Neunte Szene

[709] ALBRECHT tritt ein. Ja, da ist er! Zu Agnes. Ward er erwartet?

AGNES wendet sich ab.

ALBRECHT. Agnes – wenn auf dem Wege zu dir ein Himmelswagen flammend vor mir niedergefahren wäre, jeder Radnagel ein Stern, ich wäre nicht eingestiegen, und du –

AGNES. Gnädiger Herr – gestern fehlte mir der Mut Euch anzusehen, heute, dächt ich, sollte er Euch fehlen!

ALBRECHT. Was hab ich dir denn getan?

AGNES. Nichts? Also das wäre nichts? Gnädiger Herr, so viel Ehre könnt Ihr mir gar nicht bieten, und wenn Ihr mir die Krone aufsetztet, daß sie diese Schmach wieder aufwöge!

ALBRECHT. Schmach?

AGNES. Wärs keine? Wär das an mir keine Schmach, was, einem Fräulein zugefügt, die Klingen aller ihrer Verwandten, bis zum zehnten Glied herab, aus der Scheide reißen und gegen Euch kehren würde? Gnädiger Herr, auch mich hat Gott gemacht!

ALBRECHT. Törring! Ihr da? Was heißt das?

AGNES. Auch mich hat Gott gemacht, auch aus mir kann er mehr machen, wenn es sein heiliger Wille ist, auch aus Euch weniger, denn alles auf Erden ist nur zur Probe, und hoch und niedrig müssen einmal wechseln, wenn sie nicht vor ihm bestehen! Gnädiger Herr, tut keinem wieder so weh, wie mir, man erwartets nicht von Euch, darum ists doppelt bitter! Zu Caspar Bernauer. Mein Vater, jetzt ins Kloster! Nun nehme ich von der Welt nichts mehr mit über die Schwelle, als einen ewigen Schauder!

ALBRECHT. Mädchen, gestern warb ich um dich, heute komm ich um die Antwort, während meine Freunde schon den Priester suchen, der uns verbinden soll: ist das Schmach?

TÖRRING tritt vor. Der Herzog weiß von nichts, auf Ritterwort ich sprach nur aus mir selbst! Ich glaubte – nun, Irren soll menschlich sein!

ALBRECHT. Du beschimpftest sie? Du beschimpftest meine Braut? Dafür – Er will ziehen.

TÖRRING. Nein! Dafür – Er tritt zu Agnes heran und küßt ihr ritterlich die Hand. Ihr wißt, ich bin nicht feig, aber es wäre nicht[709] wohl getan, die Zahl ihrer Freunde zu mindern, und nun ich sie kenne, bin ich ihr Freund, ja, ich werde ihr dienen bis zum letzten Atemzug, und mir ist, glaubts mir und denkt darüber nach, als faßte der Tod mich schon jetzt bei der Hand! Zu Agnes. Das sprach ein Edler von Baiern, der nicht der Geringste ist, und nennt mich einen ehrvergessenen Mann, wenn Euch nun etwas widerfährt, solange ichs hindern kann. Zu Albrecht. Ihr aber, gnädiger Herr, grollt nicht länger, daß ich ihr den Schleier etwas unsanft abnahm, es gereicht Euch, wie ihr, zum Vorteil, daß ich ihr ins Gesicht sah! Tritt zurück.

ALBRECHT. Sie schweigt! Das Vergeben ist an ihr, nicht an mir! Folgt mir! Wenn sie sieht, wie ich sie räche, wird sie wissen, wie ich sie liebe!

AGNES. Um Gott nicht! Nur von Euch wars mir wie Todesstich! Jetzt – jetzt – Vater!

CASPAR BERNAUER. Ihre harten Worte tun ihr leid, gnädiger Herr, sie hätte sie gern zurück, Ihr sehts wohl, sie erstickt ja fast!

ALBRECHT. Und nicht um die Welt mögt ich sie missen! Alter, zwei Kinder sind ausgewechselt worden, die Tochter des Kaisers wurde in deine Wiege gelegt, und der Kaiser zieht die deinige auf! Schau hin, erkennst du sie noch? Agnes, davon hat dir in früher Jugendzeit schon ein Märchen erzählt, doch damals ahntest dus noch nicht, daß du über deine eigne Geschichte weintest, erst in dieser Stunde hast du dich wieder auf dich selbst besonnen! Aber nun weißt du endlich, wer du bist, das zeigt die edle Glut, die dir aus dem Auge blitzt und von der Wange flammt, nun denkst du nicht mehr daran, daß du bisher nicht im Purpur gingst und nicht aus goldenem Becher trankst; so komm denn auch zu mir herüber, eh dir das wieder einfällt!

CASPAR BERNAUER. Agnes!

AGNES. Vater, kein Wort von Gefahr! Erinnert mich nicht, daß Mut dazu gehört! Sonst könnt ich – –

ALBRECHT breitet die Arme gegen sie aus. Was? Was?

AGNES sinkt hinein. Und müßt ichs mit dem Tode bezahlen – das täte nichts!

ALBRECHT umschließt sie. Agnes![710]

AGNES macht sich wieder los. Aber dazu berechtigt mich kein Mut! – Ihr seid ein Fürst –

ALBRECHT. Und darf als solcher von vorn anfangen, so gut wie irgend einer meiner Vorgänger!

AGNES. Ihr habt einen Vater –

ALBRECHT. Und bin sein Sohn, nicht sein Knecht!

AGNES. Und wenn Euer Volk murrt?

ALBRECHT. So murrt es, bis es wieder jubelt. Ja, wenn sie sich zusammen rotteten und sich offen wider mich empörten: ich schickte dein Bild, statt eines Heeres, und sie kehrten schamrot zum Pfluge zurück!

AGNES. Und wenn Euer Vater flucht?

ALBRECHT. So segnet Gott!

AGNES. Und wenn er das Schwert zieht?

ALBRECHT. So gibt er mir das Recht, auch nach dem meinigen zu greifen!

AGNES. Und dabei sollten wir – dabei könntet Ihr glücklich sein?

ALBRECHT. Viel glücklicher, als wenn ich dir entsagen müßte! Das eine wär Kampf, und zum Kampf gehörts, daß man den Ausgang nicht vorher weiß; das andere wäre Tod, Tod ohne Wunde und Ehre, feiger Erstickungstod durch eigne Hand, und den sollt ich wählen? Nach der Kehle greifen, statt nach dem Schwert? O pfui! Da wär ich doch gewiß der erste und der letzte! Mädchen, ich kenne jetzt dein Herz, her zu mir, Er drückt sie an sich. so, nun hast du alles getan, das übrige ist meine Sache! Worauf sollte Gott die Welt gebaut haben, wenn nicht auf das Gefühl, was mich zu dir zieht und dich zu mir? Die Württembergerin, die man zwischen dich und mich gestellt hat, würde in diesem Augenblick tot umfallen, wenn sie nicht geflohen wäre! Das fühl ich! Darum zittre nicht!


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 1, München 1963, S. 709-711.
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