Morgenwanderung

[40] Um fünf Uhr früh schritt ich dem Berg entgegen,

Die Gaslaternen brannten Sonnenlicht,

Der Osten streute seinen blanken Segen

Den Mädchen an den Brunnen ins Gesicht.

Im Trabe kamen nach der Stadt gefahren

Milchleute, die schon nachts zu Wege waren.

Da draußen, wo sich's ländlich bald verlor,

Stand Bursch und Bäurin schon am Gartentor.
[40]

Nicht lange bin ich einsam fortgewandelt,

Wiewohl der Pfad gleich oben waldwärts bog.

's war Feiertag. Just Arm in Arm gebandelt

Ein Mädchenpaar an mir vorüberzog.

Sie trugen Riesensträuße in den Händen,

Gepflückt an Wiesenbach und Talschluchtwänden,

Und sangen Lieder in die helle Flur

Von Lieb' und Lust, von Heimat und Natur.


»Grüß Gott!« Sie schieden links, ich rechts zum Kamme,

Doch ihrem Duo lauscht' ich noch von fern.

Das ist ein lieber Zug am Schweizerstamme,

Die Lust zum Lied. Sie haben's »grüsli« gern.

Jetzt war's verweht. Nun sang es aus den Büschen,

Crescendo plätscherte der Quell dazwischen;

Er rann noch links vom Wege ziemlich flach,

Geräuschvoll schoß er rechts, ein heftiger Bach.


Die Kerzentannen spielten mit den Strahlen

Der weißen Sonne, die im Tau zersprang

Und Farben, wie sie keine Künstler malen,

In Perlenketten um die Erlen schlang.

Mutwillige Flügler schwirrten walddurchschweifend,

Bald mir den Kopf, bald tief die Gräser streifend,

Auf einmal aus dem Fichtendunkel schrie

Der Kuckuck seine Traummonotonie.
[41]

Am letzten Abend hatt' es fest geregnet,

Auf Dickichtwegen wurd' ich tüchtig naß.

Doch hab' ich die Beträuflung gern gesegnet,

Dies Frischgefühl – o welche Wonne das!

So in dem fetten Humus einzusinken,

Die Fruchtbarkeit mit Sohlen aufzutrinken,

Zu schlürfen diesen feuchten Sonnenseim –

Ein Hochgenuß wie kein Poetenreim.


Vorm Adlisberger Forsthaus hielt ich Atzung

Mit frischer Milch und saftigem Bauernbrot.

Gering war noch der Gäste Frühbesatzung;

Ein städtisch Meisterlein mir »Wohlsein« bot.

Ein runzlig Häufchen Arbeit, krumm von Sorgen,

Nur froh für jetzt: »Gell Sie? Ein prächtiger Morgen!

Wenn man das ganze Jahr sich plagt und müht ...

's ist eine Freude, wie das wächst und blüht!«


Bald kamen neue durstige Gemüter;

Ein Herr mit frühlingslichtem Töchterlein.

Sortierten die botanisierten Güter

Und aßen Käs' und tranken weißen Wein.

Juchhei, das schönste Kind am schönsten Tage!

Die Wirkung spürt' ich schon am Herzensschlage,

Ein Augenspiel hub an verführerisch,

Zitronenfalter tanzten um den Tisch ...

Quelle:
Karl Henckell: Gesammelte Werke. Band 1: Buch des Lebens, München 1921, S. 40-42.
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