Zehnte Szene


[725] Preising tritt ein, von Törring, Frauenhoven und Nothhafft von Wernberg begleitet.


ALBRECHT. Was bringt Ihr, Kanzler?

PREISING. Fröhliche Botschaft!

ALBRECHT. Wirklich? Da käme Freude zur Freude!

PREISING. Eine Botschaft, die mein gnädiger Herr eigentlich dem Ritter Haydeck, und nicht mir, hätte übertragen sollen!

ALBRECHT. So! Ich versteh schon!

PREISING. Er mußte Euch die Flucht Eurer ersten Braut melden –

ALBRECHT. Ich habe vergessen, ihn dafür zu belohnen, es soll geschehen, sobald ich ihn wiederseh!

PREISING. Er sollte Euch billig auch das Jawort der zweiten überbringen!

ALBRECHT. Preising, gerade heraus! Ich versteh mich schlecht aufs Rätsellösen, aber gut aufs Nußknacken! Was ists?

PREISING. Euer Vater hat um die schönste Fürstin Deutschlands für Euch angehalten –

ALBRECHT. Das bedaur ich sehr!

PREISING. Erich von Braunschweig hat eingewilligt!

ALBRECHT. Das bedaur ich noch mehr!

PREISING. Und ich –

ALBRECHT. Ihr sollt mich zum Nicken bringen, wie einen Nürnberger Hampelmann, den man von hinten ziehen kann! Es wird Euch nicht gelingen, und das bedaur ich am meisten, denn Euer Ansehen wird darunter leiden!

PREISING. Euer Vater würde erstaunt sein, das kann ich Euch versichern, wenn Ihr Euch nur einen Augenblick gegen eine Verbindung sträuben könntet, die seit der Ächtung Heinrichs des Löwen nicht zustande gebracht werden konnte, sooft es auch versucht wurde, und die eine uralte, zuweilen höchst gefährliche Feindschaft für ewige Zeiten ersticken wird! Hier[725] nicht mit beiden Händen zugreifen, heißt nicht bloß das Glück mit Füßen treten; es heißt auch die endlich eingeschlafene Feindschaft zwischen Welf und Wittelsbach wieder aufwecken, ja verdoppeln; es heißt den ungerechten Haß in einen gerechten verwandeln; es heißt die Rache herausfordern und ihr selbst die Waffen reichen!

ALBRECHT. Das weiß ich, o, das weiß ich, mich sollts wundern, wenns anders wär! Man kann die Pläne meines Vaters nie kreuzen, ohne zugleich der halben Welt ins Gesicht zu schlagen, mit ihm allein hats noch keiner zu tun gehabt! Aber so groß die Kunst auch sein mag, den Faden so zu spinnen, unfehlbar ist sie nicht, und diesmal reißt er ab!

PREISING. Und Euer Grund?

ALBRECHT. Ihr kennt ihn!

PREISING. Ich hoffe, nein!

ALBRECHT. Nicht? Nun, Ihr braucht ihn nicht weit zu suchen! Ich bin ein Mensch, ich soll dem Weibe, mit dem ich vor den Altar trete, so gut, wie ein andrer, Liebe und Treue zuschwören, darum muß ichs so gut, wie ein anderer, selbst wählen dürfen!

PREISING. Ihr seid ein Fürst, Ihr sollt über Millionen herrschen, die für Euch heute ihren Schweiß vergießen, morgen ihr Blut verspritzen und übermorgen ihr Leben aushauchen müssen: wollt Ihr das alles ganz umsonst? So hat Gott die Welt nicht eingerichtet, dann wäre sie nimmer rund geworden, einmal müßt Ihr auch ihnen ein Opfer bringen, und Ihr werdet nicht der erste Eures ruhmwürdigen Geschlechts sein wollen, der es verweigert!

ALBRECHT. Einmal? Einmal mit jedem Atemzuge, meint Ihr! Wißt Ihr auch, was Ihr verlangt? Gewiß nicht, denn sonst würdet Ihr die Augen wenigstens niederschlagen und nicht dastehen, als ob alle zehn Gebote mit feurigen Buchstaben auf Eurer Stirn geschrieben ständen. Was tut Ihr, wenn der Tag Euch ein finstres Gesicht zeigt, wenn Euch alles mißlingt, und Ihr Euch selbst fehlt? Ihr werft beiseite, was Euch quält, und eilt zu Eurem Weibe, sie ist vielleicht gerade doppelt von Gott gesegnet und kann Euch abgeben, wenn das aber auch einmal nicht zutrifft, so könnt Ihr sie ja gar nicht ansehen, ohne aller Eurer glücklichen Stunden zu gedenken, und wem die wieder[726] lebendig werden, der hat eine mehr! Was wär mein Los? Könnt ich auch zu meinem Weibe eilen? Unmöglich, ich müßte eher eine Wache vor meine Tür stellen, damit die Unselige in ihrer Unschuld nur nicht von selbst komme und mich ganz verrückt mache, denn sie wäre ja mein ärgster Fluch! Doch nein, das wäre schlecht von mir, das dürft ich nicht, ich müßte ihr entgegen gehen und sie in meine Arme schließen, während ich sie lieber von mir schleudern mögte, wie einen ankriechenden Käfer, denn das hätt ich vor Gott gelobt. Graust Euch? Wißt Ihr jetzt, was Ihr verlangt? Nicht bloß auf mein Glück soll ich Verzicht leisten, ich soll mein Unglück liebkosen, ich solls herzen und küssen, ja ich soll dafür beten, aber nein, nein, in alle Ewigkeit nein!

PREISING. Herzog Ludwig, Euer Vorfahr, nahm eine Gemahlin, die keiner erblickte, ohne ihr zu dem Namen, den sie in der heiligen Taufe empfangen hatte, unwillkürlich noch einen zweiten zu geben; es war Margaretha von Kärnten, die im Volksmund noch heutzutage die Maultasche heißt. Er war jung, wie Ihr, und man hört nicht, daß er blind gewesen ist, aber sie brachte die Grafschaft Tirol an Baiern zurück, und wenn er sich über ihre Schönheit nicht freuen konnte, so wird der Gedanke ihn getröstet haben, daß seine armen Untertanen unter seiner Regierung das Salz noch einmal so billig kauften, wie zuvor, und ihn mit fröhlichen Gesichtern morgens, mittags und abends dafür segneten!

ALBRECHT. Wißt Ihr, ob er ihnen nicht jedesmal eine Bitte abschlug, wenn er sein Weib gesehen hatte?

PREISING. Ich weiß nur, daß er vier Kinder hinterließ. Gnädiger Herr, ich habe meine Botschaft ausgerichtet und werde Eurem Vater melden, daß Ihr zu mir nicht ja gesagt habt. Wollt Ihr etwas hinzufügen, so tuts, wenn Ihr ihn seht! Mein Auftrag ist noch nicht zu Ende, ich soll Euch noch zu dem Turnier laden, das er in Regensburg zu halten gedenkt, und Ihr werdet seinen Unwillen nicht dadurch noch erhöhen wollen, daß Ihr ausbleibt!

ALBRECHT. Gewiß nicht, ich habe das Fechten nicht verlernt, auch in Augsburg nicht, und gebe gern den Beweis!

PREISING. Da müßt Ihr denn noch heute aufsitzen![727]

ALBRECHT. Noch heute?

PREISING. Übermorgen findets statt!

ALBRECHT. Das kommt ja rascher zustande, wie eine Bauern-Schlägerei! Was gibts denn? Ist dem Kaiser in seinem Alter eine Prinzessin geboren?

PREISING. Wahrscheinlich sollte Eure neue Verlobung der Ritterschaft verkündigt werden, denn Euer Vater hält Eure Weigerung für unmöglich und ist stolz darauf, daß ihm gelang, was seinen Vorfahren drei Jahrhunderte hindurch mißglückte. Nun wirds wohl auf ein bloßes Lanzenspiel hinauslaufen!

ALBRECHT. Gleichviel! Ich bin in billigen Dingen sein gehorsamer Sohn und will um eine Erbsenschote turnieren, wenn ers verlangt!

PREISING. Also, Ihr erscheint, ich hab Euer Wort! Ab, von Törring, Frauenhoven und Nothhafft von Wernberg zurückbegleitet.


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 1, München 1963, S. 725-728.
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