Caput X

[459] Dicht hinter Hagen ward es Nacht,

Und ich fühlte in den Gedärmen

Ein seltsames Frösteln. Ich konnte mich erst

Zu Unna, im Wirtshaus, erwärmen.


Ein hübsches Mädchen fand ich dort,

Die schenkte mir freundlich den Punsch ein;

Wie gelbe Seide das Lockenhaar,

Die Augen sanft wie Mondschein.


Den lispelnd westfälischen Akzent

Vernahm ich mit Wollust wieder.

Viel süße Erinnerung dampfte der Punsch,

Ich dachte der lieben Brüder,


Der lieben Westfalen, womit ich so oft

In Göttingen getrunken,

Bis wir gerührt einander ans Herz

Und unter die Tische gesunken!
[459]

Ich habe sie immer so liebgehabt,

Die lieben, guten Westfalen,

Ein Volk, so fest, so sicher, so treu,

Ganz ohne Gleißen und Prahlen.


Wie standen sie prächtig auf der Mensur

Mit ihren Löwenherzen!

Es fielen so grade, so ehrlich gemeint,

Die Quarten und die Terzen.


Sie fechten gut, sie trinken gut,

Und wenn sie die Hand dir reichen

Zum Freundschaftsbündnis, dann weinen sie;

Sind sentimentale Eichen.


Der Himmel erhalte dich, wackres Volk,

Er segne deine Saaten,

Bewahre dich vor Krieg und Ruhm,

Vor Helden und Heldentaten.


Er schenke deinen Söhnen stets

Ein sehr gelindes Examen,

Und deine Töchter bringe er hübsch

Unter die Haube – Amen!

Quelle:
Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 1, Berlin und Weimar 21972, S. 459-460.
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