31.

[228] »Mondscheintrunkne Lindenblüten,

Sie ergießen ihre Düfte,

Und von Nachtigallenliedern

Sind erfüllet Laub und Lüfte.


Lieblich läßt es sich, Geliebter,

Unter dieser Linde sitzen,

Wenn die goldnen Mondeslichter

Durch des Baumes Blätter blitzen.


Sieh dies Lindenblatt! du wirst es

Wie ein Herz gestaltet finden;

Darum sitzen die Verliebten

Auch am liebsten unter Linden.


[229] Doch du lächelst; wie verloren

In entfernten Sehnsuchtträumen –

Sprich, Geliebter, welche Wünsche

Dir im lieben Herzen keimen?«


Ach, ich will es dir, Geliebte,

Gern bekennen, ach, ich möchte,

Daß ein kalter Nordwind plötzlich

Weißes Schneegestöber brächte;


Und daß wir, mit Pelz bedecket

Und im buntgeschmückten Schlitten,

Schellenklingelnd, peitschenknallend,

Über Fluß und Fluren glitten.


Quelle:
Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 1, Berlin und Weimar 21972, S. 228-229.
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