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Mimi

[229] »Bin kein sittsam Bürgerkätzchen,

Nicht im frommen Stübchen spinn ich.

Auf dem Dach, in freier Luft,

Eine freie Katze bin ich.


Wenn ich sommernächtlich schwärme,

Auf dem Dache, in der Kühle,

Schnurrt und knurrt in mir Musik,

Und ich singe, was ich fühle.«


[230] Also spricht sie. Aus dem Busen

Wilde Brautgesänge quellen,

Und der Wohllaut lockt herbei

Alle Katerjunggesellen.


Alle Katerjunggesellen,

Schnurrend, knurrend, alle kommen,

Mit Mimi zu musizieren,

Liebelechzend, lustentglommen.


Das sind keine Virtuosen,

Die entweiht jemals für Lohngunst

Die Musik, sie blieben stets

Die Apostel heil'ger Tonkunst.


Brauchen keine Instrumente,

Sie sind selber Bratsch' und Flöte;

Eine Pauke ist ihr Bauch,

Ihre Nasen sind Trompeten.


Sie erheben ihre Stimmen

Zum Konzert gemeinsam jetzo;

Das sind Fugen, wie von Bach

Oder Guido von Arezzo.


Das sind tolle Symphonien,

Wie Kapricen von Beethoven

Oder Berlioz, der wird

Schnurrend, knurrend übertroffen.


Wunderbare Macht der Töne!

Zauberklänge sondergleichen!

Sie erschüttern selbst den Himmel,

Und die Sterne dort erbleichen.


[231] Wenn sie hört die Zauberklänge,

Wenn sie hört die Wundertöne,

So verhüllt ihr Angesicht

Mit dem Wolkenflor Selene.


Nur das Lästermaul, die alte

Primadonna Philomele

Rümpft die Nase, schnupft und schmäht

Mimis Singen – kalte Seele!


Doch gleichviel! Das musizieret,

Trotz dem Neide der Signora,

Bis am Horizont erscheint

Rosig lächelnd Fee Aurora.


Quelle:
Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 2, Berlin und Weimar 21972, S. 229-231.
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