintote aus dem tiefsten Schlafe, dass sie plötzlich von dem brennenden, stechenden Schmerz ihre Augen erstaunt wieder auftun ...


Sie lacht Samuel an.


Und ich lebe ... und der Schmerz zuckt mir durchs Blut ... versengt meine Seele ... in meiner Heimlichkeit brennt er wie ein glühendes Feuer ... Aber die weisse Hand zuckt nicht ... Meine Seele ist ganz nur Hingabe ... Meine Augen lachen des Schmerzes ...

SAMUEL. Um Gotteswillen ... die liebe Hand ... so ein Unsinn. Du bist immer phantastisch, Sarah ...

FRAU NELKEN. Weil ich dich liebe, kann ich mehr ertragen, als brennende Schmerzen, und kann noch lachen ... und kann noch fröhlich sein ...

SAMUEL. Ach, Liebchen ... oh, wie du stark bist ... oh, wie du schön bist ... wie nur deine Augen strahlen, weil du liebst ... auch in mir ist der[79] Brand aufgewacht ... auch in mir ist kein Frieden eher ... wenn ich dich ansehe, Sarah ... wenn ich dich so ansehe mit meinem saugenden Blicke, Sarah ...


Er lauscht plötzlich.


Der Herr ... der Herr ... der Herr ...

FRAU NELKEN leise. Was ist, Samuel?

SAMUEL fast in Schrecken gelähmt. Herr Nelken ...

FRAU NELKEN. Wo ...?

SAMUEL. Er hat eben die Gewölbetür ins Magazin wieder ins Schloss gedrückt.

FRAU NELKEN lacht leise. Du siehst Schatten, die nicht Leib haben, Samuel. Samuel. Gehe ... gehe in die Küche zurück ... lege[80] doch das köstliche Kleid rasch wieder in die Truhe ... Du kannst noch fortschleichen ... Er wird nicht wissen, dass du hier warst ... er rührt sich noch nicht ... er lauert noch auf einen Laut ... Ich werde leise ans Pult treten ... Niemand wird wissen, was zwischen dir und mir ist ...

FRAU NELKEN lacht und sagt laut. Samuel ... wenn Herr Nelken käme ... vielleicht geht er nicht grade aus ... Misstraun geht Schleichwege ... Vielleicht schliesst er nur leise das schwere Gewölbeschloss auf und erscheint durch das Magazin ... pfui, pfui ... dann weiss ich, dass er auch lauert und lauert und nichts Gutes erhört ... Mag doch der Alte uns wie Kinder spielen sehen ...

SAMUEL ringt die Hände.

FRAU NELKEN jetzt scheinbar ängstlich. Soll ich mich flüchten, Samuel? ...


Wieder laut.


Oh nein, denn Herr Nelken soll Freude haben[81] an seinem Weibe, dass sie sich mit seinem Reichtum schmückte ...


Wieder scheinbar ängstlich und leise.


Gehe ans Pult und stelle dich, als ob du schriebst!

SAMUEL. Nein ... wenn du Mut hast ...

FRAU NELKEN kichert heimlich. Bist du auch ein Feuerherz?

SAMUEL wieder ganz ängstlich. Er kommt leise ... Schritt um Schritt ... nur die Diele knackt ... aber ich werde so tun, als wenn ich dich nur angestaunt hätte in deinem schönen Gewande ...

FRAU NELKEN sieht Samuel drollig an. Ach, du ... so recht ist dir wohl nicht?

SAMUEL leidenschaftlich. Sarah ... Sarah ... du wirst ihm eher ...[82]

FRAU NELKEN flüstert. Eher würde ich ihm Gift in seine Suppe tun, als dass er dich tötet ...


Sie hängt sich an ihn, umarmt ihn stürmisch und flüstert.


Samuel ... diese Nacht kommst du ... nein, nein, ich komme zu dir, wenn er wieder wie ein Toter schläft ... gehe an die Arbeit ... ich flehe dich ... niemand darf wissen, was zwischen mir und dir ist ... er ist ein Abgrund ... niemand könnte wissen, was geschieht, wenn er es ahnte ... ich fliehe jetzt ... ich werde das Seidengewand schnell wieder in die Truhe legen ... er wird nichts merken ... die Spangen und die Ketten ... liegen sollen sie, wie seine zitternden Knochenhände alles sorglich eingebettet. Alles habe ich mir gemerkt, genau, wie es dalag ... Ich werde mich verbergen ... im Kattunlumpen werde ich mich auf die Herdbank setzen und die Mühle drehn ...


Sie flieht bis an die linke Tür. Da hört man im Magazin ein klirrendes Geräusch.


Hah ... er ist schon in der Nähe ... Er hat mit seinem Kaftanzipfel etwas heruntergerissen ... bleibe dort stehen, wo du stehst ... ich[83] werde ganz arglos tun ... ich werde ihn anlächeln, wie wenn ich ihn erwartet hätte ... bleibe auch du arglos ... rühre dich nicht ... staune mich an von oben bis unten ... auch du sollst lächeln, als wenn du ihn erwartet hättest, und nun froh wärst, wenn er endlich hereinkommt ... da ...


Sie eilt durch alle Räume, bis in die Tiefe des Magazins, lacht klingend, kommt zurückgeeilt und ruft immer nur.


Oh, du Furchtsamer, der du ein Hasenherz hast, wie keiner ... Der alte Nelken hat nicht das Gewölbeschloss gerührt ... der Zugwind hat es gerüttelt ... und eine alte Leiste ist abgesprungen ... nichts ist niedergefallen, was der Kaftanzipfel herabstrich ... Ich liebe dich, Samuel ... weil du so furchtsam bist, wie ein Vogel auf dem Zweige ... gleich fortfliegen willst ... oh, ich werde dich schon hüten ... ich werde dich schon hüten ...


Sie umarmt ihn leidenschaftlich.

Plötzlich hört man einen Schlüssel ins Schloss geschoben werden an der rechten Tür. In diesem Augenblick fahren sie Beide heftig auseinander. Samuel eilt zum Pult, zurück, während Frau Nelken durch die Tür links verschwindet.


DER ALTE NELKEN erscheint, ein alter Jude in langem Kaftan, mit struppigem,[84] langem Barte und unbarmherzigem Blick, ein wenig gebeugt, sonst von zäher, patriarchalischer Erscheinung. Er tritt herein, nachdem er sein Schlüsselbund sorglich wieder geordnet und die Tür in der Hand behalten hat. Er spricht unverständlich vor sich hin, und sieht sich mit eiligem Blick einmal schnell in der Stube um. Dann redet er laut auf den Hausflur hinaus. Kommen Se rein!

DER SCHÜLER erscheint.

DER ALTE NELKEN. Na ... was haben Se?

DER SCHÜLER reicht ihm den Packen Bücher hin, unterdessen er sich neugierig überall umsieht.

DER ALTE NELKEN hält die Bücher lange in der Hand und auf den Knieen, wobei er umständlich die Rückentitel mustert und einiges unverständlich in den Bart murrt. Dann lacht er den Schüler an und sagt. E Keenigreich mechten Se dafor ... nich?

DER SCHÜLER. Sehen Sie sich nur die Bücher genau an, Herr Nelken. Die Kosmische Physik allein mit dem Atlas hat meinem Vater zehn Taler gekostet.[85]

DER ALTE NELKEN hat die Daumen unter die Achseln geschoben, geht meditierend in der Stube hin und her, spielt unruhig mit allen Fingern in der Luft, und besieht von Zeit zu Zeit die Bücher, die er auf den Tisch legt. Biecher sind Papier, junger Mann!


Er geht wieder an den Tisch heran, und schlägt ein Buch nach dem andern auf.


Papier sind Biecher ... Der Laden is voll von oben bis unten ... Geld wollen Se haben? ... Wozu brauchen Se Geld?

DER SCHÜLER lacht. Wozu brauchen Sie denn das viele Geld, das Sie haben, Herr Nelken?

DER ALTE NELKEN geht wieder unruhig meditierend und mit allen Fingern in der Luft spielend in der Stube hin und her. Gott der Gerechte ... das viele Geld, das ich habe ... wo wollen Sie herwissen, was ich fir Geld habe, junger Mann ... studieren sollen Se de Biecher ... verstehn Se mich ... nehmen Se de Biecher ... was wissen Se, was ich fir Geld habe? ... nehmen Se de Biecher ... verstehn Se mich ... nehmen Se se ...[86] ich hab gar kein Geld fir Biecher ... gehn Se, dass ich schliessen kann!

DER SCHÜLER in einiger Verlegenheit. Herrgott ... Herr Nelken ... ich brauchte aber ausserordentlich notwendig ...

DER ALTE NELKEN geht hin und her. Er braucht ausserordentlich notwendig ...


Er lacht.


Als ob der alte Nelken e' Narr wäre, der nur sitzt und wartet, dass ein andrer braucht ... nehmen Se de Biecher ... Biecher gibts zu viele in der Welt ... Geld zu wenig ...

DER SCHÜLER etwas eingeschüchtert, will die Bücher, noch immer zögernd, zusammenraffen. Das schönste Buch, das ich habe, ist die Kosmische Physik. Und bloss, weil ich wusste, dass sie so wertvoll ist, wollte ich sie mir vom Herzen reissen.

DER ALTE NELKEN besieht sich das Buch neu. Was haben Se gegeben?[87]

DER SCHÜLER. Zehn Taler hat mein Vater bezahlt dafür.

DER ALTE NELKEN. Nischt sind se wert ... alte Biecher ...

DER SCHÜLER. Die Bücher sind wie neu. Herrgott, Herr Nelken, seien Sie doch so gut ... und kaufen Sie die Bücher. Ich will sie ja nicht bezahlt haben wie neu. Was wollen Sie denn geben? ...

DER ALTE NELKEN sinniert.

DER SCHÜLER. Die Bücher kosten, wenn ich sie neu kaufe ... der Zschokke zwölf Mark ... das Buch der Erfindungen zwölf Mark ... der Kosmos sechs Mark ... davon habe ich von meiner Tante noch ein Exemplar zu Hause, deswegen verkaufe ich den ... und die Kosmische Physik dazu ... ich müsste mindestens sechzig Mark anwenden, wenn ich sie mir kaufen wollte.

DER ALTE NELKEN. Sprechen Se mer nich ins Geschäft, wenn[88] ich überschlage, was de Sache wert is ... Kaufen is leicht, wenn man Geld hat ... man is immer der Narr ... man hat leicht e' Schund auf'm Halse ... die ganzen Biecher sind neu ... sicher ... neu sind se ... aber wert sind se nischt ... nich zwei Taler sind se wert ...


Er klopft sich mit beiden Händen auf die Sacktaschen. Dabei entnimmt er aus der Linken zwei Talerstücke, die er auf den Tisch legt.


Hier sind de zwei Taler ... nu' nehmen Se de zwei Taler ... oder nehmen Se de Biecher, dass ich de Tire verschliessen kann.

DER SCHÜLER. Nein, Herr Nelken, das wäre ein zu gutes Geschäft.

DER ALTE NELKEN. Gott der Gerechte ... er will mer sagen, was e' Geschäft is!

DER SCHÜLER. Nein, Herr Nelken, ein dritt Teil von dem Einkaufspreise muss ich bekommen, sonst wäre das ja gradezu Sünde ...[89]

DER ALTE NELKEN lacht. Er spricht Sünde ... und der alte Nelken soll's bare Geld geben ...


Er grinst den Schüler freundlich an.


Was brauchen Se, junger Mann?

DER SCHÜLER. Ich brauche wenigstens acht Taler, Herr Nelken.

DER ALTE NELKEN. Nischt sind se wert ... alte Biecher ... und wenn se neu sind ... Papier sind se ... da ...


Er holt noch zwei Thaler aus seinen Sacktaschen.


Nehmen Se de vier Taler! Se werden keinen grösseren Narren finden, wie e' alten Nelken.


Er grinst ihn wieder freundlich an.


Der Atlas gefällt mer ... de Bilder von 'e' Sternschnuppen gefalln mer ... ich mechte de Nacht iber dasitzen und studieren, wie der Mond geht und de Sterne gehn am Firmament.

DER SCHÜLER. Ja, das ist alles gut und schön, Herr Nelken, aber da müssen Sie noch viel zulegen, wenn es mir nutzen soll.[90]

DER ALTE NELKEN. Se brauchen acht Taler ... ich brauche tausend. Nehmen Se de Biecher mit.


Er streicht sein Geld wieder ein.


DER SCHÜLER. Acht Taler brauchte ich.

DER ALTE NELKEN. Acht Taler brauchen Se ... nich finfe sind de Biecher wert ... Mein letztes Wort ... Hier sind de finfe! Nehmen Se de finfe ... oder scheeren Se sich aus meinem Hause, wenn Se sich vor der Sinde firchten, die Se begehn ... Es tut mer leid, junger Mann ... Se sind e' hibscher Mann ... ich will Ihnen helfen, junger Mann, wenn Se in Not sind ... Nehmen Se de finfe ... oder scheeren Se sich ...

DER SCHÜLER eingeschüchtert. Acht Taler brauchte ich ...

DER ALTE NELKEN. Sechse brauchen Se ... junger Mann ... sechse brauchen Se ... und nich einen Pfennig mehr, wenn Se achte sagen ... da ... hier[91] sind de sechse ... machen Se nich, dass mer nich de Zornwelle aufsteigt ... sagen Se kein Wort weiter ... nehmen Se de sechs Taler ... stillschweigend ... nehmen Se se rasch, dass dem alten Nelken 's Geschäft nich leid wird ... der alte Nelken hat e' weiches Herz ... noch freit er sich, dass er Ihnen helfen kann ...

DER SCHÜLER zögernd. Ach, Herr Nelken ...

DER ALTE NELKEN. Sagen Se nischt mehr ... wenn Se Hilfe brauchen ... Die Hilfe, die klingt, die finden Se nich in der Welt, bei Freund nich, und bei Bruder nich ... Nehmen Se se, de sechs Taler ... Se werden Ihnen geboten ... der alte Nelken is e Narr ... er tut de Sinde ... er bezahlt bar ...


Er grinst den Schüler wieder freundlich an.


DER SCHÜLER. Na ... da ... meinetwegen ... ich danke Ihnen schön, Herr Nelken ...


Er bindet sich sein Geld in sein Schnupftuch.
[92]

DER ALTE NELKEN wirft einen lauernden Blick auf ihn und dann zu Samuel hinein, während er wie achtlos an die linke Tür tritt und horcht.

DER SCHÜLER. Gute Nacht, Herr Nelken!

DER ALTE NELKEN während er den Schüler zur Tür hinauslässt. Wir missen bitten, dass wir bewahrt bleiben vor Schrecken, junger Mann. Gott der Herr behite Ihre Schritte, junger Mann.


Der Schüler ist verschwunden. Der alte Nelken schliesst umständlich mit einem grossen

Schlüsselbunde die rechte Tür hinter ihm. Dann geht er an seinen Geldschrank, sieht sich verstohlen um, und entledigt seine Taschen von allerlei Dingen, die er mit sich brachte. Dann bleibt er in der Mitte des Zimmers sinnend stehen, sieht nach Samuel hin, wendet den Kopf nach der linken Tür, geht einige Schritte darauf zu und horcht wieder.


E' Mal hat einer gehabt ein' Affen im Haus, und er hat sich den Bart geputzt mit ein' Schermesser ... und er is weggegangen und hat das Schermesser liegen gelassen. Da is der Aff' gekommen ... und hat das Schermesser gegriffen ... und hat welln nachmachen sich zu putzen ...


Er ruft ins Magazin.


Bist du zu Ende, Samuel?[93]

SAMUEL. Gleich, Herr Nelken ... Ich komme gleich ... Ich muss die Seite erst abschliessen ... Gott, wenn man gestört wird, is e' halbes Tun ... Jetzt muss ich noch einmal von oben zählen ...


Der alte Nelken hat ein Gebetbuch, aus der Tasche gezogen, und beginnt murmelnd hin und her zu gehen.

Frau Nelken erscheint lautlos, scheu, in einem einfachen Küchenanzug.

Der alte Nelken lässt sich in seinem Gebetmurmeln nicht stören.


FRAU NELKEN stellt Geschirr fürs Abendbrot auf den Tisch. Es war ein junger Mann hier ... hat er Sie getroffen?

DER ALTE NELKEN murmelt weiter, indem er ihr nur mit den Augen zublickt. Ja ja ja ja ... 's war e' junger Mann hier!

FRAU NELKEN. Können die Bücher hier fort?


Frau Nelken ist im Begriff die Bücher aufzunehmen.
[94]

SAMUEL der sofort beim Erscheinen von Frau Nelken unruhig herein beobachtet hatte, ist auf der Schwelle erschienen. Ich werde die Bücher ins Magazin tragen.

DER ALTE NELKEN mitten aus seinem Gebetmurmeln. Nischt wirscht de tragen ... bei der Arbeit wirscht de bleiben ... verstehst de ...


Er umkreist in Erregung die Tür nach dem Magazin, immer Samuel im Auge behaltend, bis er Schritt um Schritt zum Pulte zurückgegangen ist.


FRAU NELKEN bleibt untätig stehen und sinnt vor sich hin.

DER ALTE NELKEN. Lass de Biecher liegen, bis ich mit 'm Gebet fertig bin.

FRAU NELKEN lacht plötzlich auf.

DER ALTE NELKEN erregt. Samuel, nimm die Biecher fort ... hörst de ... nimm de Biecher fort!

SAMUEL kommt von neuem und trägt die Bücher ins Magazin.[95]

FRAU NELKEN steht unbeweglich. Dann lacht sie wieder plötzlich auf.

DER ALTE NELKEN während des Gebetmurmelns. Was lachst de, Sarah?

FRAU NELKEN. Ich hatte einen Traum in Gedanken.

DER ALTE NELKEN nebenbei. Magst de traimen, was de willst, Sarah! Was kanns tun, was man nur in Gedanken hat ...


Immer innerlich beschäftigt.


Mach' de Tire zu ins Magazin, Sarah ...

FRAU NELKEN kalt und sicher. Die Tür kann ruhig offen bleiben. Meinen Traum erzähle ich doch nicht.

DER ALTE NELKEN geht, letzte Worte hastig murmelnd, hin und her, schiebt sein Gebetbüchel in seinen Kaftansack, wirft wieder einen lauernden Blick zu Samuel hin, und sieht dann Frau Nelken hart an.[96]

FRAU NELKEN lacht wieder plötzlich auf mit einem flüchtigen Blitzen in den Augen.

DER ALTE NELKEN betrachtet Frau Nelken noch immer unbarmherzig.

FRAU NELKEN plötzlich wieder betätigt, den Tisch herzurichten. Ganz arglos. Es ist höchste Zeit, dass es zum Essen wird. Wielange soll es denn dauern? ...

DER ALTE NELKEN. Sarah ...

FRAU NELKEN kommt hastig zu ihm. Sie flüstert. Du darfst nicht reden, dass es Samuel hört ... sonst schäme ich mich.

DER ALTE NELKEN kalt, ohne sie anzugreifen. Hast de Ungeduld ... Sarah?

FRAU NELKEN zögert, die geballte Faust am Munde. Huh ... was macht es, dass ich dir immer entgegen wachse, wie das Leben dem Tode![97] ... und ich dein Weib bin ... still ... dass Samuel es nicht hört ... sonst schäme ich mich ...


Samuel hat in diesem Augenblick irgend einen zerbrechlichen Gegenstand mit Gekrach zu Boden geworfen.


DER ALTE NELKEN steht erschrocken, aber lauernd und hart.

SAMUEL ist auf der Schwelle erschienen und richtet sich trotzig auf. Er wirft Frau Nelken einen Zornblick zu.

FRAU NELKEN heimlich höhnisch am Tisch. Herr Nelken will dich erdrosseln, Samuel!

DER ALTE NELKEN der sie ansieht, mit einem Zornblick zu Samuel, spricht ganz kalt. Bezahlen wirscht de de Vase ... verstehst de mich!


Damit kommt er ins Zimmer zurück und setzt sich auf einen Stuhl am Tisch nieder.


Bleich wird mer, wenn man e' Schreck hat. Der Mensch is irrsinnig ... schmeisst mer de kostbare Vase vom Schranke runter ... und will se nich bezahlen.[98]

FRAU NELKEN ganz arglos. Warum sollte er sie nicht bezahlen ...? ... Nicht, Samuel?

DER ALTE NELKEN. Du hast nischt zu ihm zu reden ... und er hat nischt zu dir zu reden ... Er wird se nich bezahlen, wenn ich nich will ... und er wird se bezahlen, wenn ich will. Ich bin der Herr, der 's Geld hat ... versteht' Ihr, mich .... Sarah ... gehe ... bring, dass mer essen, und dass mer dann schlafen ... und du, Herr Samuel ... flitze mit deinen Augen, wie de willst ... mag de Vase zerbrochen sein ... kehr se zusammen ... mach mit 'm Buche e Ende .... schlag's zu ... schliess' in e Schrank, dass Ordnung is ... iss ... und dann geh mer aus e Augen, wenn de nich willst, dass mer de Zornwelle neu aufsteigt ...

FRAU NELKEN ist unterdessen verschwunden.

DER ALTE NELKEN. Bleich wird mer, wenn man e Schreck hat.[99] Der Mensch is irrsinnig ... schmeisst mer de kostbare Vase runter ... und will se nich bezahlen ...

SAMUEL. Natürlich werde ich sie bezahlen.. Heller für Pfennig werde ich sie bezahlen.

DER ALTE NELKEN zornig. Nischt wirscht de bezahlen ... wenn ich sage, du wirscht nischt bezahlen, da wirscht de nischt bezahlen ... abgemacht ...

SAMUEL. Sie kennen mich vielleicht noch nicht ... Herr Nelken! Ich kann auch in Wut geraten ...

DER ALTE NELKEN für sich. Der Mensch is irrsinnig ... schmeisst mer de kostbare Vase von der Fürschtin vom Schranke runter ... und will in Wut geraten ...

SAMUEL kommt dem alten Nelken nahe. Sie kennen mich noch nicht ... Ich kann[100] auch in Wut geraten ... Und wenn ich in Wut gerate ... Herr Nelken ...

DER ALTE NELKEN blickt Samuel hämisch an. Waaas ...? ... Waaas ...? ...

SAMUEL geht, während Frau Nelken mit dem Essen hereintritt, wieder beiseite. Vielleicht könnte doch einmal eine Zeit kommen, wo Sie merken werden ... Herr Nelken!

DER ALTE NELKEN umkreist noch immer wütend Samuel.

FRAU NELKEN. Ich dächte, Ihr ässt jetzt ... und liesst die dumme Vase zerbrochen sein. Nein, es kommt mir so lächerlich vor, sich darüber die ganze Zeit aufzuregen. Ueberhaupt sich aufzuregen ...


Der alte Nelken setzt sich und beginnt die Suppe zu essen.

Samuel, mit Frau Nelken einen heissen Blick wechselnd, tritt scheu an den Tisch heran, um sich zu setzen.

Frau Nelken setzt sich ebenfalls. Sie essen eine Weile.


DER ALTE NELKEN springt vom Tisch plötzlich wieder auf und läuft hin und her. Der Mensch is irrsinnig ... schmeisst mer[101] de kostbare Vase von der Fürschtin vom Schranke runter ... und will in Wut geraten ... bleich wird mer ... de Suppe widert mer ...


Samuel und Frau Nelken werfen sich wieder einen Blick zu.


DER ALTE NELKEN. Da sitzen de Zwei ... der Tauber und de Taube ... drehn ewig de Hälse ... drehn de Hälse ... suchen sich mit e Augen ... spielen Verstecken miteinander vor'm alten Nelken ...

FRAU NELKEN. Und wenn wir auch nach einander die Hälse recken ... den ganzen Tag sind wir allein miteinander, weil Sie niemandem im Geschäft traun ... da müssen Sie ja doch immer jeden Heller beäugen, der einkommt ... Was Wunder, wenn dann Samuel ewig am Pulte steht und ich ewig in der Küche ... er dort und ich hier ... und wir dann und wann zueinander laufen und uns ein Wort zuflüstern ...

DER ALTE NELKEN hat sich wieder an den Tisch niedergelassen und suppt weiter. Er sagt dumpf. De Suppe schmeckt mer nich, Sarah.[102]

FRAU NELKEN lächelt träumerisch vor sich hin.

DER ALTE NELKEN. De Suppe schmeckt mer nich, Sarah ... Was hast de zu lächeln?

SAMUEL. Warum lachen Sie eigentlich immerfort, Frau Nelken?

FRAU NELKEN hart. Herrgott, fragst du auch noch? Ich dächte, du wüsstest, warum ich lache ... nicht, Samuel?

DER ALTE NELKEN vor sich hin, indem er Samuel und Frau Nelken scharf beobachtet. Jung is er ... Flaum hat er ums Kinn ... de Zähne sind weiss ... de Augen wie Lammaugen ... sieh'n an, Sarah ... zärtlich is er .... sanft is er ... Samuel, se sagt, du weisst, warum se lacht ... sprich, warum lacht se?

FRAU NELKEN. Ach Gott! ... das redet man so hin ... wer[103] kann wissen, worum ich lache? ... denn ich habe wohl etwas, das zum lachen ist ... aus der Tiefe lache ich ... und auch Samuel möchte gern aus der Tiefe lachen ... aber deine Augen, Herr, kriechen um ihn ... belauern ihn ... dass er umwunden ist, wie von einer bösen Schlange ... da wagt er nicht aufzublicken ... geschweige, dass er die Luft einmal klingen machte oder gar schüttern mit seinem Lachen ...

DER ALTE NELKEN erhebt sich. Sarah ... was hast de gesagt, Sarah? ... aus der Tiefe lachst de ... aus der Tiefe lachen de gierigen Geister ...


Er fasst Samuel scharf ins Auge.


SAMUEL bleicher geworden. Ich begreife gar nicht, warum Sie mich so anstarren!

FRAU NELKEN lacht laut auf. Feigheit ist alles ... Feigheit ist alles ...

DER ALTE NELKEN blitze sprühend nach Samuel.[104]

FRAU NELKEN lachend. Deine drohenden Blicke sind Feigheit ... Du weisst ganz genau, dass ich mir gar nichts daraus mache ... wenn ich auch im Küchenkleide bin ... und den ganzen Tag nur hantiere mit Topf und Besen ... ein Weib bin ich ... Herrin bin ich ... Deine Herrlichkeit ist bald am Ende, wenn ich mich dehne ... recke dich nur auf! ... Denkst du wirklich, ich fürchte mich? Herrin bin ich ... und wer kann mir gebieten, wohin ich meine Schätze verteile? Da, hier werfe ich meine Gnade hin .... und ich weiss wohl, dass du nur so redest, damit ich dir gnädig bin ... nichts werde ich sein ... ich werde dich verlachen, wenn du nach mir hungerst ... alter Tor ... der den Sanften einschüchtern will ...


Plötzlich streng und kalt.


Essen mögen wir jetzt ... Du magst stillschweigen und zur Besinnung kommen über mich ...


Gütig lächelnd.


Und du sollst dich erholen, dass du wieder Leben fühlst! ... Nicht, Samuel?


Alle Drei beginnen jetzt eine Weile zu essen.
[105]

FRAU NELKEN. Halte das Feuer in deinen Augen zurück, Nelken! ...


Es entsteht wieder eine Pause, währenddess sie essen.


SAMUEL schiebt seinen Teller fort und erhebt sich. Ich hab' genug ...

FRAU NELKEN. Warum willst du gehen, Samuel ... wo die Nacht noch nicht anbricht?


Der alte Nelken isst in verhaltenem Zorn.


FRAU NELKEN. Ich weiss wohl, dass dir der Bissen im Halse trocken wird, Nelken, wenn ich stolz rede. Mag er dir trocken werden!

SAMUEL im Begriff sich wieder zu setzen. Ich bin nicht feige, wie ich scheine, in meiner Stummheit. Schliesslich fängt es auch in mir an, im Blute zu treiben ... Was sind Sie denn auch? Ein unbarmherziger Geldschneider ... ein Mann, der wie ein finsterer Büffel gewaltig[106] aussieht ... und den ein kleiner David erschlagen kann mit einem Steine ...


Er ermannt sich von seiner Wut und sagt höhnisch.


Pah ... um was? ... Ich werde keine Hand rühren ... ich werde in meine Kammer gehen


Er zögert mit einem fragenden Blick nach Frau Nelken.


... Nicht, Frau Nelken?

DER ALTE NELKEN bricht in ein tolles Lachen aus.

FRAU NELKEN sagt höhnisch. Feigheit ist alles ... Dein tolles Lachen ist Feigheit. Du weisst ganz genau, dass ich mir gar nichts daraus mache ... und du ahnst mehr, als dir lieb ist ... darum lachst du ... Du lachst mit Schmerzen ... ich werde nicht weich werden von deinem Lachen ... ich werde fest stehen ... und mich nach dem umblicken, den ich ersehne. Den Tag wird er mein sein ... die Nacht wird er mein sein und wir werden dich beide verlachen ... wie die Mäuse spielen wir Tag um Tag, wenn der Herr draussen ist ... wie die Kinder, wenn die Mutter auf Arbeit ist, hinter der verschlossenen Türe[107] ... mit Feuer spielen die Kinder, mit dem heissen Feuer im Blute spielen die, die jung sind miteinander ... Samuel ... ein Mann bist du ... jung bist du ... und des alten Nelken Weib hat heisses Blut in den Adern ... was kann mir der Herr anhaben ... als dass er dich und mich tötet!

SAMUEL lacht zum ersten Mal.

DER ALTE NELKEN sieht Samuel höhnisch an.

SAMUEL verstummt.

DER ALTE NELKE wirft hitzige Blicke nach Frau Nelken. Sarah, mach mer's nich zu bunt, Sarah!

FRAU NELKEN. So bunt wie es aussieht, muss es gesagt sein.

DER ALTE NELKEN grinst plötzlich Samuel an. Se will uns versuchen ... Samuel! ... Se will mich versuchen, der ihr Gebieter is ...[108] und se will dich versuchen ... Wonach sehnt sich nicht das Weib, wenn es erst im Käfig is, gehalten wie e Vogel? ... eine Spassmacherin is se ... se singt sich ihre Träume vor sich hin, wie e Lied ... Du derfst nich trauen ... spielen tut se ... singen tut se, wie der Vogel im Käfig zum eigenen Zeitvertreibe ...

FRAU NELKEN. Reden Sie sich das nur ruhig ein, wenn Sie es glauben wollen. Ich bin von zäherem Holze gemacht, als dass ich nur Trug redete, um zu täuschen. Täuschen, das ist Ihr Geschäft. Du denkst, dass es in meiner Seele auch so aussieht, wie in der deinen. Ich berechne nicht. Ich habe keine Zahlen im Sinn. Ich fühle, was ich fühle. Und sage es und will warten. Will nicht bloss sehnen. Will warten ... bis ich den sanften Kuss fühle, der mich küsst ... der mich küsst auf die Wange ... auf die Stirn, auf den Hals ... auf meine Handfläche ... der mich auf meine Füsse küsst, wenn sie nackt sind ... nein nein nein ...


Der alte Nelken starrt die Redende an und liest ihr gierig die Worte vom Munde.
[109]

Liebe ist süss wie Honig ... duftig wie Blüten ... aber sie muss auch sein gepanzert ... wie Ritter gepanzert sind ... ein Schwert muss sie tragen und einen Dolch muss sie tragen ... hüten muss sie das Weib, das zart ist ... immer ein Kind und immer eine sanfte Tochter ... einen Dolch muss sie tragen ... nicht, Samuel?

DER ALTE NELKEN hat die Worte Sarahs mit zitternden Lippen leidenschaftlich mit gesprochen. »Wie Ritter gepanzert sind ... ein Schwert muss sie tragen und einen Dolch muss sie tragen ... hüten muss sie das Weib, das zart ist ... immer ein Kind und immer eine sanfte Tochter ... einen Dolch muss sie tragen ...«


Er hat dabei nach seinem Dolch gegriffen, erhebt sich nach Sarahs Worten, sieht sie verzehrend von oben bis unten an, streckt sich wie ein Patriarch, wirft einen Hassblick auf Samuel und sagt.


Sarah ... das Essen fort ... Sarah ...

SAMUEL ist ganz bleich geworden und völlig erschüttert. Ich begreife gar nicht, was Sie von mir wollen? Gott der Gerechte, was tue ich denn? Rede ich etwas? Habe ich nicht den ganzen Tag am Pulte gestanden und Ihre Arbeit getan?[110]

DER ALTE NELKEN. Guck mer in de Augen, Samuel!

SAMUEL zurückweichend. Ja ... Gott ... gewiss ... ich möchte nur wissen, wozu das alles noch hintreibt? ... Herr, Nelken verzehrt sich vor Eifersucht, weil sein Weib jung ist ... und weil ich zufällig auch jung bin ... und bei ihm in Arbeit stehe ...

DER ALTE NELKEN. Was sagst de? ... Samuel?

SAMUEL. Diese Eifersucht geht nun jeden Tag. Diese Verdächtigungen gehen nun Tag um Tag ... der Herr treibt die Verdächtigungen weiter und weiter ...

DER ALTE NELKEN hämisch. Was sagst de? ... Verdächtigungen sagst de, Samuel?

SAMUEL. Wenn ich hier stehe am Pulte, muss ich[111] schreiben, Stunde um Stunde ... die Finger bluten .... Krampf kriegt man ... Gott der Gerechte ... Wenn wir ein Wort miteinander flüstern ...


Er blickt jetzt pfiffig und wie erlöst Frau Nelken an.


Nicht, Frau Nelken ... was können wir flüstern, was nicht die Menschen tausendmal geflüstert haben ...

FRAU NELKEN starrt lächelnd ins Leere.

DER ALTE NELKEN betrachtet, immer behaglicher von oben bis unten den zornigen Samuel.

SAMUEL. Aber man kriegt die Sache allmählich satt. Man wird sich nicht ewig in die Gefahr begeben, wenn einen Herr Nelken anblitzt mit seinen bösen Augen. Was reden Sie vom Dolch tragen ...


Er tastet jetzt plötzlich auch nach seinem Dolche.


Herr Nelken und ich, jeder trägt einen an seinem Hosenriemen. Schliesslich werden die Verdächtigungen so weit getrieben, bis man seines Lebens nicht mehr sicher ist ...[112]

FRAU NELKEN starrt noch immer lächelnd ins Leere. Nicht, Samuel?

SAMUEL. Ich tue meine Arbeit ... recht und gut ... gründlich. Den ganzen Tag angebunden, wie ein Hund an der Kette ... das will ich tun ... pah, um was? Keine Hand werde ich weiter rühren ... das ganze lächerliche Misstraun ... diese völlig leeren Verdächtigungen ... diese blasse Eifersucht des alten Herrn Nelken soll mich nicht weiter in Wut reizen ...

DER ALTE NELKEN hat Samuel mit vollen Lippen schmunzelnd angestarrt. Samuel ... warum wirst de immer zorniger ... wenn es nichts sind als leere Verdächtigungen? ...

SAMUEL in der Erregung fortfahrend. Ich sage Ihnen ... zornig bin ich ... und ich werde noch zorniger werden ... Grund habe ich genug, zornig zu sein ... Wenn Sie mir weiter aufspielen, wie Sie jetzt tun, werde ich lieber heute wie morgen hinausgehn aus[113] diesem Hause, verstehn Sie mich, Herr Nelken ... Lieber heute wie morgen können Sie mir den Stuhl vor die Türe stellen ... können Sie mich entlassen, wenn Sie denken, einen Besseren zu finden, wie Samuel ...

FRAU NELKEN stumm versunken lacht nebenbei. Nicht, Samuel?

DER ALTE NELKEN gutmütig. Geh voran in die Schlafstube ... Sarah ...


Er starrt Samuel zufrieden an.


Was sagst de, Samuel? ... Geh in deine Kammer, Samuel.


Frau Nelken wirft Samuel einen heissen Blick zu, indem sie in der Tür links verschwindet.


SAMUEL hat fortwährend den Unwirschen gespielt. Er ist jetzt im Begriff durch das Magazin abzugehen, während er seine Worte erregt herausschreit. Solche lächerlichen Verdächtigungen ... ich werde dieses Haus lieber heute wie morgen verlassen ... lieber heute wie morgen können Sie mir den Stuhl vor die Türe stellen.[114]

DER ALTE NELKEN ruft ihm nach. Samuel! ... Samuel!


Dann steht er allein und lacht vor sich hin.


Eine Spassmacherin is se ... singen tut se, wie der Vogel im Käfig ... ich kenn de Sarah ... hinter der Tir hängt se mer am Halse ...... hinter der Tir kann se gut schnäbeln ... ich kann se nich abstreifen ...


Er ruft ins Magazin.


Samuel! ... Ich wer' der nich kindigen, Samuel! ...


Man hört Stufen emporpoltern.


Ich wer der nich kindigen, Samuel!


Eine Tür fliegt zu.

Der Vorhang fällt.


Quelle:
Carl Hauptmann: Panspiele. München 1909, S. 57-115.
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