Weihnacht

[233] Ein Dreiklang


1.

Weihnacht, wunderbares Land,

Wo die grünen Tannen,

Sternenflimmernd rings entbrannt,

Jeden Pilger bannen!


Glücklich kindlicher Gesang

Schwebt um heilige Hügel,

Schwebt der Heimat Welt entlang,

Sehnsucht seine Flügel.


Friedestarken Geistes Macht

Sehnt sich, zu verbünden,

Über aller Niedertracht

Muß ein Licht sich zünden.


Lebens immergrüner Baum

Trägt der Liebe Krone –

Und ein milder Sternentraum

Küßt die starrste Zone.


2.

Es klingt ein Lied aus alter Zeit

Wie Sternentraum so rein,

Von eines Kindleins Herrlichkeit

Und schlichter Hütte hellem Schein.
[234]

In eine Nacht von Wahn gebar,

Als sich die Zeit erfüllt,

Das Weib den Menschensohn, der klar

Den Widersinn der Welt enthüllt.


Sein Auge war so himmelstief,

Durchstrahlte Trug und List:

Der Lichtheld wuchs, sein Schicksal rief,

Am Kreuze hing der erste Christ.


Noch immer hängt der Mensch am Kreuz,

Noch immer jammern Fraun,

Dem Glockenklang des Weihgeläuts

Mischt sich des Wahnsinns Weh und Graun.


Der Geist, der stark mit Feuer tauft,

Wird immer noch geschmäht,

Noch wird verraten und verkauft,

Wer Saat der kühnen Liebe sät.


Noch sind so viele Augen blind,

Herrscht ungerecht Gericht –

Doch wieder ward die Wahrheit Kind,

Und langsam, langsam wächst ihr Licht.


3.

Der Wanderer geht durch die weite Nacht,

Sein Sinn ist offen, sein Auge wacht.

Er lauscht in das schwangere Schweigen –

Die Sterne ziehen den Reigen.
[235]

Sie ziehen den Reigen vieltausend Jahr,

Die Welt ist dunkel, ihr Licht bleibt klar,

Sie sehen aus silbernen Höhen

Der Erde zuckende Wehen.


Der Wanderer horcht dem sausenden Sang

Frostblinkender Drähte meilenlang,

Sie singen von Sehnsucht und Hassen

Ringender Menschenmassen.


Sie singen von rastloser Forscher Mühn,

Von Geisterflammen, die läuternd glühn,

Von Krieg, Hosianna und Grausen

Heimlich sie singen und sausen.


Der Wanderer schaut ob Unglück und Glück

Auf seinen einsamen Pfad zurück.

Dann weilt auch der Hüter der Erde

Am nächsten feiernden Herde.


Er hebt ein Kindlein traut auf den Arm –

Wie wird der Atem der Welt ihm warm! –

Und rastet beim Lichterbaume,

Lächelnd wie tief im Traume ...

Quelle:
Karl Henckell: Gesammelte Werke. Band 1: Buch des Lebens, München 1921, S. 233-236.
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