Dritte Szene

[249] GÖTELINDE.

Tritt her zu mir, Gudrun, was zögerst du?

So edlen Gästen dürfen wir uns nicht

Gleichgültig zeigen.

GUDRUN tritt gleichfalls ans Fenster.

Mutter, sieh doch den,

Den Blassen mit den hohlen Toten-Augen,

Der hats gewiß getan.

GÖTELINDE.

Was denn getan?

GUDRUN.

Die arme Königin! Sie war doch gar

Nicht lustig auf der Hochzeit.

GÖTELINDE.

Was verstehst

Denn du davon? Du bist ja eingeschlafen,

Bevor sies werden konnte.

GUDRUN.

Eingeschlafen!

Ich schlief in Wien nicht einmal ein, so jung

Ich damals auch noch war! – So saß sie da,

Den Kopf gestützt, als dächte sie an alles,

Nur nicht an uns, und wenn Herr Etzel sie

Berührte, zuckte sie, wie ich wohl zucke,

Wenn eine Schlange uns zu nahe kommt.

GÖTELINDE.

Pfui, pfui, Gudrun!

GUDRUN.

Du kannst mirs sicher glauben,

Ihr habts nur nicht bemerkt. Du lobst mein Auge

Doch sonst –

GÖTELINDE.

Wenns Nadeln aufzuheben gibt.

GUDRUN.

Der Vater nennt mich seinen Haus-Kalender –

GÖTELINDE.

Es soll nicht mehr geschehn, du wirst zu keck.

GUDRUN.

So war sie lustig?

GÖTELINDE.

Wie's der Witwe ziemt!

Nichts mehr davon!


Sie tritt vom Fenster zurück.[249]


GUDRUN.

Es fiel mir ja nur ein,

Als ich –


Schreit auf.


Da ist er!


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 2, München 1963, S. 249-250.
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