[Stücktext]

[121] Ein vornehmer Salon mit einer Glastür nach Terrasse und Garten in der Tiefe. In der Mitte des Zimmers ein freier Schreibtisch, etwas quer gestellt, wovor ein bequemer Arbeitsstuhl steht. Ein buntes Schultertuch hängt über die Lehne. Ein grosser Pelzfussack liegt auf dem Bärenfell davor. Auf dem Schreibtisch liegen Zeitungen, beschriebene Papiere, Bücher, ein grosses Buch ist aufgeschlagen, eine leere Vase steht da, ein Liegesofa steht in der Nähe des Schreibtisches. Die Tür rechts führt auf den Hausflur. Die Tür links führt in das Schlafzimmer. Draussen blüht der Frühling. Die Zimmertür nach der Terrasse ist geöffnet.


EINE SCHWESTER öffnet die Tür von rechts und schaut herein und spricht nach draussen. Nein, sie ist noch nicht zurück. Frau Bielew ist noch nicht zurück.

EINE SEHR VORNEHME, DUNKELVERSCHLEIERTE DAME der die Schwester den Vortritt gelassen, ist Schritt um Schritt zögernd herein getreten. Ich bin nämlich die Mutter von Frau Bielew.

DIE SCHWESTER. Wollen Sie nicht ganz hereintreten und einen[121] Augenblick hier Platz nehmen, gnädige Frau? Oh, die Mutter!

DIE DAME sich erstaunt umblickend, ohne sich zu rühren. Frau Generalin Lermontoff.

DIE SCHWESTER. Wollen Sie nicht Platz nehmen, gnädigste Frau Generalin?

FRAU GENERALIN. Gütiger Himmel! Einen Augenblick lassen Sie mir noch Zeit. Ich muss mich erst eine Weile wieder zur Besinnung bringen ... Hier hat sie also gelebt? Hier hat also Nadja den Zusammenbruch erlebt? ... nach den fürchterlichen Ängsten, die wir haben durchmachen müssen um ihr Leben ... Ich bin ganz erschüttert ... Nun also ... vor eine neue Nadja hintreten oder vor die alte Nadja! ... Die qualvolle Unsicherheit der Erwartung bricht mir fast das Herz. Sagen Sie mir doch, liebe Schwester! Sie haben Nadja gepflegt? ... von dem ersten Tage an?

DIE SCHWESTER. Sehr wohl, Frau Generalin! Gleich von dem[122] Tage an, als Frau Bielew hier im Hotel erkrankt war ... Wohl gleich, als sie von Russland hier angekommen war! ...

FRAU GENERALIN der Schwester ins Wort fallend. Ja ja ... als Nadja aus Russland fliehen gemusst ... um jeden Preis fliehen gemusst, und sie um jeden Preis nach Paris drängte, um dort ihrem leidenschaftlichen Hasse womöglich nur noch leidenschaftlicher weiter zu dienen ... der unabsehbaren Fata Morgana der Volksfreiheit weiter zu dienen, ihr junges Leben den grausamen Schicksalsforderungen des revolutionären Komitees noch vollends als Opfer hinzuwerfen ... Ach, du himmlischer Gott! wenn Sie wüssten! In solchen Zeiten, wie sie über unser Volk hereingebrochen sind, da werden Kindergemüter zu Feuerflammen ... Wir hätten sie schützen können ... jawohl ... wenn wir sie ganz und gar gefangen gehalten. Aber der Tag war gekommen, wo es mit dieser Einsicht zu spät war ... wo Nadja mit der roten Fahne des Aufruhrs den Haufen rachsüchtigen Volkes führte, und das Bild des Zaren vor aller Augen[123] mit Verwünschungen unter ihre zarten Füsse trat. Da sprühten ihre sanften Augen nur Hass. Sie zischte auf wie eine böse Schlange. Und nicht Vater noch Mutter, noch ihr Mann konnten irgend Gehör finden in ihrem gejagten Herzen.

DIE SCHWESTER. Gnädigste Frau Generalin, Sie sprechen doch nicht ...

FRAU GENERALIN. Von Frau Bielew ... von Nadja Bielew, gebornen Lermontoff, meiner neunzehnjährigen, bleichen, engelsanften, geliebten Tochter.

DIE SCHWESTER in Gedanken. Von Frau Nadja Bielew! Man kann sich so etwas wirklich gar nicht denken.

FRAU GENERALIN. Nein nein, ganz und gar nicht!


Sie ist zögernd und betrachtend gegen den Schreibtisch getreten.


Hier hat also Nadja schon wieder alles Mögliche durcheinander getan ... gelesen und geschrieben?


[124] Bei diesen Worten blättert sie in dem Buche, das aufgeschlagen auf dem Schreibtisch daliegt.


Ein volkswirtschaftliches Buch?

DIE SCHWESTER. Ja ja ... sie hat nun Sinn und Seele gefunden, wie sie oft sagt ... Ist es nicht das grosse Werk ... ja freilich, es ist das grosse Werk von Doktor Lenoir ... Oh Gott, tätig ist sie immer.

FRAU GENERALIN. Sagen Sie nur ruhig, immer gewesen, schon mit zehn Jahren. Schon mit zehn Jahren hat dieser brennende Eifer angefangen, hat Nadja zu grübeln und zu arbeiten angefangen ... Und man hat ihr keine Hindernisse bereitet. Man hat sich einfach nicht um sie gekümmert. Das war der ganze Fehler ... Liebe Schwester, sprechen Sie doch! Wie ist sie jetzt? Ist sie sanft geworden, wie sie war?

DIE SCHWESTER freudig. Ja ja ja, sie lebt jetzt ganz auf.

FRAU GENERALIN. Oh mein Gott, was für ein rätselhaftes Wesen[125] sie immer war! Schon als Kind konnte sie mit Leben und Tod spielen wie mit zwei goldenen Kugeln, konnte es ganz arglos und mit Lachen ... Aber sie konnte sich auch plötzlich zu etwas überwinden und sich ehern entscheiden ... Dann hatte sie eine heisse Flamme in der Seele brennen, die alles Ding und Wesen und Menschen und sich selber vor sich zu Schatten machte. Und wenn es in solchen Augenblicken um Mutter und Vater geschehen gewesen, hätte sie kaum mit den Brauen gezuckt. Wenn es um ihren Mann und ihre Kinder geschehen gewesen, würden nur ihre Augen flüchtig gesprochen haben –: »Was habe ich mit Euch zu schaffen?« und nichts weiter. Solche heissen Herzen haben eine Glut wie geweihte Fackelträger.

DIE SCHWESTER. Aber, gnädigste Frau Generalin! Frau Nadja Bielew ist so unglaublich zärtlich und kindlich jetzt.


Sie ist an die offene Tür nach der Terrasse getreten.


Sehen Sie! ... da ... nun glaube ich doch, dass sie es ist, die um die blühende Weide biegt und herkommt.[126]

FRAU GENERALIN äugt hinter der Schwester scharf mit dem Lorgnon hinaus. So? ... Gott ... das ist sie?

DIE SCHWESTER. Sie kommt mit Doktor Lenoir vom See.

FRAU GENERALIN. So? ... mit ... Doktor ...?

DIE SCHWESTER. Das ist Doktor Lenoir.

FRAU GENERALIN. Ist das der Arzt?

DIE SCHWESTER. I ... nein ... ein Herr in mittleren Jahren schon ... ein sehr kluger ... ein sehr unzugänglicher Mensch, der auch das Buch da geschrieben hat ... oh ... ein berühmter Gelehrter ... er hat nämlich bei uns auch krank darnieder gelegen ... aber er ist völlig in Genesung begriffen, wie Frau Nadja ... ein ganz abweisender Mensch ... ein bissel unausstehlich manchmal ... ich begreife Frau Nadja nicht, dass sie an ihm so hinaufsieht ... ein[127] alles verachtender ... alles bemäkelnder Herr ... ich als Schwester kann es ja ruhig sagen ... dem auch seine Pflegerin nichts rechttun kann ... Gott ... er mag wohl viele Enttäuschungen im Leben erfahren haben ... und er, hat auch gelebt ... sicherlich ...


Sie ist einen Schritt hinaus getreten und ruft.


Frau Nadja Bielew! Es erwartet Sie jemand.

NADJAS STIMME von ferne. Gott! Gott! Gott!

FRAU GENERALIN. Sehen Sie, wie sie ganz erschrocken ist!

NADJAS STIMME. Um Gotteswillen ... nein nein nein ... wo ich endlich einmal zum wirklichen Leben aufwache.

FRAU GENERALIN streng. Was ruft Frau Bielew?

DIE SCHWESTER. Frau Nadja denkt, es wollte sie jemand aus ihren Himmeln reissen.[128]

FRAU GENERALIN. Sagen Sie mir nur ... wer ist der dunkle, schlanke Herr, der mit ihr kommt, und von dem sie sich jetzt so hastig und zutraulich verabschiedet?

DIE SCHWESTER ist auf die Terrasse hinaus getreten, ohne noch die Worte der Frau Generalin zu hören. Sie ruft in den Garten. Nein nein, Frau Nadja! Niemand will sie stören. Machen Sie nur ja keine Umstände erst und kommen Sie .... rasch! ... rasch! ... ganz rasch!

NADJA BIELEW ist leicht wie ein Mädchen den Gartenweg heran gesprungen und überhastend die Stufen herauf gelaufen, wo die Schwester steht und sie erwartet, um sie selber herein zu führen. Nadja ist völlig schmucklos, ganz einfach, aber anmutig gekleidet, ohne Hut, hat nur einen seidenen Shawl lässig um Schulter und Hüfte geschlungen, das Kleid ist fussfrei, kurz wie bei einem Mädchen, die Füsse in Sandalen. Sie hat einen Strauss Blumen in Händen. Noch auf der Terrasse ist sie prüfend stehen geblieben und kommt nur Schritt um Schritt zögernd bis zur Tür heran. Sie sagt kein Wort.

FRAU GENERALIN die Nadja ebenfalls zögernd, aber hoch aufgereckt entgegen gegangen ist. Meine ... liebe ... Nadja![129]

NADJA hat plötzlich die Mutter erkannt und greift sogleich ganz hastig und geängstigt nach der Hand der Schwester. Liebe ... Schwester ... meine Mutter? ... Wie denn? Wartet Vater auch draussen? ... Wartet mein Mann auch draussen? ... Kommen sie alle wieder, um mich neu zur Gefangenen zu machen? ... Wollen mich die Augen meiner Mutter wieder mit Zorn anblitzen ... bis ich ganz demütig bin? ... Will Vater mich neu niederschreien mit seiner harten Stimme? ... Und der reiche, duldsame Mann mich anflehen, dass ich das Glanzstück seines Lebens bleiben soll!? ... Werden Sie mich wieder klein und erbärmlich machen vor mir selber? ... Schwester ... ich muss mich retten, Schwester!

DIE SCHWESTER hält Nadja fest. Aber, geliebte Frau Nadja! Sehen Sie nicht, dass Ihre Mutter grosse Tränen weint nach Ihnen.

NADJA kommt von der Schwester zärtlich geführt langsam und scheu auf die Frau Generalin zu. Oh ... Ihr himmlischen Mächte! Mutter!


[130] Sie hat der Frau Generalin scheu und kindlich die Hand hingereckt.


Du sollst nicht weinen, Mutter! Ich will auch geduldig sein! Ich werde mir alles anhören! Ich werde kein Wort erwidern ... und alles, was ihr verlangen werdet ...

FRAU GENERALIN. Nein nein ... gar nichts, Kind! Ich komme nicht, gleich etwas zu verlangen. Ich will dir nur erst wieder in die Augen sehen. Ich will nur erst deiner Seele wieder nahe kommen. Ich will erst wieder zu meiner kindlichen, heiteren Nadja kommen. Ich verlange einstweilen gar nichts von dir. Lass mich nur eine Weile stumm neben dir sitzen, wie früher ... und fühlen ... einmal endlich wieder ... dass du mein Kind bist, und ich deine Mutter bin.

NADJA ganz leise. Schwester! Lassen Sie meine Mutter ganz allein mit mir! Vielleicht ... ja ... ich habe doch viele unaussprechliche Qualen durchgemacht ... und aus all der Jagd und dem Fieber ist doch eine andere Nadja auferstanden. Wenn[131] wir jetzt ein paar Augenblicke ohne Worte allein wären, sodass wir unsern Atem und unsre Herzschläge heimlich hörten ... vielleicht, dass dann doch ein Frieden zwischen uns auftauchte.


Ganz unvermittelt hart zur Schwester gewandt.


...Ich hatte es Ihnen ja nie gesagt, Schwester, dass ich meine Mutter hasste, seitdem sie mich vorzeitig um Reichtum verkuppelte, und meinen Vater hasste, weil er mein Volk um seines Amtes willen verleugnete ... trotz der elenden Knechtschaft, in der es seufzt und die er so gut erkannte, wie ich und Millionen.

DIE SCHWESTER ganz erschrocken. Geliebte Frau Nadja! Tuen Sie mir die Liebe! Was reden Sie da?

NADJA BIELEW plötzlich kindlich lachend. Ach Gott! Das war... das war ich alles früher einmal. Das ist längst untergegangen. Das soll nie wieder kommen. Ich bin aus den Fieberschrecken der Seele neu und klar aufgewacht. Ich habe ein Chaos durchlaufen ... dort in der Heimat ... hier in der Krankheit[132] ... darin es noch ungebundener nachtobte, wie Irrsinn ... Aber das ist alles wie ein Lärmschrecken verweht, dass die Seele sich plötzlich selber hörte ... Nun bin ich ein glücklicher Mensch geworden, Mutter! ... Nun will ich auch weinen ... an deinem Herzen, Mutter! ... Ich will den finsteren Rest Erinnerung, der noch ferne auftaucht, wegweinen ... an deinem Herzen! ... Oh, Mutter ... sieh mich ... jetzt bin ich endlich ganz genesen zu mir selber. Du kommst zu einem keuschen Menschen, zu einem einsamen ganz in der Stille ... der sich um nichts mehr auf die Gosse wirft! ... Du hast wieder nur eine Zärtliche vor dir ... All das Vergangene waren Alpträume ... Schauer, die allen Hass vollends in mir zerbrachen ... Fürchterliches! ... fort ist es! Ich habe mich heute draussen am See bekränzt, Mutter. Es ist Frühling draussen ...


Sie ist mit plötzlicher Wendung an die Glastür nach der Terrasse gegangen und blickt hinaus mit unterdrückter, stummer Bewegung. Es bleibt eine Weile tiefe Stille im Raum. Draussen singt ein Vogel.

Die Schwester gibt Frau Generalin ein leises Zeichen und entfernt sich behutsam nach rechts.
[133]

FRAU GENERALIN. Nadja!

NADJA regt sich nicht. Frau Generalin. Geliebte, einzige Tochter ...

NADJA BIELEW wendet sich plötzlich wie arglos zurück. Ach Gott nein! ... Da habe ich mir in Gedanken ganz diese Blumen zerdrückt, die mir teuer sind.


Sie ist an den Schreibtisch herangetreten und damit beschäftigt den Strauss zu ordnen, und in die Vase zu stellen.


Lege doch deinen Mantel ab, Mama!

FRAU GENERALIN Nadja's Hantierung spröde betrachtend. Nein, Nadja? ... Dass du dich jetzt um Blumen so herzlich kümmerst!

NADJA BIELEW. Ich hatte immer nur den Kopf voll flammender Ideen ... nicht? Und den Mund voll flammender Worte. Ich wusste gar nichts anderes, als das gehetzte Volk weiter zu jagen ... und wähnte immer irgendwo etwas vor mir, wie ein[134] Reich voll Licht und Reinheit ... ein Dunstbild in der Ferne ... dorthin! ... dorthin! ... sollten sie alle getrieben werden! ... Den Widerstrebenden alle Verachtung ... Für die Schönheit der wirklichen Frühlinge und der stillen Sommernächte hatte ich ja nur die ewige Blindheit! ... Oh ... eine Jagd, die mir das Herz zerriss ... Ein Wahnbild aus Rauch, wofür der einzelne weggeworfen ist auf dem Wege ohne Erfüllung ... Nun beginne ich einen andern Traum zu ahnen. Nun beginne ich an die Fülle Leben zu glauben, die in mir ist ... Nun fühle ich mich emporgetragen, ich selber aus der eigenen Tiefe des Daseins ... voll Liebe ... auch zu dir, Mutter! ...


Sie hat die Mutter ängstlich angesehen und sagt hastig und sehr zärtlich.


Was willst du sagen, Mutter?

FRAU GENERALIN. Wenn ich auch deine Worte nicht ganz verstehe, liebes Kind, so scheint mir doch das eine daraus klar, dass du endlich die furchtbare Krankheit deines politischen Fanatismus deutlich erkannt hast ... Dass du endlich deine[135] ideale Verstiegenheit von dir getan hast ... Dass du zum ersten Male mit dir selber beginnen willst ... Und das wäre doch eine Basis, auf der sich eine Zukunft errichten liesse! ... Wo hätte ich denn auf der Herfahrt an eine solche Fügung je zu denken gewagt! ... Ich bin ja doch in zitternder Sorge gleich vom Coupé aus hierher gehastet ... ich hatte wohl noch manch' andre Worte von früher gellend im Ohr, dass du eine geborene Revolutionärin wärst, und dass du keine tiefere Leidenschaft besässest, als deinen Kopf abzugeben, wenn dein Volk es verlangte. Robespierre spukte ja damals in deinem Kopfe.

NADJA BIELEW die unterdessen in Gedanken wieder an die Glastür getreten war, starrt hinaus und antwortet nicht. Erst nach einer Pause sagt sie. Wovon redetest du eben, Mutter?

FRAU GENERALIN. Du musst aber jetzt auch hören, liebes Kind! Du kannst dir denken, wie mich die weite Reise tief ermüdet hat ... Und ich bin noch genug erschüttert, dass auch ich alle meine Kräfte zusammenraffe ... für dich ...[136]

NADJA BIELEW. Sei nicht böse, Mama!

FRAU GENERALIN. Ich bin ja doch hierher gefahren mit der verzehrendsten Unruhe, endlich einen Weg für dich deutlich zu erkennen ... auch nur eine kleine Hoffnung für dich und uns ... deutlich zu erkennen! ... Du weisst ja doch sicher, wie es in den Deinen aussieht ... wie es um uns steht ... wie wir heimlich zittern und beben, dich um Gotteswillen nicht ganz von uns zu lassen, dich in unser schlichtes, friedliches Menschendasein neu zurück zu gewinnen ...

NADJA BIELEW wie aus anderen Gedanken heraus. Wo sollte das sein? ... Wo denkst du dir das, Mutter?

FRAU GENERALIN betrachtet Nadjas kindliche, sanfte Art. Wo hätte ich denn jemals an eine solche Wandlung denken können, an eine solche Milde und stillen, sanften Sinn. Es ist ja wie ein reiner Gottesfriede über dich gekommen, mein geliebtes Kind ... Du stehst ja da, wie ein[137] schüchternes Mädchen ... wirklich ... und ich beginne in meiner geängstigten Seele ... wirklich ... ach Gott ... noch in Petersburg damals ...

NADJA BIELEW. Mutter, nenne mir diesen Namen nicht!

FRAU GENERALIN. Nein nein, ich will von alledem nicht mehr reden. Ich will gar keine Erinnerungen weiter heraufbeschwören. Die Zerwürfnisse mit deinen Eltern und mit deinem Manne sollen jetzt nicht mehr zwischen uns stehen. Das Vergangene ...

NADJA BIELEW. Gott! Gott! Ich habe wirklich alles Vergangene rein vergessen in mir.

FRAU GENERALIN. Ja, du sollst es vergessen und begraben in dir! Deine Eltern haben dir voll verziehen. Deine Kinderchen rufen nach dir ... Dein sanfter Mann hatte ja doch immer nur Liebe und Güte, um nicht zu sagen Anbetung für dich. Er würde dich aus einem brennenden Hause herausgeholt haben ... Du kennst ihn ja ...[138] und wenn er dabei zehnmal selber zu Staub und Asche geworden wäre. Er hat dir deine verstiegenen Launen nie angerechnet ...

NADJA BIELEW hat eine immer scheuere, beobachtende Miene angenommen, plötzlich hervorstossend. Haben sie dich allein hierher gesandt? ... Mutter ... Bist du allein gekommen?

FRAU GENERALIN zurückhaltend. Nein ...

NADJA BIELEW energisch. Wer ist mitgekommen? Ist Vater mitgekommen?

FRAU GENERALIN will Nadjas Hand ergreifen und sie an sich ziehen. Nadja ... ahnst du denn gar nicht ...?

NADJA BIELEW ganz gleichgültig. Ach Gott ja ... ich ahne es wohl ...

FRAU GENERALIN. Dein guter Mann läuft die ganze Zeit unten[139] ruhelos auf dem Kiesplatz hin und her ... und wartet nur deines Winkes ...

NADJA BIELEW geht zur Verandatür zurück, hinausträumend. Nach einer Weile bittend. Gehe ... einstweilen ... Mutter ...

FRAU GENERALIN ebenfalls nach einer Pause innerer Erwägung. Gut ... ich gehe, liebes Kind. Es ist durchaus besser, wenn wir dir jetzt Zeit lassen ... und du uns Zeit lässt. Ein jeder mag sich jetzt erst eine Weile hinstrecken, um sich von der ersten, furchtbaren Angst zu erholen.

NADJA BIELEW. Wo wohnt ihr denn, Mutter?

FRAU GENERALIN. Dein Mann und ich, wir sind unten in dem Hotel am Kurpark sehr gut untergekommen ... Nadja ... wenn ich deine sanfte Stimme höre ... wenn ich dich ansehe ...[140]

NADJA BIELEW achtlos zärtlich. Gehe, Mutter ...


Sie streichelt plötzlich der Frau Generalin Gesicht.


Du siehst wirklich totenblass aus, Mutter!

FRAU GENERALIN. Wie soll ich nur anders aussehen, Kind?

NADJA BIELEW deren Blick sich in diesem Augenblick im Spiegel verfangen hat, hastig. Wie sehe ich jetzt aus, Mutter?

FRAU GENERALIN. Nun, blass genug bist du auch noch immer!

NADJA BIELEW. Nein nein, das meine ich nicht ...


Sie steht vor dem Spiegel und betrachtet sich scharf und verführerisch.


Habe ich noch den harten Blick und die scharfen Linien auf der Stirn und um die Mundwinkel, die der Enthusiasmus der Aufreizung in ein junges Gesicht bringt? Fange ich nicht wieder an, aufzublühen? Du sagtest doch selbst, ich erschiene dir, wie ein schüchternes Mädchen?[141]

FRAU GENERALIN. Ach, du ewig eitle Nadja!

NADJA BIELEW immer noch vor dem Spiegel. Nadja Lermontoff hat jetzt eine Frühlingsblüte auf den Lippen und ein Lied in der Seele, ein Schwärmerlied ... zum ersten Male ...

FRAU GENERALIN in Unruhe. Ja nun ... Nadja? ...

NADJA BIELEW. Adieu, Mama!

FRAU GENERALIN. Willst du denn nicht deinem Manne wenigstens einen Blick gönnen und ihm einmal die Hand reichen?

NADJA BIELEW. Warum denn nicht? ... Nur bin ich doch augenblicklich sehr ermüdet ... Mutter ...

FRAU GENERALIN hat jedoch die Tür nach aussen bereits geöffnet und spricht nur eilig zurück. Nur einen Augenblick ... einen ganz flüchtigen[142] Augenblick, ehe wir beide gleich wieder gehen!


Im nächsten Augenblick ist ein sanfter, sehr bärtiger Herr ohne ein Wort hinter der Frau Generalin eingetreten. Er ist offenbar ganz scheu, fast demütig. Aber in seinen Augen hat er eine strahlende Freude. Er geht behutsam, ein wenig unbehülflich auf Nadja zu. Nadja Bielew steht

bleich, aber ganz zurückgenommen, kindlich lächelnd und reicht ihm nur, mehr um ihn abzuhalten von sich, weit die Hand hin. Herr Bielew küsst ihre Hand mehrmals leidenschaftlich. Es wird kein Wort gesprochen.


NADJA BIELEW ist sofort an die Glastür zurück getreten und blickt in Gedanken hinaus. Dann sagt sie, ohne sich umzuwenden. Geht jetzt!

FRAU GENERALIN. Und wann willst du, Kind, dass wir wiederkommen, um uns endlich von einer besseren Zukunft zu unterhalten?

NADJA BIELEW. Kommen? ... wer? ... ach, nein nein ... für diese Nacht wäre es doch am Ende ganz zwecklos ... oder ... Gott ja, Mama ... komme nur du gegen die Dämmerung ... Nicht vor acht, Mama! ... Und wenn Herr Bielew wirklich auch noch daran dächte ... später[143] liegt der Garten in tiefem Frieden ... und das Herz wird gewappnet sein ... mit Güte, Mama ... mit eherner, klarer Güte! ... Adieu, Mama!

FRAU GENERALIN. Küsse mir nicht die Hände so inbrünstig, Nadja!

NADJA BIELEW. Ach, Mama, weisst du es nicht, dass ich das schon tat, als ich ein zehnjähriges Mädchen war! Es tat mir oft fast weh ... aber ich liebte diesen Schmerz.

FRAU GENERALIN. Aber du sollst es jetzt nicht tun ... um alles in der Welt nicht ... denn ich will mich nicht neu zu fürchten beginnen ... ich will mit ruhiger Hoffnung von dir gehen.


Herr Bielew hat die Tür geöffnet. Frau Generalin tritt hinaus. Hinter ihr Herr Bielew.


NADJA BIELEW steht in der Tür und ruft nach. Adieu ... adieu, Mama!


Dann schliesst sie die Tür langsam und geht zögernd bis an die Terrassentür zurück. In Gedanken spricht sie vor sich hin.
[144]

»Ich will mit ruhiger Hoffnung von dir gehen!« Oh, ihr gütigen Geister! ... Diese Stunde muss über viel entscheiden ... muss über sehr viel entscheiden!


In diesem Augenblick hat es an der Tür rechts lebhaft geklopft.


NADJA BIELEW fast erschreckt. Da ... was ist?

DIE SCHWESTER tritt herein. Nun, verehrte Frau Nadja ...

NADJA BIELEW ist an den Schreibtisch gegangen und hat mit Schreiben begonnen. Was wollen Sie?

DIE SCHWESTER. Ich muss wohl doch jetzt ein bissel für Ruhe sorgen ... Gott ... liebe Frau Nadja ... nur nicht so hastig ... nur nicht immer gleich ruhelos werden!

NADJA BIELEW während des Schreibens gleichgültig nebenbei. Hat es so den Anschein? ... Oh ... ich bin[145] es gar nicht ... ich bin durchaus nicht hastig ... ich bin sehr ruhig jetzt.

DIE SCHWESTER. Aber entsetzlich übertrieben sind Sie manchmal.

NADJA BIELEW nebenbei. Oh ja ... das kann wohl sein.

DIE SCHWESTER. Ihre Frau Mutter habe ich dabei gradezu bewundert ...

NADJA BIELEW immer noch schreibend. Nein nein, da haben Sie nur zu recht. Als Kind unterlag ich immer dieser Bewunderung ... Oh, eine Mutter ... dachte ich.

DIE SCHWESTER. Und das war also Ihr lieber Mann ...? ... Und Ihre beiden Kinderchen sind doch gewiss auch mitgekommen?

NADJA BIELEW springt plötzlich auf, zerreisst das Geschriebene in tausend Fetzen, lacht und sagt hart. Lassen Sie mich in Ruhe jetzt. Ich will schlafen. Ich bin es bedürftig.[146]

DIE SCHWESTER. Aber diese Blumen von Doktor Lenoir ... nein nein ... Sie sollen keine Blumen hier haben, wenn Sie schlafen. Der Duft erregt Ihre Nerven viel zu sehr.

NADJA BIELEW stürzt drollig wütend auf sie zu. Wie ... kommen ... Sie ... mir ... vor ... dass Sie es wagen ...

DIE SCHWESTER trägt trotz Nadjas Bemühungen den Strauss frischer Blumen auf die Terrasse. Nein nein, Frau Nadja, hindern Sie mich nicht ... und ergeben Sie sich in,die Anordnungen, die der Arzt mit aller Bestimmtheit getroffen hat.

NADJA BIELEW lässt sich drollig verzweifelt plötzlich auf das Liegesofa fallen und liegt mit geschlossenen Augen hingestreckt.

DIE SCHWESTER ist bemüht Nadja einzuhüllen.

NADJA BIELEW spricht währenddessen mit geschlossenen Augen drollig unwillig. Nur reden Sie nicht immer dasselbe, wie ein[147] Papagei ... und gehen Sie endlich! ... Machen Sie nicht erst Verdriessliches weiter! ... Lassen Sie das Licht herein oder nicht herein ... Lassen Sie die Tür angelweit offen oder machen Sie sie unnütz zu, dass die weiche Luft nicht herein kann ... meinetwegen ... nur lassen Sie mich endlich, ohne dass Sie wie ein Wächter stehen!

DIE SCHWESTER. Ich schliesse nur die Tür. Die Vorhänge will ich offen lassen. Es ist nicht gut, am Tage bei geschlossenen Vorhängen zu schlafen. Der Schlaf wird zu tief.

NADJA BIELEW mit verträumtem Blick zum Fenster hinaus. Da ... diese schnee-schneeweisse, reine Wolke ... kann so unermesslich frei hingehn in der blauen Luft ... ist ganz losgebunden ... Haben Sie einen Halt gefunden in diesem Leben, Schwester?

DIE SCHWESTER einen Augenblick untätig und unschlüssig. Ich ...? ... Fragen Sie mich ...? ... Mein Gott! wenn man so viel zu tun hat, wie[148] in diesem Hause ... Einen Halt? ... Wie meinen Sie das? ...


Indem sie langsam zur Tür geht.


Ich, ich denke, es ist jetzt besser, dass Sie einen rechten Halt im Schlafe suchen. Denn wenn man richtig ausgeruht ist, dann hat man wieder frische Kräfte. Und das ist der beste Halt.


Sie ist noch einmal prüfend an Nadjas Liegesofa herangetreten, hat das Schlafkissen gerückt, blickt sich sorglich um, unterdessen Nadja mit geschlossenen Augen daliegt, und geht dann geräuschlos zur rechten Tür hinaus. Es bleibt eine Weile Stille.

Draussen im Garten wird ein schlanker, vornehmer, dunkler Herr, schon in reiferen Jahren, sichtbar, der auf die Terrassentür zukommt. Er hat einen englischen Plaid um die Schultern und seine Schiffsmütze lässig in den Nacken geschoben. Er trägt ein paar Rosen nachlässig in der Hand. Er kommt sehr geräuschlos prüfend bis an die Tür und drückt die Stirn an die Scheibe. Er kann zuerst

offenbar nicht genau erkennen. Wie er die Schlafende gesehen, will er sich noch leiser entfernen.


NADJA BIELEW hat seine Annäherung wie gefühlt, richtet sich langsam hoch auf und lächelt lieblich.

DOKTOR LENOIR hat sich noch einmal umgewandt und sieht sie.[149]

NADJA BIELEW winkt stumm und zärtlich mit beiden Händen.

DOKTOR LENOIR tritt ins Zimmer ein. Nein, du ... es hat doch wohl nicht recht Sinn, wenn ich dir jetzt die so notwendige Ruhe störe ... Ich komme später ...

NADJA BIELEW winkt nur wieder sanft und stumm, aber bestimmt mit beiden Händen.

DOKTOR LENOIR tritt Schritt um Schritt zögernd, tiefer ins Zimmer herein. Willst du denn nicht wirklich erst ausruhen jetzt?

NADJA BIELEW legt ihren Kopf wieder mit geschlossenen Augen zurück. Lass dein Fragen! ... bitte, lass dein Fragen!


Sie reckt ihm ihre Hand hin.


DOKTOR LENOIR küsst die Hand. Nadja Bielew Küsse mir auch die Linke.. oder Geliebter.[150]

DOKTOR LENOIR hat auch ihre Linke Hand geküsst und beugt sich über ihren Fuss, den sie zu fällig aus der Decke herausgestreckt hält.

NADJA BIELEW Sei nicht verrückt, du! Ich mag das jetzt nicht leiden! ... Oh, dass du kommst! ... Setze dich dort auf den Schreibstuhl ... ich werde hier liegen ... so können wir reden.

DOKTOR LENOIR. Aber du sollst nicht reden. Du sollst noch eine halbe Stunde mindestens ganz still liegen.

NADJA BIELEW. Ach, wenn ich nur reden könnte ... wenn ich nur alles sagen könnte, was ich fühle ... den grossen Schmerz, den ich in mir trage!

DOKTOR LENOIR. Was hast du, liebes Kind?

NADJA BIELEW. Ach ... nichts! ...


Sie blickt ihn lange fragend und zärtlich an.


Freund ... oder Geliebter?[151]

DOKTOR LENOIR. Du siehst wirklich ganz erschrocken aus ... seit vorhin.

NADJA BIELEW. Nein nein ... davon will ich durchaus jetzt nichts wissen, wenn du bei mir bist ... Ich will nur jetzt einmal endlich eine Sache ganz deutlich fühlen ...

DOKTOR LENOIR. Was ... mein Kind? ... plagst du mich neu?

NADJA BIELEW. Ich will es jetzt nur einmal ganz deutlich fühlen, das glückselige Gefühl ... das Einzige, was ich je besass, noch besitze ... Glaubst du es mir nicht? ... Mein Leben war furchtbar ... vielleicht in der Einbildung ... aber auch im Wirklichen. Jedenfalls kannte ich in meiner Jugend keinen hellen Tag, kein Lachen ohne Schmerzen ... Ich lernte an allem zweifeln und an allen ... Wenn ich oft vom Tode spreche, so ist das kein Spass. Liebe in Nadja Lermontoffs Herzen einmal erkannt, einmal erlebt, ist ein A und O ... und nichts mehr ... Wenn[152] ich sie verlöre ... wenn ich sie einmal aufgeben müsste ...

DOKTOR LENOIR. Was aufgeben müsste? ... weil ich es nicht ganz so fühle, wie du es dir ausmalst ... weil ich ja doch ein Leben gelebt habe ... alles tausendmal erfahren habe ... und nicht mehr brenne und mich erhitze, liebes Kind? ... Aber warum aufgeben müsste? ...

NADJA BIELEW. Oh ... ich mag es nicht sprechen ... ich mag es nicht laut nennen ... Die lauten Worte verletzen meine Seele ... Und nicht fragen, nicht prüfen! ... Ich fürchte mich doch ... Ja ja ... das ist nun ein Unterschied ... die einstige Revolutionärin liebte den Tod ... und die Liebende will leben ...

DOKTOR LENOIR. Liebe Nadja, wir sollten durchaus nicht immer nur solche Gespräche führen ... ich bin gar nicht hier hereingekommen ...

NADJA BIELEW. Nein ... Du hast ganz recht ... man kann[153] es einander doch! nicht zeigen, was in unserm Blute brennt an wirklichem Feuer ...

DOKTOR LENOIR lachend. Asche ... Asche.. mein Kind!

NADJA BIELEW ist aufgesprungen. Nein ... ich muss dir etwas erklären ... Es peinigt mich augenblicklich so sehr, dass du ewig nur von Eitelkeit redest ... Natürlich bin auch ich eitel ... eitel um mich ... eitel für deine Augen ... eitel für dein Herz ... aus Verlangen, zu blühen und zu leben ... eitel aus dem tiefsten Lebensdrange ... Ich war natürlich auch sonst eitel ... auch als Revolutionärin war ich eitel ... wenn du es eitel nennen willst, was mit Schwärmergefühl nach dem Tode buhlt ... denn der Trieb sich auf die eigenste Weise rein zu vollenden, vielleicht im Leben ... oder auch durch den Tod ... das ist Eitelkeit ... das magst du immer Eitelkeit nennen ... du ... Freund ... oder Geliebter ... sage es mir doch einmal, ob du mich allzu eitel findest?[154]

DOKTOR LENOIR. Du bist darin unheilbar; Nadja!

NADJA BIELEW. Der Tod quält ja doch die Menschen nur durch seine scheinbare Unlogik und Unkonsequenz. Aber in der Revolution bekommt der Tod den Glanz der grossen Freude, den Glanz des kühnen Opfers, den Glanz der Konsequenz. Er bekommt das Verlockende ... Nie kann der Tod Lebensziel sein ... ganz gewiss nicht ... Aber er wird zum letzten Massstabe unsres Lebensgefühls ... er wird zum erlösenden Ende der Tragödie ... er beleuchtet die grossen Visionen, um die Millionen Seelen sich immer wieder neu freudig opfern ... Eine Leidenschaft danach war immer in mir ... wie ein Durst der tragischen Vollendung brannte mich immer ... lag mir immer im Blute ... Das kann natürlich nur bei aktiven Menschen sein ... und bei solchen Menschen, die ein ganz eigenes Leben in ganz reiner Bestimmung nur einmal leben wollen ...


Plötzlich aus der Emphase ganz stumm und sanft werdend, und dann leise.


Ach, sei nicht böse, Geliebter, dass ich immerfort[155] von politischen Dingen spreche ... denn jetzt ist meine Seele von ganz anderem erfüllt und möchte gerne vergessen.


Sie hat sich wieder lässig auf das Liegesofa hingestreckt.


DOKTOR LENOIR lacht. Rede nur weiter. Das fesselt mich sehr, was du da vom Tode redest.

NADJA BIELEW neu leidenschaftlich und achtlos redend. Eine solche heimlich-fröhlich sich streckende Flamme nach dem letzten seligen Ende ... eine solche Inbrunst zum Opfertode kann natürlich in Leuten wie Bismarck oder Napoleon nicht leben. Napoleon und Bismarck waren gar nicht politische Kämpfer ... politische Götter waren sie ... standen ausserhalb von Gut und Böse ... ausserhalb aller Idee von der Gerechtigkeit, die ihre Bestimmung nur im einzelnen Menschen findet. Sie waren die Schöpfer und Baumeister der grossen, politischen ... dieser grossen, unheimlichen Moloche, die das einzelne Leben in ihre Feuerarme drücken ohne gross zu fragen ... sehr ohne Rücksicht auf die Sehnsuchten der einzelnen Seele.[156]

DOKTOR LENOIR hat Nadjas leidenschaftliche Rede mit gespanntem Erstaunen angehört. Famos, Nadja! ... Das ist wirklich ein tiefer Lebensunterschied, den du damit kenntlich machst. Und vielleicht kann man sich das Wesen der Revolution gar nicht besser klar machen, als wenn man eine wahre Epidemie solcher Inbrunst im Durchschnitt eines Volkes annimmt, wie sie in deinem Blute lodert.

NADJA BIELEW dehnt sich. Huh ... ja ja ja ... so mag es wohl zu erklären sein. Aber das interessiert mich jetzt im Grunde gar nicht ... Du ... sieh mich an ... ich habe zwei Menschen in mir ...: einen ganz ganz alten ... einen immer trauernden Menschen ... einen, der in jeder Minute zehn Leben verlebte ... und einen lustigen Menschen, das Kind, das immer wieder neu geboren wird.

DOKTOR LENOIR ist aufgestanden und geht mit den Rosen achtlos tändelnd ein paar Schritte hin und her. Ja ja ja ... das ist die liebende, leidende Nadja ... wenn man dein Feuerherz brennen[157] sieht ... Gott ....wirklich ... es könnte mich fast froh machen ... jedenfalls beneide ich dich ... Du hast noch allerhand solche Anbetung ... die dir heiss macht ... Du hast noch Leidenschaft ... du hast noch einen Glauben ...

NADJA BIELEW zärtlich zu ihm aufblickend. Nur an die Liebe! ...

DOKTOR LENOIR ohne Acht. Ja ... hab ihn nur ... ich hab ihn nicht mehr ... ich habe gar nichts mehr derart ... und muss auch weiter kommen


Komisch.


ich erkenne ....diese Welt


Lachend.


sonst nichts ... und weiss, dass in dieser Welt jede Seligkeit in drei Tagen geschmacklos wird!

NADJA BIELEW. Nein, nein, nein, nein ... nur jetzt noch nicht davon, wenn du mich nicht auf einmal ganz verwirren willst!


Sie hat sich plötzlich an ihn gehangen, umarmt ihn und küsst ihn.
[158]

DOKTOR LENOIR. Du liebende, leidende Nadja, willst immer nicht diese Wahrheit glauben ... nun gut ...!

NADJA BIELEW leidenschaftlich. Liebst du mich nicht? Sage die Wahrheit! Sage, so wie du denkst und fühlst! ... Ja! ... Ganz bestimmt ... in diesem Augenblick musst du es ganz bestimmt sagen ... Ich habe nie einen Mann geliebt ... nie einem Manne wahrhaft angehört ... ausser dir ... und in meiner Seele kann es nie eine Enttäuschung geben für dich!

DOKTOR LENOIR. Blitze nicht so mit deinen guten Augen ... Nadja ... sonst muss ich sie dir zuhalten ...

NADJA BIELEW. Sonst bin ich nur eben eine ganz haltlose Seele. Ich habe mich auch; damals nur in Seelenangst hingeworfen, um meinem Leben einen reinen Sinn zu geben. Mein Geliebter, du hast über all die politischen Dinge tiefer als ich nachgedacht. Du kennst die Mächte, die ein Volk heissen, das Durcheinander, die Gewalten, die[159] nicht gut und nicht böse sind. Nur unbarmherzig. Nur ehern. Darin die volle Seele zerrinnen muss, wie ein flüchtiger Tropfen in einem Schwalle .... Jetzt bin ich heissen Lebens. Ich möchte nicht ziellos verlöschen. Ich möchte brennen. Ich möchte Ich sein, weil ich ganz nur du bin. Den Glauben an die grossen, potentatischen Worte hast du mir geraubt. Ich will stumm sein und Leben fühlen. Ich brauche keinen Glauben mehr ... weil ich es lebe ... weil es dein Leben ist ...

DOKTOR LENOIR kühl. Du, Liebchen, du solltest wirklich die Dinge vielmehr nehmen wie sie sind!

NADJA BIELEW. Ja ... Nicht? ... Ich bin dir fast närrisch mit meinen Gefühlen. Ich weiss es ja ... Und ich sage dir doch ... ich will vergehen auf meinem einsamen Wege, wenn es nicht eine Macht gibt, die absolut ist, warm wie das Licht, klar wie der Himmel, einzig wie die Sonne, ein unverbrüchliches Geborgensein, wie keine Mutter ihr Kind bergen kann, weil sie es hinausgeben[160] muss, keine Blüte ihren Keim bergen kann, weil er ihr entwachsen muss. Nein, nicht entwachsen, nichts davon hinausgeben! Ganz es sein! Ganz es leben! Ein einziges Ich und Du, Du und Ich, das den Frühling weckt, und den Sommer lebt und den Tod ... Ein einiges Leben aus der Fülle und nichts zweites, das Du und Ich ist. Es muss da sein ... auch in dir. Es ist grenzenlos selig ... und es ist der Abgrund des Todes ohne das ...


Es bleibt eine Weile still.


Sind die Rosen für mich?

DOKTOR LENOIR ganz mit Gedanken beschäftigt. Aber Nadja, du rennst doch immerfort hinter Träumen her. Zu was nur immer solche grüblerischen, quälenden Erörterungen, die dir bloss die Ruhe rauben ... Nun ... mein Gott ... ich sage dir ja, du kannst doch von einem Menschen, wie mir, nicht einen solchen Enthusiasmus der Liebe verlangen ... Du kannst doch von einem solchen Menschen, wie mir, nicht glauben, dass ihm sozusagen das Leben noch den Tod lohnte .... Aber warum nur immer solchen Phantomen nachjagen, die man[161] nicht greifen kann ... und alles so übertreiben? Man braucht doch nicht die Dinge gleich auf die äusserste Spitze zu stellen! ...

NADJA BIELEW ganz leidenschaftlich sich an ihn hängend. Liebst du mich nicht? Sage die Wahrheit ... Sage jetzt einmal ganz, wie du fühlst und denkst! ...


Sie hängt mit den Blicken an seinen Lippen.


Ja ... ganz bestimmt! Du weisst es ... ich ... liebe dich ...

DOKTOR LENOIR arglos lachend, mit leichter Abwehr. Herrgott, ich liebe dich ja auch, Nadja.

NADJA BIELEW hat ihn scheu und sanft losgelassen, wirft sich auf die Chaiselongue und verbirgt ihren Kopf in ein Kissen. Dann erhebt sie sich, blickt das Kissen an, und sagt so vor sich hinstarrend. Meine Mutter ist heute gekommen.


Es entsteht eine lange Pause.


DOKTOR LENOIR. Ja ... was ist es denn zunächst nur mit deiner Mutter? Ich begreife gar nicht ... warum[162] soll sie nicht kommen? Du bist doch kein kleines Kind mehr, das sich vor der Mutter fürchtet?

NADJA BIELEW. Sie sind eben angekommen, und werden alles aufbieten, um mich von hier mit fortzunehmen.

DOKTOR LENOIR. Wohin?

NADJA BIELEW. Vermutlich nach Italien ... vielleicht nach Rom, vielleicht nach Florenz ... was weiss ich?

DOKTOR LENOIR. Wer sind diese »sie«?

NADJA BIELEW. Da ... bitte! ... ich habe eben an dich geschrieben. Dort liegt der Brief.

DOKTOR LENOIR versucht die zerissenen Zettel, die auf dem Schreibtisch liegen, zusammen zu lesen.

NADJA BIELEW. Wenn du die Seele dieses Briefes noch zusammen[163] bringst, vielleicht bringst du auch noch meine Seele zusammen.

DOKTOR LENOIR. Gott, Kind, da sage mir doch ...

NADJA BIELEW. Mein Mann ist auch dabei.


Es entsteht eine lange Pause.


DOKTOR LENOIR sieht an die Taschenuhr. Aber, liebes Kind! Ich denke, die Sache mit deinem Mann war doch schon in Petersburg ganz klar.

NADJA BIELEW. Sage nichts weiter! ... ja ja! ...


Es entsteht wieder eine lange Pause.


DOKTOR LENOIR kleinlaut, sich ermannend. Nadja ... wir verpassen das Abendbrot ... komm, Nadja.

NADJA BIELEW rührt sich nicht.[164]

DOKTOR LENOIR. Natürlich muss das alles ordentlich überlegt werden.

NADJA BIELEW. Gehe nur im voraus in den Saal hinunter. Ich muss erst meine dumme Aufregung ganz in Ruhe bringen; ... Was soll da gross überlegt werden? ...


Sie hängt sich plötzlich leidenschaftlich an ihn, küsst ihn einmal lieblich, zärtlich lachend.


Ich brauch dich nichts mehr zu fragen. Ich weiss schon alles ... Adieu ... mein ... einziger ... Geliebter!

DOKTOR LENOIR streichelt sie und küsst sie. Aber komme bald nach, Nadja ... hörst du?

NADJA BIELEW steht in Gedanken am Schreibtisch, ohne sich zu rühren.

DOKTOR LENOIR im Begriff abzugehen. Wann wollen denn deine Leute kommen?

NADJA BIELEW. Ich bin sicher, dass wenigstens mein Mann[165] schon jetzt um den Zaun des Sanatoriums herumschleicht.

DOKTOR LENOIR resigniert lachend.. So so ...!


Er wendet sich noch einmal zurück.


Nadja! ... Nimm es harmlos! Das Leben ist eine Harmlosigkeit. Es ist gar nichts dahinter. Man muss es leben, wie es kommt. Und nur ein wenig vernünftig sich halten. Tue mir den Gefallen, Nadja!


Er geht durch die rechte Tür ab.


NADJA BIELEW setzt sich abgespannt in den Schreibstuhl, träumt eine Weile vor sich hin und spielt mit einem Ring am Finger. Dann erhebt sie sich, sieht sich um, und geht auf die Terrasse, um den Blumenstrauss herein zu tragen. Sie steht einen Augenblick unentschlossen damit an der Tür. Dann sagt sie vor sich hin. Nein ... hier auf der Chaiselongue nicht ... ich will mich lieber aufs Bett legen.


Damit trägt sie den Blumenstrauss in das Nebenzimmer. Die Tür bleibt offen. Sie erscheint im nächsten Augenblick wieder. Sie sieht ihr

Kostüm von oben bis unten an, und befestigt sich die beiden Rosen an der Brust, die Doktor Lenoir achtlos hatte auf den Boden fallen lassen. Dann ordnet sie sich ihr Haar, und lacht.


Es ist nichts anderes notwendig. Ich werde wie[166] ein liebendes Mädchen daliegen. Es entstellt gar nicht.


Dann setzt sie sich an den Schreibtisch neu heran, schreibt einiges, zerreisst es wieder ruhig, und sagt.


Nein nein ... auch das ist unnütz ... Worte können es nicht mehr tun ... Schmerzen will ich ihm nicht machen ... Adieu ... mein ... einziger Geliebter!


Sie hat wieder mit dem Ring am Finger gespielt und hat ihm dann sorglich ein kleines Oblat entnommen, das sie in der Hand vor sich hält und kindlich lächelnd anstarrt.


So etwas hatte auch immer Napoleon bei sich ... für den Fall, dass er zu sehr in die Enge käme ... Und ich habe ja Lenoir zum Abschied das Wort deutlich gesagt. Es wird ihm lange im Ohre klingen.


Sie führt jetzt das Oblat sorglich zum Munde und sagt.


Adieu ... mein ... einziger Geliebter!


Dann erhebt sie sich plötzlich, rafft die zerissenen Zettel vom Tisch, lässt sie aus der Hand auf die Erde fliegen und sagt.


So zerflattert es.


Sieht sich heiter um, bleicher geworden, auch in den Garten hinaus, geht mit bestimmten Schritten in das geöffnete Nebenzimmer. Von dort hört man noch, dass sie einen Stuhl rückt und sich nieder legt. Es entsteht eine grosse Stille.

Danach sieht man vom Garten her Frau Generalin mit der Schwester kommen. Herr Bielew geht hinterdrein.
[167]

FRAU GENERAL. Oh, Sie haben uns einen herrlichen Weg hier heran geführt, Schwester.

DIE SCHWESTER. Kommen Sie nur hier herein, gnädige Frau Generalin. Sehen Sie, die Terrassentür ist nicht verschlossen. Und Sie warten gütigst eine Weile, wenn Frau Nadja noch beim Souper ist.


Sie ist in diesem Augenblicke von der Terrasse, den andern vornweg herein getreten.


Ja ... ich dachte es mir schon ... dass sie noch beim Souper wäre ... Bitte, nehmen Sie doch Platz auf diesem Stuhl ... und Herr Bielew, wollen Sie nicht hier ...


Sie hat einen zweiten Stuhl heran geschoben. Plötzlich stutzt sie. Sie beginnt die zerstreuten Papierfetzen aufzulesen.


Hier hat sie eben Notizen ... oder einen Brief zerrissen ... ich weiss nicht ... Gott ... es fällt plötzlich eine Aengstlichkeit über mich her ... obwohl ich durchaus gar keinen Grund wüsste ...


Sie ruft.


Frau Nadja ... Frau Nadja ... Warum steht denn diese Schlafzimmertür halb offen? ....,


Sie ist an die Tür herangetreten.
[168]

Nein ... sehen Sie nur ... sie schläft! ... Wie sie nur tief schläft ... und aussieht, wie ein liebliches Mädchen ...!

FRAU GENERALIN hat sich plötzlich auch erhoben, und steht ängstlich ins Zimmer hineinblickend. Herr Bielew sieht scheu zur Erde.

DIE SCHWESTER. Nein nein ... sie ist aber so wunderbar still ... Das ist ja gar keine Schlummerruhe ... Das ist ja ein ganz rätselhafter Frieden, der aus diesem Mädchengesicht redet.


Sie ist plötzlich ins Zimmer gehastet und spricht drinnen.


Gott Gott Gott ... Frau Generalin ... Frau Generalin! ... sie hat ja gar keinen Hauch Atem mehr ... das Herz von Frau Nadja Bielew steht ja ganz still!


Frau Generalin hat sich hoch und staunend, den Blick ins Schlafzimmer gebannt, aufgerichtet.

Herr Bielew hat sich nicht vom Fleck gerührt, sieht totenbleich geworden zu Boden und stöhnt plötzlich laut auf, ohne im übrigen seine Stellung zu ändern.

Der Vorhang fällt.


Quelle:
Carl Hauptmann: Panspiele. München 1909, S. 121-169.
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