Caput II

[352] Daß ein schwarzer Freiligräthscher

Mohrenfürst sehnsüchtig lospaukt

Auf das Fell der großen Trommel,

Bis es prasselnd laut entzweispringt:


Das ist wahrhaft trommelrührend

Und auch trommelfellerschütternd –

Aber denkt euch einen Bären,

Der sich von der Kette losreißt!


Die Musik und das Gelächter,

Sie verstummen, und mit Angstschrei

Stürzt vom Markte fort das Volk,

Und die Damen, sie erbleichen.


Ja, von seiner Sklavenfessel

Hat sich plötzlich losgerissen

Atta Troll. Mit wilden Sprüngen

Durch die engen Straßen rennend –


(Jeder macht ihm höflich Platz) –,

Klettert er hinauf die Felsen,

Schaut hinunter, wie verhöhnend,

Und verschwindet im Gebirge.


Auf dem leeren Marktplatz bleiben

Ganz allein die schwarze Mumma

Und der Bärenführer. Rasend

Schmeißt er seinen Hut zur Erde,


Trampelt drauf, er tritt mit Füßen

Die Madonnen! reißt die Decke

Sich vom scheußlich nackten Leib,

Flucht und jammert über Undank,
[352]

Über schwarzen Bärenundank!

Denn er habe Atta Troll

Stets wie einen Freund behandelt

Und im Tanzen unterrichtet.


Alles hab er ihm zu danken,

Selbst das Leben! Bot man doch

Ihm vergebens hundert Taler

Für die Haut des Atta Troll!


Auf die arme schwarze Mumma,

Die, ein Bild des stummen Grames,

Flehend, auf den Hintertatzen,

Vor dem Hocherzürnten stehnblieb,


Fällt des Hocherzürnten Wut

Endlich doppelt schwer, er schlägt sie,

Nennt sie Königin Christine,

Auch Frau Muñoz und Putana. – –


Das geschah an einem schönen,

Warmen Sommernachmittage,

Und die Nacht, die jenem Tage

Lieblich folgte, war süperbe.


Ich verbrachte fast die Hälfte

Jener Nacht auf dem Balkone.

Neben mir stand Juliette

Und betrachtete die Sterne.


Seufzend sprach sie: »Ach, die Sterne

Sind am schönsten in Paris,

Wenn sie dort, des Winterabends,

In dem Straßenkot sich spiegeln.«
[353]

Quelle:
Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 1, Berlin und Weimar 21972, S. 352-354.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Atta Troll
Gedichte Von Heinrich Heine, Vierter Band. Deutschland. Atta Troll
Atta Troll. Ein Sommernachtstraum
Atta Troll - Ein Sommernachtstraum Deutschland - Ein Wintermärchen
Sämtliche Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke. Düsseldorfer Ausgabe / Atta Troll Ein Sommernachtstraum. Deutschland Ein Wintermärchen
Neue Gedichte: Deutschland. Ein Wintermärchen. Atta Troll (insel taschenbuch)

Buchempfehlung

Pascal, Blaise

Gedanken über die Religion

Gedanken über die Religion

Als Blaise Pascal stirbt hinterlässt er rund 1000 ungeordnete Zettel, die er in den letzten Jahren vor seinem frühen Tode als Skizze für ein großes Werk zur Verteidigung des christlichen Glaubens angelegt hatte. In akribischer Feinarbeit wurde aus den nachgelassenen Fragmenten 1670 die sogenannte Port-Royal-Ausgabe, die 1710 erstmalig ins Deutsche übersetzt wurde. Diese Ausgabe folgt der Übersetzung von Karl Adolf Blech von 1840.

246 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon