»Troupe internationale«

[34] Mit der seidenschwarzen Flügelhaube,

Mit dem offenherzigen Purpurmieder,

Eine adlerhafte Turteltaube,

Singt sie zündende Revanchelieder.

Schluchzend Klagen dringen,

Wie sie wühlend klingen!

Jauchzend wogt's zum Schluß,

Und sie wächst beim Singen,

Wächst zum Rachegenius.

Voll begleitende Akkorde

Wogen noch eine Weile hin ...

Gorgo dräut unversöhnt,

»Bis, bis!« und »Bravo« dröhnt

Der hochstämmigen Elsässerin. –

Keck auf das Podium hüpft, die noch eben[34]

Still memoriert,

Kaum aus dem Kind geschlüpft, aber das Leben

Längst schon probiert;

Die vollendet blühenden Beine

Gibt das flatternde Röckchen frei,

Rezitativisch quiekst die Kleine

Ihre geriebene Pariserei. –

Jetzt die Graziöse wiegt den Kopf

Und lächelt links und rechts

Mit wundervollem, blondem Zopf

Dickmaschigen Geflechts.

Sie trägt ein russisch Rosakleid

Mit schweren Perlenketten,

Ihr Atlasfüßchen weckt den Neid

Der bunten Amoretten.

Der Schalk springt aus den Augen ihr

Und tanzt von Tisch zu Tisch.

Wahrhaftig! Jetzo zwinkt sie mir

Verflucht verführerisch. –

Plump watschelt die fette Ente

Krumm vor das Auditor,

Vermummt die eminente

Zinnobernase vor.

Sie mimt den Vetter Trunkenbold,

Den alten Korporal,

Sein Auge schwimmt, sein Sauflied rollt[35]

Und poltert durch den Saal.

Plötzlich faßt' er die Fahne,

Die rote, mit fester Hand,

Stramm Monsieur Antoine,

Der Impresario, stand.

Schnell rechts die Elegante,

Die Pipipepi links,

Glut auf die Tasten brannte

Die rächerische Sphinx.

Revanche, Revanche bis in die Kniee,

Alarm, Alarm vom Kopfe bis zur Zeh:

»Allons, enfants de la patrie,

Le jour de gloire est arrivé!«

Quelle:
Karl Henckell: Gesammelte Werke. Band 1: Buch des Lebens, München 1921, S. 34-36.
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