Dritte Szene

[278] Kriemhild mit Gefolge steigt herunter. Fackeln.


HAGEN.

Wer naht sich da?

VOLKER.

Es ist die Fürstin selbst.

Geht die so spät zu Bett? Komm, stehn wir auf!

HAGEN.

Was fällt dir ein? Nein, nein, wir bleiben sitzen.

VOLKER.

Das brächt uns wenig Ehre ein, denn sie ist

Ein edles Weib und eine Königin.

HAGEN.

Sie würde denken, daß wir uns aus Furcht,

Erhöben. Balmung, tu nicht so verschämt!


Legt den Balmung übers Knie.


Dein Auge funkelt dräuend durch die Nacht,

Wie der Komet. Ein prächtiger Rubin!

So rot, als hätt er alles Blut getrunken,

Das je vergossen ward mit diesem Stahl.

KRIEMHILD.

Da sitzt der Mörder![278]

HAGEN.

Wessen Mörder, Frau?

KRIEMHILD.

Der Mörder meines Gatten.

HAGEN.

Weckt sie auf.

Sie geht im Traum herum. Dein Gatte lebt,

Ich habe noch zur Nacht mit ihm gezecht

Und stehe dir mit diesem guten Schwert

Für seine Sicherheit.

KRIEMHILD.

O pfui! Er weiß

Recht wohl, von wem ich sprach, und stellt sich an,

Als wüßt ers nicht.

HAGEN.

Du sprachst von deinem Gatten,

Und das ist Etzel, dessen Gast ich bin.

Doch, es ist wahr, du hast den zweiten schon,

Denkst du in seinem Arm noch an den ersten?

Nun freilich, diesen schlug ich tot.

KRIEMHILD.

Ihr hört!

HAGEN.

War das hier unbekannt? Ich kanns erzählen,

Der Spielmann streicht die Fiedel wohl dazu! –


Als ob er singen wollte.


Im Odenwald, da springt ein muntrer Quell –

KRIEMHILD zu den Heunen.

Nun tut, was euch gefällt. Ich frag nicht mehr,

Ob ihrs zu Ende bringt.

HAGEN.

Zu Bett! Zu Bett!

Du hast jetzt andre Pflichten.

KRIEMHILD.

Deinen Hohn,

Erstick ich gleich in deinem schwarzen Blut:

Auf, Etzels Würger, auf, und zeigt es ihm,

Warum ich in das zweite Ehbett stieg.

HAGEN steht auf.

So gilts hier wirklich Mord und Überfall?

Auch gut!


Klopft an den Panzer.


Das Eisen kühlt schon allzu stark,

Und nichts vertreibt den Frost so bald, wie dies.


Zieht den Balmung.


Heran! Ich seh der Köpfe mehr, als Rümpfe!

Was drückt ihr euch da hinten so herum?

Der Helme Glanz verriet euch längst.


[279] Legt aus.


Sie fliehn!

Noch ist Herr Etzel nicht dabei! – Zu Bett!

KRIEMHILD.

Pfui! Seid ihr Männer?

HAGEN.

Nein, ein Haufen Sand,

Der freilich Stadt und Land verschütten kann,

Doch nur, wenn ihn der Wind ins Fliegen bringt.

KRIEMHILD.

Habt ihr die Welt erobert?

HAGEN.

Durch die Zahl!

Die Million ist eine Macht, doch bleibt

Das Körnchen, was es ist!

KRIEMHILD.

Hört ihr das an

Und rächt euch nicht?

HAGEN.

Nur zu! Brauch deinen Hauch,

Ich blase mit hinein!


Zu den Heunen.


Kriecht auf dem Bauch

Heran und klammert euch an unsre Beine,

Wie ihrs in euren Schlachten machen sollt.

Wenn wir ins Stolpern und ins Straucheln kommen

Und durch den Purzelbaum zugrunde gehn,

Um Hülfe schrein wir nicht, das schwör ich euch!

KRIEMHILD.

Wenn ihr nur wen'ge seid, so braucht ihr auch

Mit wen'gen nur zu teilen!

HAGEN.

Und der Hort

Ist reich genug und käm die ganze Welt.

Ja, er vermehrt sich selbst, es ist ein Ring

Dabei, der immer neues Gold erzeugt,

Wenn man – Doch nein! Noch nicht!


Zu Kriemhild.


Das hast auch du

Vielleicht noch nicht gewußt? Ihr könnt mirs glauben,

Ich habs erprobt und teile das Geheimnis

Dem mit, der mich erschlägt! Es mangelt nur

Der Zauberstab, der Tote wecken kann!


Zu Kriemhild.


Du siehst, es hilft uns allen beiden nichts,

Wir können diesen spröden Sand nicht ballen,[280]

Drum stehn wir ab.


Setzt sich nieder.


KRIEMHILD zu Werbel.

Ist das der Mut?

WERBEL.

Es wird.

Schon anders werden.

VOLKER mit dem Finger deutend.

Eine zweite Schar!

Die Rüstung blitzt im ersten Morgenlicht,

Und abermals ein Geiger, der sie führt.

Hab Dank, Kriemhild, man siehts an der Musik,

Zu welchem Tanz du uns geladen hast.

KRIEMHILD.

Was siehst du? Wenn der Zorn mich übermannte,

So tragt ihr selbst durch euren Hohn die Schuld,

Und wenn der Gast nicht schläft, so wird doch auch

Wohl für den Wirt das Wachen rätlich sein.

HAGEN lacht.

Schickt Etzel die?

KRIEMHILD.

Nein, Hund, ich tat es selbst,

Und sei gewiß, du wirst mir nicht entkommen,

Wenn du auch noch die nächste Sonne siehst.

Ich will zurück in meines Siegfrieds Gruft,

Doch muß ich mir das Totenhemd erst färben,

Und das kann nur in deinem Blut geschehn.

HAGEN.

So ist es recht! Was heucheln wir, Kriemhild?

Wir kennen uns. Doch merke dir auch dies:

Gleich auf das erste Meisterstück des Hirsches,

Dem Jäger zu entrinnen, folgt das zweite,

Ihn ins Verderben mit hinab zu ziehn,

Und eins von beiden glückt uns sicherlich!


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 2, München 1963, S. 278-281.
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