Statistik

[152] »Zahlen regieren die Welt. –

Mindestens zeigen sie, wie die

Welt regiert wird.«

Goethe.


Scheu vom Nachtwind flackert der Lampe Schein,

Müde schwankt das rote Löschblatt nieder.

Meines Buches tote Ziffernreihn

Knicken wunderlich die hagern Glieder;

Riesenmassen schütteln Fleisch und Bein,

Millionen Zahlen zuckend schrein:

Dichter, weckt dein warmes Blut uns wieder?

Fühle, fühle deiner Zahlen Pein,

Unsrer Qualen hochgesummte Summen!

Wühle, wühle sie zum Hirn hinein,

Daß wir nimmer, nimmermehr verstummen!


Sieh die Linie, wie sie Zickzack steigt,

Hunger, Wahnsinn und Verbrechen zeigt!

Wandle sie, die dunklen Spuren!

Sei dem Geisterlumpentroß,

Dieben, Mördern, Säufern, Huren,

Spießgesell und Mordgenoß![153]

Wo der Fleischtopf üppig dampft,

Reibt die »Tugend« sich den Wanst,

Mägen, die der Hunger krampft,

Hält der Teufel schlau umschanzt.

Wie sie grinsen, meine Zahlen,

Nackt und spindeldürre hupfen,

Aus zerschossnen Idealen

Federn über Federn rupfen!

Sieh, nun reihen sich zwei Lager,

Hier die »Guten«, dort die »Schlechten«,

Meistens sind die »Sünder« mager,

Fett sind meistens die »Gerechten«.

Habe nie den Gott ergründet,

Der von »Schuld« und »Unschuld« weiß,

Besser scheint mir schon verkündet:

»Gott und der Getreidepreis.«

Und in toll und tollerm Ritte

Überschlagen sich die Laster,

Wuchert Reichtum, welkt die Sitte,

Hungersünden heilt kein Paster.

Wie die Branntweinfluten schwellen!

Wie die Brenner Satan grüßen!

Kahlgeschorene Gesellen

Müssen für uns alle büßen.

Kindesunschuld, wüst geschändet,

Wirbelt in der Hölle Strudel,[154]

Bürgerbauch stolziert verblendet

Wie ein wohl dressierter Pudel.

Ach, der gute, der honette Rentner,

Unbescholten, strahlt er weiß wie Schnee,

Trostlos schleppt der Strolch den Schicksalszentner,

Ehrlos frißt er in sich Wut und Weh.

»Arbeit! Arbeit!« Seine Faust, sie zittert,

Klirrend schmettert sie durchs Ladenfenster.

Gott Gesellschaft hält ihn gut vergittert,

Gott Gesellschaft kettet die Gespenster.

Gott Gesellschaft, Gott Jehova,

Sein Gebot dräut unerbittlich –

Lady Shocking auf dem Sofa

Gähnt gesetzlich, schämt sich sittlich.

Sittlich vornehm schlürft sie teuren Brändy,

Süß ins Mündchen quillt das feine Schläuchlein,

Suckelt hold ein Stückchen Zuckerkändy,

Legt sich schlummern auf ihr – shocking – Bäuchlein.


Aber fern den Lustpalästen,

Aus der Vorstadt finsterm Schoß,

Wo die Ratten auf den Resten

Schmutziger Not die Luft verpesten,

Ringt der Schrei der Scham sich los.

Wimmernd winden Millionen Zahlen

Schwer sich fort, ein Mammutsungeheuer,[155]

Plötzlich aus erloschnen Blicken strahlen

Der Erlösung Freiheitsfeuer.

Schwarz umrauscht es die Tribünen,

Gläubig lauscht's dem neuen Heil,

Das die kämpfenden, die kühnen

Führer mit dem Rettungsbeil

Rosig durch die Notnacht lichten –

Hell durchs Dickicht kracht der Keil,

Freude blüht den Gramgesichtern,

Die noch kauern scheu und schüchtern,

Wollen nimmermehr verzichten,

Leben leuchten Millionen Zahlen,

Glühend wallt's zu neuen Idealen.

Wie sie das Volksblatt vom Haken raffen!

Wie sie hohnlachend die Ziffern durchmessen!

»Zählt ihr den Überfluß, den wir schaffen,

Den sie aus Knochen und Mark uns pressen?

Zählt ihr des Geldpolypen Profite?

Zählt ihr den Eiweißgehalt unsrer Nahrung?

Ist das Gerechtigkeit? Ist das Sitte?

Ist das die christliche Offenbarung?

Zählt ihr die Kinder, die täglich sterben,

Kläglich aus gottserbärmlicher Not?

Zählt ihr die Frauen, die nächtlich verderben,

Preisgegeben ums liebe Brot?« – – – – –

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –[156]

Fee Statistik, die der Bonzen Muse

Mit dem keuschen Heuchelblick nicht nennt,

Milde Fee, versteinernde Meduse,

Dich verklärt, wer deine Kraft erkennt.

Schmerzstarr übergraun mich deine Züge,

Massenzahl verzehrten Menschenglücks –

Heil, Statistik, Heil! Du höhlst die Lüge,

Missest der Gerechtigkeit Gefüge,

Schön einst lenkst du Wogen des Geschicks.

Deiner Zahlarmeen Donnerzungen

Schmettern Wälle grauen Wahns zu Staub,

Um die Pfeiler, die dein Maß geschwungen,

Kränzt die Menschheit frisches Siegeslaub.

Götterlos, nach deinen Grundgesetzen,

Wie der Weltallsfreude Rhythmus schwillt!

Die Dreieinheitsrechnung fliegt in Fetzen,

Und des Denkers Sehnsucht wird gestillt ...

Zahlen, die das Ziel der Schönheit suchen,

Segnen laßt euch! – Laßt die Pinsel fluchen!

Quelle:
Karl Henckell: Gesammelte Werke. Band 2: Buch des Kampfes, München 1921, S. 152-157.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Klopstock, Friedrich Gottlieb

Hermanns Schlacht. Ein Bardiet für die Schaubühne

Hermanns Schlacht. Ein Bardiet für die Schaubühne

Von einem Felsgipfel im Teutoburger Wald im Jahre 9 n.Chr. beobachten Barden die entscheidende Schlacht, in der Arminius der Cheruskerfürst das römische Heer vernichtet. Klopstock schrieb dieses - für ihn bezeichnende - vaterländische Weihespiel in den Jahren 1766 und 1767 in Kopenhagen, wo ihm der dänische König eine Pension gewährt hatte.

76 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon