Vierte Szene

[281] Gunther im Nachtgewand; Giselher, Gerenot usw. folgen.


GUNTHER.

Was gibt es hier?

KRIEMHILD.

Die alte Klägerin!

Ich rufe Klage über Hagen Tronje

Und fordre jetzt zum letzten Mal Gericht.

GUNTHER.

Du willst Gericht und pochst in Waffen an?

KRIEMHILD.

Ich will, daß ihr im Ring zusammentretet,[281]

Und daß ihr schwört, nach Recht und Pflicht zu sprechen,

Und daß ihr sprecht und euren Spruch vollzieht.

GUNTHER.

Das weigre ich.

KRIEMHILD.

So gib den Mann heraus!

GUNTHER.

Das tu ich nicht.

KRIEMHILD.

So gilt es denn Gewalt.

Doch nein, erst frag ich um. Mein Giselher

Und Gerenot, ihr habt die Hände rein,

Ihr dürft sie ruhig an den Mörder legen,

Euch kann er der Genossenschaft nicht zeihn!

So tretet ihr denn frei von ihm zurück

Und überlaßt ihn mir! – Wer zu ihm steht,

Der tuts auf seine eigene Gefahr.

GERENOT UND GISELHER treten Hagen mit gezogenen Schwertern zur Seite.

KRIEMHILD.

Wie? In den Wald seid ihr nicht mitgeritten

Und habt die Tat verdammt, als sie geschah,

Jetzt wollt ihr sie verteidigen?

GUNTHER.

Sein Los

Ist unsres!

KRIEMHILD.

Doch!

GISELHER.

O, Schwester, halte ein,

Wir können ja nicht anders.

KRIEMHILD.

Kann denn ich?

GISELHER.

Was hindert dich? Wir häuften ewge Schmach

Auf unser Haupt, wenn wir den Mann verließen,

Der uns in Not und Tod zur Seite stand.

KRIEMHILD.

Das habt ihr längst getan! Ihr seid mit Schmach

Bedeckt, wie niemals noch ein Heldenstamm.

Ich aber will euch an die Quelle führen,

Wo ihr euch waschen könnt.


Stößt Hagen vor die Brust.


Hier sprudelt sie.

HAGEN zu Gunther.

Nun?

GUNTHER.

Ja, du hättst zu Hause bleiben sollen,

Doch, das ist jetzt gleichviel.

KRIEMHILD.

Ihr habt die Treue

Gebrochen, als es höchste Tugend war,

Nicht einen Finger breit von ihr zu wanken,[282]

Wollt ihr sie halten, nun es Schande ist?

Nicht die Verschwägrung und das nahe Blut,

Nicht Waffenbrüderschaft, noch Dankbarkeit

Für Rettung aus dem sichren Untergang,

Nichts regte sich für ihn in eurer Brust,

Er ward geschlachtet, wie ein wildes Tier,

Und wer nicht half, der schwieg doch, statt zu warnen

Und Widerstand zu leisten –


Zu Giselher.


Du sogar!

Fällt alles das, was nicht ein Sandkorn wog,

Als es Erbarmen mit dem Helden galt,

Auf einmal, wie die Erde, ins Gewicht,

Nun seine Witwe um den Mörder klopft?


Zu Gunther.


Dann siegelst du die Tat zum zweiten Mal

Und bist nicht mehr durch Jugend halb entschuldigt,


Zu Giselher und Gerenot.


Ihr aber tretet bei und haftet mit.

HAGEN.

Vergiß dich selbst und deinen Teil nicht ganz!

Du trägst die größte Schuld.

KRIEMHILD.

Ich!

HAGEN.

Du! Ja, du!

Ich liebte Siegfried nicht, das ist gewiß,

Er hätt mich auch wohl nicht geliebt, wenn ich

Erschienen wäre in den Niederlanden,

Wie er in Worms bei uns, mit einer Hand,

Die alle unsre Ehren spielend pflückte,

Und einem Blick, der sprach: Ich mag sie nicht!

Trag einen Strauß, in dem das kleinste Blatt

An Todeswunden mahnt, und der dich mehr

Des Blutes kostet, als dein ganzer Leib

Auf einmal in sich faßt, und laß ihn dir

Nicht bloß entreißen, nein, mit Füßen treten,

Dann küsse deinen Feind, wenn dus vermagst.

Doch dieses auf dein Haupt! Ich hätts verschluckt,

Das schwör ich dir bei meines Königs Leben,

So tief der Groll mir auch im Herzen saß.[283]

Da aber kam der scharfe Zungenkampf,

Er stand, du selbst verrietst es uns im Zorn,

Auf einmal eid- und pflichtvergessen da,

Und hätt Herr Gunther ihm vergeben wollen,

So hätt er auch sein edles Weib verdammt.

Ich leugne nicht, daß ich den Todesspeer

Mit Freuden warf, und freue mich noch jetzt,

Doch deine Hand hat mir ihn dargereicht,

Drum büße selbst, wenn hier zu büßen ist.

KRIEMHILD.

Und büß ich nicht? Was könnte dir geschehn,

Das auch nur halb an meine Qualen reichte?

Sieh diese Krone an und frage dich!

Sie mahnt an ein Vermählungsfest, wie keins

Auf dieser Erde noch gefeiert ward,

An Schauderküsse, zwischen Tod und Leben

Gewechselt in der fürchterlichsten Nacht,

Und an ein Kind, das ich nicht lieben kann!

Doch meine Hochzeitsfreuden kommen jetzt,

Wie ich gelitten habe, will ich schwelgen,

Ich schenke nichts, die Kosten sind bezahlt.

Und müßt ich hundert Brüder nieder hauen,

Um mir den Weg zu deinem Haupt zu bahnen,

So würd ichs tun, damit die Welt erfahre,

Daß ich die Treue nur um Treue brach.


Ab.


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 2, München 1963, S. 281-284.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die Nibelungen
Die Nibelungen
Dramen (Judith - Maria Magdalena - Gyges und sein Ring - Die Nibelungen)
Agnes Bernauer - Die Nibelungen - Deutsche Klassiker Bibliothek der literarischen Meisterwerke

Buchempfehlung

Anonym

Die Geheimlehre des Veda. Ausgewählte Texte der Upanishaden. Indische Philosophie Band 5

Die Geheimlehre des Veda. Ausgewählte Texte der Upanishaden. Indische Philosophie Band 5

Die ältesten Texte der indischen Literatur aus dem zweiten bis siebten vorchristlichen Jahrhundert erregten großes Aufsehen als sie 1879 von Paul Deussen ins Deutsche übersetzt erschienen.

158 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon