Walstatt

[268] 1889


Mit Riesenkraft muß ich mich stemmen,

Daß ich in wilden Streit nicht stürze,

Mit Willensbarrieren hemmen,

Daß ich mein Wesen nicht verkürze.

O schwere Not, sich rein zu bilden,

Daß schön die Symphonie erklingt,

So lang auf rauchenden Gefilden

Die Menschheit leidet, blutet, ringt!


Aus allen Höhlen losgelassen,

Mit weltverwüstenden Gewalten

Wälzen die ekelhaften Massen

Sich auf die sonnigen Gestalten.

Die Krone Gottes frech im Nacken,

Im Arm das Schwert der Barbarei,

Auf ihren zähen schwarzen Kracken

Antrappeln sie mit Geierschrei.
[269]

Ihr Mantelsack voll Anleihscheinen,

Den Lügenfusel in der Flasche,

Den Klassenhochmut in der einen,

Den Volkshaß in der andern Tasche,

Ein steppenrussisch angeeistes,

Ein heulend hunnisches Geschlecht,

Die Stützen der Gesellschaft heißt es,

Säbel und Knute heißt ihr Recht.


In ihren rohen Zügen zittert

Der tolle Rausch der Bluttriumphe,

Und tief in ihren Augen wittert

Der Wahnsinn schon, der schönheitsstumpfe.

Dem Gaul die Sporen in die Weichen!

Der Pöbel meutert? Masse murrt?

Nun denn! Auch über ihre Leichen

Gewalt des Goldes, der Geburt!


Vor ihrem freien Geisteslager,

Drauf hell der Wahrheit Wimpel wehen,

Die Stirn der Horde ihrer Plager

Hoch zugewandt, die Edlen stehen.

Sie schleudern keine Mordgeschosse,

Ein Buch, ein Werkzeug Wehr und Schild –

Trotz bieten sie dem Sklaventrosse,

Der sich heranwälzt meutewild.
[270]

Ein jähes Weh, ein schwerer Schrecken

Erschüttert mich bei diesem Bilde,

Ich seh zum Todeskampf sich strecken

Das Recht, die Menschlichkeit, die Milde.

Die aufgebrachten Heunen rasen

Mit Koppeln auf die Opfer ein,

Die Hörner des Entsetzens blasen,

Und schluchzend sterben die Schalmein.

Quelle:
Karl Henckell: Gesammelte Werke. Band 2: Buch des Kampfes, München 1921, S. 268-271.
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