An die deutsche Nation

[116] Soll denn nun wirklich einem zu Gefallen, dem damit gedient ist, und ihnen zu Gefallen, die sich fürchten, das Menschengeschlecht herabgewürdigt werden und versinken, und soll keinem, dem sein Herz es gebietet, erlaubt sein, sie vor dem Verfall zu warnen?

Fichte.


Mein Ohr horcht auf: ist keiner heut

vom Volk der Dichter, der noch wagt,

Zu singen, wie der Geist gebeut,

zu sagen, was die Wahrheit sagt?

Mein Ohr horcht auf: ich harre bang

und irre durch die Nacht umher,

Verstummt ist deutscher Freiheit Sang,

die stolze Weise tönt nicht mehr.


Wie Froschgequak aus Sumpfgefild,

so schallt der satten Schmeichler Chor,

Geplärr um ein Gigantenbild,

so plappert es im dürren Rohr.

Wie Botokuden, bumbumbum,

mit Trommeln gröhlen dumpf und hohl,

So hüpft das Rudel rings herum

um sein vergöttertes Idol.
[117]

Recht wie ein Götz – das Volk sein Narr –

reckt sich der riesige Kürassier

Und glotzt verächtlich, maskenstarr

herunter auf das Sumpfgetier.

Es paukt und klappert, blökt und brüllt

der siegestolle Schwindelschwarm,

Vom Geist des Größenwahns erfüllt,

an Geistesgröße bettelarm.


Grell rasselt durch die Nacht der Lärm

im Lande Lessings, Schillers, Kants,

Mir wühlt der Ekel ins Gedärm,

mich packt die Scham des Vaterlands.

Germania, heiliger Mutterleib,

muß dich verachten, wer dich liebt?

Mein Antlitz kehr' ich von dem Weib,

das geilem Hochmut sich ergibt.


Mein Antlitz von der Mutter Schmach

heb' ich dem Bild der Ahnen zu,

Daß Keuschheit so in Scherben brach,

erschüttert meines Geistes Ruh.

Wie mich der Schande Sturm durchbraust!

An Goethe, Fichte hängt mein Blick.

»O deutsche Menschen!« Weh, die Faust

des Büttels saust mir ins Genick.
[118]

Entstellt zum Fetischkult die Kraft,

dein Stolz zu Windeis aufgebläht,

Entweiht zur hohlen Machenschaft

das Heiligtum der Majestät.

Versteint der selbstbewußte Sinn

zur dünkelhaften Schneidigkeit,

Dein scharf Gepräge gabst du hin

für platteste Geschmeidigkeit.


Einst glaubt' ich heiß, dein Ruhmesschild

sei blutige Staffel schöner Tat,

Nun seh ich wohl, dem Schlachtgefild

entsproßte keine Freiheitssaat.

Einst wähnt' ich treu, dein Kaiserthron

sei Sessel der Gerechtigkeit,

Nun seh ich wohl, der Traum ist Hohn,

und Kaiser herrschen, fremd der Zeit.


Sie treten nicht dem Wurm der Not

mit kühnem Retterschritt aufs Haupt,

Sie hassen Elends Aufgebot,

das nicht an Gottes Gnaden glaubt.

Sie streuen Goldkies feierlich

dem »Bruder« König oder Schah,

Sie küssen und umarmen sich:

Evviva re d'Italia!
[119]

Den Brüdern in dem Arbeitskleid

verschreiben sie ein Dreierbrot

Für Alter und Gebrechlichkeit,

vorzeitig rafft sie hin der Tod.

Das aber bist du selber schuld,

daß du dich haun läßt übers Ohr,

Deutschland, du Esel an Geduld,

wann raffst du endlich dich empor?


Wann schaffst du mutig dir die Macht,

wie sich für deutsches Volk gehört,

Die nicht mit eitel Phrasenpracht

dich wieder einlullt und betört?

Wann wählst du Männer, nicht gebückt

vor Götzen, reich an Wert und Zahl,

Die wissen, wo der Schuh dich drückt,

die halten hoch dein Ideal?


Die schöpfen aus des Lebens Born,

was zu des Landes Segen führt,

Und scheuen keines Kanzlers Zorn,

der Satan grad im Leibe spürt.

Die blanke Geistesschwerter ziehn

zum freiheitswürdigen Gefecht

Und nicht in blöder Andacht knien

vorm Büttel-, Blut- und Eisenrecht.
[120]

Die nicht mit Zaudern Floskeln drehn

und schließlich doch tun, was Man will,

Und mucksen sie, läßt Man sie gehn

und schickt sie schön in den April.

O deutsches Volk, wie lange noch,

wie lange noch der Kinderspott?

Du fürcht'st dich ja vor niemand doch,

vor niemand als dem lieben Gott!

Quelle:
Karl Henckell: Gesammelte Werke. Band 2: Buch des Kampfes, München 1921, S. 116-121.
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