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Leib und Seele

[197] Die arme Seele spricht zum Leibe:

»Ich laß nicht ab von dir, ich bleibe

Bei dir – ich will mit dir versinken

In Tod und Nacht, Vernichtung trinken!

Du warst ja stets mein zweites Ich,

Das liebevoll umschlungen mich,

Als wie ein Festkleid von Satin,

Gefüttert weich mit Hermelin –

Weh mir! jetzt soll ich gleichsam nackt,

Ganz ohne Körper, ganz abstrakt,

Hinlungern als ein sel'ges Nichts

Dort oben in dem Reich des Lichts,

In jenen kalten Himmelshallen,

Wo schweigend die Ewigkeiten wallen

Und mich angähnen – sie klappern dabei

Langweilig mit ihren Pantoffeln von Blei.

Oh, das ist grauenhaft; o bleib,

Bleib bei mir, du geliebter Leib!«


Der Leib zur armen Seele spricht:

»O tröste dich und gräm dich nicht!

Ertragen müssen wir in Frieden,

Was uns vom Schicksal ward beschieden.

Ich war der Lampe Docht, ich muß

Verbrennen, du, der Spiritus,

Wirst droben auserlesen sein,

Zu leuchten als ein Sternelein

Vom reinsten Glanz – Ich bin nur Plunder,

Materie nur, wie morscher Zunder,

Zusammensinkend, und ich werde,

Was ich gewesen, eitel Erde.

Nun lebe wohl und tröste dich!
[197]

Vielleicht auch amüsiert man sich

Im Himmel besser, als du meinst.

Siehst du den großen Bären einst

(Nicht Meyer-Bär) im Sternensaal,

Grüß ihn von mir vieltausendmal!«


Quelle:
Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 2, Berlin und Weimar 21972, S. 197-198.
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