Zweite Szene

[749] PREISING tritt ein.

AGNES ihm entgegen. Was bringt Ihr mir?

PREISING. Was Ihr selbst wollt!

AGNES. Was ich selbst will? O, spottet meiner nicht! Ihr werdet mir die düstre Pforte nicht wieder öffnen, die man so fest hinter mir verriegelt hat!

PREISING. Ich werde, wenn Ihr Euch fügt!

AGNES. Und was verlangt Ihr von mir?

PREISING. Ich stehe hier für den Herzog von Baiern.

AGNES macht eine zurückweichende Bewegung.

PREISING. Aber ich meine es redlich mit Euch, und auch mein erlauchter Gebieter ist nicht Euer Feind!

AGNES. Nicht mein Feind? Wie komm ich denn hieher?

PREISING. Ihr wißt, wie's steht! Herzog Ernst ist alt, und sein Thron bleibt unbesetzt, wenn Gott ihn abruft, oder sein einziger Sohn muß ihn besteigen. Nun, Albrecht kann Euch nimmermehr mit hinaufnehmen, und da er sich von Euch nicht trennen will, so müßt Ihr Euch von ihm trennen!

AGNES. Ich mich von ihm! Eher von mir selbst!

PREISING. Ihr müßt! Glaubts mir, glaubts einem Mann, der Euer[749] Schicksal schon kennt, wie Gott, und es gern noch wenden mögte! Ihr könnt kein Mißtrauen in mich setzen; warum wär ich gekommen, wenn Euer Los mir nicht am Herzen läge? Meines Arms bedurfte es doch gewiß nicht; Ihr habts ja gesehen, wie überflüssig ich war, und welchen Gebrauch ich von meinem Schwert machte. Ich zog mit, weil Ihr mich erbarmtet; ich suche Euch jetzt im Kerker, im Vorhof des Todes, auf, weil ich allein noch helfen kann, doch ich wiederhols Euch: Ihr müßt!

AGNES. Ihr habt den armen Menschen gerettet, der vorhin sein Leben wagte, ich muß glauben, daß Ihrs aufrichtig meint, aber Ihr seid ein Mann und wißt nicht, was Ihr fordert! Nein, nein! Das in Ewigkeit nicht!

PREISING. Nicht zu rasch, ich beschwör Euch! Wohl mags ein schweres Opfer für Euch sein, doch wenn Ihrs verweigert, so wird man – könnt Ihr noch zweifeln nach allem, was heute geschah? – aus Euch selbst ein Opfer machen! Ja, ich gehe vielleicht schon weiter, als ich darf, indem ich Euch überhaupt noch eine Bedingung stelle, und tus auf meine eigne Gefahr!

AGNES. Ihr wollt mich erschrecken, aber es wird Euch nicht gelingen! Sie hält sich an einem Tisch. So leicht fürchte ich mich nicht, dies Zittern meiner Kniee kommt noch von dem Überfall! Mein Gott, erst die Trompeten, dann die blutigen Schwerter und die Toten! Aber für mich besorg ich nichts, ich bin ja nicht in Räuberhänden, und Herzog Ernst ist ebenso gerecht als streng! Sie setzt sich. Seht mich nicht so an, mir ward jetzt so wunderlich, weil der tote Törring mir auf einmal vor die Seele trat, es ist schon wieder vorüber. Sie erhebt sich wieder. Was könnte mir auch wohl widerfahren! Ist doch selbst ein Missetäter, solange der Richter ihn noch nicht verurteilt hat in seinem Kerker so sicher, als ob die Engel Gottes ihn bewachten, und ich habe den meinigen noch nicht einmal erblickt! Nein, nein, so hat mein Gemahl nicht von seinem Vater gesprochen, daß ich dies glauben dürfte! Doch, wenns auch so wäre, wenn der Tod – es ist unmöglich, ich weiß es, ganz unmöglich – aber wenn er wirklich schon vor der Tür stände und meine Worte zählte: ich könnte nimmermehr anders![750]

PREISING. Der Tod steht vor der Tür, er kommt, wenn ich gehe, ja, er wird anklopfen, wenn ich zu lange säume! Schaut einmal durchs Gitter zur Brücke hinüber! Was seht Ihr?

AGNES. Das Volk drängt sich, einige heben die Hände zum Himmel empor, andere starren in die Donau hinab, es liegt doch keiner darin?

PREISING mit einem Blick auf sie. Noch nicht!

AGNES. Allmächtiger Gott! Versteh ich Euch?

PREISING nickt.

AGNES. Und was hab ich verbrochen?

PREISING hebt das Todesurteil in die Höhe. Die Ordnung der Welt gestört, Vater und Sohn entzweit, dem Volk seinen Fürsten entfremdet, einen Zustand herbei geführt, in dem nicht mehr nach Schuld und Unschuld, nur noch nach Ursach und Wirkung gefragt werden kann! So sprechen Eure Richter, denn das Schicksal, das Euch bevorsteht, wurde schon vor Jahren von Männern ohne Furcht und ohne Tadel über Euch verhängt, und Gott selbst hat den harten Spruch bestätigt, da er den jungen Prinzen zu sich rief, der die Vollziehung allein aufhielt. Ihr schaudert, sucht Euch nicht länger zu täuschen, so ists! Und wenns einen Edelstein gäbe, kostbarer, wie sie alle zusammen, die in den Kronen der Könige funkeln und in den Schachten der Berge ruhen, aber eben darum auch ringsum die wildesten Leidenschaften entzündend und Gute, wie Böse, zu Raub, Mord und Totschlag verlockend: dürfte der einzige, der noch ungeblendet blieb, ihn nicht mit fester Hand ergreifen und ins Meer hinunterschleudern, um den allgemeinen Untergang abzuwenden? Das ist Euer Fall, erwägts und bedenkt Euch, ich frage zum letzten Mal!

AGNES. Erwägt auch Ihr, ob Ihr nicht verlangt, was mehr als Tod ist! Ich entsage meinem Gemahl nicht, ich kanns und darfs nicht. Bin ich denn selbst noch, die ich war? Hab ich bloß empfangen? Hab ich nicht auch gegeben? Sind wir nicht eins, unzertrennlich eins durch Geben und Nehmen, wie Leib und Seele? Aber ich verbürge mich für ihn, daß er dem Thron entsagt! Fürchtet nicht, daß ich verspreche, was er nicht halten wird! Ich habs aus seinem eignen Munde, wie ein Zauberwort für die höchste Gefahr! Zwar glaubte ich längst nicht mehr,[751] daß ichs noch brauchen würde, aber diese Stunde hats mir entrissen, und nun brauchts, wie Ihr wollt!

PREISING. Das rettet Euch nicht mehr! Herzog Albrecht kann die angestammte Majestät so wenig ablegen, als Euch damit bekleiden, sie ist unzertrennlich mit ihm verbunden, wie die Schönheit, die ihn fesselt, mit Euch. Will ers nicht seinen Segen nennen, so nenne ers seinen Fluch, aber er gehört seinem Volk und muß auf den Thron steigen, wie Ihr ins Grab. Euch rettets nur noch, wenn Ihr Eure Ehe für eine sündliche erklärt und augenblicklich den Schleier nehmt.

AGNES. Wie mild ist Herzog Ernst! Der will doch nur mein Leben! Ihr wollt mehr! Ja, ja, das braucht ich bloß zu tun, so wär ich für ihn, wie nie dagewesen; ich selbst hätte mein Andenken in seiner Seele ausgelöscht, und er müßte erröten, mich je geliebt zu haben! Mein Albrecht, deine Agnes dich abschwören! O Gott, wie reich komm ich mir in mei ner Armut jetzt auf einmal wieder vor, wie stark in meiner Ohnmacht! Diesen Schmerz kann ich doch noch von ihm abwenden! Das kann mir doch kein Herzog gebieten! Nun zittre ich wirklich nicht mehr!

PREISING. O, daß Euer alter Vater neben mir stände und mich unterstützte! Daß er spräche: mein Kind, warum willst du einen Platz nicht freiwillig wieder aufgeben, den du doch nur gezwungen einnahmst? Denn ich weiß ja, daß dies Euer Fall war!

AGNES. Gezwungen? So also wird meine Angst, mein Zittern und Zagen ausgelegt? O, wenn Ihr mir Euer Mitleid geschenkt habt, weil Ihr das glaubt, so nehmts zurück und quält mich nicht länger, ich habe keinen Anspruch darauf Nein, nein, ich wurde nicht gezwungen! So gewiß ich ihn eher erblickt habe, als er mich, so gewiß habe ich ihn auch eher geliebt, und das war gleich, als obs immer gewesen wäre und in alle Ewigkeit nicht wieder aufhören könne. Darum keine Anklage gegen ihn, ich war früher schuldig, als er! Nie zwar hätt ichs verraten, ich hätte vielleicht nicht zum zweiten Mal zu ihm hinübergeschaut, sondern im stillen mein Herz zerdrückt und unter Lachen und Weinen ein Gelübde getan. Ach, ich schämte mich vor Gott und vor mir selbst, mir war, als ob mein eignes[752] Blut mir über den Kopf liefe, ich erwiderte ein Lächeln des armen Theobald, um mir recht weh zu tun. Doch, als er nun am Abend zu mir herantrat, da wandte ich mich zuerst freilich auch noch ab, aber nur, wie ein Mensch, der in den Himmel eintreten soll und weiß, daß er dem Tode die Schuld noch nicht bezahlt hat! Wenn ein Engel den mit sanfter Gewalt über die Schwelle nötigt: hat er ihn gezwungen?

PREISING. So ist es Euer letztes Wort?


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 1, München 1963, S. 749-753.
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