Sechste Szene


[246] Königliches Schloß.

Zimmer der Prinzessin. Die Prinzessin auf einer Ottomane. König. Königin. Hofdamen. Kavaliere.


KÖNIGIN. Wie ist dir, liebe Tochter?

PRINZESSIN. Wohl, Mutter. Besser, wie dir, denn du sorgst dich um mich.

KÖNIGIN. Kind, daß du so an dir hältst, daß du eine Ruhe erheuchelst, die dir fern ist, das betrübt mich am meisten. Ich weiß, daß du tagelang in dich versenkt, wie ein Bild, dasitzen kannst, als ob du dich in der Fülle des Lebens auf nichts, als den Tod, zu besinnen wüßtest; aber sobald du mich kommen hörst, fährst du auf, greifst nach deiner Laute und singst den Schluß eines heitern Liedes, oder tändelst mit deinem Schmuck, deinen Blumen, ja, wenn ich dich überrasche, so stellst du dich, als ob du eben im linden Schlummer wärst, und lächelst, wie aus einem Traum heraus, mich an. Ich verstehe dich, ich erkenne den Adel deines Gemüts, das seinen Kummer vor mir zu verbergen sucht, weil ich ihn nicht teilen soll, aber du irrst, wenn du glaubst, daß ich zu täuschen sei, du wirst von Tag zu Tag bleicher, dein Auge strahlt in einem seltsamen Glanz, der mich erschreckt, deine Jugendblüte welkt. Was ist dir?

KÖNIG. Sieh nicht vor dich nieder, Tochter, sieh deiner Mutter ins Angesicht, und dein Herz wird sich in Vertrauen lösen. Und wenn deines Vaters, wenn eines Mannes Gegenwart dich ängstigt, so sprich nur ein Wort, und ich ziehe mich zurück.[246]

PRINZESSIN. O meine Teuersten, diese Teilnahme, diese Güte rührt und beschämt mich, aber warum mich zum Reden zwingen! Ja, ich gestehs, ich habe in die Zukunft einen schaudernden Blick getan, ich habe das Notwendige, das Unabänderliche erkannt, und dies Bewußtsein des Kommenden zehrt, wie ein Brand, an meinem Innersten. Aber soll ich mit diesem Brand die Welt meiner Liebsten und Nächsten, die sich still in schönem Frieden um mich herum bewegt, entzünden, soll ich gleich jenen bacchantischen Weissagerinnen des Altertums die Lust des heutigen Tags ersticken, ohne doch das Schicksal des morgenden abwenden zu können; soll ich ihn nicht vielmehr tief in meine Seele verschließen? Dränge sich denn in den finstern Kreis, der sich um mich herum gezogen, der mich geheimnisvoll von der Welt, von Euch, von allem, was ich liebte und verehrte, abgeschieden hat, so daß mir schon zuweilen ist, als könnte Euch mein Auge nicht mehr erkennen, meine Hand nicht mehr erreichen, keiner hinein; wir alle sind Opfer, o Gott, ich weiß es ja, aber vielleicht bin ich das einzige, welches dazu verdammt wurde, den Todesstreich schon zu fühlen, bevor er noch trifft!

KÖNIGIN. Tochter!

KÖNIG. Sie träumt! Forschen wir nicht weiter, und suchen wir nach und nach aus Andeutungen, die ihr unbewußt entfallen, zu erfahren, was ihr Gemüt so wunderbar bewegt. Wer den Menschen zwingt, unter sich selbst hinabzuschauen und das schmale Fundament seines Daseins ins Auge zu fassen, um Rechenschaft davon zu geben, kann ihn für ewig verwirren. Sie ist, wie ein nur halb gebornes Wesen, das alle Zuckungen der Natur noch mitfühlt, das sich vor dem Licht der Sterne öffnet, und vor dem der Sonne verschließt. War sie doch schon als Kind nur nachts in ihrem Schlummer rot und blühend und bei Tage farblos und blaß.

KÖNIGIN. Ach ja, und ihr Schlaf, ihr tiefer, tiefer Totenschlaf! Oft habe ich sie mit einem zitternden Kuß geweckt, weil ich zweifelte, ob sie noch lebe.

KÖNIG. Und hielten wir sie nicht lange für stumm, weil sie all ihr Denken und Wollen, bis in ihr drittes, viertes Jahr hinein, nur durch Blicke, durch Mienen und Gebärden ausdrückte?[247]

KÖNIGIN. Aber als ich mich einmal, von Schmerz überwältigt, über die Spielende hinbeugte und unter heißen Tränen ausrief: o Kind, wie unglücklich bin ich, daß du nicht sprechen kannst! wie hängte sie sich da schmeichelnd an meinen Hals und sagte mit einer Glockenstimme: ich kann ja! ich kann ja!

KÖNIG. Darum wollen wir uns auch jetzt beruhigen. Sie geriet noch, solange sie lebt, aus einer phantastischen Region in die andere hinein, es scheint, als ob die Grenze zwischen den wirklichen und den eingebildeten Dingen für sie nicht da ist, aber sie wird aufhören, zu träumen, sobald sie Pflichten zu erfüllen hat, und es ist ein Glück, daß die Bewerbung des Prinzen gerade jetzt kommt. Er wird schon mit Ungeduld harren. Prinzessin!

KÖNIGIN. Verschonen wir sie nicht noch?

KÖNIG. Mit allem, nur nicht mit der Arznei! Zur Prinzessin. Der Prinz wünscht, Ihnen seine Aufwartung zu machen.

PRINZESSIN. Mir, mein Vater? Ich – ich bin aber krank!

KÖNIGIN. Deine Stunde schlägt, mein Kind!

PRINZESSIN. Wie, Mutter, versteh ich?

KÖNIGIN. Du trittst in wenig Tagen in dein funfzehntes Jahr!

PRINZESSIN. Und – O, Mutter, das hättest du mir auch wohl – – Doch nein, vergib, ich hab unrecht mit diesem Vorwurf, ich habe dich nur nicht verstanden, als du neulich – Sie bricht ab; nach einer Pause fest und entschieden. Der Prinz mag kommen!

KÖNIG gibt einen Befehl, ein Kavalier geht ab, gleich darauf treten der Prinz und der Graf ein.

KÖNIG. Prinzessin, Ihr Bräutigam! Prinz, Ihre Braut!

PRINZ. Welche himmlische Schönheit! Zum Grafen. Nein, Graf, das Gemälde, das Sie mir überbrachten, ließ mich viel erwarten, aber wie tief blieb meine Erwartung unter der Erfüllung! Der Maler verdient keinen Lohn! Und doch! Doch! Für seine Kühnheit! Zu der Prinzessin. Wenn ich vor so viel Zauber und Liebreiz zu verstummen scheine, so ist es nur, weil ich durch den vollen Ausdruck meines Gefühls zu verletzen fürchte, und weil mir doch nur die Wahl bleibt, ob ich ganz schweigen, oder mein Gefühl ganz aussprechen will!

PRINZESSIN sich hoch aufrichtend. Prinz, haben Sie den Mut, sich einer Sterbenden zu vermählen? Wollen Sie den Tod, der sich mit Rosen bekränzt hat, in die Arme schließen?[248]

KÖNIGIN. Welch ein Wort!

PRINZESSIN. Der entscheidende Moment ist da, ich darf es nicht länger verbergen! Zum König. Sie, mein Vater, legten den verhängnisvollen Diamant, an den sich das Schicksal unsers Hauses knüpft, in meine Hände –

KÖNIG. Weil ihn von jeher die älteste Prinzessin bewahrte!

PRINZESSIN. Ich habe ihn nicht mehr!

KÖNIG erschüttert. Unglückli – Sich beherrschend. Er wird sich wieder finden!

PRINZESSIN. Nie, o nie, der Geist, der ihn dem Ersten unsres Stammes gab, hat ihn von der Letzten, denn das bin ich, selbst zurück gefodert!

KÖNIG für sich. Ist, was ich schon oft befürchtete, eingetroffen? Ist sie wahnsinnig geworden? Zum Prinzen. Mein Prinz, die Prinzessin scheint krank zu sein, oder vielmehr, sie scheint sich von ihrer Krankheit noch nicht so weit erholt zu haben, als ihre Mutter glaubte. Eine andere Stunde –

PRINZ. Ich bin unendlich betrübt! Will abgehen.

PRINZESSIN. Nein, Prinz, bleiben Sie! Es ist mir von hohem Wert, daß auch Sie vernehmen, was ich zu verkünden habe. Sie, mein Vater, haben mir die Sage von dem Diamanten, an demselben Tage, wo Sie mir den edlen Stein übergaben, mitgeteilt und unauslöschlich hat sie sich mir eingeprägt. Dennoch mögte ich Sie um die Gnade bitten, sie zu wiederholen, damit sie alle sich überzeugen, wie genau jeder Umstand mit dem, was ich erlebte, übereinstimmt!

KÖNIG halb zum Prinzen gewendet. Ich weiß nicht, mein Prinz, wie weit Sie die Schwäche teilen oder begreifen, die, ich will es gestehen, auch mich auf einen Stein, an den sich viel Mystisches knüpft, einen höheren Wert legen läßt, als der Juwelier, der ihn abschätzt, billigen mag. Lächeln Sie, aber hören Sie! Als Kaiser Friedrich Barbarossa nach Italien zog, um das trotzige Mailand vom Erdkreis zu vertilgen, da hatte sich ihm auch der Stammherr unsers Geschlechts mit seinen Scharen angeschlossen. Wie Friedrich in Italien hauste, das hat die Geschichte nicht vergessen, der große Kaiser glaubte, daß nie zu wenig, immer zu viel Menschen auf Erden seien, er schonte nicht Land, noch Leute, in seiner Nähe verstummten Mitleid und[249] Barmherzigkeit, wie Kinder, die etwas Törigtes wollen, vor einem ernsten Blick. Einst, in der Dämmerung, ritt mein Ahn dem gewaltigen Kaiser zur Seite, Friedrich, mitteilender, wie sonst, ließ manchen Wink fallen, der wetterleuchtend die Gewitter der Zukunft verkündigte, mein Ahn sah in eine Welt voll Blut und Grausen hinein. Da trat auf einmal den beiden einsamen Reitern eine Jammergestalt in den Weg. Es war ein verstümmelter Soldat. Aus hohlen Augen blickend und statt der Hand den Stumpf des linken Armes erhebend, sah er den Kaiser an, mit der rechten Hand hielt er mühsam den Stab fest, auf den er sich stützte, weil das Bein ihm fehlte. Friedrich winkte ihm, auf die Seite zu gehen, aber der Soldat warf sich, statt zu gehorchen, quer vor die Pferde nieder. Friedrich ritt gelassen über ihn hinweg, und setzte das Gespräch fort, mein Ahn, schaudernd, nahm einen Umweg. Plötzlich stand die Gestalt wieder vor ihnen, aber verwandelt, riesig und wild; sie griff dem Kaiser in die Zügel und rief ihm ein Wort zu, dann wandte sie sich zu meinem Ahn und sprach: Du hast gezeigt, daß du ein Mensch geblieben bist, nimm diesen Diamanten zum Lohn! Solange er bei deinem Hause bleibt, ist das Glück dir und deinen Nachkommen treu; dem Letzten deines Stamms werde ich selbst ihn wieder abfodern. Der Kaiser, der erst still geworden war, lachte, als er sah, daß mein Ahn den Stein einsteckte. Zu Euch – rief er – hat der Prophet deutlich gesprochen, uns hat er bloß ein unverständliches Wort zugeraunt, das Wort Kalykidnos! Es ist der Name deines letzten Feindes! sprach die Gestalt und verschwand. Sie lächeln nicht, Prinz? Fällt Ihnen ein, daß Kaiser Friedrich im Bach Kalykidnos ertrunken ist.

PRINZESSIN. Nun hören Sie mich, mein Vater! Schon in jener Stunde, wo Sie mir dies alles mitteilten und wo ich den geheimnisvollen Stein zum ersten Mal berührte, ging mir, wie von ihm ausströmend, ein Todesschauer durch die Seele, und jeder Blutstropfe, gefrierend und langsamer dahin rollend, ließ mich fühlen: Du bist die Letzte deines Stamms! Mir war, als ob er mein Leben, mein Blut, einsöge, ich verbarg ihn auf meiner Brust und dachte: er wird rot aussehen, wenn du ihn wieder hervorziehst! Wie oft sah ich seitdem im Traum die[250] Gestalt vor mir stehen, die das Pfand des Glücks stumm und ernst zurück foderte. Vor vierzehn Tagen saß ich allein, ohne meine Frauen, in einer Gartenlaube, ich hielt den Diamant in der Hand, die Sonne sank, er funkelte, wie ein Auge, in ihrem verdämmernden Scheidestrahl. Ich betrachtete ihn lange und dachte an den Geist; als ich aufsah, stand der Geist vor mir!

KÖNIG. Der Geist?

PRINZESSIN. Ganz, wie Sie ihn beschrieben, wie ihn der Ahnherr sah. Ein Verstümmelter, ohne Bein, aus hohlen Augen blickend, kein Wort, keinen Laut von sich gebend, eine Grauengestalt, nicht tot, nicht lebendig. Stumm, wie er vor mir stand, von Entsetzen überwältigt, warf ich ihm den Diamant zu, bewußtlos, als hätt ich ihm mein Leben selbst hingeworfen, sank ich zurück, und als ich wieder erwachte, war er spurlos verschwunden. Aber seit jenem Abend ist mir zumut, als wär ich eigentlich schon tot, und das weiß ich, daß ich es bald, sehr bald sein werde. Denn wer sah einen Boten aus jener Welt, und mußte ihm nicht folgen! Mutter –


Sie wird ohnmächtig, die Königin empfängt sie in ihren Armen.


KÖNIG für sich. Wäre das mehr, als Traum und Einbildung? Die Krone schwankt auf meinem Haupt, wenn ichs nur denke. Nein, es ist keine Wahrheit, es soll keine sein! Laut. Hier ist ein ungeheurer Betrug gespielt worden, ein höchst strafbarer, den wir aber, um den Diamant nur wieder zu bekommen, auf sich beruhen lassen müssen. Er sinnt; dann plötzlich. So seis! Das letzte und äußerste Mittel sei das erste, das in diesem dringenden Fall ergriffen wird. Gegen die Kavaliere. Es werde sogleich bekannt gemacht, daß ich den Stein einem jeden, der ihn bringt, mit einer halben Million bezahlen, und das Verbrechen, wodurch er ihn erlangt haben mag, gar nicht ahnden, ja nicht einmal darnach forschen will!


Ab mit Gefolge.


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 1, München 1963, S. 246-251.
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